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„Zeit Online“: Integration als Glückssache

Meinem Freund Yüksel Sirmasac wird hier ein bleibendes Denkmal gesetzt. Sein „Beitrag zur Sarrazin-Debatte“, wie er selbst von sich sagt, natürlich nicht ganz frei von Ironie. Erschienen in „Zeit Online“.

Von Deniz Baspinar

Es ist nicht leicht einen Gesprächstermin mit dem 38-jährigen Yüksel Sirmasac zu vereinbaren. Der studierte Betriebswirt ist ziemlich busy, morgen steht ein Meeting in Frankfurt an, aber vielleicht kann man sich after work treffen? So reden Geschäftsleute, es muss wohl an einer Art BWL-Gen liegen. Das sich diese Anlagen entwickeln konnten, verdankt Sirmasac dem Zufall.

Sirmasac kommt als Dreijähriger nach Deutschland. Ein Jahr später besucht er einen regulären deutschsprachigen Kindergarten. Aber, man mag es heute gar nicht glauben, eingeschult wird er in eine türkische Grundschule. Nicht weil die Eltern das möchten, sondern weil das so vorgesehen war. Dahinter stand vermutlich der Gedanke, die sogenannten Gastarbeiter und ihre Familien würden Deutschland bald wieder verlassen. Eine Eingliederung der Hinzugezogenen ins deutsche Bildungssystem war nicht vorgesehen.

In den 1970er Jahren gab es mitten in Deutschland türkische Grundschulen mit Lehrern aus der Türkei: Unterrichtssprache ist Türkisch, der Lehrplan wird aus dem Heimatland übernommen. Zu Wochenbeginn wird die türkische Nationalhymne angestimmt, und vorlaute Schüler erhalten Schläge mit dem Stock auf die Finger. Es gibt gerade einmal zwei Stunden Deutschunterricht in der Woche. Am Ende dieser Grundschulzeit landen die Schüler auf der Hauptschule, etwas anderes ist aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse kaum möglich.

Als diese Segregation im Bildungssystem aufgegeben wird, kommt Sirmasac gerade in die dritte Klasse. Ein glücklicher Zufall für ihn: Wäre der Wandel zwei Jahre später gekommen, er wäre wohl automatisch auf der Hauptschule gelandet – wie alle seine älteren Geschwister zuvor.

Ohne Vorbereitung oder Sprachförderung wird er nach den Schulferien in einer katholischen Grundschule angemeldet. Sirmasac kann nicht genügend Deutsch, um dem Unterricht folgen zu können. Die Lehrerin ist auf einen solchen Fall nicht eingestellt und schleift den Schüler durch den normalen Unterricht. Sirmasac muss die dritte Klasse wiederholen. Rückblickend ist dies eine glückliche Wendung. Der Junge kommt in die Klasse von Frau Wittung. Ihren Namen vergisst er nie, hat sie doch einen entscheidenden Anteil an seinem weiteren Werdegang. 

Frau Wittung nimmt sich des Jungen an, geht auf ihn ein, gibt ihm sogar private Nachhilfe. Die Leistungen des Schülers sind immer noch schwach, aber die Lehrerin erkennt sein Potenzial. Sie setzt sich in der Lehrerkonferenz gegen den Widerstand des Kollegiums durch und sorgt für eine Empfehlung für die Gesamtschule. Die damals neue Schulform ist den Eltern unbekannt. Sie verlassen sich aber auf die Einschätzung der Lehrerin, dass dies die beste Lösung für ihr Kind ist. 

Sie liegt richtig mit ihrer Einschätzung. Sirmasac ist nach wie vor schwach im Fach Deutsch, aber er kann hier seine Stärken entwickeln, denn er ist gut in den naturwissenschaftlichen Fächern. Die Eltern sind überrascht und stolz. Sein Ehrgeiz ist geweckt, er spürt, dass man ihm eine Chance gibt und das motiviert ihn. „Ich bin der klassische Fall für die Gesamtschule gewesen: Chancenungleichheit, schwache Ausgangsvoraussetzungen, entwicklungsfähiges Potenzial. Das System Gesamtschule hat mich getragen.“ Sirmasac besteht am Ende die Reifeprüfung mit der Gesamtnote 1,7.

In den 1970ern und bis weit in die achtziger Jahre waren Bildungsbiografien von Gastarbeiterkindern weitgehend abhängig vom Zufall und vom Glück. So etwas wie Integrationskonzepte gab es nicht. Wer Glück hatte, begegnete einem engagierten Pädagogen, der das Kind förderte, der den Familie Perspektiven aufzeigte und sie durch das Bildungssystem lotste. Viele aus der Generation von Sirmasac kennen eine Frau Wittung. Manchmal scheiterten die Pädagogen aber nicht nur am Widerstand eines schwerfälligen Bildungssystems, sondern an dem Desinteresse der Eltern.

Sirmasac, Vater von zwei Töchtern, hat in diesem Jahr ein Technologie- und Internetunternehmen mit 15 Mitarbeitern gegründet, nachdem er vorher in leitender Funktion in verschiedenen Medienunternehmen, unter anderem bei RTL, tätig war.

Wie erlebt er die aktuelle Sarrazin-Debatte? Sirmasac winkt ab. Für ihn sind das überholte Themen: „Es geht doch schon längst nicht mehr um Integration. Meine Generation möchte dieses Land mitgestalten.“ 

2 Kommentare

  1. Martin Benninghoff Martin Benninghoff

    Hallo Limited,
    ja, die Erzählung von Yüksel Sirmasac spiegelt die Realitäten vielerorts wider. Das war natürlich alles überhaupt kein Integrationskonzept, sondern ein reines Verabschiedungskonzept: die Schüler sollten „in ihre Heimat“, die sie schon längst nicht mehr war, zurückgehen. Tatsächlich ist das eine Erklärung für heutige Bildungsprobleme. Einen guten Überblick über die Fehler in der Integrationspolitik und die heutige „nachholende Integration“ gibt der Forscher Klaus Bade: http://www.bpb.de/publikationen/8FZQUA,0,0,Vers%E4umte_Integrationschancen_und_nachholende_Integrationspolitik.html
    Viele Grüße,
    Martin Benninghoff

  2. Limited Limited

    In den 1970er Jahren gab es mitten in Deutschland türkische Grundschulen mit Lehrern aus der Türkei: Unterrichtssprache ist Türkisch, der Lehrplan wird aus dem Heimatland übernommen. Zu Wochenbeginn wird die türkische Nationalhymne angestimmt, und vorlaute Schüler erhalten Schläge mit dem Stock auf die Finger. Es gibt gerade einmal zwei Stunden Deutschunterricht in der Woche. Am Ende dieser Grundschulzeit landen die Schüler auf der Hauptschule, etwas anderes ist aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse kaum möglich.

    Das gab es tatsächlich in den 70ern? Tolles Integrationskonzept. Wahnsinn.

    Gibt es dazu irgendwo weiterführenden Infomationen?

    Das wäre eine gute kausale Erklärung für die Integrationsdefizite, die Teile der türkischen Community gegenüber anderen Communities aufweisen.

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