{"id":1195,"date":"2014-02-05T18:47:00","date_gmt":"2014-02-05T16:47:00","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1195"},"modified":"2014-02-05T18:47:00","modified_gmt":"2014-02-05T16:47:00","slug":"schluss-mit-den-identitaetsdebatten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1195","title":{"rendered":"Schluss mit den Identit\u00e4tsdebatten"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Feiertage f\u00fcr Muslime? Islamische Seelsorger f\u00fcr die Bundeswehr? Islamische Krankenh\u00e4user oder Friedh\u00f6fe? Dar\u00fcber zu reden, ist doch noch kein Islamismus. Oder?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>(erschienen am 5. Februar 2014 beim<em><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/02\/schluss-mit-den-identitaetsdebatten\/\"> &#8222;Opinion Club<\/a>&#8222;)<\/em><\/p>\n<p>Von Martin Benninghoff<\/p>\n<p>Wer beim \u201eSpiegel\u201c nicht (mehr) unterkommt, geht zur \u201eWelt\u201c? Stimmt das?<\/p>\n<p>K\u00f6nnte man meinen, wenn man sich die V\u00f6lkerwanderung von Autoren und Journalisten in Richtung des Springer-Blatts anschaut \u2013 Henryk M. Broder, dann die Neuzug\u00e4nge Matthias Matussek und Stefan Aust. Und nun auch noch die Schriftstellerin Monika Maron, die ihren Text \u201eIm Namen der f\u00fcnf Prozent?\u201c eigentlich schon dem \u201eSpiegel\u201c vermacht hatte, der ihn aber in letzter Sekunde wieder aus dem Blatt nahm. Angeblich, weil dieser zu \u201esarrazinm\u00e4\u00dfig\u201c gewesen sei, mutma\u00dft \u201eWelt\u201c-Vizechefredakteurin Andrea Seibel, die den Meinungsartikel gleich in die \u201eWelt am Sonntag\u201c setzte.<\/p>\n<p>Ich mutma\u00dfe da ganz anders: \u201eSpiegel\u201c-Chefredakteur Wolfgang B\u00fcchner hat den Text aus dem Heft genommen, weil er diesen einfach f\u00fcr zu schlecht hielt. K\u00f6nnte doch sein.<\/p>\n<p>Maron provoziert mit ihrem Meinungsst\u00fcck: Sinngem\u00e4\u00df sagt sie, dass die muslimischen und vor allem t\u00fcrkischen Einwanderer und ihre Interessenverb\u00e4nde zu lautstark seien, ja geradezu frech in ihren Forderungen nach einem muslimischen Feiertag, islamischen Seelsorgern in Bundeswehr und Gef\u00e4ngnissen, nach Krankenh\u00e4usern, Friedh\u00f6fen und \u2013 \u00fcberhaupt \u2013 dem ganzen Geschw\u00e4tz von einer Willkommenskultur.<\/p>\n<p>Maron schreibt: \u201eIch frage mich schon lange, wie die muslimischen Verb\u00e4nde es anstellen, dass ihre absurdesten Forderungen die ganze Republik regelm\u00e4\u00dfig in Aufruhr versetzen, sodass man den Eindruck haben k\u00f6nnte, wir lebten tats\u00e4chlich schon in einem halbislamischen Staat, dessen s\u00e4kulare Verfassung unter den religi\u00f6sen Forderungen der Muslime nach und nach begraben werden soll.\u201c<\/p>\n<p>Ein beeindruckendes Zitat, das die ganze Wirrnis dieser Schriftstellerin aufzeigt.<\/p>\n<p>Und w\u00e4re es nur diese eine Frau, so m\u00fcsste man gro\u00dfz\u00fcgig den Mantel des Schweigens dar\u00fcberlegen. Andererseits, der Besuch des t\u00fcrkischen Premiers Erdogan in Berlin diese Woche und die kritischen Berichte, die zuletzt \u00fcber die G\u00fclen-Bewegung und ihre Schulen in Deutschland publiziert worden sind \u2013 sind das nicht alles Zeichen, dass Maron im Grunde recht hat? Dass Deutschland auf dem Weg hin zu einem \u201ehalbislamischen Staat\u201c ist?<\/p>\n<p>Klar ist: Erdogans durchsichtige Wahlkampftour zielt auf die zwei bis drei Millionen t\u00fcrkischen Staatsb\u00fcrger, die in Deutschland leben, und deren Stimmen er sich f\u00fcr die kommende Pr\u00e4sidentschaftswahl sichern m\u00f6chte. Dass Erdogan tats\u00e4chlich immer noch Wahlkampfmunition bei den in Deutschland lebenden T\u00fcrken hat, ist leider ein Faktum, hat aber auch viel mit Loyalit\u00e4tsdebatten zu tun, die Publizisten wie Maron permanent vom Zaun brechen.<\/p>\n<p>Dabei sieht die Realit\u00e4t doch heute so aus: Von den 80,5 Millionen Einwohnern in Deutschland in 2012 hatten 16,3 Millionen Personen einen Migrationshintergrund. Allein gegen\u00fcber 2005 ist deren Zahl um 1,3 Millionen oder 8,5 Prozent angestiegen. Sie sind Beamte und arbeiten in \u00f6ffentlichen Einrichtungen, sitzen als Moderatoren im Fernsehen oder unterrichten als Lehrer in Schulen.<\/p>\n<p>Mehr als die H\u00e4lfte der Menschen mit Migrationshintergrund hat die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit. Sie w\u00e4hlen und werden gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Alles zusammengenommen: Normalit\u00e4t eben. Diese Normalit\u00e4t ist das, was Deutschland ausmacht. Nur logisch also, dass diese Normalit\u00e4t das \u201eDeutsche\u201c heute ausmacht.<\/p>\n<p>Was will uns Frau Maron also sagen, wenn sie Forderungen von Einwanderern als irgendwie ungeh\u00f6rig und frech brandmarkt? Forderungen wie islamische Seelsorger in der Bundeswehr: Dar\u00fcber reden, auch \u00f6ffentlich, muss in einer demokratischen Zivilgesellschaft mit allerlei (klugen und verbl\u00f6deten) Akteuren doch erlaubt sein, oder?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist so manche Forderung eines muslimischen Verbandes bl\u00f6dsinnig. Wie eben auch so manche Forderung eines x-beliebigen anderen Verbandes. Da kann man sich gegen wenden, kritische Leserbriefe schreiben oder auch erboste Meinungskommentare. Majest\u00e4tsbeleidigung aber sind solche Einlassungen nicht.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, auch die Forderung vieler Einwanderer nach der Einf\u00fchrung einer doppelten Staatsb\u00fcrgerschaft f\u00fcr Migranten aus Nicht-EU-L\u00e4ndern ist kein Angriff auf die verfassungsm\u00e4\u00dfige Grundordnung der Deutschen, sondern schlichtweg ein ernsthafter Wunsch von Menschen mit einer bestimmten Lebensrealit\u00e4t, n\u00e4mlich zwei Heimatorten.<\/p>\n<p>Ich habe die Hoffnung, dass wir in diesem Jahrzehnt derlei Loyalit\u00e4tsdebatten \u00fcberwinden und Agitatoren wie Monika Maron oder auch Thilo Sarrazin vergessen k\u00f6nnen. Stattdessen k\u00f6nnten wir uns alle gemeinsam \u2013 Einwanderer und Nicht-Einwanderer \u2013 den wirklichen Problemf\u00e4llen zuwenden. Salafistischen Jugendlichen zum Beispiel, die in den syrischen B\u00fcrgerkrieg reisen, um ihrem Leben (oder ihrem Tod) einen Sinn zu geben. Oder genauer hinschauen, wenn Organisationen wie die islamistische G\u00fclen-Bewegung hierzulande f\u00fcr ihre Ideologie in Schulen missioniert. Dar\u00fcber wurde n\u00e4mlich zu lange geschwiegen.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Hamburg und Berlin, ist Co-Autor des Buches \u201eAufstand der Kopftuchm\u00e4dchen\u201c, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa besch\u00e4ftigt, und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c (ARD). Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feiertage f\u00fcr Muslime? Islamische Seelsorger f\u00fcr die Bundeswehr? Islamische Krankenh\u00e4user oder Friedh\u00f6fe? Dar\u00fcber zu reden, ist doch noch kein Islamismus. Oder? (erschienen am 5. 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