{"id":1127,"date":"2013-11-13T12:24:35","date_gmt":"2013-11-13T10:24:35","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1127"},"modified":"2013-11-13T12:24:35","modified_gmt":"2013-11-13T10:24:35","slug":"unterstuetzt-khorchide","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1127","title":{"rendered":"Unterst\u00fctzt Khorchide!"},"content":{"rendered":"<p><em>Eine Kolumne von Martin Benninghoff (erschienen:<a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2013\/11\/unterstuetzt-khorchide\/\"> &#8222;Opinion Club&#8220;<\/a> am 13.11.2013)<\/em><\/p>\n<p><strong><i>Mouhanad Khorchide ist die Schl\u00fcsselfigur bei der Ausgestaltung eines zeitgem\u00e4\u00dfen Islam in Deutschland. Die muslimischen Verb\u00e4nde greifen ihn aber immer st\u00e4rker an \u2013 weil ihnen nicht passt, was er sagt und schreibt.<\/i><\/strong><\/p>\n<p>Wer immerzu von \u201edem Islam\u201c spricht, hat sich nicht wirklich mit dem Thema besch\u00e4ftigt. Wer noch immer glaubt, \u201eder Islam\u201c sei pauschal ein Problem, verharrt tonnenschwer auf dem Holzweg. Warum? Weil er verkennt, wie sehr muslimische Geistliche und Theologen innerhalb des Islam um Interpretationen und das Religionsverst\u00e4ndnis ringen. Auch hier hei\u00dft es: Moderne gegen Reaktion\u00e4re, Gem\u00e4\u00dfigte gegen Radikale, Realos gegen Fundis.<\/p>\n<p>\u00c4gypten beispielsweise hat da diesbez\u00fcglich viel zu bieten: Vor rund 20 Jahren ist der ber\u00fchmte Reformmuslim Nasr Hamid Abu Zaid aus seinem Land rausgeekelt worden, weil seine Thesen so manchem Fundamentalisten gar nicht schmeckten. Und der Streit darum, wie viel Scharia eine neue Verfassung nun vertr\u00e4gt, zieht immer gr\u00f6\u00dfere Kreise. \u00c4hnliche Beispiele finden sich auch in anderen nordafrikanischen Staaten und in der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Und neuerdings auch in Deutschland! Jawohl, selbst in Deutschland, wo so viele Zeitgenossen \u2013 Politiker, Publizisten, Forenschreiber \u2013 \u201eden Islam\u201c f\u00fcr grunds\u00e4tzlich unvereinbar mit demokratischen Werten halten. Was f\u00fcr ein Unsinn, wenn man sich die Debatten hierzulande anschaut.<\/p>\n<p>Es geht um Mouhanad Khorchide. Der 42-J\u00e4hrige bildet an der Universit\u00e4t M\u00fcnster Islamlehrer aus. Das ist an sich schon ein Novum, denn die theologische Ausbildung an einer Universit\u00e4t ist in Deutschland erst ein paar Jahre alt, Khorchide also ist eine Art Pionier eines origin\u00e4r deutschen Islam. Seine Bedeutung kennt er, weshalb ihn die \u201etaz\u201c neulich als \u201eSendungsbewussten\u201c beschrieb. Gemeint ist: Der Mann will geh\u00f6rt werden, nicht nur als Professor, sondern auch als eifriger B\u00fccherschreiber, Vortragreisender oder Talkshowgast.<\/p>\n<p><strong>Konsens-Islam<\/strong><\/p>\n<p>Schlimm ist daran nichts, zumal sein Religionsverst\u00e4ndnis gut in einen s\u00e4kularen, aber durchaus religionsfreundlichen Staat wie Deutschland passt. Kurzum, Khorchide ist eine Schl\u00fcsselfigur bei der Justierung einer muslimischen Mehrheitsmeinung in Deutschland. So wie die EKD einen Konsens-Protestantismus vertritt, so arbeitet Khorchide an einem Konsens-Islam, der sich einf\u00fcgt, ohne glattgeschliffen zu werden. Das mag im Detail angreifbar sein, aber im Kern ist das eine gute Entwicklung.<\/p>\n<p>Seine wichtigsten Botschaften: Der Glaube ist kein Katalog von Regeln, sondern er hat eine moralisch-ethische Botschaft, die immer wieder an die Zeit angepasst werden muss. Er wendet sich gegen eine wortw\u00f6rtliche Auslegung des Islam, wie sie Salafisten und andere Fundamentalisten fordern. In seinem aktuellen Buch \u201eScharia \u2013 der missverstandene Gott\u201c widmet er dem Salafismus ein Kapitel, und er geht darin dessen naiv-primitive Islamauslegung offensiv an, indem er fordert, den Koran im Kontext seiner Entstehungszeit zu sehen. Das bedeutet, jeden Vers auf seine ureigene Botschaft zu untersuchen \u2013 und diese Botschaft in die Jetztzeit zu \u00fcbertragen. Im Grunde ist das das Religionsverst\u00e4ndnis, das mittlerweile im Christentum vorherrscht \u2013 nach Jahrhunderten wortw\u00f6rtlicher Auslegung (die es bei den Evangelikalen und bei etlichen katholischen Sektierern noch immer gibt).<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bringt ein solcher Mann die Fundamentalisten und Salafisten auf die Palme. Aber, wenn Publizisten wie Bassam Tibi schon vor 20 Jahren von einem \u201eEuro-Islam\u201c mehr als Wunschtraum denn als reale Option geschrieben haben, so ist Khorchide heute einer derjenigen, die imstande sind, den Traum in die Wirklichkeit zu \u00fcbersetzen (oder zumindest dabei zu helfen). Und deshalb sollte man ihm zur Seite springen, wenn es \u00c4rger gibt.<\/p>\n<p><strong>Kampf um Deutungshoheit<\/strong><\/p>\n<p>Den gibt es n\u00e4mlich derzeit. Khorchide wird angegangen von den islamischen Verb\u00e4nden, die \u2013 \u00e4hnlich wie bei den christlichen Lehrst\u00fchlen \u2013 ein W\u00f6rtchen mitzureden haben in den vier Zentren der Islamischen Theologie in M\u00fcnster\/Osnabr\u00fcck, T\u00fcbingen, Frankfurt, Gie\u00dfen (\u00fcber eine Beirats-Konstruktion befinden sie \u00fcber die Lehrerlaubnis k\u00fcnftiger Lehrer mit). Den Verb\u00e4nden, die allesamt eine mehr oder minder reaktion\u00e4re, konservative bis fundamentalistische Lesart des Islam vertreten, ist der Islam Khorchides zu lasch, zu westlich, zu sehr angelehnt an die Begrifflichkeiten des Christentum. Khorchide selbst ist kein Leisetreter, er spricht den Verb\u00e4nden (u.a. Zentralrat der Muslime und Ditib) die theologische Kompetenz ab, was die Gem\u00fcter erst recht erhitzt.<\/p>\n<p>Von solchen unn\u00f6tigen T\u00e4nzchen einmal abgesehen: Khorchide und seine Mitstreiter halten den Schl\u00fcssel in der Hand, die islamischen Str\u00f6mungen in Deutschland zu reformieren. Seine Bildungsarbeit und seine Pionierarbeit bei der Erstellung eines islamischen Lehrplans sind von unsch\u00e4tzbarem Wert, nicht nur f\u00fcr Deutschland: Auch in arabischen Staaten und der T\u00fcrkei existieren mehr oder minder gro\u00dfe Reformbewegungen, die genau hinschauen, was im Einwanderungsland Deutschland passiert.<\/p>\n<p>Khorchide muss deshalb verteidigt werden. Wenn ihn tumbe Salafisten wie Pierre Vogel offen im Internet anp\u00f6beln, ihn als \u201eUngl\u00e4ubigen\u201c brandmarken und halbwegs offen zum (wie auch immer gearteten) Abschuss freigeben, dann muss er besch\u00fctzt werden. Und all diejenigen, die sich sonst immer laut \u00fcber Muslime beklagen, sollten hier einmal konstruktiv aktiv werden \u2013 und sich im Internet, in Leserbriefen vor und hinter diesen Mann stellen.<\/p>\n<p>Was aber genauso wichtig ist: Die Verb\u00e4nde d\u00fcrfen nicht weiter an Macht und Einfluss gewinnen. Eine konstruktivere Islampolitik w\u00fcrde die theologische Ausbildung der Muslime durch Professoren wie Khorchide st\u00e4rken und ansonsten mit den lokalen Moscheegemeinden vor Ort statt mit den zentralisierten, teils aus dem Ausland gesteuerten und eher politisierten Gro\u00dfverb\u00e4nden zusammenarbeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Kolumne von Martin Benninghoff (erschienen: &#8222;Opinion Club&#8220; am 13.11.2013) Mouhanad Khorchide ist die Schl\u00fcsselfigur bei der Ausgestaltung eines zeitgem\u00e4\u00dfen Islam in Deutschland. 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