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Gefährliche Alpen-Idylle

Kolumne GRENZGÄNGER bei OPINION CLUB (10.06.2015)

Von Martin Benninghoff

Bayerische Folklore vor Bergspitzen: Beim G7-Gipfel mussten die Berge als Hintergrund für hübsche Bilder herhalten. Diese Inszenierung der Idylle hat eine lange, nicht immer erfreuliche Tradition.

Soll mal einer sagen, der G7-Gipfel im bayerischen Elmau hätte nicht geliefert: Mindestens die angekündigten „schönen Bilder“ waren dabei, Staatsmänner und eine Staatsfrau vor malerischer Alpenkulisse. 2007, als sich die mächtigen Herren erstmals um Merkel gruppierten, fand dies im Strandkorb in Heiligendamm an der Ostsee statt. In beiden Fällen ein erstaunlicher, metropolenferner Kunstgriff: zurück in die Natur.

Nur, um „schöne Bilder“ zu produzieren, wie rund um den Gipfel kritisiert wurde? Oder um in lockerer Atmosphäre zu plaudern, wie es schon Helmut Kohl mit Michail Gorbatschow gerne in Strickjacke am Rhein machte?

Wohl kaum, hinter der Natur-Szenerie – und spezieller: hinter der Alpen-Szenerie – steckt eine geschickte Ikonografie mit jahrhunderte alter Tradition. Auf diese Weise, in zurechtgerückter Natur, haben sich seit dem Beginn der Industrialisierung Städter gerne gezeigt und in Szene gesetzt. Oftmals ist das harmlos, manchmal aber auch ein perfider politischer Trick mit üblen Folgen.

Seit dem 18. Jahrhundert inszenieren intellektuelle Städter der europäischen Metropolen die Alpen als „heile Welt“ im Gegensatz zum Moloch Stadt. Der Berner Maler Gabriel Lory (der Jüngere, 1784-1846), ein Städter, der für die damalige Zeit weit gereist war, komponierte raffinierte Alpenaquarelle mit bis heute typischen Motiven: glückliche Kühe auf saftigen Wiesen vor schroffen Gletscherspitzen – ein Bild, das sich bis heute auf so manchem Alpenkäse oder –joghurt findet.

Der Witz dabei ist, dass dieser Blick von außen kam, von Menschen, die in engen Gassen und stark bevölkerten, von Handel geprägten Städten lebten. Die Bergbauern konnten dieser gemalten Alpenidylle nichts abgewinnen, weil diese nicht ihrer Realität entsprach; vermutlich sahen sie in den Bergen vornehmlich den harten Überlebensraum. Die Realität der Kulturlandschaft Alpen war erst einmal unansehnlich für jene, die den kargen Almen (alemannisch: Alpen) ihr täglich Brot abringen mussten.

Die Zweiteilung der Welt in den Augen der städtischen Alpenbetrachter – hier die dunkle, üble und verruchte Stadt, dort die heile, intakte und ansehnliche Alpenwelt – hat schon damals ein Zerrbild der Realität verursacht, das heute aktueller denn je ist: Wir erleben eine Inszenierung der „heilen Welt“ Alpen vor dem Hintergrund der „städtischen Probleme“ wie soziale Ungleichheit und Umweltverschmutzung. Und zwar nicht nur bei G7, sondern im Tourismus- und Lebensmittelmarketing genauso wie im Politikmarketing rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien.

Heidi und Luis Trenker
Zu beobachten ist dieser Trend zur „heilen Welt“ am Boom der neuen Bergmagazine („Bergwelten“) sowohl auf dem Magazinmarkt als auch im Fernsehen („Servus TV“), beides Produkte aus dem Hause Mateschitz („Red Bull“). Die „Landlust“-Begeisterung an der Idylle wird immer häufiger auf Berge übertragen, aber auch auf andere Naturräume (neueste Entdeckung bei Gruner + Jahr: „Walden“). Mit den immer gleichen Vokabeln wird um die Zielgruppe der Männer über 30 geworben, die nach all dem städtischen Stress mal wieder so richtig „authentisch“ sein wollen. Heidi hüpft pfeifend dem Peter hinterher, und Tobias Moretti gibt den Luis Trenker.

„Authentisch“ aber wollen sie nur am Wochenende, im Urlaub oder in der Phantasie sein. Denn die Zielgruppe – das sind in Wahrheit gut ausgebildete und gut verdienende Männer, die hochqualifizierte Jobs in Städten haben und hier auch das breite kulturelle Angebot schätzen; sie würden es nie aufgeben für einen Umzug in die Berge. Nein, das eine haben wollen und das andere nicht aufgeben: Der Multimensch der Gegenwart will beides, weil er beides haben kann.

Die Städte wachsen deshalb eher, derweil viele Alpenregionen schrumpfen und zum reinen Erholungsraum degenerieren. Es kommen die Touristen, und es bleiben diejenigen, die vom Tourismus leben. Alle anderen ziehen weg. Die Zweiteilung von Unruheherd Stadt und Ruhepol Alpen in den Inszenierungen wird somit eher verstärkt. Alle modernen Elemente der Alpen – technische Errungenschaften, kultureller Wandel wie Emanzipation, soziale Probleme und Ungleichheiten – werden in diesem Denken tunlichst ausgeblendet.

Im politischen Bereich kann dieses unrealistische Bild dramatische Folgen haben, wie man kürzlich in den österreichischen Bundesländern Burgenland und Steiermark einmal mehr erkunden konnte: Die FPÖ unter Heinz-Christian Strache hat dort einen fast schon an die „Hochzeiten“ Jörg Haiders erinnernden Höhlenflug hingelegt. Dass sie auf einen Anti-Wahlkampf gegen die ausgelaugten Regierungsparteien setzen konnte, gehört sicherlich zur Wahrheit dazu.

Entscheidend ist jedoch, dass die klare Rechtsaußenpartei FPÖ auf einer jahrelangen inszenierten Alpenidylle vor dem Hintergrund einer angeblichen Gefährdung durch „das Fremde“ aufbauen konnte. „Das Fremde“, das die Idylle stört und bedroht, muss dieser kruden Logik nach ausgesperrt und ausgewiesen werden.

Rechtsdrall macht die Berge unattraktiv
Im Grunde hat die Partei wie schon in der Vergangenheit vornehmlich Parolen gegen Ausländer plakatiert, vor allem gegen Muslime („Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe“). Auch hier das Pegida-Dresden-Phänomen: Weniger als zwei Prozent der Steiermarker sind Muslime. Mit harten Bandagen werden von der FPÖ Flüchtlingsdebatten geführt, und welcher Kärntner erinnert sich nicht an den kleingeistigen Streit um deutsch-slowenische Ortsschilder in den Grenzorten, der die österreichische Politik annähernd 30 Jahre in Atem hielt.

Die Alpen sind stets in der Gefahr, eine Hochburg der Rechtsradikalen zu werden, wenn sie es noch nicht sind, oder zu bleiben. Es ist ein Sündenfall, wenn die demokratischen Parteien der Mitte aus Machtkalkül dennoch Koalitionen mit der FPÖ planen, so wie derzeit die österreichischen Sozialdemokraten. Schlimmer ist allerdings, dass man jahrelang der Alpen-Propaganda vom guten Idyll, das von bösen Fremden bedroht ist, so viel Raum eingeräumt hat – das Ergebnis sieht man jetzt.

Dagegen hilft nur ein klarer Blick auf die Realitäten. Weder sind Städte per se böse, noch sind die Alpen per se heil. Die Alpen sind unharmonisch, eine Kulturlandschaft, von Menschen und ihrer Landwirtschaft und Umweltverschmutzung geprägt und gestaltet, teils gepflegt, teils verlassen. Kulturell sind die an der Peripherie liegenden, oftmals schwer erreichbaren Alpendörfer dem Untergang geweiht, sollten die Jungen und Kreativen alle in die Städte abwandern und zugleich sich kein Zugezogener, ob aus dem Nachbarbundesland oder dem Ausland, mehr dorthin traut, weil die dumpfen Rechtswähler die Kommunal- und Landespolitik bestimmen.

Der Rechtsdrall der Alpenregionen macht diese Gebiete unattraktiv – die inszenierte Idylle wird also letztlich erst recht zerstört. Diesen Zusammenhang sollten sich die Tourismusmanager und Bürgermeister dringend als Merksatz über die Bürotür hängen. Für eine G7-Veranstaltung zwei Tage lang kann eine inszenierte Idylle befreiend sein. Als Konzept für die Zukunft ist sie jedoch nicht zu gebrauchen.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin und Redakteur bei „Günther Jauch“, empfiehlt zur Vertiefung Werner Bätzings Standardwerk „Die Alpen“. Seine OC-Kolumne “Grenzgänger” erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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