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Schluss mit den Identitätsdebatten

Feiertage für Muslime? Islamische Seelsorger für die Bundeswehr? Islamische Krankenhäuser oder Friedhöfe? Darüber zu reden, ist doch noch kein Islamismus. Oder?

(erschienen am 5. Februar 2014 beim „Opinion Club„)

Von Martin Benninghoff

Wer beim „Spiegel“ nicht (mehr) unterkommt, geht zur „Welt“? Stimmt das?

Könnte man meinen, wenn man sich die Völkerwanderung von Autoren und Journalisten in Richtung des Springer-Blatts anschaut – Henryk M. Broder, dann die Neuzugänge Matthias Matussek und Stefan Aust. Und nun auch noch die Schriftstellerin Monika Maron, die ihren Text „Im Namen der fünf Prozent?“ eigentlich schon dem „Spiegel“ vermacht hatte, der ihn aber in letzter Sekunde wieder aus dem Blatt nahm. Angeblich, weil dieser zu „sarrazinmäßig“ gewesen sei, mutmaßt „Welt“-Vizechefredakteurin Andrea Seibel, die den Meinungsartikel gleich in die „Welt am Sonntag“ setzte.

Ich mutmaße da ganz anders: „Spiegel“-Chefredakteur Wolfgang Büchner hat den Text aus dem Heft genommen, weil er diesen einfach für zu schlecht hielt. Könnte doch sein.

Maron provoziert mit ihrem Meinungsstück: Sinngemäß sagt sie, dass die muslimischen und vor allem türkischen Einwanderer und ihre Interessenverbände zu lautstark seien, ja geradezu frech in ihren Forderungen nach einem muslimischen Feiertag, islamischen Seelsorgern in Bundeswehr und Gefängnissen, nach Krankenhäusern, Friedhöfen und – überhaupt – dem ganzen Geschwätz von einer Willkommenskultur.

Maron schreibt: „Ich frage mich schon lange, wie die muslimischen Verbände es anstellen, dass ihre absurdesten Forderungen die ganze Republik regelmäßig in Aufruhr versetzen, sodass man den Eindruck haben könnte, wir lebten tatsächlich schon in einem halbislamischen Staat, dessen säkulare Verfassung unter den religiösen Forderungen der Muslime nach und nach begraben werden soll.“

Ein beeindruckendes Zitat, das die ganze Wirrnis dieser Schriftstellerin aufzeigt.

Und wäre es nur diese eine Frau, so müsste man großzügig den Mantel des Schweigens darüberlegen. Andererseits, der Besuch des türkischen Premiers Erdogan in Berlin diese Woche und die kritischen Berichte, die zuletzt über die Gülen-Bewegung und ihre Schulen in Deutschland publiziert worden sind – sind das nicht alles Zeichen, dass Maron im Grunde recht hat? Dass Deutschland auf dem Weg hin zu einem „halbislamischen Staat“ ist?

Klar ist: Erdogans durchsichtige Wahlkampftour zielt auf die zwei bis drei Millionen türkischen Staatsbürger, die in Deutschland leben, und deren Stimmen er sich für die kommende Präsidentschaftswahl sichern möchte. Dass Erdogan tatsächlich immer noch Wahlkampfmunition bei den in Deutschland lebenden Türken hat, ist leider ein Faktum, hat aber auch viel mit Loyalitätsdebatten zu tun, die Publizisten wie Maron permanent vom Zaun brechen.

Dabei sieht die Realität doch heute so aus: Von den 80,5 Millionen Einwohnern in Deutschland in 2012 hatten 16,3 Millionen Personen einen Migrationshintergrund. Allein gegenüber 2005 ist deren Zahl um 1,3 Millionen oder 8,5 Prozent angestiegen. Sie sind Beamte und arbeiten in öffentlichen Einrichtungen, sitzen als Moderatoren im Fernsehen oder unterrichten als Lehrer in Schulen.

Mehr als die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund hat die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie wählen und werden gewählt.

Alles zusammengenommen: Normalität eben. Diese Normalität ist das, was Deutschland ausmacht. Nur logisch also, dass diese Normalität das „Deutsche“ heute ausmacht.

Was will uns Frau Maron also sagen, wenn sie Forderungen von Einwanderern als irgendwie ungehörig und frech brandmarkt? Forderungen wie islamische Seelsorger in der Bundeswehr: Darüber reden, auch öffentlich, muss in einer demokratischen Zivilgesellschaft mit allerlei (klugen und verblödeten) Akteuren doch erlaubt sein, oder?

Natürlich ist so manche Forderung eines muslimischen Verbandes blödsinnig. Wie eben auch so manche Forderung eines x-beliebigen anderen Verbandes. Da kann man sich gegen wenden, kritische Leserbriefe schreiben oder auch erboste Meinungskommentare. Majestätsbeleidigung aber sind solche Einlassungen nicht.

Übrigens, auch die Forderung vieler Einwanderer nach der Einführung einer doppelten Staatsbürgerschaft für Migranten aus Nicht-EU-Ländern ist kein Angriff auf die verfassungsmäßige Grundordnung der Deutschen, sondern schlichtweg ein ernsthafter Wunsch von Menschen mit einer bestimmten Lebensrealität, nämlich zwei Heimatorten.

Ich habe die Hoffnung, dass wir in diesem Jahrzehnt derlei Loyalitätsdebatten überwinden und Agitatoren wie Monika Maron oder auch Thilo Sarrazin vergessen können. Stattdessen könnten wir uns alle gemeinsam – Einwanderer und Nicht-Einwanderer – den wirklichen Problemfällen zuwenden. Salafistischen Jugendlichen zum Beispiel, die in den syrischen Bürgerkrieg reisen, um ihrem Leben (oder ihrem Tod) einen Sinn zu geben. Oder genauer hinschauen, wenn Organisationen wie die islamistische Gülen-Bewegung hierzulande für ihre Ideologie in Schulen missioniert. Darüber wurde nämlich zu lange geschwiegen.

Martin Benninghoff, Journalist in Hamburg und Berlin, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt, und Redakteur bei „Günther Jauch“ (ARD). Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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