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Bleibt alles anders!

Nichts wird nach Corona mehr so sein, wie es vorher war? Krisenzeiten motivieren zu pathetischen Worten, mancher wittert gar den großen Wurf. Warum derzeit vieles größer scheint als es ist.  

Lesen Sie den Beitrag auf „Im Gegenlicht“.

Nach der Corona-Krise wird alles anders. So oder so ähnlich rufen in diesen Tagen die großen und kleineren Welterklärer in den Resonanzraum, den uns die schreckliche Pandemie beschert hat. Klimawandel, jetzt das Coronavirus, in der Folge die Rezession: Der Mensch hat über seine Verhältnisse gelebt, und jetzt wehrt sich der Planet! Klarer Fall: Nichts ist mehr, wie es war. Und nichts wird mehr sein, wie es ist.  

Es ist ein Narrativ, das besticht, weil es zunächst voneinander losgelöste Ereignisse in Folgerichtigkeiten verwandelt – und deshalb logisch die Dinge auf den Punkt zu bringen scheint. So ist der slowenische Philosoph Slavoj Žižek der Ansicht, „wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben verändern“ – er meint nicht zuletzt unsere Art, zu wirtschaften, zu konsumieren und Prioritäten zu setzen. Der Virus, so der Kapitalismuskritiker Žižek, wirke tödlich auf den globalisierten Kapitalismus. Seit Tagen geistert ein Artikel des selbsternannten „Zukunftsforschers“ und „Visionärs“ Matthias Horx durchs Netz, der ebenso in Superlativen schwelgt (ohne diese beiden Welterklärer auf eine Stufe stellen zu wollen): „Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert“, stellt er fest, um sich sodann in eine besonders kühne Prognose zu versteigen: „Der große Technik-Hype ist vorbei.“ Die Menschheit richte ihre Aufmerksamkeit nach der Corona-Krise wieder auf die „humane Frage: Was ist der Mensch – was sind wir füreinander?“ Als wenn das ein Gegensatz ist, den es aufzulösen gilt. Horx hatte in einem Beitrag für die „Welt“ 2001 übrigens auch geschrieben: „Missverständnis eins: Das Internet erobert die Haushalte im Sturm.“ So viel zur Güte solcher Prognosen.

Zweifellos ist die durch das Coronavirus ausgelöste Pandemie eine historische Besonderheit, an der die Menschheit noch eine Zeitlang gehörig zu knabbern haben wird. Neben den menschlichen Tragödien, die wir in diesen Tagen besonders in Italien und Spanien beobachten müssen, ist noch kaum absehbar, welche wirtschaftlichen Folgen die Krise nach sich ziehen wird – sei es auf den Arbeitsmärkten, dem Einzelhandel, der freien Kulturszene, vor allem in den Entwicklungsländern, deren Gesundheitssysteme kaum ausreichend imprägniert sind gegen die Auswirkungen der Pandemie. Zweifellos birgt die Krise aber auch die Chance, den Blick mal wieder in Richtungen zu lenken, die zu häufig im Dunkel des Alltags verschwinden: etwa auf die große Bedeutung der unterbezahlten Pflegeberufe, die Ausstattung der Krankenhäuser, oder die teilweise rückständige Digitalisierung im öffentlichen Dienst und dem Bildungswesen. Dass die Schulen nun endlich mehr oder minder flächendeckend Lernplattformen installiert bekommen, ist ein positiver Nebeneffekt der ansonsten tödlichen Krise. Es sind auch die Momente des Innehaltens, die frisch belebten Sozialkontakte, realisiert dank Skype und Whatsapp, oder kollektiven Musikflashmobs auf Balkonen und in Vorgärten, die kurzzeitig vergessen lassen, dass wir alle auf einem angeblich alternativlosen Pfad der Fragmentarisierung und Spezialisierung wandeln, der uns einander fremd gemacht hat. In all dem Dunkel scheint also schwaches Licht.

Aber wird deswegen alles anders als es vorher war? Dass in dem großen Wort – nichts werde mehr so sein wie es vorher war – ein geradezu groteskes Maß Übertreibung steckt, zeigt sich geradewegs darin, dass es so schnell und vor allem leichtlippig ausgesprochen ist. Je größer die Krise, desto gelassener lässt es sich aussprechen. Um die Kleinigkeiten können sich ja Politik und Wirtschaft kümmern, die Funktionäre und Fachleute, die Virologen und Intensivmediziner! Die Corona-Krise wirkt dabei wie ein spontanes Zeitfenster, das sich ein paar Sekunden in der Endlosigkeit der Zeitenfolge öffnet und eine Abkürzung in eine ansonsten unerreichbare Galaxie verspricht. Eine einmalige Gelegenheit. In Wohlstandszeiten ohne Krise, so der Subtext, sind Revolutionen selten – und Reformen in der Demokratie immer schweißtreibend und manchmal gähnend langweilig verhandelt, häufig nur ein mühsam-zäher Kompromiss, jedenfalls kein großer Wurf. Daher rührt bei manchem Publizisten und Welterklärer, der Deutschland derzeit entweder im Vorhof eines neuen Zeitalters der Mitmenschlichkeit oder kurz vor der Gesundheitsdiktatur wähnt, der Hang zum Pathos.

Angenommen, die Wahrheit ist deutlich profaner: Es bleibt alles anders! Dass sich deutsche Unternehmen nun nach Jahren der Zurückhaltung notgedrungen mit dem Thema Home Office arrangieren, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Entscheider einige Vorteile der neuen Flexibilität – etwa die offensichtliche Konstruktivität in Telefonkonferenzen bei weitgehend ausbleibenden Hahnenkämpfen -, in die Nach-Krisenzeit retten könnten. Zudem: Riesige Büroflächen sind ein Kostenfaktor, ständige Anwesenheitspflicht in Großraumbüros kann ein Kreativkiller sein. Nach diesem durch Corona erzwungenen Feldversuch wird hoffentlich einiges im kommenden Büroalltag hängen bleiben. Aber darüber hinaus? Werden die Altenpfleger künftig besser bezahlt, während die Banker auf Boni verzichten? Selbst jene anrührende Mitmenschlichkeit, die derzeit in den Vordergrund tritt, gab es bereits vorher, wenn man nur an all die Ehrenamtlichen denkt, die Mitarbeiter der Tafeln, freiwilligen Hausaufgabenhelfern für geflüchtete Kinder – oder Menschen, die in ihrer Freizeit Vereine gründen, um Schulen in Uganda zu bauen. Und der Egoismus, den manche für die Prä-Corona-Zeit als epochemachende Charaktereigenschaft definieren, tritt heute genauso unverblümt zutage: in Gestalt von  Klopapier oder Dosenpfirsiche hamsternden Zeitgenossen oder Leuten, die in alter Blockwart-Manier Nachbarn, die sich trotz Kontaktsperre mit Freunden auf der Straße treffen, vor den digitalen Kadi der sozialen Medien zerren. Darauf konnte man gestern und kann man heute und kann morgen sowieso verzichten!  

Die Corona-Krise justiert und ordnet manches neu, aber sie umwertet nicht alle Werte, ja möglicherweise fühlen sich die Pathos-Worte von Veränderung und Umwälzung am ersten Tag nach der Krise sogar irgendwie gestrig und ein wenig peinlich an, verständlich zwar aus der Emotionalität des Moments geboren, aber auch heillos überzogen. Wehe dem, der dann seine pathetische Einlassung noch einmal lesen muss! Das wäre zugleich eine demotivierende Erfahrung und wiederum ebenfalls eine Übertreibung, denn die Krise wird nicht folgenlos bleiben, nicht jedes Wort war daneben, vielleicht nur die größten. Neben den praktischen Verbesserungen in den Bereichen Digitalisierung, Daseinsfürsorge oder Gesundheitssystem bietet sie in einem an sich immerwährenden Strom des Weiter so einen Moment des Innehaltens und der Kontemplation. Mindestens wissen wir nun, dass sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ohne größere Friktionen vom Betriebs- in den Krisenmodus umschalten lassen, ohne dass Bürgerkriege ausbrechen oder auch nur die Rechtsextremisten weitere Zuläufe bekommen, im Gegenteil. Krisenzeiten sind „die Stunde der Exekutive“, heißt es so schön, und tatsächlich: Es sind nicht die schlechtesten Tage und Wochen der Politik, die plötzlich zügig und einigermaßen abgestimmt auf das Unvorhergesehene und ziemlich ordentlich auf die täglich neuen Herausforderungen reagiert. Das gilt erst recht für das medizinische Personal und das gesamte Gesundheitssystem. Populisten, Identitätsfetischisten und notorische Spalter ziehen eigentlich immer den Kürzeren ob dieser Leistungsbilanz.   

Erinnert sich noch jemand an die Monate vor Corona? Als die rechtsextremistische thüringische AfD eine kleine Staatskrise auslöste und die etablierten Parteien vor sich her trieb, weil sie den FDP-Politiker Thomas Kemmerich ins Amt des Ministerpräsidenten hievte? Dass die AfD in der derzeitigen Lage an Stimmen einbüßt, verwundert nicht. Aber sobald die unmittelbare medizinische Gefahr durch das Virus für die Mensch gebannt ist, die Arbeitslosigkeit aber möglicherweise nach oben schnellt, dürften auch die politische Auseinandersetzung und die Polarisierung wieder eine Renaissance erleben. Es bleibt also alles anders.

Immerhin aber bietet die Corona-Krise die Chance, das Vertrauen in die staatstragenden Parteien und staatlichen und zivilgesellschaftlichen Kräfte zu stärken. Wer aus der Corona-Krise eine System-Krise ableitet, wer auch nach dieser großen weltweiten Gesundheits-Krise Deutschland für eine Bananenrepublik hält und an jeder Ecke Kontrollverlust vermutet, hat nichts verstanden und offenbar auf einem anderen Planeten gelebt. Eine Stärkung des Vertrauens in diesen Staat wäre ein wahrhaft großer Wurf – und danach wäre wirklich einiges anders, als es vorher war. Vorausgesetzt, die Politik erklärt den Bürgern glaubwürdig, dass die Beschränkungen und Eingriffe in die Grundrechte der Freizügigkeit und Mobilität nur auf Zeit gelten, um die Krise in den Griff zu bekommen. Danach gilt wieder der Status quo ante, also der Urzustand vor dem Corona-Einschlag. Niemand sollte damit rechnen, dass nur ein Bürger diese Urzustand dann vergessen hat.

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