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Tod nach dem Gebet

(Erschienen im „Kölner Stadt-Anzeiger„, 21.07.2011)

Von Martin Benninghoff

Es ist Freitag, kurz nach 15 Uhr. Abdallah kommt gerade aus der nahe gelegenen Moschee im Stadtteil Al-Qabun in Damaskus, wo er eben mit ein paar Freunden dem Freitagsgebet beigewohnt hat. Wie fast jeden Freitag.
Nicht weit von der Moschee ziehen Hunderte meist junge Männer durch die Stadt, um für Meinungsfreiheit zu demonstrieren. Abdallah und seine Freunde schließen sich dem Umzug an. Manche halten Transparente in die Luft, andere rufen nur, wieder andere gehen schweigend mit.
Dann durchbrechen Schüsse die geschäftige, aber friedliche Stimmung. Manche ducken sich, andere versuchen sich in Hauseingängen zu verstecken. Es fallen weitere Schüsse, Abdallah bricht in sich zusammen, getroffen von mehreren Kugeln in Brust und in den Kopf. Jetzt bricht panikartiger Tumult aus.
Von Abdallahs letzten Sekunden zeugt ein Video, das seine Freunde gedreht haben. Gesehen hat es die Cousine Abdallahs, Adihla (Name geändert, Identität ist der Redaktion bekannt), die in Deutschland geboren wurde und hier lebt. Sie ist fassungslos, als sie via Facebook und Telefon vom Tod ihres gerade einmal 25 Jahre alten Verwandten erfährt. „Seine Mutter steht seit den Ereignissen am vergangenen Freitag unter Schock und spricht nicht mehr“, erzählt sie. Die Eltern des jungen Mannes erfuhren direkt nach den Schüssen vom Tod ihres Sohnes, der Leichnam wurde unter großer Anteilnahme noch am gleichen Tag bestattet, wie es bei islamischen Familien üblich ist.
Sicherheitskräfte hatten auf die Protestierenden geschossen. Laut Menschenrechtlern sollen am Wochenende alleine in Damaskus 22 Menschen durch Schüsse ums Leben gekommen sein – das bestätigte unter anderem der ehemalige politische Häftling Walid al-Bunni telefonisch aus Damaskus.
In Abdallahs Heimatdorf nicht weit von Damaskus gingen nach Angaben Adihlas am Wochenende rund 1000 Menschen auf die Straße, um gegen das Regime zu demonstrieren. „Jetzt müssen wir mit der Angst leben, dass dieses wunderschöne Dorf dem Erdboden gleichgemacht wird“, sagt Adihla.

Ein Kommentar

  1. Das Facebook Like Button Plugin waere nuetzlich. Oder habe ich es nicht gefunden?

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