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Jetzt reden die Leser

Erschienen bei FAZ.NET (03.05.2016)

Von Martin Benninghoff

In der Einwanderungsdebatte machen wir alle unsere Äußerungen, setzen Punkte und Ausrufezeichen, aber nur selten Fragezeichen. So kommen wir nicht ins Gespräch. Deshalb haben wir mal ein paar Leser angerufen.

Wer als Journalist über Einwanderung, den Islam oder andere Themen schreibt, die die Leser emotionalisieren, darf sich nicht wundern, harsche Reaktionen zu ernten. Sachliche und weniger sachliche, bedenkenswerte, aber auch solche, die den Autor bloß herabwürdigen.

In dieser Bandbreite ist das auch nach der Veröffentlichung eines längeren Kommentars auf FAZ.NET geschehen, in dem es um die Flüchtlingskrise und den Islam ging, vor allem aber um die Frage, wie sehr in diesem Jahr öffentliche und politische Auseinandersetzungen über den richtigen Kurs in der Flüchtlingspolitik ins Private drängen und für Risse mitten durch Familien und Freundeskreise sorgen.

Die Reaktionen auf den Kommentar ließen nicht lange auf sich warten: Im moderierten Leserforum der F.A.Z. liefen bis zur Schließung der Kommentarfunktion 130 Meinungsbeiträge von Lesern ein. An den Autor selbst gingen Dutzende Mails, und auch in den nicht immer sozialen Netzwerken Facebook und Xing meldeten sich viele zu Wort – einige mit sachlicher Kritik, andere mit Wutausbrüchen („Du Volldepp“).

Shitstorm inklusive

Vor allem die FA.Z.-Lesermeinungen waren sachlich-kritisch, und nur am Rande ließen sich persönliche Herabwürdigungen oder Beleidigungen des Autors erahnen. Alles nicht schlimm. Aber auf der rassistischen Internetseite „Politicially Incorrect“ regnete ein Shitstorm mit mehr als 200 Kommentaren auf den Autor herab, nachdem dort Auszüge aus dem Kommentar, aus dem Zusammenhang gerissen und sinnentstellend kommentiert, veröffentlicht worden waren, die anstacheln mussten, weil sie anstacheln sollten.

Auf so etwas als Journalist zu reagieren, bringt nichts. Die Menschen, die auf solchen Seiten unterwegs sind, können oder wollen nicht über Sachargumente streiten. Ihre wütenden Tiraden gegen „das Fremde“ und vor allem – in aller Pauschalität – gegen Muslime richten sich blind und – offenbar in einer dichotomen Schwarz-Weiß-Welt gefangen – gegen alles, was sie als Teil eines vermeintlich linksliberalen „naiven Gutmenschen-Kartells“ verorten. Sie lesen nur das heraus, was sie lesen wollen, und sie machen sich noch nicht einmal die Mühe, den Originaltext zu lesen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, nicht verbal und nicht mit der Computertastatur.

Aus der Ferne brüllt es sich leichter

Anders verhält es sich mit vielen Diskutanten bei FAZ.NET. Im Leserforum herrschte zwar ebenfalls ein emotionaler und leicht aggressiver Ton, aber meist auf der Grundlage von Argumenten. Das muss man als Journalist aushalten. Zumal harsche Formulierungen möglicherweise der Distanz zwischen Journalisten und den Lesern geschuldet sind – aus der Ferne brüllt es sich eben auf beiden Seiten leichter, erst recht, wenn man sich nicht persönlich kennt, dem Gegenüber nicht in die Augen schaut und seine Stimme nicht hört. Ein Gespräch ist somit nur bedingt möglich und besteht eher aus gegenseitigen apodiktischen „So ist es“-Aussagen. Schwierig für einen Dialog.

Also, was nun? Wollen wir uns weiter anschreien? Oder vielleicht miteinander reden? Ich habe deshalb einfach mal bei einigen Lesern angerufen. Die waren ziemlich überrascht, dann aber bis auf zwei Ausnahmen zu einem Telefongespräch bereit.

Erste Erkenntnis: Die Stimmung war gut. Manche erklärten, sie hätten sich zu diesem oder jenem harten Kommentar hinreißen lassen, was fast entschuldigend klang, aber sie hätten sich einfach so aufgeregt über diesen oder jenen Punkt, auch wenn andere Aspekte richtig seien. Und sie seien an einem echten Austausch sehr interessiert, wenn es nicht nur darum gehe, „als Freaks aus der rechten Ecke vorgeführt zu werden“, wie ein Leser befürchtete. Nein, danke, kein Bedarf an der Vorführung rechter Freaks. Zumal unter den Gesprächspartnern, soweit man das beurteilen konnte, keine rechten Freaks zu finden waren.

Vier Hauptkritikpunkte der Leser – und einige Nachfragen:

„Kritische Fragen nach dem Sinn und Unsinn von Einwanderung und der aktuellen Flüchtlingspolitik traut man sich nicht auszusprechen, weil man gleich mit der Moralkeule erschlagen wird.“

Frank Krüger, ein 58 Jahre alter Polizist aus Neckargemünd, meint, „die Medien“ kaschierten Probleme wie eine angeblich besonders hohe Flüchtlingskriminalität, indem sie beispielsweise nicht über die Herkunft der Täter berichteten. Das stimmt zwar so nicht, weil die meisten Medien, auch die F.A.Z., der Empfehlung des Deutschen Presserates folgen, wonach Religion oder Herkunft zu nennen sind, wenn es einen begründeten Sachbezug zur Straftat gibt. Trotzdem: Der Leser hat das Gefühl, einer Art medialem Schweigekartell ausgeliefert zu sein, und wie ihm geht es allen Lesern, die am Telefon waren.

Doch damit nicht genug: Andreas Müller, 29 Jahre alt und Lehramtsstudent aus Frankfurt, stößt am Journalismus „die pädagogische Attitüde“ auf, den Lesern nicht nur Fakten zu präsentieren, sondern sie gleichsam erziehen zu wollen. Das Curriculum: Ein guter, ein besserer Mensch zu werden, nach einer Moral, die in der Politik und in der journalistisch-publizistischen Elite erdacht werde. Eine starke Moralisierung der Flüchtlingsdebatte beispielsweise, so Müller, bei der die Öffnung der Grenzen zur menschenrechtlich-humanistischen Alternativlosigkeit verklärt werde, während die Gegner dieser Politik zu dumpfen Nazi-Backen erklärt würden, verhindere eine sachliche Auseinandersetzung über die Folgen von Zuwanderung für die Integrationsfähigkeit des Landes.

Ein Argument, das andere ebenfalls umtreibt: „Moral muss diskutabel sein“, fordert ein Leser aus Köln, und eine Leserin aus Bochum sagt: „Reden ist gut. Oder soll doch nur wieder ein bestimmtes Reden zugelassen werden?“

Offenbar herrscht bei manchen ein Gefühl der Marginalisierung im Diskurs vor, manchmal fällt auch das Wort „Zensur“. Interessanterweise werden die Hinweise auf die Vielzahl einwanderungskritischer Stimmen in den Medien – so auch bei der FAZ kürzlich etwa das Interview mit Thilo Sarrazin – zwar als mildernde Umstände hingenommen. Am Gesamteindruck, in der Debattenkultur irgendwie unter die Räder zu kommen, ändert das aber nichts.

„Sachliche Positionen werden oft pauschal in die rechte Ecke gestellt und psychologisierend als Ängste abgetan.“

Viele Leser haben den Eindruck: Wer für Einwanderung argumentiere, gelte in der öffentlichen Debatte als sachlich, rational und intellektuell; wer kritisch sei, hingegen als Hasenfuß, dessen Ängste allenfalls in einem pathologischen Sinne ernst genommen werden müssten. Eine Leserin aus dem Ruhrgebiet beschreibt dies so: „Auf der einen Seite stehen Humanität und Moral, Offenheit und Modernität und Zukunftsvision, auf der anderen Seite stehen Schweigen, Bunker, irrationale Angst, Dumpf- und Dummheit und Hass.“

Auf diese Art und Weise werde man als kritischer Geist „infantilisiert“, merkt Leser Andreas Müller an. „In diesem Klima ist keine Debatte möglich.“ Und ein Kölner Leser sagt: „Ist es verwunderlich, wenn jemandem die Meinungsfähigkeit abgesprochen oder seine Meinung freundlich lächelnd als pathologisch eingestuft wird, dass da auch Aggressionen aufkommen können?“ Eine andere Strategie sei die „Diffamierung von Gegenrede als Hass“.

Das gibt in der Tat zu denken: Häufig, wahrscheinlich zu häufig werden solche rhetorischen Strategien angewendet, um die Oberhoheit in einer Debatte zu erlangen und „siegreich“ vom Feld zu gehen. Allerdings ist das kein exklusives Mittel der „linken“ Seite. Auch Rechtskonservative bedienen sich solcher Mittel, indem sie linksliberale Ansichten als naiv, traumtänzerisch oder als „Gutmenschentum“ abqualifizieren, derweil sie sich selbst eine große Sachlichkeit und Faktentreue attestieren – eine bei Thilo Sarrazin und auch Frauke Petry sehr beliebte rhetorisch-argumentative Waffe. Die AfD hat diese Strategie gar zu ihrem Slogan gekürt: „Mut zur Wahrheit“. Wer die Wahrheit gepachtet hat, kann so falsch ja nicht liegen.

Die Unterscheidung zwischen Fakt und Vorurteil ist allerdings nicht so einfach, wie es scheint. Natürlich haben sich manche Medien nicht gerade mit Ruhm bekleckert, als sie – wie zu Beginn der Flüchtlingskrise – besonders den syrischen Arzt als fast schon typischen Flüchtling in den Mittelpunkt der Berichterstattung stellten oder überproportional viele Familien und Kinder zeigten, obwohl Flüchtlinge häufig junge Männer sind.

Wer das moniert, ist natürlich kein Rassist; allerdings ist die Sache mit den jungen Männern auch nicht ganz so harmlos wie es scheint: Warum in aller Welt sollen junge Männer so viel bedrohlicher sein? Was wird jungen Männern per se unterstellt, und dann noch jenen aus dem arabischen Raum? Vielleicht wäre es gut, nicht nur Selbstkritik von anderen zu verlangen, sondern auch nach den eigenen Motiven und Vorurteilen im Kopf zu forschen.

„Debatten dürfen emotional sein! Wer bestimmt, dass nur eine gewisse Terminologie benutzt werden kann, die von einer Seite als moralisch integer festgelegt wurde?“

Ein Leser, der anonym bleiben möchte, befürchtet „Pauschal-Urteile und Shitstorms, die zu erheblichen und sozialen Nachteilen führen können“, sobald er sich im privaten und beruflichen Umfeld kritisch zur Flüchtlingskrise äußere. Ein anderer behauptet, in den Achtziger Jahren seien harte Diskussionen – mit teils zünftigen und „politisch inkorrekten“ Ausdrücken – noch möglich gewesen, er bemüht das Bild der rauchgeschwängerten Fernsehdebatten mit Brandt, Wehner, Kohl und Strauß, bei denen die Fetzen geflogen seien. Sein Plädoyer: „Stammtische sind nichts Schlimmes.“ Heute, findet er, werde doch jede emotionsgeladene, vielleicht auch mal ungerechte Äußerung gleich auf dem Altar der „Political Correctness“ geopfert.

Ganz allgemein mag an dieser Aussage etwas dran sein. Aber im Detail stellt sich die Sache schon etwas anders dar: Es kann doch nicht erstrebenswert sein, auf notwendige Differenzierungen zu verzichten, nur weil das früher gang und gäbe war oder am Stammtisch angeblich so sein muss. Wer in der öffentlichen Debatte permanent und pauschal von „dem Islam“ und „den Muslimen“ spricht, die generell und für alle Zeit natürlich unvereinbar mit Demokratie und Rechtsstaat seien, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht wirklich an der Lösung real existierender Probleme mit Islamismus und bestimmten Gruppierungen und Lesarten des Islam interessiert zu sein. Denn nur wer differenziert, kann an den richtigen Stellschrauben drehen – und zum Beispiel die liberalen Muslime fördern, statt sie in einen Topf mit den Extremisten zu werfen.

Das sehen die meisten angerufenen Leser auf Nachfrage übrigens genauso – sie wünschen sich mehr Differenzierung. Trotzdem beklagt ein Leser aber zugleich: „Pauschalisiert wird doch von beiden Seiten, wenn beispielsweise bei Menschen aus Nordafrika und dem Balkan von Flüchtlingen gesprochen wird, obwohl das Menschen sind, die aus wirtschaftlichen Gründen kommen, aber nicht politisch verfolgt werden.“

Durch Differenzierungen auf beiden Seiten ließe sich in der Tat ein echter Dialog anstoßen: Eine Leserin, die sich in ihrem Netzkommentar noch relativ unversöhnlich in puncto Einwanderung geäußert hatte, umtreibt per telefonischer Nachfrage nicht eine allgemeine Fremdenangst, sondern vielmehr die Furcht vor einer Bevölkerung, die durch problematische Einwanderung „in ihren Wertmaßstäben zunehmend inhomogen“ sei. Darauf – was das Ziel einer allgemein anerkannten und gelebten modernen freiheitlichen-demokratischen Grundordnung angeht – können wir uns einigen. Über die Wahl der Mittel zur Erreichung dieses Ziels vielleicht vorerst nicht.

„Die politische Klasse und die journalistische Kaste sind von den Alltagserfahrungen der Menschen meilenweit entfernt.“

Auch wenn von den Angerufenen keiner das Unwort „Lügenpresse“ in den Mund nahm, scheint das Vertrauen in die Urteilsfähigkeit von Journalisten zumindest bei dieser kleinen Auswahl an Menschen erschüttert. Eine Beobachtung, die sich auch mit den Ergebnisse einer Studie deckt, nach der mehr als jeder zweiter Deutsche die Medien für „gelenkt“ hält. Ein Leser schreibt: „Sie bewegen sich doch ausschließlich in Ihrem journalistischen Elfenbeinturm. Mit normalen Menschen, die als Krankenschwester, Polizeibeamter, Sekretärin oder Techniker arbeiten, haben Sie doch gar nichts zu tun.“ An anderer Stelle vermutet er Politiker und Journalisten in „Town- und Penthouses, Lofts oder im alternativen Kiez“, wo sie „sowieso nur mit ihresgleichen reden“.

Das ist zwar maßlos überzogen (erst recht im persönlichen Fall), zumal der Journalistenberuf nur selten zu einem Leben in Saus und Braus befähigt. Aber tatsächlich gibt es Journalisten, die sich vornehmlich in ihren eigenen Milieus herumtreiben und daraus ihre Weltsicht beziehen. Die Norm aber ist das bei den „draußen“ recherchierenden Kollegen sicherlich nicht, und außerdem gilt diese soziologische Diagnose wohl annähernd für jeden. Könnte es nicht auch andersherum sein, dass ein Polizist, der ausschließlich mit kriminellen Ausländern zu tun hat, für sich selbst ein verzerrtes Bild von Einwanderung entwickelt? So wie auch eine sozialpädagogische Fachkraft in der Familienhilfe möglicherweise ein verzerrtes Bild der sozialen Wohnverhältnisse in der Gesamtheit entwickeln kann?

Der Hinweis des Lesers ist nicht falsch – aber er ist ein Appell an uns alle, die eigenen Überzeugungen und Erfahrungen selbstkritisch unter die Lupe zu nehmen. Wer keine herkömmlichen mehr Medien liest, weil er ihnen nicht glaubt, sollte ebenso kritisch mit denjenigen Quellen umgehen, aus denen er seine Informationen zieht.

„Auch bei unterschiedlichen, ja selbst divergenten Meinungen miteinander zu reden, ist stets besser als nur Meinungen abzugeben und dann weiterzuziehen.“ Auch das ist eine Lesermeinung.  Der kann  ich mich nurnur anschließen kann. Die Kommentarfunktion unter diesem Artikel ist offen.

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