{"id":1227,"date":"2014-05-29T15:56:13","date_gmt":"2014-05-29T13:56:13","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1227"},"modified":"2014-05-29T15:56:13","modified_gmt":"2014-05-29T13:56:13","slug":"unnoetige-haeme","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1227","title":{"rendered":"Unn\u00f6tige H\u00e4me"},"content":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER beim &#8222;Opinion Club&#8220; (28.05.2014)<\/p>\n<p><strong><em>Die H\u00e4me gegen \u201cZeit\u201d-Chefredakteur zeigt: Doppelstaatlern wird noch immer mit Argwohn begegnet, nicht zuletzt von der Politik. Das muss sich \u00e4ndern<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Okay, Giovanni di Lorenzo hat einen bl\u00f6den Fehler begangen. Der Chefredakteur der \u201cZeit\u201d hat am vergangenen Sonntag bei der Europawahl zwei Mal gew\u00e4hlt, obwohl er das \u2013 trotz seiner deutsch-italienischen Doppelstaatsb\u00fcrgerschaft \u2013 nicht gedurft h\u00e4tte. Ein Fauxpas, zugegebenerma\u00dfen f\u00fcr einen politischen Journalisten etwas peinlich, aber offenbar eben nur ein Fauxpas, begangen im Bewusstsein, hier nichts B\u00f6ses oder Verbotenes zu tun. Warum sonst h\u00e4tte er es vor einem Millionenpublikum bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c ausgeplaudert?<\/p>\n<p>Halten wir fest: Irgendwas stimmt mit dem Wahlsystem nicht, wenn ein Unionsb\u00fcrger zwei Mal w\u00e4hlen kann und zwei Mal Wahlunterlagen nach Hause geschickt bekommt. Halten wir fest: Offenbar sind die Wahlregister in den verschiedenen Mitgliedsstaaten nicht hinreichend abgeglichen. Halten wir fest: Das w\u00e4re es dann aber auch! Ein Skandal steckt nicht im Fall di Lorenzo.<\/p>\n<p>Leider allerdings vermittelt die H\u00e4me, die sich medial und im Netz \u00fcber di Lorenzo ergie\u00dft, ein anderes Bild. Di Lorenzo, so klingt im Subtext vieler Kommentare mit, habe sich ein Recht erschlichen, das ihm nicht zust\u00fcnde. Und: Daran sei diese vermaledeite doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft schuld, die Illoyalit\u00e4t produziere statt eine klare Hinwendung zu einem, zu seinem Staat. Di Lorenzo sozusagen als prominentes Beispiel f\u00fcr einen Doppelstaatler, der sich nicht zwischen Deutschland und Italien entscheiden will und deshalb gleich zwei Mal w\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Aus dem Vorwurf mangelnder Loyalit\u00e4t zum Staat erw\u00e4chst \u2013 in dieser geschlossenen beschr\u00e4nkten Logik quasi folgerichtig \u2013 die Ansicht, dass Doppelstaatsb\u00fcrger nicht im gleichen Ma\u00dfe wie der einfache Staatsb\u00fcrger das Recht genie\u00dfen, ihr Land zu kritisieren oder gar zu belehren. F\u00fcr di Lorenzo, der als Leitartikler gerne und h\u00e4ufig moralisiert und \u2013 wenn auch in diplomatischer Art \u2013 gerne belehrt, wird sein Fauxpas nun zum Geschoss, das sich doppelt gegen ihn richtet: Hier ist nicht nur einer, der sich ein Recht erschleicht, das ihm nicht zusteht. Hier ist einer, der sich anma\u00dft, als \u201ehalber Deutscher\u201c die anderen zu kritisieren.<\/p>\n<p>Wie sonst ist nun die Strafanzeige der AfD zu verstehen, die der s\u00e4chsische Landesverband gegen di Lorenzo gestellt hat? Als Retourkutsche gegen einen Kommentatoren, der die AfD im Wahlkampf mitunter hart angepackt hat? Sicher. Aber auch als Retourkutsche gegen einen Kommentatoren, der sich anma\u00dft, als \u201ehalber Deutscher\u201c die AfD zu kritisieren. Die Partei zeigt damit ihr wahres Gesicht einer \u2013 zumindest in Teilen \u2013 streng nationalchauvinistischen Bewegung, die nicht vorschnell in den Kreis der gesellschaftsf\u00e4higen Parteien aufgenommen werden sollte, nur weil sie den Sprung ins Europaparlament geschafft hat.<\/p>\n<p>Aber solches Denken findet sich auch \u2013 wenig \u00fcberraschend \u2013 in der Union: So hat es Thomas Feist, ein CDU-Hinterb\u00e4nkler im Bundestag, doch tats\u00e4chlich fertiggebracht, den Orientalisten und Schriftsteller Navid Kermani als \u201eIraner\u201c zu bezeichnen, nur weil dieser eine hervorragende Rede im Bundestag zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes gehalten hat, die Feist offenbar nicht gefallen hat. Original-Twitter-Zitat Feists: \u201eIraner bel\u00e4stigte uns gestern im Bundestag \u00fcber das Grundgesetz in einem unertr\u00e4glichen Duktus. Passend dazu sang er auch die Nationalhymne nicht mit.\u201c<\/p>\n<p>Dass Kermani Deutscher UND Iraner ist? Geschenkt! Dass Kermani in Siegen am Rande des Sauerlands geboren wurde? Geschenkt! Sicher, Feist ist nur eine unbedeutende Figur in den Reihen der Union. Aber dass die Partei ihm nicht widerspricht, spricht B\u00e4nde und zeigt ein krudes Identit\u00e4tsbild der Union. Dabei sind Kermani und di Lorenzo zwei Beispiele, wie elterliche Herkunft und Heimat zu einer gelungenen Doppelstaatsb\u00fcrgerschaft ineinander flie\u00dfen.<\/p>\n<p>Es kommt eben darauf an, welche Lebensgeschichte sich in das Herz als biografischer Code eingepr\u00e4gt hat. Der indische Intellektuelle Amartya Sen hat es einmal so auf den Punkt gebracht: \u201eWas mich betrifft, so kann man mich zur gleichen Zeit bezeichnen als Asiaten, B\u00fcrger Indiens, Bengalen mit bangladeschischen Vorfahren, Einwohner der Vereinigten Staaten oder Englands, \u00d6konomen, Dilettanten auf philosophischem Gebiet, Autor, Sanskritisten, entschiedenen Anh\u00e4nger des Laizismus und der Demokratie, Mann, Feministen, Heterosexuellen, Verfechter der Rechte von Schwulen und Lesben, Menschen mit einem areligi\u00f6sen Lebensstil und hinduistischer Vorgeschichte, Nicht-Bramahnen und Ungl\u00e4ubigen, was das Leben nach dem Tode (und, falls es jemanden interessiert, auch ein \u201eLeben vor der Geburt\u201c) angeht.\u201c<\/p>\n<p>Das muss ja nicht in zehn Staatsb\u00fcrgerschaften enden. Aber vielleicht in zwei. Die dann besonders verfassungspatriotisch gelebt werden, wie von Kermani und di Lorenzo. Daran \u00e4ndert auch ein bl\u00f6der Fauxpas beim W\u00e4hlen nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER beim &#8222;Opinion Club&#8220; (28.05.2014) Die H\u00e4me gegen \u201cZeit\u201d-Chefredakteur zeigt: Doppelstaatlern wird noch immer mit Argwohn begegnet, nicht zuletzt von der Politik. Das muss sich \u00e4ndern Von Martin Benninghoff Okay, Giovanni di Lorenzo hat einen bl\u00f6den Fehler begangen. 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