{"id":1146,"date":"2013-11-28T13:22:04","date_gmt":"2013-11-28T11:22:04","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1146"},"modified":"2013-11-28T13:22:04","modified_gmt":"2013-11-28T11:22:04","slug":"der-rushdie-effekt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1146","title":{"rendered":"Der Rushdie-Effekt"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2013\/11\/der-rushdie-effekt\/\">Kolumne von Martin Benninghoff beim &#8222;Opinion Club&#8220; (27.11.2013) <\/a><\/p>\n<p><i><strong>Umbenennung von St. Martin, Absetzung einer Oper, Karikaturenstreit: Warum kommt es immer wieder zu solchen unsinnigen Debatten? Vielleicht auch, weil interkulturelle Trainings \u00fcbersensibilisieren statt Gelassenheit im kulturellen Miteinander einzu\u00fcben?<\/strong> <\/i><\/p>\n<p>Der St.-Martins-Zug und die Debatte um seine Umbenennung wegen angeblicher muslimischer Vorbehalte gegen das christliche Laternenfest war schon vergangene Woche das Thema dieser Kolumne. Nach l\u00e4ngerem Nachdenken hat sich aber ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl eingeschlichen, weil sich die dadaistische Diskussion in den deutschen Medien eben nicht als singul\u00e4res Ereignis darstellt, das man eigentlich schnell abhaken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Nein, da ist System hinter.<\/p>\n<p>Ann\u00e4hernd zeitgleich zum St. Martin-Streit soll ein Berliner Volkshochschulleiter angeblich Aktbilder \u201eaus R\u00fccksicht auf Muslime\u201c von den Flurw\u00e4nden abgenommen haben. Nach einem erwartungsgem\u00e4\u00df hitzigen Schlagabtausch mit erbosten B\u00fcrgern sind sie wieder angebracht worden.<\/p>\n<p>Was haben die beiden F\u00e4lle gemeinsam?<\/p>\n<p>Nie hat ein Muslim gefordert, den St. Martin-Umzug umzubenennen, und nie hat ein Muslim gefordert, irgendwelche Bilder abzuh\u00e4ngen. Wie aber kommt es dann zu solchen Debatten? Das muss schon gr\u00fcndlicher analysiert werden.<\/p>\n<p>Es bleibt ja was h\u00e4ngen. Es bleibt h\u00e4ngen, dass Muslime per se irgendwelche Probleme mit christlichen Ritualen oder erotischen Darstellungen haben. Offenbar schlie\u00dfen solche Fehlurteile direkt an das \u201ekollektive Wissen\u201c an, dass Muslime Probleme mit der Kultur-, Religions- und Meinungsfreiheit haben. Und das ist schon in dieser Pauschalit\u00e4t bemerkenswert falsch, zumal Muslime aus der T\u00fcrkei beispielsweise ja schon mehr als 50 Jahre in Deutschland leben. Und erst jetzt poppen solche Diskussionen auf, also stellt sich die Frage, woher eigentlich dieses \u201ekollektive Wissen\u201c kommt.<\/p>\n<p>Der Grundstein wurde wahrscheinlich Ende der 80er-Jahre gelegt, als die iranischen Mullahs ihre Fatwa zum indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie auflegten, weil er angeblich den Propheten verunglimpft haben soll.<\/p>\n<p>Dieser Ur-S\u00fcndenfall der iranischen Hardliner wiederholt sich im Kleinen, und zwar regelm\u00e4\u00dfig, wie bei den beschriebenen Debatten. Dann spielt auch keine Rolle mehr, ob es wirklich eine Art \u201eFatwa\u201c gegeben hat, also ob Muslime tats\u00e4chlich verlangt haben, den Laternenumzug umzubenennen oder irgendwelche Bilder von den W\u00e4nden zu rei\u00dfen. Die Interpretationsmaschine jedenfalls l\u00e4uft, und sie interpretiert jede wohlwollende \u00c4u\u00dferung eines Politikers, Verwaltungsbeamten oder Publizisten direkt und ohne Umschweife als \u201eKotau vor den Muslimen\u201c. Vorauseilender Gehorsam vor Muslimen, die angeblich dies verlangten und angeblich das forderten.<\/p>\n<p>Nur, das ist nicht alles nur mit Rushdie zu erkl\u00e4ren. Die Rushdie-Fatwa wird regelm\u00e4\u00dfig durch mittelgro\u00dfe Ereignisse zur\u00fcck in das kollektive Bewusstsein gehievt. Also immer wieder aktualisiert und in die Gegenwart \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Ein Fall zum Beispiel war die Absetzung der Idomeneo-Oper 2006 in Berlin. Das St\u00fcck war abgesetzt worden aus Furcht vor vermeintlich w\u00fctenden Muslimen. Auch hier das gleiche Muster: Es hatte sich kein Muslim \u00fcber die Oper beschwert. Der vorauseilende Gehorsam \u00fcberkorrekter Intendanten und Politiker wurde aber den Muslimen letztlich zur Last gelegt. Was blieb, war ein Gef\u00fchl, dass Muslime ein Problem mit der Kunstfreiheit haben.<\/p>\n<p>Und dann nat\u00fcrlich der Karikaturenstreit 2005. Fast vergessen ist: Die Karikaturen waren schon vorher im arabischen Raum gedruckt worden, das aber hatte wiederum keinen interessiert. Erst als ein radikaler Imam sich der Sache annahm \u2013 gemeinsam mit Rechtspopulisten in Europa \u2013 wurde ein Kulturkampf herbeizitiert, der tats\u00e4chlich Leben forderte. Ein besonders perfides Beispiel f\u00fcr die unheilige Allianz radikaler Kr\u00e4fte aus den islamistischen und \u201eislamkritischen\u201c Kreisen, die im Grunde aus dem gleichen Geist geboren sind.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir tun, um so etwas k\u00fcnftig zu vermeiden? Denn nochmal: 50 Jahre lang hat es in Deutschland keinerlei Probleme gegeben, weder beim St. Martins-Zug noch in Volkshochschulen noch in Opern. Nat\u00fcrlich, es ist n\u00f6tiger denn je, die Rechtspopulisten zu bek\u00e4mpfen, die sich gerade wieder aufschwingen, bei den kommenden Europawahlen gemeinsame Sache zu machen. Und es ist genauso n\u00f6tig, Salafisten und andere Islamisten mit politischer Agenda zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Aber es ist auch Zeit f\u00fcr ein Appell an jene, die es eigentlich gut meinen: die Integrations- und Interkulturalit\u00e4tshelfer. Selbst wenn man etwas gut meint, sollten sie lieber drei Mal dar\u00fcber nachdenken, ob sie das sicher gut Gemeinte auch gleich in die Tat umsetzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Manchmal ist das Gegenteil von Gut eben gut gemeint. Wenn also ein Schulleiter der Meinung ist, aus religi\u00f6ser R\u00fccksichtnahme lieber ein Bild abh\u00e4ngen zu lassen, dann sollte er zuvor \u2013 ohne viel Aufhebens \u2013 eine Umfrage bei sich in der Schule starten, unter Sch\u00fclern, Eltern und Lehrern. Oder besser noch warten, bis sich wirklich jemand beschwert \u00fcber die Bilder im Flur.<\/p>\n<p>Ein interessanter Gedanke stammt in diesem Zusammenhang von der Medienforscherin Sabine Schiffer. Sie vermutet interkulturelle Schulungen als Teil des Problems. \u201eManche dieser Trainings bef\u00f6rdern eher das \u201aFremdmachen\u2018 und Unsicherheiten im Umgang mit Menschen aus vermeintlich anderen Kulturen\u201c.<\/p>\n<p>Eine steile These, zugegeben. Andererseits k\u00f6nnte da etwas dran sein: Hierzulande sind gut gemeinte Mechanismen am Werk, die Fremdheit generieren statt sie einzuebnen. Gerade vielen eifrigen und emsigen Integrationshelfern aus dem sozialp\u00e4dagogischen Bereich ist das nicht zum Vorwurf zu machen \u2013 sie wollen das Beste. Aber vielleicht sollten sich alle einmal selbst \u00fcberpr\u00fcfen, ob sie, wenn sie das Gute meinen, eben auch nur Gutes schaffen. Gelassenheit und Abwarten sind die besseren Verhaltensregeln, wenn es um Interkulturalit\u00e4t geht. Zumal es viele Migranten und Muslime durchaus gew\u00f6hnt sind, dass eine Gesellschaft Traditionen und Rituale lebt, die auch der eigenen Standortbestimmung dienen. Geh\u00f6re ich dazu? Dann gehen meine Kinder nat\u00fcrlich beim St. Martin-Zug mit. Nur wenige wollen sich wissentlich und willentlich separieren.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es manchmal einfach besser, die Kirche im Dorf und die Tassen im Schrank zu lassen \u2013 und erst aktiv zu werden, wenn sich eine Gruppe aktiv meldet und \u00fcber eine Sache beschwert. Das w\u00e4re eine wahrhaft friedenserhaltende Ma\u00dfnahme. Professionelle interkulturelle Fachkr\u00e4fte wissen das durchaus. Problematisch sind eher die gutmeinenden Laien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne von Martin Benninghoff beim &#8222;Opinion Club&#8220; (27.11.2013) Umbenennung von St. Martin, Absetzung einer Oper, Karikaturenstreit: Warum kommt es immer wieder zu solchen unsinnigen Debatten? Vielleicht auch, weil interkulturelle Trainings \u00fcbersensibilisieren statt Gelassenheit im kulturellen Miteinander einzu\u00fcben? 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