{"id":1240,"date":"2014-06-25T15:18:02","date_gmt":"2014-06-25T13:18:02","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1240"},"modified":"2014-07-07T13:52:30","modified_gmt":"2014-07-07T11:52:30","slug":"wir-holen-euch-raus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1240","title":{"rendered":"Wir holen Euch raus!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/06\/wir-holen-euch-raus\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei &#8222;Opinion Club&#8220;<\/a> (erschienen am 25.06.2014)<\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Der Fall des H\u00f6hlenforschers Johann Westhauser wirft Fragen auf. Muss die Gemeinschaft f\u00fcr die Kosten der Rettung aufkommen, wenn Extremsportler, Forscher oder Grenzg\u00e4nger aller Art ins Straucheln geraten?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ein Grenzg\u00e4nger ist ja ein Mensch, der per Definition \u00fcber Grenzen geht. Raus aus der eigenen Komfortzone oder der \u201eZentralheizungsgesellschaft\u201c, wie der \u00f6sterreichische Basejumper und Extremsportler Felix Baumgartner k\u00fcrzlich in einem Interview mit dem \u201eHandelsblatt\u201c so treffend formulierte.<\/p>\n<p>Fragt sich nur, wer haftet, wenn was schief geht? Wer h\u00e4tte die Teile von Baumgartner wieder eingesammelt, w\u00e4re sein Sprung aus 39 Kilometern H\u00f6he, sagen wir mal, weniger optimal verlaufen? Nur der Grenzg\u00e4nger selbst? Oder etwa die Allgemeinheit?<\/p>\n<p>Die Frage stellt sich vor allem im Fall des H\u00f6hlenforschers Johann Westhauser, der vergangene Woche nach mehreren Tagen und einem immensen Rettungsaufwand wieder an der Erdoberfl\u00e4che aufgetaucht ist, nachdem ihn ein herabgest\u00fcrzter Felsbrocken in der Riesending-Schachth\u00f6hle in den Berchtesgadener Alpen beinahe umgebracht hatte. Die Kosten f\u00fcr den Einsatz sind noch nicht beziffert. Klar ist aber, der Einsatz war enorm teuer. Kein Wunder bei ann\u00e4hernd 1000 Helfern!<\/p>\n<p>Westhauser geht es mittlerweile besser, er wird gut versorgt, und sein Sch\u00e4del-Hirn-Trauma wird eines Tages \u00fcberwunden sein. Mit jedem Tag der Genesung aber stellen sich andere die Frage, ob solche waghalsigen Touren in tiefe, enge H\u00f6hlen mit einem solchen Gef\u00e4hrdungspotential sein m\u00fcssen \u2013 wenn im Ungl\u00fccksfall andere die Suppe auszul\u00f6ffeln haben.<\/p>\n<p>Der Spiegel-Online-Redakteur Stefan Kuzmany beantwortet die Frage so f\u00fcr sich: \u201eAls Westhauser in die Riesending-Schachth\u00f6hle stieg, war er im Auftrag der Menschheit unterwegs.\u201c Und weiter: \u201eW\u00fcrde die Menschheit sich dazu entschlie\u00dfen, keine H\u00f6hlen mehr zu erforschen, nicht mehr in die Meere zu tauchen und den Weltraum Weltraum sein zu lassen, weil das alles zu gef\u00e4hrlich und zu teuer ist \u2013 sie h\u00e4tte vielleicht ein bequemes, sicheres Leben in W\u00e4rme und Licht. Aber tats\u00e4chlich h\u00e4tte sie sich damit in eine tiefe H\u00f6hle gelegt: zum Sterben.\u201c<\/p>\n<p>Eine, wie ich finde, sehr plausible und richtige Antwort auf die Frage, ob die Allgemeinheit etwas davon hat, wenn Leute wie Westhauser in tiefe H\u00f6hlen steigen.<\/p>\n<p>Schwieriger aber wird es, wenn Leute wie Baumgartner aus 39 Kilometern H\u00f6he springen, noch dazu von Red Bull (\u201eRed Bull Stratos\u201c) finanziert, als extreme Werbeaktion mit riesigem Unterhaltungsfaktor. Red Bull verleiht Fl\u00fcgel sozusagen.<\/p>\n<p>Wo verl\u00e4uft die Grenze? Darf sich ein Forscher, der sich Forscher oder besser Spel\u00e4ologe nennt wie Westhauser, in gro\u00dfe Gefahr begeben, derweil andere, denen man vielleicht eher hedonistische oder gar rein finanzielle Beweggr\u00fcnde unterstellt \u2013 etwa Sky-Diver oder Extremkletterer ohne Sicherung \u2013, f\u00fcr ihr Privatvergn\u00fcgen haften sollten?<\/p>\n<p>Eine solche Unterscheidung ist k\u00fcnstlich: Der Bergsteiger Reinhold Messner zum Beispiel hat Zeit seines Lebens f\u00fcr Furore gesorgt, indem er den \u201eAlpinstil\u201c, also das Bergsteigen ohne Sauerstoffflaschen und lange Fixseile, wieder zur\u00fcck in den Alpinismus gebracht hat. Er war, gemeinsam mit Peter Habeler, der erste Alpinist, der es ohne k\u00fcnstlichen Sauerstoff auf den h\u00f6chsten Berg der Welt schaffte. Seine bergsteigerischen Leistungen waren enorm, und mindestens genau so enorm war und ist seine F\u00e4higkeit, dem an sich schn\u00f6den Berggehen eine philosophische Grundhaltung mit auf dem Weg zu geben. Messner, der H\u00f6hen-Philosoph. Messner, der Geschichtenerz\u00e4hler.<\/p>\n<p>Messner entspricht deshalb so gar nicht dem Typ des hedonistischen Extremsportlers, obwohl er im Grunde aus \u00e4hnlichen Beweggr\u00fcnden losgezogen ist: aus unendlicher Freude am Bergsport, v\u00f6llig subjektiv empfunden, man k\u00f6nnte sagen: aus Spa\u00df an der eigenen Freude. Selbstbezogen bis in die Extreme, als berauschendes Fest der eigenen F\u00e4higkeiten. Er hat das selbst so erkannt, weil er sein Tun als \u201esinnlos\u201c begreift. Nat\u00fcrlich wissend, dass viele Menschen \u2013 ich auch \u2013 Bergsteigen eher als sinnstiftend begreifen.<\/p>\n<p>Aber hat er bahnbrechende Forschungsergebnisse mit ins Tal gebracht? Nein. Warum auch? Und was unterscheidet Messner von einem Kletterer wie Alain Robert, der die Petronas-Towers in Kuala Lumpur erklettert hat? Nichts. Und das muss es auch nicht.<\/p>\n<p>Wir werden uns daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen: Menschen wie Messner, Westhauser und Baumgartner bringen die Menschheit weiter, weil sie stellvertretend f\u00fcr viele, die ihre Komfortzone niemals verlassen, die Grenzen menschlicher Leistungsf\u00e4higkeit ein St\u00fcck weit verschieben. Das gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr gro\u00dfartige Erfinder, Musiker, Bildhauer oder Sportler. Sie werden dabei immer auch Kosten verursachen. Manchmal sogar immense Kosten. Das ist es aber wert, auch wenn manche Zeitgenossen den Sinn einer Aktion nicht sofort verstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei &#8222;Opinion Club&#8220; (erschienen am 25.06.2014) Von Martin Benninghoff Der Fall des H\u00f6hlenforschers Johann Westhauser wirft Fragen auf. 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