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Sollen Kinder wirklich draußen bleiben?

Erschienen bei FAZ. NET (17.08.2018)

Ein Wirt auf Rügen hat sein Lokal abends zur kinderfreien Zone erklärt. Unsinn oder willkommene Ruhe? Unsere Autorin und unser Autor sind da geteilter Meinung.

Von Julia Anton und Martin Benninghoff

Kinder nerven. Kinder sind toll. Kinder erfreuen mit ihrer Lautstärke. Kinder sind zu laut. Man könnte auch sagen: Es kommt auf die Situation an und den Ort. Und für manche Leute, die in Ruhe in einem Restaurant sitzen wollen, sind Kinder – vor allem schlecht erzogene Kinder – nur noch ein Dorn im Auge. Ein Gastronom auf der Urlauberinsel Rügen zieht daraus Konsequenzen und sperrt Kinder ab 17 Uhr künftig aus. Eine gute Idee? Vielleicht mit Modellcharakter für andere Branchen?

JA! Ruhe ist auch Service!

Von Julia Anton

Ich mag Kinder. Trotzdem fahre ich nächste Woche in ein Erwachsenenhotel. Denn Kinder sind laut, und das ist auch in Ordnung. Aber wenn ich im Urlaub am Strand liege, dann darf es eben auch mal ruhig sein. Ich will die Augen zumachen und das Meeresrauschen hören, ohne lautes Gebrüll nach Mama und Papa. Beim Abendessen will ich mich mit meinem Partner unterhalten, ohne hören zu müssen, wie Eltern sich am Nebentisch mit ihrem Kind streiten, weil es sein Gemüse nicht aufessen will.

Wie der Wirt von „Omas Küche“ auch sagt, sind die Eltern oft noch nerviger, als die Kinder selbst: Entweder, weil sie gar nichts tun, oder weil sie ihre Kinder – die natürlich trotzdem machen, was sie wollen – permanent anschnauzen. Neulich lag ich am See in der Nähe einer Familie mit vier Kindern. Noch lauter als die schon ziemlich laut spielenden Jungen und Mädchen war die Mutter, die ihren Nachwuchs alle fünf Minuten anherrschte: Spiel leiser, lauf nicht mit den Schuhen über die Decke, du tropfst mit deinem Eis! Entspannen war da eher schwierig.

Warum schließt man also nicht diese Eltern aus, statt der Kinder, die ja nichts für diese können? Weil das genauso gut funktionieren würde wie das minütliche Ermahnen, nämlich gar nicht. Keine dieser Mütter oder der Väter, die allen anderen auf die Nerven gehen, würden ein solches Schild lesen und sich angesprochen fühlen. Denn die meisten Eltern lassen sich nur ungern in ihre Erziehungsmethoden reinreden. Das ist auch ihr gutes Recht.

Genauso ist es auch das gute Recht eines Wirts, den anderen Gästen mal einen besonderen Service anzubieten, nämlich Ruhe. Natürlich ist das nicht besonders familienfreundlich, aber das behauptet auch niemand. Für einen eigenen Kinder- und Familienbereich ist aber nicht in jedem Lokal Platz. Mit der kinderfreien Zone hingegen schafft Markl sich dafür einen Mehrwert für manche Besucher. Wer das nicht gut findet, muss dort ja auch nicht hingehen. Liest man sich Beiträge zur Debatte durch, scheint Markls Idee mehr Anklang als Ablehnung zu finden, sowohl unter Kinderlosen als auch unter Eltern.

Natürlich kann jetzt nicht jedes Lokal Familien aussperren, sollte sich zeigen, dass „Omas Küche“ mit dieser Strategie Erfolg hat. Das Ganze funktioniert natürlich nur, wenn es ausreichend Alternativen für Familien in der Umgebung gibt, wo diese vielleicht sogar besonders gern gesehen sind und sich die Kleinen die Zeit bis zum Essen in einer Spieleecke vertreiben können. Die gibt es, genauso wie Hotels, die auf Familien spezialisiert sind. Die findet ja auch niemand seltsam. Was ist also falsch daran, auch für kinderlose Paare oder Freunde ein besonderes Angebot zu haben?

Solange sich für jeden etwas Geeignetes findet, ist doch nichts gegen den ein oder anderen kinderfreien Bereich einzuwenden: Die einen haben ihre Ruhe, die Kinder können spielen und ihre Eltern sind nicht ständig den genervten Blicken anderer ausgesetzt – zumindest mal für ein Abendessen oder einen Urlaub.

NEIN! Das ist schlichtweg nur kinderfeindlich!

Von Martin Benninghoff

Keine Kinder mehr in „Omas Küche“, zumindest nicht mehr nach 17 Uhr. Der Rügener Wirt Rudolf Markl zieht Konsequenzen, die andere Gastronomen vielleicht auch gerne ziehen würden, sich aber nicht trauen: Er sperrt Kinder aus seinem Restaurant aus. Was früher zu einem Aufschrei geführt hätte, scheint heutzutage ganz gut anzukommen. Kinder nerven manchmal ja auch, außerdem gibt es schon seit Jahren kinderfreie Hotels in der Karibik und in Spanien. Warum also nicht auch ein kinderfreies Restaurant? Es gehe ja „explizit nicht gegen den Nachwuchs, sondern gegen ignorante Eltern“, meint der Wirt.

Das klingt gut, ist aber Unsinn. Denn würde es ihm wirklich um die Eltern gehen – ja, warum sperrt er die dann nicht aus? Warum schreibt er auf seinen Aufsteller „Adult only“ und nicht, dass Erwachsene unerwünscht sind, die es nicht auf die Kette bekommen, ihre Kinder zu begrenzen? Warum malt er statt zweier Kinderfiguren nicht zwei Erwachsene auf die Tafel: „Wir müssen draußen bleiben (wenn Ihr Eure Kinder nicht im Griff habt)“? Dazu ist er dann doch nicht mutig genug, oder?

Was hängenbleibt, ist die Botschaft: Kinder sind unerwünscht, weil Kinder anstrengend sein können. Der Präsident des Hotel- und Gaststättenverbands in Mecklenburg-Vorpommern, Lars Schwarz, der ansonsten kein Anhänger der Rügener These ist, räumt ja schon bereitwillig ein, dass manche Kinder noch etwas gute Erziehung genießen könnten. Als ob das die Frage wäre. Aber kinderfreundlicher wird Deutschland so nicht, auch wenn sich hier in den vergangenen Jahren manches positiv verändert hat. Im internationalen Vergleich stehen wir nur mäßig da.

Erwachsenenhotels in Tourismusgebieten werden besonders gerne von Deutschen gebucht. Wer auf Sizilien oder anderswo in Italien abends in Restaurants geht, sieht, wie selbstverständlich die Italiener ihre Kinderfreundlichkeit leben. In der Türkei ist es nicht anders. Oder in Australien oder China. Wer von Sydney oder Peking in Richtung Dubai fliegt, wird im Flugzeug kein Problem mit den Mitinsassen haben, wenn der eigene Spross einmal mault und vielleicht zehn Minuten nicht zu beruhigen ist. Auf der weiteren Route nach Deutschland sieht das dann schon ganz anders aus, wenn der deutsche Mief in Sachen Kinderfreundlichkeit Platz genommen hat.

Wir ertragen Hundertschaften von Seniorenreisegruppen, die das Deutsche Eck in Koblenz, das Brandenburger Tor in Berlin oder die Seilbahn auf die Zugspitze bevölkern. Wie wäre es denn mit seniorenfreien Restaurants? Die Rollatoren nerven.

Achtung, das ist nur ein Scherz!

Die Wahrheit ist: Auch mich bringen schlecht erzogene Kinder auf die Palme. Aber noch mehr die Eltern, die sie nicht begrenzen, weil sie Angst vor dem Liebesentzug ihrer Kinder haben. Das ist natürlich absurd: Kinder brauchen Grenzen und goutieren das auch, wenn sie begrenzt werden. Man tut Kindern einen Gefallen, wenn man ihnen nicht alles durchgehen lässt. Vielleicht kann man sich als Eltern an einen Tisch in einem Bereich setzen, wo das Kind etwas laufen kann, bevor das Essen kommt. Wo es nicht so eng ist, dass sich andere Gäste gestört fühlen.

Verbote müssen nicht sein.  Selbst wenn sich Erwachsene und ihre Kinder daneben benehmen: Traut es sich der Gastwirt nicht zu, in seinem Haus für Ruhe zu sorgen? Sollte das nicht fruchten, bleibt ihm das Hausrecht, den Gast zum Gehen aufzufordern. Damit träfe er den Ruhestörer und nicht pauschal die Allgemeinheit. Die meisten anderen Gästen hätten dafür sicherlich Verständnis, wenn der Gastwirt vernünftig argumentiert. An Konfliktscheuheit kann es bei ihm ja nicht liegen. Zuletzt dürfte ihm das ökonomisch besser bekommen: Mag sein, dass sich auf Rügen eine Zielgruppe findet, die sich ein kinderfreies Restaurant wünscht. Aber wie viele Kunden verliert er auf der anderen Seite? Möglicherweise nicht nur die genannten Eltern mit Kindern, sondern auch jene, die diese Attitüde einfach nur so finden wie ich: unsympathisch.

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