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Weniger Migration, mehr Habeck

Analyse erschienen bei FAZ.NET (10.01.2019)

Von Martin Benninghoff

Andere Besetzung, andere Themen: Niemand war 2018 so oft in Talkshows eingeladen wie der Grünen-Vorsitzende. Das sagt viel über die Kriterien der Gästeauswahl und die Themensetzung aus. Eine Analyse.

Twitter, das „Instrument der Spaltung“, mag Robert Habeck nicht mehr, und auch aus Facebook hat er sich nun zurückgezogen. Dass der Grünen-Vorsitzende künftig auf diese nicht ganz unwichtigen sozialen Medien verzichtet, dürfte ihn aber vermutlich nur bedingt schmerzen, solange er in den politischen Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender so präsent ist wie derzeit. Offenbar haben die Fernsehredaktionen Gefallen an dem Lübecker gefunden, dessen Partei die SPD in den Umfragen hinter sich gelassen hat. Auch in der Parallelgesellschaft der Talkshows kommt die sozialdemokratische Konkurrenz kaum hinterher.

Habeck saß 2018 insgesamt 13 Mal in den Talkrunden von Sandra Maischberger (ARD), Anne Will (ARD), Frank Plasberg („hart aber fair“, ARD) und Maybrit Illner (ZDF), berichtete das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am Donnerstag. Auf dem zweiten Platz: Habecks Kollegin an der Parteispitze, Annalena Baerbock, FDP-Chef Christian Lindner und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) mit jeweils zehn Auftritten. Dahinter Politiker wie die Justizministerin Katarina Barley (SPD), Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht (Linke) und der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland.

Das sagt zwar nicht viel darüber aus, welche Partei letztlich am häufigsten ihre Vertreter in den Talkrunden platzieren konnte. Aber die Zahlen geben immerhin darüber Auskunft, nach welchen Kriterien Talkshowredaktionen ihre Gäste aussuchen – und welche Themen Konjunktur haben. Zumal das RND gezählt hat, wie oft welches Streithema präsent war: Demnach beschäftigten sich Anne Will und Co. 13 Mal mit der großen Koalition, acht Mal mit Bundeskanzlerin Angela Merkel oder dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Auf sieben Sendungen kam das Thema Migration.

Merkel und Trump – das überrascht nicht, denn Personalisierungen funktionieren besonders gut im Fernsehen. Dass Migration erst dahinter kommt, ist hingegen eine Überraschung. Denn die Aspekte rund um Einwanderung – Islam, Flüchtlinge – sind seit Jahren das gefühlte Dauerbrennerthema Nummer eins in den Talksendungen. Die Zahlen für 2018 zeichnen hingegen ein anderes Bild. In diesem Jahr spielte es auch deshalb eine geringere Rolle, weil die Flüchtlingspolitik insgesamt an Brisanz verlor – Kritik an der Themenauswahl in den Talkshows war zuvor schon immer lauter geworden.

So hatte das ARD-Magazin „Monitor“ bereits im Januar 2017 den Finger in die Wunde gelegt und ausgerechnet, dass es 2016 ganze 40 Mal um Flüchtlinge, 15 Mal um den Islam, Gewalt und Terrorismus ging. Meist mit dem entsprechenden Framing, so als sei Migration ausschließlich mit Problemen behaftet. Zumindest im Talkshowkosmos ist es das auch: „Hart aber fair“ sorgte mit der Sendung „Flüchtlinge und Kriminalität – Die Diskussion!“ im August 2018 im Vorfeld für Kritik, weil bereits im Titel eine Verbindung hergestellt wurde. Im November beschäftigte sich Moderator Plasberg mit dem Thema „Das kriminelle Netz der Clans – sind Polizei und Justiz machtlos?“.

Das blieben aber einzelne Sendungen; das Jahr 2018 hat wieder eine Normalisierung bei der Wahl der Themen gebracht. Die oft gehörte Kritik, die Talkshows würden sich zu selten an relevante Themen wie Mietpreise oder Kohleausstieg heranwagen, kann so auch nicht mehr aufrechterhalten werden. Allein der Platzhirsch, die Talkrunde „Anne Will“ am starken ARD-Sonntagabendsendeplatz nach dem „Tatort“ oder „Polizeiruf“, thematisierte vor der Winterpause den Ukraine-Konflikt, die Arbeitswelt, den Schwund bei den Volksparteien und den Brexit.

Die neue Themengewichtung dürfte auch der Grund sein, weshalb es AfD-Chef Alexander Gauland 2018 vergleichsweise selten in die Fernsehrunden schaffte. Die Talkshowredaktionen denken bei Themen wie Rente und Arbeitswelt eben seltener an die AfD, dafür umso häufiger, sobald es wieder einmal um Flüchtlinge geht. Zu behaupten, das läge nur an den Themen, würde allerdings in die Irre führen. Die Redaktionen laden auch nach anderen Kriterien ein – und davon profitiert derzeit das Spitzenduo der Grünen.

Robert Habeck und seine Kollegin Annalena Baerbock funktionieren als Talkgäste gut, weil sie einerseits eloquent sind – das darf man von Spitzenpolitikern erwarten – , und weil sie zugleich für viele Fernsehzuschauer sympathisch rüberkommen. Die Mischung der von manchen als „Wohlfühlpartei“ geschmähten Grünen mag den politischen Gegnern missfallen, im Fernsehen aber scheint sie einzuschlagen. Andere Parteien profitieren ebenso davon, zumindest solange sie entsprechendes Personal haben, etwa Gregor Gysi (Linke) oder Wolfgang Bosbach (CDU). Gefragt sind Typen, die sich nicht nur in Generalsekretärspolitphrasensprech ausdrücken, sondern „authentisch“ reden – zumindest so, was man gemeinhin darunter versteht: menschlich, nicht in Phrasen, aktiv formuliert, vielleicht mit einem Quäntchen eigener Lebensgeschichte garniert.

Dass diese angebliche Authentizität auch nur Teil einer Inszenierung sein kann? Geschenkt. Was zählt, ist neben der Information der Unterhaltungsfaktor einer politischen Talkrunde. Wie reagieren die Gesprächspartner aufeinander? Hängen die Zuschauer an den Lippen der Gäste, oder schalten sie gelangweilt weg? Kritiker monieren gelegentlich, dass Talkrunden nicht repräsentativ ausgewählt seien, sprich: die AfD zum Beispiel trotz ihrer guten Wahlergebnisse unterrepräsentiert sei. Dieser Vorwurf lässt sich so aber nicht halten. Denn die AfD profitierte in den letzten Jahren auch immer wieder von der Bühne, die ihnen ARD und ZDF boten, so zum Beispiel, als Björn Höcke 2015 bei „Günther Jauch“ (ARD) seine Deutschlandfahne ausbreitete. Sein Bekanntheitsgrad über Thüringen hinaus dürfte nach diesem Auftritt stark gewachsen sein.

Es ist ein Missverständnis, das der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) mit seiner Kritik an der Talkshow-Schwemme beflügelt haben dürfte: Talkshows sind kein Ersatz für Bundestagsdebatten, eine Besetzung anhand der Wahlergebnisse deshalb nicht zwingend. Ihm missfiel vor sieben Jahren, dass viele Spitzenpolitiker lieber im Fernsehen statt dem Plenum debattierten. 2011 war das – und seitdem hat sich vieles geändert: Die Quoten der größten Talksendungen sind seit einiger Zeit im Sinkflug begriffen, trotz der politischen Polarisierung im Land bei gleichzeitiger Konsenstendenz unter einer großen Koalition in Berlin.

Daran können weder das Thema Migration noch Robert Habeck etwas ändern. Möglicherweise hat sich das Talkformat, das sich stark an die Generation 50 Plus richtet, auch einfach nur abgenutzt.

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