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Nach der tausendundersten Nacht

Rezension im „Vorwärts“ (15.02.2011)

von Uwe Knüpfer

Der reißerische Titel täuscht: In „Aufstand der Kopftuchmädchen“ beschreibt Lale Akgün weder einen Aufstand, noch verteidigt sie junge Musliminnen, die Kopftücher tragen, gegen wen auch immer. Allenfalls tut sie das nebenbei. Ihr geht es um viel mehr: um ein neues, zeitgemäßes Verständnis des Islam, um einen „Islam ohne Tausendundeine Nacht“.

„Ein moderner Islam ist möglich!“ Davon ist die ehemalige SPD-Politikerin und  Erfolgsautorin aus Köln überzeugt. Verhindert werde er von den selbsternannten Nachfolgern des Propheten Mohammed einerseits und von westlichen Politikern andererseits, die allzu willig den Herrschaftsanspruch der Hodschahs und Imame über die Seelen der Muslime anerkennen: „Die deutsche Politik (…) erweist sich als nützlicher Idiot für einen noch nie dagewesenen Identitätsterror der islamischen Funktionäre.“

Denn nirgendwo im Koran stehe geschrieben, schreibt Lale Akgün unter Berufung auf profunde Kenner des Islams, dass Frauen Kopftücher oder Burkas tragen müssen. Nirgendwo stehe geschrieben, dass Frauen in der Moschee sich mit bescheideneren Räumen begnügen müssen als Männer. Nirgendwo stehe, dass Frauen fremden Männern nicht die Hand geben dürfen.

Was ist islamisch?

Die Kernbotschaft des Islam sei nicht, dass alle Muslime einer Gemeinschaft – der Umma – angehören und sich zuallererst als Angehörige dieser Gemeinschaft zu verstehen hätten. Einer Gemeinschaft, deren Regeln von männlichen selbsternannten Koranauslegern festgelegt werden. Regeln, deren Wurzeln nicht in der göttlichen Botschaft des Korans liegen, sondern in den Gewohnheiten archaischer, streng patriarchalischer Gesellschaften. Regeln, wie sie ganz ähnlich übrigens auch noch bis vor kurzem in christlich-patriarchalischen Gesellschaften hochgehalten worden sind.

Diverse Islamverbände behaupten einfach, so Akgün, diese oder jene Regel sei „islamisch“. Diese dreiste Behauptung werde jungen Menschen, vor allem den Mädchen, in Koranschulen eingepaukt. Dabei sei es für die Imame eine große Hilfe, wenn westliche Politiker Moscheen und Iranschulen durch ihre Besuche – etwa beim Fastenbrechen – aufwerten und die Islam-Funktionäre zu Konferenzen einladen, wo sie erklären dürfen, was „islamisch“ ist.

Dabei sei der Islam im Kern „die Religion mit der geringsten Distanz zwischen dem Gläubigen und Gott“. Eine Religion, die ohne Priesterkaste auskommen könnte, ginge es Religionen nicht immer auch um Volkserziehung, um, so Akgün, „Zivilisierung durch Tugenden.“

Den Islam in seiner Zeit sehen

Die speziellen Zivilisierungsbemühungen des Islams bezogen sich auf arabische, archaische Gesellschaften des siebten bis neunten Jahrhunderts und müssen, schreibt Akgün, im diesem Kontext verstanden werden. An jenem Ort zu jener Zeit sei es zum Beispiel Sklavinnen verboten gewesen, ihr Haar zu bedecken. Vor diesem Hintergrund werden die Bekleidungsregeln des Islam verständlich. Aber auch nur vor diesem Hintergrund. Im 21. Jahrhundert, in Europa, hingegen sei die vom Imamen formulierte Vorschrift, Frauen hätten ihr Haar in der Öffentlichkeit vollständig zu bedecken, völlig unsinnig und nur als Mittel zu verstehen, Frauen zu disziplinieren. So ist das Kopftuch „nicht irgendein Tuch, es ist ein Tuch, mit dem Frauen die Ohren zugehalten werden, die Luft abgeschnürt wird“.

In Akgüns Auslegung des Islam ist der gläubige Moslem gehalten, seinen Verstand zu benutzen und die poetischen Texte des Koran im Kontext heutiger gesellschaftlicher Normen zu interpretieren. Dabei habe sich kein Imam und kein Islamverband zwischen den Gläubigen und Gott zu stellen. 49 Mal finde sich im Koran das Wort „Vernunft“ oder „Verstand“. Höchst überfällig sei es, den Koran so verständlich zu übersetzen, wie Luther einst das neue Testament durch seine Übersetzung ins Deutsche verständlich und jedem zugänglich gemacht hat.

Debatte über die Kernbotschaften des Islams

Ein Anfang ist gemacht, mit diesem Buch. Lale Akgün pflegt eine klare, direkte Sprache. Sie holt die Debatte über die Kernbotschaften des Islams aus den theologischen Studierstuben und Gebetsräumen auf die Höhe des Küchentischs. Dabei schreckt sie nicht davor zurück, manches aus didaktischen Gründen zu wiederholen, was ihr besonders wichtig ist – und auch nicht vor der einen oder anderen Schnoddrigkeit.

Dies ist ein gut lesbares, streitbares, aber immer um Verständnis bemühtes Buch, ein gutes Stück praktisch angewandte Aufklärung, ein Buch,  dem viele, viele Leserinnen und Leser zu wünschen sind – welchen Glaubens sie auch immer sein mögen.

Lale Akgün: Aufstand der Kopftuchmädchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus, Piper 2011, 16,95 Euro, ISBN 9783492053815

von Uwe Knüpfer

Der reißerische Titel täuscht: In „Aufstand der Kopftuchmädchen“ beschreibt Lale Akgün weder einen Aufstand, noch verteidigt sie junge Musliminnen, die Kopftücher tragen, gegen wen auch immer. Allenfalls tut sie das nebenbei. Ihr geht es um viel mehr: um ein neues, zeitgemäßes Verständnis des Islam, um einen „Islam ohne Tausendundeine Nacht“.

„Ein moderner Islam ist möglich!“ Davon ist die ehemalige SPD-Politikerin und  Erfolgsautorin aus Köln überzeugt. Verhindert werde er von den selbsternannten Nachfolgern des Propheten Mohammed einerseits und von westlichen Politikern andererseits, die allzu willig den Herrschaftsanspruch der Hodschahs und Imame über die Seelen der Muslime anerkennen: „Die deutsche Politik (…) erweist sich als nützlicher Idiot für einen noch nie dagewesenen Identitätsterror der islamischen Funktionäre.“

Denn nirgendwo im Koran stehe geschrieben, schreibt Lale Akgün unter Berufung auf profunde Kenner des Islams, dass Frauen Kopftücher oder Burkas tragen müssen. Nirgendwo stehe geschrieben, dass Frauen in der Moschee sich mit bescheideneren Räumen begnügen müssen als Männer. Nirgendwo stehe, dass Frauen fremden Männern nicht die Hand geben dürfen.

Was ist islamisch?

Die Kernbotschaft des Islam sei nicht, dass alle Muslime einer Gemeinschaft – der Umma – angehören und sich zuallererst als Angehörige dieser Gemeinschaft zu verstehen hätten. Einer Gemeinschaft, deren Regeln von männlichen selbsternannten Koranauslegern festgelegt werden. Regeln, deren Wurzeln nicht in der göttlichen Botschaft des Korans liegen, sondern in den Gewohnheiten archaischer, streng patriarchalischer Gesellschaften. Regeln, wie sie ganz ähnlich übrigens auch noch bis vor kurzem in christlich-patriarchalischen Gesellschaften hochgehalten worden sind.

Diverse Islamverbände behaupten einfach, so Akgün, diese oder jene Regel sei „islamisch“. Diese dreiste Behauptung werde jungen Menschen, vor allem den Mädchen, in Koranschulen eingepaukt. Dabei sei es für die Imame eine große Hilfe, wenn westliche Politiker Moscheen und Iranschulen durch ihre Besuche – etwa beim Fastenbrechen – aufwerten und die Islam-Funktionäre zu Konferenzen einladen, wo sie erklären dürfen, was „islamisch“ ist.

Dabei sei der Islam im Kern „die Religion mit der geringsten Distanz zwischen dem Gläubigen und Gott“. Eine Religion, die ohne Priesterkaste auskommen könnte, ginge es Religionen nicht immer auch um Volkserziehung, um, so Akgün, „Zivilisierung durch Tugenden.“

Den Islam in seiner Zeit sehen

Die speziellen Zivilisierungsbemühungen des Islams bezogen sich auf arabische, archaische Gesellschaften des siebten bis neunten Jahrhunderts und müssen, schreibt Akgün, im diesem Kontext verstanden werden. An jenem Ort zu jener Zeit sei es zum Beispiel Sklavinnen verboten gewesen, ihr Haar zu bedecken. Vor diesem Hintergrund werden die Bekleidungsregeln des Islam verständlich. Aber auch nur vor diesem Hintergrund. Im 21. Jahrhundert, in Europa, hingegen sei die vom Imamen formulierte Vorschrift, Frauen hätten ihr Haar in der Öffentlichkeit vollständig zu bedecken, völlig unsinnig und nur als Mittel zu verstehen, Frauen zu disziplinieren. So ist das Kopftuch „nicht irgendein Tuch, es ist ein Tuch, mit dem Frauen die Ohren zugehalten werden, die Luft abgeschnürt wird“.

In Akgüns Auslegung des Islam ist der gläubige Moslem gehalten, seinen Verstand zu benutzen und die poetischen Texte des Koran im Kontext heutiger gesellschaftlicher Normen zu interpretieren. Dabei habe sich kein Imam und kein Islamverband zwischen den Gläubigen und Gott zu stellen. 49 Mal finde sich im Koran das Wort „Vernunft“ oder „Verstand“. Höchst überfällig sei es, den Koran so verständlich zu übersetzen, wie Luther einst das neue Testament durch seine Übersetzung ins Deutsche verständlich und jedem zugänglich gemacht hat.

Debatte über die Kernbotschaften des Islams

Ein Anfang ist gemacht, mit diesem Buch. Lale Akgün pflegt eine klare, direkte Sprache. Sie holt die Debatte über die Kernbotschaften des Islams aus den theologischen Studierstuben und Gebetsräumen auf die Höhe des Küchentischs. Dabei schreckt sie nicht davor zurück, manches aus didaktischen Gründen zu wiederholen, was ihr besonders wichtig ist – und auch nicht vor der einen oder anderen Schnoddrigkeit.

Dies ist ein gut lesbares, streitbares, aber immer um Verständnis bemühtes Buch, ein gutes Stück praktisch angewandte Aufklärung, ein Buch,  dem viele, viele Leserinnen und Leser zu wünschen sind – welchen Glaubens sie auch immer sein mögen.

Lale Akgün/in Zusammenarbeit mit Martin Benninghoff: Aufstand der Kopftuchmädchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus, Piper 2011, 16,95 Euro, ISBN 9783492053815

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