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Sarrazin, der Marketingfreak…aber sonst?

Von Martin Benninghoff

In diesen Tagen wird viel Werbung für ein Buch gemacht. Werbung, für die Zeitungsverlage und Rundfunkstationen kein Geld bekommen, und dennoch rühren sie die Werbetrommel (ich mache jetzt hier den gleichen Fehler): für das neue Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin, Bundesbank-Vorstand und Ex-SPD-Finanzsenator in Berlin. Es wird wohl sehr erfolgreich werden, wenn es in der kommenden Woche erscheint, so viel kann man schon sagen.

Was ist passiert? Warum ist der Mann so erfolgreich mit diesen banalen, teilweise falschen Aussagen? Also, sein Buch ist, wie gesagt, noch nicht erschienen; aber ein paar Aussagen sind ja schon durchgesickert:  Der 65-Jährige warnt zum Beispiel davor, dass die Deutschen zu „Fremden im eigenen Land“ würden.

Dieser These kann ja nur zustimmen, wer Einwanderer – egal ob sie hier geboren sind oder nicht – als Fremde ansieht. Dem muss ich ganz klar widersprechen. Ich habe beruflich sehr viel mit Zuwanderern zu tun, die erfolgreich ihren Weg gehen und „angekommen sind“, um beim Wortschatz Sarrazins zu bleiben. Deutschland hat dadurch sicherlich ein anderes Gesicht als 1960, aber kein schlechteres! Ganz im Gegenteil! Mit Ausrufezeichen! Und auch diejenigen, die Probleme haben – mit Job und Ausbildung und und und, sofern sie hier geboren sind oder/und die Staatsbürgerschaft haben bzw. lange hier leben – gehören zur deutschen Gesellschaft. Das sind dann unsere Problemfälle!

Auch spricht er Türken und Marokkanern einen Beitrag zum Wohlstand ab. Der Mann weiß nicht, was er sagt, wenn er so etwas behauptet.

Aber, und jetzt wird deutlich, warum seine Migranten-Thesen so einschlagen: Sarrazins Warnungen vor einer „Unterschichtung“ der Gesellschaft, vor „Asi“-Jugendlichen, Machogehabe und herumlungernden Familienvätern sind ja durchaus zutreffend. Er beobachtet also richtig, stellt jedoch die falschen Schlussfolgerungen, zieht die falschen Verbindungen: Die Jungs sind teilweise so heruntergekommen, weil sie durch die Bildungsinstitutionen fallen, sie aus vielen Gründen den Anschluss nicht finden. Das aber hat soziale Gründe, keine ethnischen. Ob die Jungs dabei islamisch, türkisch oder sonst wie sind, ist nicht die kausale Ursache für die Defizite.

Es ist so:

Nach den wissenschaftlichen Kriterien von „gelungener Integration“ sind z.B.

1. bei den Christen die Italiener schlecht integriert und die Spanier gut (beide katholisch).

2. bei den Muslimen die Türken eher schlecht und die Iraner gut (beide muslimisch) integriert.

In beiden Fällen hat es mit dem Bildungsstand der Einwanderer zu tun: Während die Spanier, darunter viele Intellektuelle, vor Franco nach Deutschland geflohen sind und viele Iraner vor Chomeini, sind Italiener und Türken oftmals Wirtschaftsmigranten gewesen, deren Bildungsstand ein geringerer war. Jetzt kann man stundenlang über die Gründe der vernachlässigten Integration in den Folgejahren sprechen: Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Religion nur recht gering etwas mit den Defiziten zu tun hat. Und auch der Hinweis auf die Ethnie hat keine Aussagekraft, wenn man die damit verbundenen Besonderheiten nicht nennt.

Kurz zur Strategie: Sarrazin umweht das Image, das zu sagen, was sich die anderen nicht trauen. Obwohl er selbst einmal ein Politiker war, vergrößert er dadurch den gefühlten Abstand zwischen „denen da unten“ und „denen da oben“, zwischen „dem Volk“ und „dem Establishment“. Seine Strategie wird dankbar unterstützt von den beiden deutschen Leitmedien „Bild“ und „Spiegel“, die häppchenweise Auszüge aus dem Buch drucken.

Sarrazins Strategie:

1. Häppchen-für-Häppchen-Veröffentlichung seiner Thesen; den Rest des 400 Seiten starken Buches, das in der kommenden Woche erscheint, zu drucken, wird unter Androhung von Geldbußen streng verboten. Ergebnis: Was knapp ist, wird teuer!

2. Sarrazins Thesen sind nicht alle umstritten oder sogar höchst unsinnig. Zwischendrin serviert er Thesen, denen im Prinzip alle zustimmen können. Kostprobe gefällig? „Fernsehen und andere Medien soll es in Kitas nicht geben. Neben dem freien Spiel wird viel vorgelesen.“ (Auszug „Bild“ 25.08.2010). Ergebnis: Da applaudieren sogar die Bildungsbürger, die Sarrazin ansonsten belächeln.

3. Berichterstattung: Die Zeitungen und Sender berichten in ihrer Chronistenpflicht vor allem über die Reaktionen der Politiker. Die Kanzlerin, der SPD-Chef, die Grünen-Vorsitzenden – sie alle weisen Sarrazin in die Schranken. Der freut sich, dass er Robin Hood und Jeanne d’Arc in Personalunion spielen darf. Er gegen das Establishment. Die Journaille kommt ihm entgegen. Ergebnis: Kostenlose Marketingunterstützung gibt es von den Medien, die dankbar dafür sind, dass Sarrazin ihre eigenen Klischees unterstützt (Ausnahmen natürlich ausgenommen).

2 Kommentare

  1. Martin Benninghoff Martin Benninghoff

    Lieber Johannes,

    das sehe ich ganz genauso. Ich würde mir am liebsten über Sarrazin nicht so viele Gedanken machen…aber dass seine Thesen so begierig aufgenommen werden, ist eine Entwicklung, die man nicht so einfach übergehen kann. Denke ich zumindest…

    Viele Grüße, Martin

  2. Lieber Martin,
    danke für den Artikel, in dem Du mit Deiner Expertise so einige Thesen des Herrn Sarrazin faktisch widerlegst.

    Warum das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank in diesen Tagen eine Fülle neuer Thesen verlauten lässt, ist hinsichtlich seiner Buchveröffentlichung offensichtlich. Allerdings verwöhnen ihn bestimmte Medien bereits seit einigen Jahren und ohne anstehende Buchpubublikationen mit reichlich Öffentlichkeit.

    Ich würde gerne verstehen, womit er sich diese Aufmerksamkeit erstens verdient – abgesehen von Auflagenzahlen der veröffentlichenden Medien. Und zweitens: Was beabsichtigt Sarrazin mit seinen Äußerungen, die stets in die gleiche Kerbe schlagen? Harte Themen hart anzusprechen mag ja ein Bedürfnis der Öffentlichkeit sein, das Parteien sich nicht mehr zu erfüllen wagen. Jedoch: Können dies und eine offensichlich ordentliche Portion Sendungsbewusstsein als ausreichende Gründe herhalten? Oder möchte der ehemalige Berliner Senator die Gesellschaft wirklich verbessern? Als „Marketingfreak“ dürfte er sich durchaus bewusst sein, dass er zwar Stimmungen aus-, aber keine gesellschaftlichen Probleme damit löst. Im Gegenteil.

    Es kann Sarrazin auch nicht darum gehen, politisches Profil zu gewinnen. Er bekleidet weder ein demokratisches Amt, noch strebt er offensichtlich eines an. Dafür besitzt er das falsche Parteibuch. Was ist seine Motivation?

    Davon abgesehen glaube ich in den neuerlichen Kommentaren zur Bildungspolitik und zur fehlenden Bereitschaft von Muslimen, sich in selbiges und damit in die Bundesrepublik Deutschland zu integrieren, ein wohlbekanntes Muster zu erkennen: das Problem bei Anderen zu suchen. Denn derlei Vorwürfe kann man, ob sie zutreffen oder nicht, nur machen, wenn das Bildungssystem den Anforderungen der Gesellschaft in hohem Maße gerecht wird. Wenn es funktioniert. Im Sinne von: „Wir haben alles bestens vorbereitet, also kommt und beteiligt euch, nutzt es, profitiert für euch und für alle.“ Leider hat die Sache den Haken, dass weder das Grundverständnis von Bildung, noch das daraus resultierende Konzept und System sich in diesem Zustand befinden. Nicht für „Menschen mit Migrationshintergrund“ und nicht für Deutsche. Das ist für die meisten deutschen Stammtische keine neue Information. Für Herrn Sarazzin schon?

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