{"id":1186,"date":"2014-01-08T12:15:12","date_gmt":"2014-01-08T10:15:12","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1186"},"modified":"2014-01-10T15:46:40","modified_gmt":"2014-01-10T13:46:40","slug":"bildung-statt-religion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1186","title":{"rendered":"Bildung statt Religion"},"content":{"rendered":"<p>Kolumne &#8222;MyGration&#8220; beim<a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/01\/bildung-statt-religion\/\"> &#8222;Opinion Club&#8220;<\/a> (erschienen am 8.1.2014)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Martin Benninghoff<\/p>\n<p><strong>Nahezu unbemerkt ist das deutsch-koreanische Anwerbeabkommen im Dezember 50 Jahre alt geworden. Dabei h\u00e4tte das Jubil\u00e4um mehr Aufmerksamkeit verdient, weil es viel \u00fcber den richtigen Blick auf Integration verr\u00e4t.<\/strong><\/p>\n<p align=\"center\">\n<p>Als sich vor zwei Jahren das deutsch-t\u00fcrkische Anwerbeabkommen zum 50. Mal j\u00e4hrte, berichteten die Medien in Deutschland mit teils ganzseitigen Themenseiten. Kein Wunder, m\u00f6chte man meinen, schlie\u00dflich war das Land gerade mit Ach und Krach aus der Sarrazin-Debatte herausgekommen, die Einwanderung vor allem als Problemfall betrachtete. Manch einer wollte es dann doch nicht so stehenlassen und auf die wichtige Rolle der t\u00fcrkischen Einwanderer beim Aufbau der deutschen Nachkriegswirtschaft hinweisen.<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Gastarbeiter und ihre Nachfahren haben diesem Land unzweifelhaft ihre Stempel aufgedr\u00fcckt \u2013 und viel an Aufbauarbeit geleistet. Es gibt aber auch eine Reihe von Einwanderern aus ganz anderen Regionen dieser Welt, \u00fcber die kaum gesprochen wird, \u00fcber die man aber sprechen sollte. Und die selbst ignoriert werden, wenn sich \u201erunde Geburtstage\u201c ereignen. Die Koreaner zum Beispiel. Wer hat schon mitbekommen, dass das deutsch-s\u00fcdkoreanische Anwerbeabkommen im Dezember 2013 50 Jahre alt geworden ist? Und dass einige Tausend Koreaner diesem Land ebenso ihren Stempel mitgegeben haben, der sicherlich eines n\u00e4heren Blickes w\u00fcrdig ist.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Gastarbeitern f\u00fcr den Kohlebergbau und Krankenh\u00e4user schloss die Bundesrepublik Deutschland 1963 einen Anwerbevertrag mit der s\u00fcdkoreanischen Milit\u00e4rdiktatur von Park Chung-hee ab, der innerhalb von zehn Jahren rund 20.000 Arbeitsmigranten aus dem ebenfalls geteilten Land nach Deutschland lockte. Damals war das \u00fcbrigens hochumstritten, weil man die Koreaner f\u00fcr durchaus schwer zu integrieren hielt: wegen der fremden Sprache, der andersartigen Esskulturen und sonstiger kultureller Gepflogenheiten, die dem Deutschen eher unbekannt vorkamen. F\u00fcr weitaus besser integrierbar hielt man die Anrainer der Mittelmeerstaaten, weshalb Anwerbeabkommen mit Italien, Spanien und der T\u00fcrkei abgeschlossen wurden.<\/p>\n<p><b>Ger\u00e4uschlose Integration <\/b><\/p>\n<p>Heute wissen wir, dass die Integration koreanischer Gastarbeiter nahezu ger\u00e4uschlos ablief. Nat\u00fcrlich wegen der geringeren Zahl. Aber das alleine w\u00e4re kaum ein hinreichender Grund. Vielmehr sticht ein anderes Kriterium ins Auge, das uns auch heute \u2013 zur Jahreswende \u2013 zu denken geben sollte.<\/p>\n<p>Und dieses Kriterium hei\u00dft Bildungsstand. In der Tat, 60 Prozent der eingewanderten Koreaner waren damals schon h\u00f6her gebildet, hatten eine Fachausbildung, Abitur oder gar ein Studium. Viele waren arbeitslose Akademiker, die im deutschen Steinkohlebergbau das Geld verdienten, mit dem sie sp\u00e4ter in S\u00fcdkorea ein eigenes Gesch\u00e4ft \u00f6ffnen wollten. Wie so oft, wurde daraus nichts, weil sie blieben, Familien gr\u00fcndeten und in Deutschland ihre neue Heimat fanden. Dieser Integrationserfolg ist bis heute sichtbar: Nach Sch\u00e4tzungen haben aktuell mehr als 70 Prozent der Koreast\u00e4mmigen in Deutschland Abitur oder einen noch h\u00f6heren Bildungsabschluss.<\/p>\n<p>Die Geschichte der koreanischen Einwanderer bietet zwei Schlussfolgerungen, die eine Integrationsdebatte zum Jahreswechsel 2013\/2014 weiterbringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Erstens, was als fremd oder weniger fremd wahrgenommen wird, ist nun mal alles andere als eine physikalische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit. Genauer: Was Dir heute fremd ist, mag morgen schon vertraut sein, und andersherum. Meist wird man danach nat\u00fcrlich immer schon alles gewusst haben. Da meinen die einen, Integration von Muslimen funktioniere sowieso nicht, weil der Islam und Demokratie unvereinbar seien. Und die anderen glauben, Korea und Deutschland k\u00f6nnten nie zueinander finden, weil man in dem einen Land Hund isst und in dem anderen damit Gassi geht.<\/p>\n<p>Und zweitens, solche Fehlschl\u00fcsse entstehen, weil die Integrationsdebatte zu oft kulturalistisch oder religi\u00f6s verbr\u00e4mt gef\u00fchrt wird, aber nur selten \u00f6konomisch. Dabei kann Integration eigentlich nur \u00f6konomisch funktionieren oder eben auch scheitern, je nachdem, ob und wie Einwanderer Eingang in die Arbeitsm\u00e4rkte finden. Da ja die Gastarbeiter per Definition schon einen Job hatten, war die \u00f6konomische Integration von Anfang an gegeben. Die Akkulturation, also das Hineinwachsen der Nachkommen in die deutsche Gesellschaft, stockte zwischenzeitlich allerdings bei manchen Gruppen und deren Nachfahren \u2013 und schuld daran war einzig und allein die Bildungsferne der Eltern.<\/p>\n<p>Das Beispiel Korea lehrt: It\u2019s education, stupid!<\/p>\n<p>Ein wenig klingt das wie eine Binsenweisheit. Dennoch lohnt es sich, diesen Satz nicht als eine solche abzutun. Denn unsere Integrationsdebatten kranken noch immer an dem mangelnden \u00f6konomischen Blick auf Einwanderung. Stattdessen beherrschen vornehmlich weiche Faktoren die Debatte, wie Fremdheit, Aussehen oder Religion. Geradezu grotesk erscheint die angebliche Trennlinie zwischen Muslimen und Christen, die sp\u00e4testens seit dem 11. September 2001 fein s\u00e4uberlich gezogen wird. Es spielt keine Rolle, welche Religion jemand hat, f\u00fchlt, aus\u00fcbt oder ignoriert. S\u00e4mtliche Studien zur Religiosit\u00e4t und auch zur Einstellung gegen\u00fcber Menschenrechten, Demokratie und Geschlechtergleichberechtigung zeigen, dass der Bildungsstand und die soziale Integration dar\u00fcber entscheiden, ob ein Mensch zu fundamentalistischen Positionen neigt oder nicht.<\/p>\n<p>Bei desintegrierten Menschen entscheidet daher oft der Zufall, ob sie in Neonazi- oder Salafisten-Kreisen landen. Beide \u2013 Nazis und Islamisten \u2013 haben oft \u00e4hnliche Lebensgeschichten hinter sich, \u00e4hnliche Einstellungen entwickelt und sind \u00e4hnlich anf\u00e4llig f\u00fcr Ideologien, die feste Regeln und Auswege aus ihrer Aussichtslosigkeit versprechen. H\u00fcben wie dr\u00fcben f\u00fchren einige wenige kl\u00fcgere und gebildetere (aber verirrte) K\u00f6pfe\u00a0 die Gruppen an, h\u00fcben wie dr\u00fcben l\u00e4uft das Fu\u00dfvolk nahezu blind hinterher.<\/p>\n<p><b>Die Kraft des Geldes<\/b><\/p>\n<p>Bildung hat viel mit \u00d6konomie zu tun. Wer berufsm\u00e4\u00dfig integriert hat, bietet seinen Kindern eine bessere Ausbildung, sorgt unbewusst und bewusst f\u00fcr ein besseres Bildungsumfeld und gibt die n\u00f6tige Mentalit\u00e4t mit auf den Weg. Deshalb sollten wir in Zukunft endlich weniger \u00fcber Religion sprechen, weniger Islamkonferenzen veranstalten und weniger \u00fcber angebliche kulturelle Andersartigkeiten schwadronieren. Letztlich, und das zeigen die Koreaner in Deutschland, hat Geld (und damit Bildung) die Kraft, kulturelle Andersartigkeiten in einem anderen, oft schw\u00e4cheren Licht erscheinen zu lassen. Es ist ja auch heute schon so, dass der iranische Chefarzt dem deutschen Anwalt n\u00e4her ist als dem iranischen Hilfsarbeiter. Gleiches Einkommen macht gleiche Schicht macht gleiche Bildung macht gleiche Ansichten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, es gibt ein historisches Interesse, sich in Deutschland und Europa \u00fcber Rassismus und Religion zu unterhalten \u2013 im Land der Religionskriege, der Reformation und der Shoa kein Wunder. Die Debatte um den Fachkr\u00e4ftemangel hat nun aber endlich einen neuen Aspekt nach Deutschland gebracht, der eigentlich schon zu Zeiten der Anwerbeabkommen eine nachhaltige Rolle h\u00e4tte spielen sollen: die \u00d6konomie. Lange Zeit war die Frage, welche Einwanderer Deutschland nutzen und welche nicht, verp\u00f6nt. Dadurch war die Mischung in Sachen Bildungsstand bei manchen Einwanderergruppen aus dem Lot geraten. Von den erfolgreichen Einwandererl\u00e4ndern wie Australien aber wissen wir, dass es sinnvoll ist, wenn der Durchschnitt von Abiturienten bei Einwanderern \u00e4hnlich hoch ist wie bei den alteingesessenen Bev\u00f6lkerungsanteilen \u2013 oder besser.<\/p>\n<p>Der neuen Bundesregierung kommt in besonderem Ma\u00dfe in 2014 die Aufgabe zu, weniger \u00fcber Religion als vielmehr \u00fcber die Bildung und die Jobchancen von Einwanderern zu sprechen. Akzeptanz von Muslimen zum Beispiel entsteht ja nicht durch immer neue Islamkonferenzen, sondern wenn der Muslim oder die Muslimin von nebenan vor allem als Ingenieur, Anw\u00e4ltin, Handwerker oder Grafikerin wahrgenommen wird \u2013 und damit als Gleiche unter Gleichen. Die Religion ist dann nur noch eine Privatsache neben tausend anderen Dingen. So wie das Christsein oder das Kimchiessen der Koreaner. Nat\u00fcrlich darf und muss Einwanderung deshalb nicht ausschlie\u00dflich, aber doch zu einem gro\u00dfen Anteil nach \u00f6konomischen Prinzipien organisiert werden \u2013 das Recht auf politisches Asyl bleibt davon nat\u00fcrlich unangetastet. Dann gelingt Einwanderung so wie bei den Koreanern. Kanada hat mit einem Punktesystem, das \u00fcber ein bestimmtes Kontingent an Zuwanderung bestimmt, gute Erfahrungen gemacht. Zumal es sich justieren l\u00e4sst, je nach den Bed\u00fcrfnissen des Einwanderungslandes Deutschland.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne &#8222;MyGration&#8220; beim &#8222;Opinion Club&#8220; (erschienen am 8.1.2014) &nbsp; Von Martin Benninghoff Nahezu unbemerkt ist das deutsch-koreanische Anwerbeabkommen im Dezember 50 Jahre alt geworden. 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