{"id":1204,"date":"2014-03-10T12:49:36","date_gmt":"2014-03-10T10:49:36","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1204"},"modified":"2014-03-10T12:50:38","modified_gmt":"2014-03-10T10:50:38","slug":"pro-doppelpass","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1204","title":{"rendered":"Pro Doppelpass!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Neueste Kolumne bei &#8222;Opinion Club&#8220; (05.03.2014)<\/strong><\/p>\n<p><i>Die Debatte um den doppelten Pass ist an Engherzigkeit kaum zu \u00fcberbieten. Dabei w\u00e4re jetzt die Chance, etwas souver\u00e4ner der oft geforderten Willkommenskultur Substanz zu verleihen <\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Martin Benninghoff<\/p>\n<p>Wer sein Image aufpolieren m\u00f6chte, sollte sich ab und an gro\u00dfz\u00fcgig zeigen. Nicht zu gener\u00f6s, das k\u00f6nnte auch etwas gro\u00dfkotzig wirken. Aber wer gelegentlich spendabel statt nur sparsam auf seine Mitmenschen zugeht, erntet Anerkennung und Zuwendung. Wie der Junge, der dem M\u00e4dchen etwas von seinen liebgewonnen Gummib\u00e4rchen abgibt, und der sich der (positiven) Erinnerung des zur Frau gewordenen M\u00e4dchens noch Jahre sp\u00e4ter sicher sein kann. Der Gro\u00dfz\u00fcgige wirkt langfristig anziehend, aber schon kurzfristig stellt sich das Bild von gro\u00dfer Souver\u00e4nit\u00e4t beim Betrachter ein: Der Gro\u00dfz\u00fcgige, das scheint ein Mensch zu sein, der in sich ruht.<\/p>\n<p>Deutschland h\u00e4tte allen Grund, gro\u00dfz\u00fcgig zu sein. Das Land ist \u2013 nach allem was wir heute wissen \u2013 gut durch die Krise gekommen. Das politische System ist trotz radikaler Kr\u00e4fte an den R\u00e4ndern im Mittelbau sehr stabil. Und es hat grandiose Integrationsleistungen vollbracht, wenn auch gelegentlich mit viel Reibung und \u00c4chzen im Geb\u00e4lk: angefangen von den Weltkriegsfl\u00fcchtlingen aus den verlorenen Ostgebieten \u00fcber die ersten Gastarbeitergruppen und Russlanddeutschen bis hin zur gigantischen Integrationsleistung, die beide deutsche Staaten in den Jahren nach ihrer Wiedervereinigung geschafft haben.<\/p>\n<p>Und doch zeigt sich dieser an sich so souver\u00e4ne Staat furchtbar unsouver\u00e4n bei der Einb\u00fcrgerung seiner jungen Einwanderernachkommen. Der aktuelle Streit zwischen der Union und Rot und Rot-Gr\u00fcn \u2013 und, wie zu erwarten war, auch zwischen der SPD und der SPD \u2013 offenbart, dass der Begriff \u201eWillkommenskultur\u201c, den jeder Landrat mittlerweile m\u00fchelos im Mund f\u00fchrt, eine leere Formel ist. Zumindest dann, wenn nicht bald eine leichte und unb\u00fcrokratische Methode gefunden ist, wie man den in Deutschland geborenen Kindern ausl\u00e4ndischer Eltern den doppelten Pass geben kann, ohne viel Aufhebens und politischen Streit zu provozieren.<\/p>\n<p>Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD vereinbart, die doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft nur ausl\u00e4ndischen Kindern zu gew\u00e4hren, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Das ist okay im Grundsatz. Baden-W\u00fcrttemberg, Rheinland-Pfalz\u00a0 und Schleswig-Holstein wollen \u00fcber eine Bundesratsinitiative erreichen, dass alle in Deutschland geborenen Kinder ausl\u00e4ndischer Eltern den doppelten Pass bekommen, selbst wenn sie nicht hierzulande gro\u00df geworden sind. Die Initiative sehen andere SPD-regierte L\u00e4nder \u00fcbrigens kritisch, durchaus zu recht. Es ist schon vern\u00fcnftig, dass das Staatsb\u00fcrgerrecht bestimmte Grenzen kennt. Eine Grenze kann sein, dass Kinder tats\u00e4chlich einige Zeit auch in Deutschland gelebt haben, bevor sie den doppelten Pass erhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nur, darum geht es letztlich \u00fcberhaupt nicht. Einwanderer verstehen Grenzen, die der Staat setzt. Aber der politische Streit darum ist unw\u00fcrdig und offenbart den Kleingeist deutscher Integrationspolitik. Bundesinnenminister Thomas de Maizi\u00e8re (CDU) zum Beispiel sagt, er sei offen f\u00fcr Vorschl\u00e4ge, wie das Kriterium, \u201ewann jemand in Deutschland aufgewachsen ist\u201c, m\u00f6glichst ohne B\u00fcrokratie gepr\u00fcft werden soll. Ein Schulabschluss als Nachweis k\u00f6nnte reichen.<\/p>\n<p>Gut. Aber reicht das, die B\u00fcrokratie kleinzuhalten zu wollen? Reicht das, ein Signal der eigenen Arbeitsvermeidung zu setzen? W\u00e4re es nicht besser, mal offen zu sagen, dass die Bundesregierung in einer doppelten Staatsb\u00fcrgerschaft eben keinen Loyalit\u00e4tskonflikt zwischen einer ersten und einer zweiten Heimat mehr sieht? Dass es eben m\u00f6glich und vor allem die Realit\u00e4t tausender junger Einwanderer\u00a0 ist, zwei Identit\u00e4ten zusammenzubringen zu einer? Willkommen in 2014.<\/p>\n<p>Das sollte m\u00f6glich sein. Ein sch\u00f6nes Signal w\u00e4re es allemal, wenn sich die Bundesregierung in diesem Punkt zusammenraufen und auf die Einwandererkinder zugehen w\u00fcrde: Den doppelten Pass bekommt jeder, der in Deutschland geboren wurde und eine bestimmte Zeit auch hier gelebt hat. Punkt. Die Grenzen sollten wir dabei nicht zu hoch setzen. Punkt. Wir freuen uns, dass das so reibungslos klappt. Punkt. Und wir wissen, dass Ihr Euch als Teil Deutschlands f\u00fchlt, auch wenn Ihr den anderen Pass nicht abgeben wollt, um Eure Bindung an die Heimat Eurer Eltern und Gro\u00dfeltern nicht zu verlieren. Punkt. Wir vermuten dahinter bestimmt keine mangelnde Bindung an Deutschland. Punkt. Der Ton macht eben die Musik.<\/p>\n<p>Die Parteitaktiker aber verhindern einen gro\u00dfz\u00fcgigen Umgang mit den f\u00fcr Deutschland wichtigen Einwandererkindern: Die SPD hatte im Wahlkampf ihrer Klientel versprochen, die doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft einzuf\u00fchren. Der Formelkompromiss im Koalitionsvertrag konnte nachher kein Sozialdemokrat \u00a0als Erfolg oder gar Umsetzung des Wahlversprechens verkaufen. Deshalb nun der L\u00e4ndervorsto\u00df, um das missgl\u00fcckte Man\u00f6ver nachtr\u00e4glich zu retten. Und die Union ringt hart mit den Rechtsau\u00dfentendenzen an den R\u00e4ndern ihres Wahlvolks, die bei der Europawahl ihre Stimmen der AfD oder irgendwelchen anderen Rechtsparteien geben k\u00f6nnten. Da wird die doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft zum Politikum, obwohl sie dazu gar nicht taugt. Ein souver\u00e4nes Land sollte es eigentlich nicht n\u00f6tig haben, Loyalit\u00e4tsbekundungen seiner Einwandererkinder zu verlangen. Ein souver\u00e4nes Land sollte sich auch souver\u00e4n zeigen. Das w\u00e4re eine gelebte Willkommenskultur.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff, <\/strong><em>Journalist in Hamburg und Berlin, ist Co-Autor des Buches \u201eAufstand der Kopftuchm\u00e4dchen\u201c, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa besch\u00e4ftigt, und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c (ARD). Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neueste Kolumne bei &#8222;Opinion Club&#8220; (05.03.2014) Die Debatte um den doppelten Pass ist an Engherzigkeit kaum zu \u00fcberbieten. Dabei w\u00e4re jetzt die Chance, etwas souver\u00e4ner der oft geforderten Willkommenskultur Substanz zu verleihen &nbsp; Von Martin Benninghoff Wer sein Image aufpolieren&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1204\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Pro Doppelpass!<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,11,1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1204"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1204"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1204\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1208,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1204\/revisions\/1208"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1204"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1204"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1204"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}