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Nordkorea öffnet sich nur scheinbar

(Erschienen in „Zeit.de„, 8.12.2011)

Ein Feature von Martin Benninghoff

Jeden Morgen schultern Soldaten in Nordkoreas monumentaler Hauptstadt Pjöngjang die Spaten. Sie ziehen aus, Straßenlöcher auszubessern. Kolonnen dieser Spatensoldaten marschieren dann über die breiten Prachtboulevards. Überall wird gebaut und verputzt während Schülerinnen in schwarzen Turnanzügen üben auf dem zentralen Kim-Il-sung-Platz für die Paraden im kommenden April, wenn sich das Land selbst feiert. Dann wäre der „ewige Präsident“ Kim Il-sung 100 Jahre alt geworden, und sein Sohn, der Diktator Kim Jong-il, braucht den Glanz des Vaters für den Machterhalt. Für das Fest aller Feste fliegt sogar die staatliche Air Koryo im April ein paar Mal von Berlin nach Pjöngjang – mit ihren zwei neuen Tupolevs darf sie das nach Jahren des Verbots aus Sicherheitsgründen wieder. Und Ende Oktober eröffnete ein Wiener Café am Kim-Il-sung-Platz.

Man gewinnt den Eindruck, das Land öffnet sich ein wenig. Im Vergleich zu früher fahren erstaunlich viele Autos auf den mehrspurigen Alleen, oft schwarze Mercedes. Auch telefonieren viele Hauptstädter mit Handys, ebenfalls ein ungewohntes Bild. Frau Song, Reiseführerin der staatlichen Tourismusbehörde KITC, lässt ihr Mobiltelefon gar nicht mehr aus den Augen. Die 31-Jährige, die sich erstaunlich modern kleidet, berichtet gar von Visaerleichterungen für Journalisten. Hinter ihr steht Herr Kim, der zweite Reiseführer, der Frau Song kontrolliert, und schaut wie immer skeptisch. Anzeige Korea-Experten halten diese vorsichtige Öffnung nur für einen kurzzeitigen Augenblick im ewigen Auf und Ab von Reformen und Gegenreformen. „Keine grundsätzliche Öffnung, überhaupt nicht“, sagt Rüdiger Frank, Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens in Wien.

Eine Antwort auf die Frage, woher denn die kleinen Freiheiten rühren, gibt es in Person eines Ägypters, ein Mann mittleren Alters, der in der verwaisten Bar des Ausländer-Hotels Yanggakdo sitzt. Er arbeitet für Orascom, eine ägyptische Holding, die derzeit in die ehemals größte Bauruine investiert, das 337 Meter hohe Ryugyong-Hotel im Herzen der Hauptstadt. Mit 3.000 Zimmern sollte es einst das größte Hotel der Welt werden, eine gigantische Pyramide aus Beton und Glas zum 80. Geburtstag Kim Il-sungs. Dem Diktator ging 1991 allerdings das Geld aus. Orascom bezahlt nun den Weiterbau der Pyramide, deren bläuliche Glasfassade der Hingucker zum Führergeburtstag werden soll. „Mehr als ein paar ausgebaute Etagen wird es aber nicht geben“, grinst der Ägypter. „Woher sollen denn all die Hotelgäste kommen?“

Im Gegenzug durfte Orascom das Handynetz Koryolink aufbauen, das mittlerweile in einigen Großstädten ganz gut funktioniert. Ein Privileg der Mittelschicht, die Rüdiger Frank auf eine halbe Million Menschen schätzt. Für diesen marktwirtschaftlichen Feldversuch hat Kim Jong-il sogar das strikte Reklameverbot gelockert: Wo sonst Slogans wie „Es fehlt uns an nichts in der Welt“ an den Fassaden stehen, kleben nun die ersten Werbeplakate des Landes. Das Telefonieren beschränkt sich für die normalen Nordkoreaner jedoch weiter aufs Inland. Das Volk ist nach wie vor in den eigenen Grenzen eingebunkert – und selbst Reisen von A nach B sind nur mit einer Genehmigung möglich.

Wer die Gründe dafür wissen möchte, fährt am besten zur Sollbruchstelle auf der koreanischen Halbinsel, der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Düster ist die Strecke über die fast autofreie Autobahn. Die einzige Raststätte ist kaum zu sehen, als der Bus heranfährt, tritt eine Frau aus der Dunkelheit und leuchtet den Weg zur Toilette mit einer Kerze. Nach einer Nacht in der fast vollständig dunklen Stadt Kaesong, geht es weiter in die entmilitarisierte Zone, wo die verfeindeten Parteien nach dem blutigen Koreakrieg 1953 einen Waffenstillstandsvertrag unterzeichneten. Ein Oberst der nordkoreanischen Armee, ein junger, zu Witzen aufgelegter Mann, sagt, Nordkorea sei vom Süden her bedroht. „Wir wünschen uns eine Wiedervereinigung“, fügt er hinzu. Jedoch sei die Kluft bei der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen dem Norden und dem Süden wesentlich größer als seinerzeit zwischen der DDR und der BRD.

Würden die Nordkoreaner deshalb im Falle einer Wiedervereinigung nicht massenweise in den viel reicheren Süden gehen? Der Oberst lächelt nachsichtig: „Wenn die Blockade der Imperialisten abgeschafft ist, dann ist der Norden nicht mehr ärmer.“ Heimische Produkte sind auf den Weltmärkten jedoch nicht einmal ansatzweise konkurrenzfähig, wie in der „Drei-Revolutionen-Ausstellung“ in Pjöngjang unschwer zu erkennen ist: In heruntergekommenen Messehallen werden medizinische Geräte, Motoren und Konsumgüter präsentiert, die selbst ein Laie als völlig veraltet erkennt. Und die Versorgung mit Lebensmitteln ist prekär: Das Regime verteilt Schätzungen zufolge nur noch 200 bis 300 Gramm Reis pro Person und Tag, und den Rest zum Überleben müssen sich die Menschen auf Märkten besorgen oder selbst anbauen. In Pjöngjang pflanzen manche ihren Kohl sogar in stillgelegten Industrieanlagen, viele funktionieren ihren Balkon zum Hühnerstall um. Nur wer Devisen hat, am liebsten Euro, kann sich Importprodukte leisten – „Meica Würstchen“ bringt die deutsche Firma Helia ins Land.

Die meisten Menschen, die man abseits Pjöngjangs auf dem Land und den Straßen sieht, sind dürr und klein. Das Hungerleid hier sieht anders aus als in Afrika: Keiner liegt auf der Straße, Hungerbäuche oder ähnliche Symptome des Mangels sind nicht zu sehen. Der Hunger in Nordkorea ist ein zurückhaltender, aber stetiger Begleiter. Er treibt die Landbevölkerung ohne Unterlass an, sich etwas zu essen zu beschaffen. Die Kölner Hilfsorganisation Cap Anamur schickte auf Wunsch der nordkoreanischen Botschaft in Berlin in diesem Jahr Hunderte Tonnen Reis und Bohnen. Geschäftsführer Bernd Göken überwachte persönlich die Verteilung der Lebensmittel an unterernährte Kinder und konnte seltene Einblicke in private Wohnungen nehmen: „Da war nichts“, sagt er. „Es hängen zwei Bilder der Führer, ein Teppich liegt auf dem Boden, es gibt eine gemauerte Feuerstelle, daneben zwei Räume mit einer Küche.“ Auf dem Land sieht man häufig Bauern mit bloßen Händen im Erdreich wühlen, einige haben Spaten, andere einen Ochsen vor den Pflug gespannt. Traktoren meist Fehlanzeige.

Trotz der prekären Lage gehen Korea-Kenner nicht von einer organisierten Opposition aus, dazu sei das System zu repressiv. Versteckte Versammlungsorte, Kirchengemeinden mit unkontrolliertem Eigenleben, Internet, Facebook und Twitter – alles unmöglich in Nordkorea. Rüdiger Frank meint, es seien wenigstens DVDs mit oppositionellen Inhalten im Umlauf, mehr wisse man aber nicht. Und Armin Herdegen, der an der Kim-Il-sung-Universität in Pjöngjang fünf Jahre lang Deutsch lehrte, durfte seinen Studenten nicht einmal Fotos aus Südkorea zeigen. Das Regime indoktriniert schon die Kinder: An der Kim-Il-sung-Schule in Pjöngjang, einer Sekundarschule für die Privilegierten, lernen sie – wie überall im Land – die Staatsideologie „Juche“ als Unterrichtsfach Nummer eins. Die Schüler besuchen von acht bis 13 Uhr die Schule, und nach dem Mittag geht es in die Kinderbetreuung, wo sie bis zur Perfektion Musikinstrumente oder Tanzen lernen. Hochzeitspaare steuern wie selbstverständlich nach der Unterschrift auf dem Amt eine Kim-Il-sung-Statue an, um sich den Segen des Großen Führers abzuholen. In den drei staatlichen TV-Kanälen wurde über Gadhafis Sturz nur berichtet, er sei selbst schuld an seinem Ende, weil er mit dem Westen paktierte statt sein Atomprogramm auszubauen. Und jeden Samstagnachmittag müssen die Erwachsenen, vom kleinen Angestellten zum Professor, zur ideologischen Schulung gehen.

Kim Jong-ils Griff ums Land ist nicht schwächer geworden, es erstickt förmlich am Personenkult der Kims. Zumindest jetzt noch: „Wenn man die Ahnenreihe weitergeht, werden die folgenden Personen an Strahlkraft einbüßen“, sagt Korea-Forscher Rüdiger Frank. Kim Il-sung werde als eine Art Gott gesehen, Kim-Jong-il als Apostel und sein Sohn Kim Jong-un – der wahrscheinliche Nachfolger – als Papst. Noch zehren beide vom Ruf des Vaters und Großvaters. Die Bedürfnisse der Bevölkerung spielen in diesem Kalkül jedoch keine Rolle: „Ich würde so gerne mal nach England reisen“, sagt die Reiseführerin Frau Song abends in der Karaoke-Bar. Da ist ihr strenger Partner Herr Kim schon im Bett. Endlich kann sie frei sprechen.

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