Antwort an die Leser

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Neuester Beitrag im F.A.Z.-Blog „Schlaflos“ (erschienen am 22.01.2019)

Von Martin Benninghoff

Manchmal wird es eng in der Mutter-Kind-Beziehung. So eng, dass es für den Vater schwer wird. Leser haben kommentiert – der Autor antwortet.

Das soll hier zwar kein Fortsetzungsroman werden, aber aufgrund der Leserzuschriften und der Kommentare zu meinem Artikel „Ich verbitte mir die Einmischung“, der hier kürzlich erschienen ist, scheint es noch Gesprächsbedarf zu geben. In dem Stück ging es darum, dass man sich als Vater gelegentlich seinen Platz zwischen Kind und Mutter erkämpfen muss. Natürlich gibt es tausendfache Gegenbeispiele, bei denen der Vater die meiste Zeit mit dem Kind verbringt – und die Mutter Schwierigkeiten hat, ihren Platz zu finden. Aber in der Mehrzahl leben die Familien dann doch noch das „klassische Modell“, bei denen die Mutter das größere Stück Kindererziehung zu schultern hat.

In dem Artikel hatte ich versucht, meine eigenen persönlichen Eindrücke etwas humorvoll aufzuschreiben, weil gerade Familienthemen nicht automatisch bierernst sein müssen. Immerhin ein Leser hat das bemerkt und geschrieben, dass er beim Lesen „schmunzeln“ musste, weil es ihm „verdammt ähnlich ergangen“ sei. Offenbar gibt es also andere Väter, die ihre Frau gelegentlich daran erinnern, dass auch der Vater Platz braucht in einer ansonsten engen Mutter-Kind-Beziehung. Die Zuschrift lässt erahnen, dass sich mitunter die Väter schwerer als die Mütter tun, ihr Herz in solchen Fragen auszuschütten: „Ich habe meinen Unmut über drei Jahre in mich hinein gegrummelt“, schreibt der Leser.

Väter dürfen also auch ihr Herz ausschütten. Ja, warum eigentlich nicht? Eine Leserin scheint damit nicht so ganz einverstanden zu sein, denn sie schreibt leicht bis mittelschwer erbost: „Der ganze Text geht also darum, dass ein Vater sich beschwert, dass er in der Gunst seines Kindes nicht an erster Stelle steht.“ Ja, kann ich nur antworten, muss auch mal sein. Zumal sich die meisten Väter, soweit ich das beurteilen kann, nicht in den entsprechenden Erziehungs- und Familienforen wie „Urbia“ herumtreiben, es sei denn als „Bienchen 82“ oder unter einem anderen geschlechtsverschleiernden Nickname. Deshalb sollte es schon okay sein, sich auch als Mutter mal die Perspektive eines Vaters anzuhören oder durchzulesen.

Aber davon abgesehen: Die meisten Leserinnen und Leser schildern aus ihrer Erfahrung, dass diejenige Person, die die meiste Zeit mit dem Kind verbringt, auch den besten Draht zu ihm entwickelt. Das ist geschlechtsneutral und kann deshalb selbstverständlich auch der Vater sein. Nur wenige behaupten, dass es so etwas wie eine naturgegebene Rollenverteilung gibt, und auch ich glaube das nicht. Abgesehen vom Stillen kann der Mann alles übernehmen, was eine Frau kann. Was viele daran hindert, sind vielmehr die gesellschaftlich bedingten Rollenzuweisungen  – und vor allem die Erwartungshaltungen.

Eine Leserin kann das nur bestätigen: „Nach der Geburt meines Sohnes bekam ich ständig Kritik zu Kleidung, Gesundheitszustand, Weinen des Kindes, während mein Partner gelobt wurde, wenn er es schaffte, den Kinderwagen unfallfrei durch den Park zu schieben.“ Mich hat das sehr daran erinnert, wie das so in der Generation meiner Eltern funktionierte: Wenn der Vater ein einziges Mal die Königsberger Klopse in der Mikrowelle aufwärmte (die natürlich von der Mutter vorgekocht waren), wurde davon ein Leben lang berichtet. Dass die Mutter an allen anderen 364 Tagen gekocht hat, war kaum der Rede wert.

Aber das Beispiel zeigt zugleich das Dilemma: Die Männer haben sich früher vielleicht zu wenig an der Erziehung beteiligt, aber sie saßen ja nicht nur herum. Sie waren fürs meist alleinige Geldverdienen und andere Dinge des Haushalts (Steuererklärung und Winterreifenwechsel) zuständig und deshalb alles andere als faul. Auch in Bezug auf die heutigen Väter vergessen ihre Kritiker oft, dass es kein Zuckerschlecken ist, Vollzeit zu arbeiten und sich zudem in jeder freien Minute um den Nachwuchs zu kümmern – und zwar auch um die unerfreulichen und anstrengenden Aspekte, nicht nur um das majestätische Unterschreiben von Klassenarbeiten und die abendliche Vorlesegeschichte. Der Begriff „Sugardaddy“ taucht dann prompt in einer der Leserzuschriften auf. Wer so etwas schreibt, sieht das Thema aus der Perspektive des Kampfes Vater gegen Mutter, Mutter gegen Vater. Wer da unter die Räder kommt, ist klar: die Kinder. Geholfen ist damit jedenfalls keinem.

Die Konflikte entstehen vielmehr aus mangelnder Absprache. Und damit meine ich nicht die Absprache, wer das Kind wann von der Kita abholt – in dem Stadium ist es bereits zu spät. Ich meine vielmehr die Absprachen, die man vorm Kinderkriegen treffen sollte. Das funktioniert aber nur, wenn man über sich und seinen Partner reflektiert – und über Lebenseinstellungen und Motive spricht. Die Zuschriften zeigen, dass es daran zu oft hapert.
Zum Beispiel ist von zentraler Bedeutung, wie viel man selbst und wie viel der Partner an beruflicher Anerkennung braucht, um sich wohlzufühlen. Davon hängt nämlich ab, ob Vater oder Mutter Teilzeit in Erwägung ziehen. Natürlich spielt auch eine Rolle, ob sich Teilzeit im jeweiligen Beruf überhaupt vernünftig realisieren lässt und ob das Geld reicht. Oder auch: Wer möchte wie viel Zeit mit den Kindern verbringen – oder reicht es einem Partner, stundenweise Erziehungsaufgaben zu übernehmen, während der andere Partner unbedingt mehr davon haben möchte, weil er „das Würmchen beim Aufwachsen erleben möchte“? Letzteres ist ein Argument, das ich oft von Frauen gehörte habe, aber nur selten von Männern.

Offenbar leben zu selten Menschen als Paar zusammen, die für diese Fragen dieselben Antworten haben. Das wären ein Vater und eine Mutter, die beide in Teilzeit arbeiten, damit sie die Kindererziehung gemeinsam stemmen können.  Der Konflikt, der zweifellos entsteht, sobald Kinder da sind, wäre somit gleich im Keim erstickt. Aber woran liegt es denn nun, dass sich solche Traumpaare selten finden? Liegt es vielleicht an dem Bild, das viele Männer noch von sich als Haupternährer haben? An dem Bild, das Frauen noch von sich als Haupterzieher haben? Oder liegt es an dem Bild, das Männer noch von Frauen als Haupterzieher haben? Oder an dem Bild, das Frauen noch von Männern als Haupternährer haben?
Wahrscheinlich ist es eine Kombination daraus. Einseitige Schuldzuweisungen jedenfalls halte ich eher für ein Teil des Problems als die Lösung. Am Anfang steht die Bereitschaft, sich mit seinen eigenen Motiven und Klischees im Kopf auseinandersetzen. Da darf man mal sein Herz ausschütten – auch als Mann, ohne sofort von den wütenden Müttern eins auf den Deckel zu bekommen. Oder? Übrigens: Hier unten können Sie Kommentare schreiben.

Dieser Eintrag wurde am am Dienstag, dem 22. Januar, 2019 um 19:03 in der Kategorie EUROPA, FERNSEHEN, ZEITUNGEN, ONLINE, FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, WAS SONST SO INTERESSIERT erstellt. Sie können alle Antworten zu diesem Eintrag über den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können eine Antwort erstellen oder einen Trackback von Ihrer eigenen Seite erstellen.



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