{"id":1178,"date":"2013-12-11T15:09:33","date_gmt":"2013-12-11T13:09:33","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1178"},"modified":"2013-12-11T15:09:33","modified_gmt":"2013-12-11T13:09:33","slug":"plaedoyer-fuer-den-gutmenschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1178","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Gutmenschen"},"content":{"rendered":"<p><em>(Erschienen:<a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2013\/12\/plaedoyer-fuer-den-gutmenschen\/\"> &#8222;Opinion Club&#8220;,<\/a> 11.12.2013)<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Wer \u201eGutmensch\u201c gescholten wird, hat eigentlich vieles richtig gemacht. Deshalb sollte man sich von dieser etwas d\u00fcmmlichen Beleidigung niemals irritieren lassen. Und einfach weitermachen. Eine Polemik\u00a0von Martin Benninghoff<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich muss gestehen (und mache mich bestimmt unbeliebt): Mir sind 100 Claudia Roths lieber als nur einer dieser n\u00f6ligen und besserwissenden, aggressiv-pessimistischen Untergangs-Szenaristen, die die Internetforen deutscher Tageszeitungen bev\u00f6lkern und Andersdenke als \u201eGutmenschen\u201c diffamieren. Kurzum, mir sind 100 \u201eGutmenschen\u201c lieber als nur einer dieser Negativ-Apologeten, die stets den Untergang des Abendlandes bei der Einf\u00fchrung des, sagen wir mal, Dosenpfandes sehen.<\/p>\n<p>Warum das gesagt werden muss? Weil der Begriff \u201eGutmensch\u201c, der einst als rhetorischer Kampfbegriff erfunden wurde, um politischen Gegnern einen Schlag zu versetzen, indem man die Debatte von der Sach- auf die Personenebene verlagert, mittlerweile in den normalen Sprachgebrauch \u00fcbergegangen ist. Mir f\u00e4llt auf, dass dieses \u00fcble Wort immer \u00f6fters in journalistischen Texten auftaucht, wo es eigentlich nicht hingeh\u00f6rt. Offenbar aber ist das zweitplatzierte Unwort des Jahres 2011 mittlerweile salonf\u00e4hig geworden. L\u00e4ngst hat es sich aus den Internetforen in die professionell geschriebenen Artikel gestohlen \u2013 mit schlimmen Folgen f\u00fcr die, die sich so gescholten sehen.<\/p>\n<p>Der \u201eGutmensch\u201c in der modernen Bedeutung ist ja das Gegenteil von gut. Wer so genannt wird, wird als naiv, unkritisch, blau\u00e4ugig und nervt\u00f6tend angesehen, als einer, der immerzu die \u201ePolitical Correctness\u201c befolgt, aber nie die Vernunft sieht. Selbstredend sieht sich der Kritiker an diesem Punkt als das genaue Gegenteil, als rational, vernunftbegabt und kompetent. Wer \u201eGutmensch\u201c ist, ist im Grunde also unf\u00e4hig, die Dinge im richtigen Licht zu sehen. Wer so genannt wird, ist in den Augen mancher Leute sogar richtig gef\u00e4hrlich f\u00fcr Freiheit, Wohlstand und die eigene (nat\u00fcrlich nationale) Identit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch<\/strong><\/p>\n<p>Die Entwicklung der Begriffsbedeutung in den letzten Jahren und Jahrzehnten sagt viel \u00fcber das Menschenbild in unserer Gesellschaft aus. Weithin bekannt wurde \u201eGutmensch\u201c durch das sprachkritische \u201eW\u00f6rterbuch des Gutmenschen\u201c von 1994. Das Buch wandte sich eher als Stilkritik durchaus zu Recht gegen \u201eBetroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch\u201c. Im Nachwort erinnert der Herausgeber Bittermann an die sprachkritische Schrift \u201eAus dem W\u00f6rterbuch des Unmenschen\u201c von 1957, und er erl\u00e4utert, was unter dem \u201eGutmenschen\u201c zu verstehen sei: \u201eDie Besorgten (sehen sich) als geduldige, aber empfindsame Menschen. Sie versp\u00fcren innerlich intensiv, was von au\u00dfen her auf sie einwirkt. Aber zugleich k\u00fcmmern sie sich aktiv um das Leben au\u00dferhalb. H\u00e4ufiger als der Durchschnitt machen sie sich Sorgen um andere Menschen. [&#8230;] Wichtig ist ihnen aber auch ihre Innenwelt.\u201c<\/p>\n<p>In dieser Definition ist der \u201eGutmensch\u201c zwar manchmal selbstbezogen (und daher etwas nervt\u00f6tend), andererseits aber ein empfindsamer Mensch, der sich um die Dinge da drau\u00dfen k\u00fcmmert. Ein K\u00fcmmerer, der daraus auch Gewinn f\u00fcr sich selbst zieht. Nach meinem Verst\u00e4ndnis also der ideale Typus eines gesellschaftlich interessierten Homo Politicius im griechischen Sinne, der die Dinge zum Besseren wenden m\u00f6chte \u2013 und sich auch daf\u00fcr einsetzt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich: Dabei kann dieser Menschentypus \u00fcber das Ziel hinausschie\u00dfen. Oder es verfehlen. Zu wenig oder zu viel tun. Aber keinesfalls verdient er es, von Menschen, die nicht halb so viel tun, diffamiert zu werden.<\/p>\n<p><strong>Politisch lebensfern und intellektuell wirr<\/strong><\/p>\n<p>Wir erleben das in gesellschaftspolitischen Debatten fast tagt\u00e4glich. Vor kurzem ist die Diskussion um ein Verbot von Prostitution neu entflammt. Es geht um die Frage, wie den oft aus Not oder sogar Zwang anschaffenden Frauen geholfen werden kann. Alice Schwarzer hat die Debatte mit ihrem Magazin \u201eEmma\u201c und einigen Talkshowauftritten zuletzt mit angefeuert, ihr zugleich aber eine Schlagseite gegeben, typisch auch f\u00fcr die Debatten um Islam und Integration. Im Kern kritisiert sie (durchaus zu Recht), dass das rot-gr\u00fcne Prostitutionsgesetz der Regierung Schr\u00f6der zu einer Verschlechterung der Lage von Prostituierten gef\u00fchrt habe. Im Unterton diffamiert sie jedoch die Bef\u00fcrworter des Gesetzes, zwar ohne den Begriff \u201eGutmensch\u201c zu verwenden, in der Umschreibung aber in eine \u00e4hnliche Richtung gehend: \u201eIhre \u00dcberlegungen sind politisch so lebensfern wie intellektuell wirr und dazu ungetr\u00fcbt von jeglicher Sachkenntnis.\u201c<\/p>\n<p>Ein nicht funktionierendes Gesetz geh\u00f6rt ge\u00e4ndert. Klar. Aber auch als Kritikerin sollte man anerkennen, dass das Ziel, Prostituierte besser zu stellen, ein gutes Ziel war und ist. Es gibt also keinen Grund, die damalige rot-gr\u00fcne Regierung unter Schr\u00f6der abzukanzeln, weil sie versucht hat, einen Graubereich zu durchleuchten, auch wenn der Versuch letztlich gescheitert zu sein scheint. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Warum nicht die Gr\u00f6\u00dfe beweisen, zu sagen, ja, das war ein richtiges Ziel, allerdings haben sich die Instrumente nicht bew\u00e4hrt?<\/p>\n<p>Ein Schema der Kritik, das typisch f\u00fcr gesellschaftspolitische Debatten geworden ist: Gerade beim Thema Integration und Islam werden die aktiven Sozialarbeiter und Migrationsforscher seit Jahren von rechter Seite als \u201eGutmenschen\u201c abgetan. Gerade die, die sich t\u00e4glich m\u00fchen, die Probleme im Zusammenwachsen verschiedener Menschengruppen aus aller Herren L\u00e4nder abzumildern, m\u00fcssen sich derart diffamieren lassen. Das kr\u00e4nkt viele \u2013 und zeigt, wie wenig Anerkennung wir jenen zollen, die die wirklich harte Arbeit machen. Nichts gegen Beifall f\u00fcr Bastian Schweinsteiger oder Sebastian Vettel: Aber die arbeiten vor allem f\u00fcr sich selbst und brauchen nicht noch mehr Bewunderung und noch mehr Applaus. Es sind die stillen und idealistischen Helden, die Sozialarbeiter und Entwicklungshelfer, die t\u00e4glich das Zusammenleben m\u00f6glich machen \u2013 und ihnen weht manchmal in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung ein eisiger Wind entgegen.<\/p>\n<p>Ist diese Ansicht schon \u201eGutmenschentum\u201c? Na klar, werden die frustrierten Passiven dieser Gesellschaft \u00e4tzen. Selbst in so mancher Zeitungsredaktion werden in der morgendlichen Redaktionskonferenz gerne bestimmte Themen als \u201eGutmenschenthemen\u201c oder manche Gastautoren als \u201eGutmenschen\u201c abqualifiziert. Es sind h\u00e4ufig die Flei\u00dfigen und Aktiven, die \u2013 vielleicht aus Neid? \u2013 derart diffamiert werden. Und gerade Journalisten, die vielleicht darunter leiden, dass sie zwar permanent bewerten, aber nur zu selten etwas wirklich ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, tun sich mit Diffamierung der Motivierten und Engagierten hervor. Da w\u00e4re mehr mediale Selbstkritik durchaus w\u00fcnschenswert.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Gesellschaft ist das kein gutes Zeichen. In einer guten Gesellschaft sollte man den Aktiven und Flei\u00dfigen ihre hehren Ziele nicht \u00fcbelnehmen, im Gegenteil: Man sollte sie daf\u00fcr loben. Und dann im Detail schauen, ob die Werkzeuge und Strategien auch sinnvoll sind. Alles andere w\u00e4re eine ungute Verkehrung der Werte. Aber vielleicht ist es ja schon das Gesabbel eines \u201eGutmenschen\u201c, wenn ich mir eine gute Gesellschaft w\u00fcnsche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Erschienen: &#8222;Opinion Club&#8220;, 11.12.2013) Wer \u201eGutmensch\u201c gescholten wird, hat eigentlich vieles richtig gemacht. Deshalb sollte man sich von dieser etwas d\u00fcmmlichen Beleidigung niemals irritieren lassen. Und einfach weitermachen. 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