{"id":1221,"date":"2014-04-30T19:09:39","date_gmt":"2014-04-30T17:09:39","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1221"},"modified":"2014-04-30T19:09:39","modified_gmt":"2014-04-30T17:09:39","slug":"ins-schaufenster-statt-unter-den-ladentisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1221","title":{"rendered":"Ins Schaufenster statt unter den Ladentisch"},"content":{"rendered":"<p>Kolumne<a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/04\/ins-schaufenster-statt-unter-den-ladentisch\/\"> &#8222;Opinion Club&#8220;<\/a> (erschienen am 20.04.2014)<\/p>\n<p><em><strong>Der Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr Integration bescheinigt Deutschland erhebliche Fortschritte beim Zusammenleben von Einwanderern und Alteingesessenen. Wetten, dass diese Erkenntnis kaum \u00f6ffentlich wahrgenommen wird?<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Die beste Nachricht vorweg: Deutschland hat sich in den letzten Jahren tats\u00e4chlich zu einem modernen Einwanderungsland entwickelt. Die gesetzlichen Zuzugsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Fachkr\u00e4fte und Hochqualifizierte sind seit 2012 sehr weit gelockert worden, sogar so weit, dass Deutschlands Regelungen zu den liberalsten \u00fcberhaupt in Europa geh\u00f6ren. Wer sich also an die geschlagenen Schlachten um das Wort \u201eEinwanderungsland\u201c erinnert, der reibt sich verwundert die Augen: War da was? Kann irgendjemand k\u00fcnftig noch behaupten, \u201edie versp\u00e4tete Nation\u201c Deutschland k\u00f6nne sich kaum derart schnell und rabiat wandeln? Jedenfalls waren die letzten zehn Jahre in dieser Beziehung eine Art Crashkurs der Deutschen in Sachen Modernisierung.<\/p>\n<p>Das sagt \u00fcbrigens nicht nur ein einsamer Kolumnist, sondern der Sachverst\u00e4ndigenrat deutscher Stiftungen f\u00fcr Integration und Migration (SVR) in seinem neuen Jahresgutachten, das gestern in Berlin vorgestellt wurde. Dahinter stehen renommierte Forscherinnen und Forscher, die \u00fcber jede Menge Expertise verf\u00fcgen, leider aber nur selten \u00fcber die F\u00e4higkeit oder den Willen, ihre Analysen \u00f6ffentlichkeitswirksam und \u2013 wenn es sein muss \u2013 laut in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen. Stattdessen werden verantwortliche Politiker meist von skandalisierenden Autoren und ihren Debatten durch den medialen Fleischwolf gedreht, bis sich keiner mehr von ihnen in die \u00d6ffentlichkeit traut. Ein Problem, das sich nun auch in den Befunden des Sachverst\u00e4ndigenrats klar widerspiegelt.<\/p>\n<p>Da ist zu einem das Manko, dass es mehr oder minder kein Politiker wagt, Zuwanderung als Ganzes zu begreifen. Der SVR beklagt \u2013 gewohnt h\u00f6lzern -, es fehle \u201eein Dialog \u00fcber eine zuwanderungspolitische Gesamtstrategie\u201c. Gemeint ist schlichtweg: Man kann nicht nur \u00fcber Fachkr\u00e4ftezuwanderung sprechen, sondern muss nat\u00fcrlich auch Migration aus Armutsgr\u00fcnden, Flucht oder Familiennachzug mitdenken und \u2013 ja klar \u2013 mitregeln. Alles aus einem Guss sozusagen. Das aber trauen sich nur die wenigsten: W\u00e4hrend es in Deutschland mittlerweile en vogue ist, Zuzug Hochqualifizierter irgendwie gut zu finden, l\u00e4sst sich kein Wahlkampf der Welt mit der Forderung gewinnen, legale Zugangsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge nach bestimmten Kriterien zuzulassen. Im Europawahlkampf wird das Thema Fl\u00fcchtlingspolitik gescheut wie Pest und Cholera.<\/p>\n<p>Mit enormer Signalwirkung f\u00fcr den gesamten Politik- und Staatsbetrieb: Das \u201ehei\u00dfe Eisen\u201c Integration ist sogar noch in den deutschen Botschaften und Konsulaten im Ausland so hei\u00df, dass es offenbar keiner so recht anfassen mag. \u201eDie bemerkenswerten Neuerungen in der Migrationspolitik sind im Ausland noch viel zu wenig bekannt\u201c, sagt v\u00f6llig richtig die SVR-Vorsitzende Christine Langenfeld, und sie legt nach: \u201eDie Regelungen geh\u00f6ren nicht unter den Ladentisch, sondern endlich in das Schaufenster des Landes.\u201c Adressaten dieser Forderung sind die Botschaften und Konsulate, die sich offenbar schwer tun, Deutschland als Einwanderungsland nach au\u00dfen \u201ezu verkaufen\u201c.<\/p>\n<p>Was ja durchaus verst\u00e4ndlich ist: Wer stellt schon Schwerverk\u00e4ufliches ins Schaufenster?<\/p>\n<p>Es bleibt also nichts anderes \u00fcbrig, als das Produkt \u201eEinwanderungsland Deutschland\u201c endlich zum Kassenschlager zu machen. Und wenn wir einmal in der Marketing-Analogie bleiben, dann geht das nur mit schonungsloser Produktkritik und Markttests, um das Konsumverhalten der k\u00fcnftigen K\u00e4ufer zu ergr\u00fcnden. K\u00e4ufer haben ein enormes Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wann ihnen die Werbung nur etwas vorgaukelt, und wann das Produkt in der Au\u00dfendarstellung \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Es ist also keinem geholfen, zu behaupten, dass alles rosig und hervorragend ist im Sektor der Integrationspolitik. Das ist nicht glaubhaft, weil Integrationsprozesse immer Probleme und Reibung bereiten \u2013 seit Tausenden von Jahren.<\/p>\n<p>Fakt ist zum Beispiel, dass sich die Schulerfolge von Kindern- und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zwar stetig verbessern, sie aber noch immer nicht auf Durchschnittslevel sind. Fakt ist auch, dass bestimmte Brennpunktst\u00e4dte in Deutschland, Duisburg etwa, massive Probleme mit jugendlichen Dieben und Schl\u00e4gern aus Migranten-Communities haben. Das zuzugeben und gleichzeitig dagegen vorzugehen, ohne die gro\u00dfen Integrationserfolge kleinzureden, ist die schwierigste Aufgabe f\u00fcr Politiker.<\/p>\n<p>Wie dieser Ritt auf der Rasierklinge geht, zeigt in diesen Tagen der nordrhein-westf\u00e4lische Innenminister Ralf J\u00e4ger: Sein Ministerium hat die Initiative \u201eklarkommen!\u201c an den Start gebracht, ein Baustein im Kampf gegen kriminelle Jugendliche mit Migrationshintergrund. Dabei geht es schlichtweg darum, kriminelle Jugendliche in Brennpunkten wieder auf die richtige Spur zu bringen. Und zwar nicht mit Wehklagen und pauschalen Anschuldigungen, sondern mit Sozialarbeit und Streetworkern, um Spannungen zwischen Zuwanderern und alteingesessener Bev\u00f6lkerung gleich schon im Keim zu ersticken. Am Anfang steht freilich die sachliche Erkenntnis: \u201eDie Initiative begegnet dem Problem, dass in einigen St\u00e4dten Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund vermehrt Straftaten begehen\u201c, so J\u00e4ger, und dies d\u00fcrfe nicht ausgeblendet werden.<\/p>\n<p>Genau, darum geht es! Nichts Problematisches ausblenden. Aber auch nichts Gutes verschweigen. Offen zu den gewaltigen Integrationsleistungen stehen, die Deutschland nach 1945 und 1990 auch im Bereich der Arbeitszuwanderung im Gro\u00dfen und Ganzen gut gemeistert hat. Und gerne im Ausland daf\u00fcr werben. Und im Inland dar\u00fcber schreiben: Welchen Platz r\u00e4umen deutsche Zeitungen und Sender dem unter dem Strich guten Zeugnis ein, das der Sachverst\u00e4ndigenrat der deutschen Integration von Ausl\u00e4ndern ausstellt? Schauen Sie heute doch einfach selbst nach. Aber ich vermute: Wahrscheinlich gibt es daf\u00fcr weit weniger Raum als f\u00fcr angeblichen \u201eIslam-Rabatt\u201c in deutschen Gerichten oder andere Aufregerthemen.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist und Redakteur von \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c in Berlin, ist Co-Autor des Buches \u201eAufstand der Kopftuchm\u00e4dchen\u201c, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa besch\u00e4ftigt. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne &#8222;Opinion Club&#8220; (erschienen am 20.04.2014) Der Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr Integration bescheinigt Deutschland erhebliche Fortschritte beim Zusammenleben von Einwanderern und Alteingesessenen. Wetten, dass diese Erkenntnis kaum \u00f6ffentlich wahrgenommen wird? 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