{"id":1234,"date":"2014-06-11T19:22:55","date_gmt":"2014-06-11T17:22:55","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1234"},"modified":"2014-06-13T17:01:27","modified_gmt":"2014-06-13T15:01:27","slug":"strammer-rechtsausleger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1234","title":{"rendered":"Strammer Rechtsausleger"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei &#8222;Opinion Club&#8220; und &#8222;Manager Magazin Online&#8220;\u00a0(erschienen am 11.06.2014 und 13.06.2014)<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel gilt \u2013 neben Bernd Lucke \u2013 als das seri\u00f6se Gesicht der AfD. Dabei hat sich der ehemalige Top-Manager zum gew\u00f6hnlichen, durch Ressentiments gesteuerten Rechtsausleger entwickelt<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p>Hans-Olaf Henkel ist das prominenteste Feigenblatt der Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD). Sein Job: der Welt weismachen, dass seine Partei seri\u00f6s, sauber und blo\u00df nicht rechtspopulistisch sei. Durchaus mit Erfolg, wie die Debatte um eine Ann\u00e4herung zwischen der Union und AfD zeigt. Henkel k\u00f6nnen sich einige Unionspolitiker im Gespr\u00e4ch und vor allem am Tisch mit Volker Kauder oder Angela Merkel vorstellen. Henkel macht einen koalitionsf\u00e4higen Eindruck.<\/p>\n<p>Er zehrt von fr\u00fcheren Zeiten, als er noch ein gern gesehener Gast in den politischen F\u00fchrungsetagen war, der ehemalige IBM-Manager, der als BDI-Pr\u00e4sident das prominente Gesicht des unternehmerfreundlichen Wirtschaftsliberalismus war. Ein Mann, der Weltl\u00e4ufigkeit und Noblesse ausstrahlte, und das nicht nur, weil er mit Fidel Castro eine Zigarre rauchte, sondern weil er sich auch noch f\u00fcr Amnesty International engagierte. Auch heute ist er noch Mitglied. Ein Grenzg\u00e4nger, der sich zwar in Wut reden konnte, der aber nie seinen moralischen Kompass aus den Augen verlor. Ein Gentleman, der oft anderer Meinung war, der aber nie den breiten Konsensteppich geteilter Werte verlie\u00df.<\/p>\n<p>Das war einmal.<\/p>\n<p>Heute ist Henkel ein gew\u00f6hnlicher Rechtsausleger, der gegen \u201eAltparteien\u201c wettert, gegen \u201epolitische Korrektheit\u201c sowieso, der \u00fcberall \u201eGutmenschen\u201c am Werk sieht und dem Islam pauschal und undifferenziert unterstellt, mit Demokratie unvereinbar zu sein. Noch immer m\u00f6gen seine Manieren vornehm sein, erst recht ist ihm abzunehmen, dass er sich in Gesellschaft ordin\u00e4rer Rechtskrakeeler irgendwie unwohl f\u00fchlt. In der Sache aber, ja in der Sache unterscheidet er sich kaum noch von ihnen.<\/p>\n<p>Zeit, nach br\u00e4unlichen Flecken auf der eigentlich wei\u00dfen Weste Hans-Olaf Henkels zu suchen.<\/p>\n<p>Henkel ist nicht erst mit seinen 74 Jahren zum Rechtsausleger geworden. Schon seine an sich harmlose Jazz-Kolumne in der angeblich libert\u00e4ren Rechts-Postille \u201eEigent\u00fcmlich frei\u201c musste stutzig machen. Das Magazin ist eine Plattform f\u00fcr all jene, die den Untergang des Abendlandes durch EU-Politik, Gender Mainstreaming und den Islam prophezeien. Herausgeber und Chefredakteur ist ein in der Szene einschl\u00e4gig bekannter Rechtspublizist, Andr\u00e9 Lichtschlag, der \u2013 welch \u00dcberraschung -, als Herausgeber auch f\u00fcr Akif Pirin\u00e7cis homophobem und ordin\u00e4rem Rundumschlag \u201eDeutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer\u201c im Manuscriptum-Verlag verantwortlich zeichnet. Nicht weiter verwunderlich, dass Pirin\u00e7ci ebenfalls Autor bei \u201eEigent\u00fcmlich frei\u201c ist. Nicht weiter verwunderlich, dass Lichtschlag auch Autor der \u201eJungen Freiheit\u201c ist.<\/p>\n<p>Henkel schrieb zudem f\u00fcr \u201eFreie Welt\u201c, ein ebenfalls rechtes Magazin des schlagkr\u00e4ftigen, unappetitlichen Netzwerkes \u201eZivile Koalition\u201c der Familie von Storch, die gegen Schwule, Abtreibung und Gender Mainstreaming wettert. Herausgeber der \u201eFreie Welt\u201c ist Sven von Storch, der Ehemann von Beatrix von Storch, die \u2013 hier schlie\u00dft sich erneut der Kreis -, mit Henkel auf der AfD-Fahrkarte ins EU-Parlament gezogen ist. Schon erstaunlich, wie und wo sich die Netzwerker der \u201eNeuen Rechte\u201c in Deutschland wieder zusammenfinden.<\/p>\n<p>Eines muss man festhalten: Henkel arbeitet nun mit solchen Leuten wie Beatrix von Storch zusammen. Sein Bem\u00fchen um Distanz ist vor diesem Hintergrund nicht mehr als ein durchsichtiges Man\u00f6ver, gemeinsam mit AfD-Chef Bernd Lucke w\u00e4hlbar zu erscheinen auch f\u00fcr jene AfD-Sympathisanten, die vornehmlich \u00fcber die Euro-Kritik zur Partei sto\u00dfen. Henkel ist deshalb peinlich genau darauf bedacht, niemals von seinem Sprechzettel als Chef-Euro-Kritiker der AfD abzuweichen: Homophobie geh\u00f6rt nicht zu seinen Lieblingsbaustellen. Dennoch, ungeniert sucht er die N\u00e4he zu Schwulenhassern und Ausl\u00e4nderfeinden und begibt sich damit in die Niederungen, \u00fcber die er eigentlich schweben will, die ihn aber doch merklich erden.<\/p>\n<p>Vor allem an der \u201eZivilen Koalition\u201c zeigt sich die perfide Strategie der AfD, Henkels und seines Parteichefs Bernd Lucke, sich einerseits gegen Rechts abzugrenzen, andererseits aber mit den rechten Meinungsf\u00fchrern an weiteren Netzwerken zu weben: Noch im Oktober 2013 behauptete Lucke in der ARD, die \u201eFreie Welt\u201c h\u00e4nge nicht mit der AfD zusammen. Merkw\u00fcrdig, erst recht im Nachhinein: Nur wenige Wochen sp\u00e4ter hievte Lucke die Vordenkerin der \u201eZivilen Koalition\u201c, Beatrix von Storch, auf die EU-Liste seiner Partei. Angeblich gegen seine eigenen Bedenken.<br \/>\nWer das noch glaubt, ist wirklich naiv.<\/p>\n<p>Henkels Taktik funktioniert \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Wo immer er kann, distanziert er sich vom Rechtspopulismus, er zeigt offene Emp\u00f6rung, dass er angeblich in die rechte Ecke gestellt werde, zelebriert den Sonderstatus eines Mannes, der sich f\u00fcr die Menschenrechte in China einsetzt, dann aber bei AfD-Wahlkampfveranstaltungen in Deutschland Polizeischutz braucht. Mit dieser PR-Politik der wei\u00dfen Weste landet er durchaus Erfolge, etwa wenn ihm der \u201eStern\u201c den Gefallen tut, ihn als den sauberen AfD-Mann mit Penthouse in Berlin-Mitte darzustellen. Auch diesen Beitrag hier w\u00fcrde er sicher klar als einen Versuch brandmarken, ihn in eine Ecke zu dr\u00e4ngen, in die er nicht geh\u00f6re.<\/p>\n<p>Aber er geh\u00f6rt in diese Ecke: Warum sonst gibt er klaren Islamhasser-Medien wie \u201eblu TV\u201c, einem Ableger des Blogs \u201eblu news\u201c, ein Interview? Hinter diesem Internetmagazin steckt Christian Jung, ehemaliger bayerischer Landesvorsitzender der islamophoben Splitterpartei \u201eDie Freiheit\u201c. Henkel begibt sich damit wissentlich in Gesellschaft mit Leuten wie dem Rechts-Publizisten Marco Pino, Pseudonym \u201eFrank Furter\u201c, der bis vor einiger Zeit auf dem rassistischen Blog \u201ePoliticially Incorrect\u201c sein Unwesen trieb und nun Autor bei \u201eblu news\u201c ist.<\/p>\n<p>Henkel zieht derweil weiter durch die Medien mit seiner immer gleichen Botschaft \u2013 Politik brauche Kompetenz, und die AfD habe einen h\u00f6heren Akademiker-Anteil als andere Parteien. Und so weiter. Das mag sein. Aber akademische Titel sch\u00fctzen ja bekanntlich nicht vor grobem Unsinn, vor allem wenn der Titeltr\u00e4ger zu fachfremden Themen schwadroniert: Wie sonst ist zu erkl\u00e4ren, dass der \u00d6konom Henkel die teils biologistischen und offen rassistischen Thesen des Ex-Bankers Thilo Sarrazins \u201eohne Wenn und Aber\u201c unterst\u00fctzt? Wie sonst ist zu erkl\u00e4ren, dass er den Muslimen im Land pauschal ins Stammbuch schreibt, \u201ein Clans und Gro\u00dffamilien\u201c erzogen worden zu sein \u2013 das gebe es \u201ein anderen Kulturen nicht\u201c. Warum sonst ignoriert er jegliche Migrationsforschung, die ein weitaus differenzierteres Bild zeichnet? Wie passt das zur Kompetenz, die er f\u00fcr sich und seine Mannen so gerne reklamiert?<\/p>\n<p>Im Januar 2014 rief Henkel auf dem Europaparteitag der AfD seinen Parteifreunden zu: \u201eIch f\u00fchle mich wohl bei Ihnen. Ich habe nicht einen einzigen verr\u00fcckten Neonazi oder Spinner gesehen.\u201c Gut, Neonazi \u2013 das ginge in der Tat zu weit. Aber wer noch glaubt, dass die AfD in zwei Lager gespalten ist \u2013 hier Euro-Kritiker, da Rechtsausleger \u2013 muss sich angesichts Hans-Olaf Henkels schon die Frage stellen, ob da vieles nicht mittlerweile in Personalunion funktioniert. Die Union muss sich ernsthaft \u00fcberlegen, ob Henkel ein guter Koalitionspartner f\u00fcr sie sein kann. Und die Union wird sich \u00fcberlegen m\u00fcssen, wer diese AfD eigentlich ist: Sie sollte sich daf\u00fcr das prominenteste Feigenblatt der Partei, Hans-Olaf Henkel, genauer anschauen.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin, ist Co-Autor des Buches \u201eAufstand der Kopftuchm\u00e4dchen\u201c, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa besch\u00e4ftigt. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei &#8222;Opinion Club&#8220; und &#8222;Manager Magazin Online&#8220;\u00a0(erschienen am 11.06.2014 und 13.06.2014) Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel gilt \u2013 neben Bernd Lucke \u2013 als das seri\u00f6se Gesicht der AfD. 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