{"id":1210,"date":"2014-03-19T20:32:04","date_gmt":"2014-03-19T18:32:04","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1210"},"modified":"2014-03-19T20:32:04","modified_gmt":"2014-03-19T18:32:04","slug":"lob-des-minderwertigkeitskomplexes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1210","title":{"rendered":"Lob des Minderwertigkeitskomplexes"},"content":{"rendered":"<p>Erschienen bei <a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/03\/lob-des-minderwertigkeitskomplexes\/\">&#8222;Opinion Club&#8220;<\/a> am 19.03.2014<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Einwanderer erleben ihre Situation oft als dem\u00fctigend. Diejenigen, die nicht zu sehr an den Staat glauben, k\u00f6nnen daraus einen starken konstruktiven Antrieb entwickeln: den Willen zum Aufstieg<\/em><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Grunde genommen muss man Wladimir Putin danken. Zeigt er doch in diesen Tagen, welche Kraft \u2013 zerst\u00f6rerisch und sch\u00f6pferisch \u2013 der gute alte Minderwertigkeitskomplex hat.<\/p>\n<p>Im Falle Russlands gr\u00fcndet sich der Minderwertigkeitskomplex des Pr\u00e4sidenten und sicherlich vieler seiner Landsleute im Verlust der Gro\u00dfmachtrolle nach dem Zerfall der Sowjetunion. Der nagte und nagt an der angeblichen Volksseele, und so wird eine Geschichte, die immer wieder erz\u00e4hlt wird, zur selbsterf\u00fcllenden Prophezeiung: die Geschichte vom gro\u00dfen Russland, das im Systemkampf mit dem Westen verloren hat und danach klein gehalten wird. Klein gehalten durch die Nato-Osterweiterung. Klein gehalten durch ein EU-Assoziierungsabkommen mit dem Nachbarn. Klein gehalten durch kleinliche Kritik an angeblich undemokratischen Verh\u00e4ltnissen im Riesenreich.<\/p>\n<p>Es ist der Stoff, aus dem die ersten Kapitel vom Untergang und anschlie\u00dfenden Wiederaufstieg geschrieben sind. Was der gef\u00fchlten Erniedrigung folgt, ist der Aufstieg gegen Widerst\u00e4nde, das Starkwerden aus einer Position der Schw\u00e4che.<\/p>\n<p>Wenn man sich einmal frei macht von der normativen Bewertung dieses Verhaltens aus westlicher Sicht, dann ist der vermeintliche Nachteil \u2013 dieser greifbare Minderwertigkeitskomplex \u2013 extrem produktiv. Er treibt den Tr\u00e4ger an, setzt Energien frei, l\u00e4sst Motivation in Handlung ausbrechen. Und ist niemals nur negativ oder nur positiv.<\/p>\n<p>Der Minderwertigkeitskomplex kann schlimm sein, wenn er \u2013 wie bei Russlands Putin \u2013 auf die Interessen der ukrainischen pro-westlichen Bev\u00f6lkerung keinerlei R\u00fccksicht nimmt. Er kann schlimm sein, wenn er sich in d\u00e4mlicher Kriegsbegeisterung Bahn bricht, wie in Teilen der deutschen Bev\u00f6lkerung im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges, als ein Versailler Vertrag angeblich kollektiv als bittere Niederlage empfunden wurde. Und propagandistisch einiges Material bot f\u00fcr Typen wie Hitler, die Wiedergutmachung versprachen.<\/p>\n<p>Aber es gibt es auch positive Folgen eines an sich bedauerlichen Minderwertigkeitskomplexes. Zum Beispiel beim sozialen Aufstieg der Generation Gerhard Schr\u00f6der, die aus \u00e4rmlichen Nachkriegsverh\u00e4ltnissen aufstieg, diese Geschichte sp\u00e4ter jedem erz\u00e4hlte (ob man wollte oder nicht) und als Mahnung und Antrieb f\u00fcr den eigenen Ehrgeiz instrumentalisierte. Wer altgediente Sozialdemokraten reden h\u00f6rt, der lauscht Geschichten von schwierigen Starts ins Leben, vaterlosen Familien und dem zweiten Bildungsweg. Geschichten, die letztlich in den Erfolg m\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Was aber so mancher Sozialdemokrat vergisst zu erw\u00e4hnen, ist die Tatsache, dass dies nicht nur der kostenfreie Zugang zur Schule oder zur Uni m\u00f6glich gemacht hat \u2013 das sicher auch. Sondern ein unb\u00e4ndiger Wille, es selbst zu schaffen, weil einem keiner hilft oder helfen kann. Die Hilfe des Staates war f\u00fcr diese Menschen oft unerreichbar. F\u00fcr Kinder und Jugendliche ist das, was Sozialpolitiker mangelnde gesellschaftliche Teilhabe nennen, eine Kr\u00e4nkung, die umgedeutet wurde: Der Minderwertigkeitskomplex wird zum Antrieb, der einen das ganze Leben erhalten bleibt, selbst wenn man l\u00e4ngst zu Geld und Ruhm gekommen ist.<\/p>\n<p>Wenn man mit beruflich erfolgreichen Migranten spricht, dann begegnen einem genau diese Erz\u00e4hlstr\u00e4nge wieder: Da wird erz\u00e4hlt von erlebten absch\u00e4tzenden \u00c4u\u00dferungen, die einem in der Kindheit deutlich machen, wo man im Vergleich zu den urdeutschen Kindern in der sozialen Rangordnung steht: ganz unten. Und da wird erz\u00e4hlt von dem Satz, der Migrantenkinder der zweiten Generation und teils der dritten und vierten Generation von ihren Eltern eingeimpft worden ist: \u201eDu sollst es einmal besser haben als wir.\u201c Ein Satz, der zu H\u00e4rte gegen sich selbst f\u00fchrt. Erfolg wird dabei nicht zur Ego-, sondern zur Schuldfrage den Eltern gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stellt sich die Frage, warum dann erlittene Minderwertigkeitsgef\u00fchle nicht automatisch zu gro\u00dfartigen Leistungen f\u00fchren. Erstens, diese Frage ist problematisch, weil man aus ihr schlie\u00dfen k\u00f6nnte, Kr\u00e4nkungen und Dem\u00fctigungen seien eine gute Sache, die deshalb vors\u00e4tzlich zugef\u00fcgt werden sollten \u2013 sozusagen als Dosis Gift, um den Heilungsprozess anzusto\u00dfen. Eine fatale Vorstellung.<\/p>\n<p>Zweitens, tats\u00e4chlich fallen Unterschiede etwa bei den Bildungserfolgen von bestimmten Migrantengruppen auf. Mehrere Studien zeigen, dass Migranten, die aus Vietnam stammen, \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig Abitur machen in Deutschland (\u00fcberdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Einwanderern, aber auch zu Deutschen). Bei anderen Gruppen \u2013 etwa italienischst\u00e4mmigen oder t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Menschen \u2013 sind die Quoten schlechter, auch wenn sie sich seit Jahren verbessern.<\/p>\n<p>Woran liegt das? An der Migrationssituation selbst kann es ja nicht liegen, zumal sich die Geschichten da \u00e4hneln. An diesem Punkt entstehen die kulturalistischen und rassistischen Diskussionen, die so falsch sind, dass man sie lieber heute als morgen abschaffen sollte. Wahlweise wird Religion oder eine irgendwie behauptete \u201ekulturelle Pr\u00e4gung\u201c als Grund f\u00fcr die verschiedenen Bildungserfolge angef\u00fchrt. Daraus werden dann Geschichten von kultureller \u00dcberlegenheit beziehungsweise Unterlegenheit gesponnen. Die vermeintliche Kultur wird so zum festen Korsett, das unab\u00e4nderlich die Luft wegschn\u00fcrt.<\/p>\n<p>Es gibt plausiblere Erkl\u00e4rungen, zum Beispiel die eines M\u00fcnsteraner Politikwissenschaftlers: Aladin El-Mafaalani stellt fest, dass sowohl vietnamesische als auch t\u00fcrkischst\u00e4mmige Eltern dieselben hohen Erwartungen an die Schulleistungen ihrer Kinder haben. Der Unterschied aber liege darin, dass die Vietnamesen eher der Auffassung seien, die Leistungen der Spr\u00f6sslinge seien Sache des pers\u00f6nlichen Flei\u00dfes. Bei den T\u00fcrkischst\u00e4mmigen hingegen glaubten die Eltern, Leistung werde durch die Lehrer, die Schule und das Bildungssystem bei ihren Kindern abgerufen. Dazu passend ist das \u00fcberdurchschnittliche Vertrauen, das laut Umfragen t\u00fcrkische Einwanderer in die staatlichen Institutionen setzen. Die meisten Bildungsdebatten blasen ins gleiche Horn: In der Regel sind sie Systemdebatten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die reale Integrationspolitik bedeutet diese Erkenntnis: N\u00f6tig w\u00e4re ein Paradigmenwechsel weg vom versorgenden Staat hin zum unterst\u00fctzenden Staat. Konkret: Die Integrationspolitik der Zukunft sollte sich vor allem darum k\u00fcmmern, die f\u00fcr Einwanderer bestehenden H\u00fcrden abzubauen. Integrations- und Sprachkurse k\u00f6nnen f\u00fcr Neuank\u00f6mmlinge sinnvoll sein, aber viel mehr als Sprach- und Orientierungshilfen braucht es nicht. Danach z\u00e4hlen Eigenverantwortung und Eigenantrieb, aus der anf\u00e4nglich oft als schwer empfundenen Anfangssituation von Einwanderern in Deutschland herauszukommen.<\/p>\n<p>Der Minderwertigkeitskomplex der Migranten kann Positives bewirken, wenn Einwanderer f\u00fcr sich die richtigen Schl\u00fcsse ziehen, sich selbst und ihre F\u00e4higkeiten wichtiger als die staatliche Hilfe nehmen, und wenn die alteingesessene Mehrheitsgesellschaft von ihren Diskriminierungen und \u00fcbellaunigen Abwehrreflexen gegen Einwanderer abl\u00e4sst. Der Antrieb, es einmal besser haben zu wollen, liegt ja in der Migrationssituation begr\u00fcndet.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff, <\/strong><em>Journalist und Redakteur von \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c in Berlin, ist Co-Autor des Buches \u201eAufstand der Kopftuchm\u00e4dchen\u201c, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa besch\u00e4ftigt. Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen bei &#8222;Opinion Club&#8220; am 19.03.2014 &nbsp; Einwanderer erleben ihre Situation oft als dem\u00fctigend. 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