{"id":1255,"date":"2014-07-23T12:20:25","date_gmt":"2014-07-23T10:20:25","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1255"},"modified":"2014-07-23T12:21:13","modified_gmt":"2014-07-23T10:21:13","slug":"wir-klischee-maschinen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1255","title":{"rendered":"Wir Klischee-Maschinen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/07\/wir-klischee-maschinen\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (23.07.2014)<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><strong>Journalisten produzieren \u2013 oft unbewusst und ohne b\u00f6se Absicht \u2013 Negativ-Bilder \u00fcber Sinti und Roma. Ein bisschen mehr Selbstreflexion t\u00e4te uns gut. Ein kleiner Anfang\u2026<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Jetzt mal im Ernst: Wie viele Sinti und Roma kennen Sie pers\u00f6nlich? Mit wie vielen waren Sie zuletzt abends im Restaurant zum Essen verabredet, mit wie vielen haben Sie geplaudert? Ich muss zugeben: Obwohl ich mich f\u00fcr die Themen Integration und Einwanderung stark interessiere, und obwohl ich viele Migranten kenne, Studien lese und Interviews f\u00fchre, habe ich keinerlei Kontakte zu Sinti und Roma. Ich kenne keinen einzigen, wei\u00df nichts \u00fcber eine einzelne Lebensgeschichte, und ich tappe weitgehend im Dunkeln, was reale Zahlen und Fakten angeht, die Aufschluss \u00fcber ihr Leben geben k\u00f6nnten. Ich wei\u00df nur das, was mir Zeitungen und Fernsehsender zum Thema bieten. Und das sind zu einem Gro\u00dfteil auch nur die Klischees aus den K\u00f6pfen ihrer Redakteure.<\/p>\n<p>Also bin ich reich an Klischees, obwohl ich mich dagegen wehre. Sobald ich von Sinti und Roma h\u00f6re, schleichen sich Bilder in meinen Kopf, von Stra\u00dfenmusikern, die mit Akkordeon und Gitarre durch die Gro\u00dfstadtgassen ziehen, von M\u00e4dchen, die an Ampeln meine Autowindschutzscheibe gegen meinen Willen putzen, und von Einbruchsdelikten, die von omin\u00f6sen s\u00fcdeurop\u00e4ischen Banden begangen werden. Klauen, umherziehendes Volk, Musik \u2013 die ganze Klischeekiste eben.<\/p>\n<p>Manches mag davon stimmen, anderes wiederum nicht. Wie immer, wenn Individuen eine Gruppen-Bezeichnung \u00fcbergest\u00fclpt wird (sei es \u201eMigrant\u201c oder \u201eSinti\u201c oder \u201eAtheist\u201c oder \u201eMuslim\u201c oder \u201eKonservativer\u201c oder \u201eLinker\u201c), lassen sich allerlei Klischees und Beschreibungen auf die Einzelperson abladen. Der Wahrheitsgehalt ist dann weitgehend schnuppe.<\/p>\n<p>Es ist schon schlimm genug, wenn normale B\u00fcrger sich ihr Weltbild auf diese Art und Weise zusammen zimmern, ohne sich die M\u00fche zu machen, mal dar\u00fcber nachzudenken, ob die Bilder im Kopf eigentlich etwas mit der Realit\u00e4t gemein haben. Tausende, Hunderttausende, Millionen von Menschen verhalten sich tagt\u00e4glich so in ihrer Schwarz-Wei\u00df-Mentalit\u00e4t, ein Ph\u00e4nomen, das man derzeit wieder bei den Demonstrationen pro oder contra Israel beziehungsweise pro oder contra Pal\u00e4stinenser beobachten kann. Es ist ja auch so sch\u00f6n einfach, die Komplexit\u00e4t der Welt auf ein Minimum zu reduzieren, indem man die Schattierungen und Graubereiche der Realit\u00e4t einfach streicht.<\/p>\n<p>Unverzeihlich aber wird es, wenn sich jene, die von Berufs wegen eigentlich aufkl\u00e4ren sollten, selbst immer wieder Opfer ihrer Klischees werden: die Journalisten. Dass sie es werden, ist dabei nur die halbe Crux. Noch schlimmer ist, wenn sie sich noch nicht einmal bem\u00fchen, zu differenzieren und ihre eigenen Stereotype zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re manchmal auch dazu \u2013 und ich f\u00fchle mich mitschuldig daran, gelegentlich an den immer gleichen \u201eZigeuner\u201c-Stereotypen in den Medien mitzuarbeiten. Zum Beispiel, wenn beim Internationalen Roma-Tag in der Zeitung ein Symbolbild gezeigt wird, das man m\u00fchelos auch \u00fcber einen Artikel \u00fcber Verwahrlosung und st\u00e4dtische M\u00fclldeponien platzieren k\u00f6nnte. Oder wenn Einbruchsopfer unwidersprochen \u2013 und kaum hinterfragt \u2013 in einem Artikel oder in einer Sendung berichten k\u00f6nnen, dass \u201enat\u00fcrlich die T\u00e4ter aus S\u00fcdeuropa\u201c kommen. Das Mindeste w\u00e4re doch, nach Beweisen f\u00fcr die Behauptung zu fragen. Und falls diese nicht geliefert werden, dann von der Berichterstattung abzusehen \u2013 oder entsprechend kritisch einzuordnen.<\/p>\n<p>Dass viele andere Journalisten auch nicht besser sind, ist kein Trost: Die ZDF-Seite heute.de etwa titelte im Juni 2013 zum Stichwort \u201eArmutszuwanderung\u201c: \u201eEs kommen nicht nur Roma \u2013 es kommen auch Akademiker\u201c. Klar, was hier mitschwingt: Roma k\u00f6nnten demnach wohl grunds\u00e4tzlich keine Akademiker sein. Dass viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rum\u00e4nien, darunter Sinti und Roma, hingegen ziemlich gut qualifiziert sind? Fehlanzeige. Passt nicht ins Bild. Liegt mit den eigenen Klischees \u00fcberkreuz. In der Psychologie spricht man von \u201ekognitiver Dissonanz\u201c. Und Dissonanzen mag der Mensch nun mal nicht so gern \u2013 frei nach dem Motto \u201eWas nicht passt, wird passend gemacht\u201c. Also wird munter so berichtet, als seien die eigenen oft unbewussten \u00dcberzeugungen die besten Recherchequellen.<\/p>\n<p>Viele weitere Beispiele finden sich in der Studie \u201eAntiziganismus in der deutschen \u00d6ffentlichkeit\u201c, die vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Auftrag gegeben und vor wenigen Tagen ver\u00f6ffentlicht wurde. Sicher, die Vereinigung hat ihre Interessen, die eine Studienausrichtung mitbestimmen k\u00f6nnen. Aber vielleicht reagieren wir Journalisten nicht gleich wieder mit reflexhafter Abwehr, sondern h\u00f6ren mal kurz zu: Die Macher der Studie werfen den deutschen Journalisten ja nicht unbedingt b\u00f6se Absichten vor. Bestehende Vorurteile und negative \u201eZigeuner\u201c-Bilder w\u00fcrden h\u00e4ufig unbewusst und ungewollt reproduziert, so der Tenor. \u201eEine Schlussfolgerung f\u00fcr Medienschaffende k\u00f6nnte lauten, eventuelle Kritik nicht reflexhaft abzutun, beiseite zu schieben oder gar als \u00fcbertriebene political correctness zu denunzieren, sondern als Gelegenheit zu Reflexion und Selbstreflexion zu begreifen, die einen Lern- und Sensibilisierungsprozess in Gang setzen kann\u201c, so der Wunsch der Verfasser.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re tats\u00e4chlich w\u00fcnschenswert. Solange allerdings in der Gesellschaft und der Politik antiziganistische Klischees mehrheitsf\u00e4hig sind, so lange werden sich Journalisten \u2013 eine Spezies, die nur bedingt zu Selbstkritik f\u00e4hig ist -, hinter angeblichen Mehrheitsmeinungen verstecken. Weil sie Auflagen bringen und Quoten steigern. Und nebenbei eben unbewusst in unseren K\u00f6pfen stecken.<\/p>\n<p>Viel zu selten reflektieren Journalisten ihre eigenen Sozialisierungen und \u00dcberzeugungen, die in der Kindheit, in ihren Elternh\u00e4usern und Peer-Groups angelegt wurden. Wissenschaftler, vor allem Geisteswissenschaftler, werden im Gegensatz dazu angehalten, ihre eigenen Suggestivans\u00e4tze zu ergr\u00fcnden und sich zun\u00e4chst selbst zu fragen, warum man so fragt wie man fragt. Dabei stelle ich gerne in Rechnung, dass es ab und zu dann doch sehr gut gelingt, in Redaktionskonferenzen kritisch zu diskutieren, ob die Ausrichtung der Sendung X oder der Tageszeitungseite Y in die eine oder lieber doch in die andere Richtung gehen sollte. Ich erlebe es immer wieder, dass auf ein m\u00f6gliches politisches Thema sogar verzichtet wird, weil es nur Klischees in den K\u00f6pfen der Konsumenten ansprechen w\u00fcrde. Und gegen Klischees und emotionale Bilder ist kaum anzukommen \u2013 und erst recht nur selten mit Faktenaufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Dass Journalisten hierf\u00fcr st\u00e4rker sensibilisiert werden m\u00fcssen, erst recht zu Beginn ihrer Laufbahnen auf den Journalistenschulen, liegt auf der Hand: W\u00e4hrend rechtsextreme und ausl\u00e4nderfeindliche Einstellungen insgesamt eher zur\u00fcckgegangen sind, hat die Ablehnung gegen\u00fcber einzelnen Gruppen wie Sinti und Roma in der Bev\u00f6lkerung zuletzt stark zugenommen. Die Klischees in den K\u00f6pfen der Redakteure sind daran betr\u00e4chtlich mitschuldig. Klischees aber sind gemacht, und sie m\u00fcssen nicht ewig w\u00e4hren. Vielleicht sollten wir alle mehr Mut haben, individuelle Geschichten zu erz\u00e4hlen statt immer nur \u00fcber vermeintliche Gruppen zu schreiben und zu senden. Das muss in Redaktionen aber auch gewollt sein.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff,<\/strong> <em>Journalist in Berlin, ist Co-Autor des Buches \u201eAufstand der Kopftuchm\u00e4dchen\u201c, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa besch\u00e4ftigt. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (23.07.2014) Von Martin Benninghoff Journalisten produzieren \u2013 oft unbewusst und ohne b\u00f6se Absicht \u2013 Negativ-Bilder \u00fcber Sinti und Roma. Ein bisschen mehr Selbstreflexion t\u00e4te uns gut. 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