{"id":1260,"date":"2014-08-20T07:30:30","date_gmt":"2014-08-20T05:30:30","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1260"},"modified":"2015-02-28T16:53:54","modified_gmt":"2015-02-28T14:53:54","slug":"das-phaenomen-helene-fischer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1260","title":{"rendered":"Das Ph\u00e4nomen Helene Fischer"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/08\/das-phaenomen-helene-fischer\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER, erschienen\u00a0bei &#8222;Opinion Club&#8220; (20.08.2014)<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><strong>Erstmals bricht eine Schlagers\u00e4ngerin aus der Nische aus und wird zum Mainstream-Star. Helene Fischers Erfolg sagt viel \u00fcber die Seelenlage der Deutschen aus<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es muss irgendwann 2010 gewesen sein, als der Name Helene Fischer zum ersten Mal in meinem Berufsleben auftauchte: Damals arbeitete ich bei einer regionalen Tageszeitung f\u00fcr das Politikressort und sa\u00df wie \u00fcblich in der morgendlichen Redaktionskonferenz, als ein leitender Redakteur ziemlich unvermittelt die Frage in den Raum warf: \u201eSollten wir nicht mal was zu Helene Fischer machen?\u201c Der Chefredakteur, der die Runde leitete, visierte blitzschnell den anwesenden Feuilletonredakteur an, der sofort, noch ehe er ein abgehacktes \u201eblo\u00df nicht\u201c in den Raum fallen lie\u00df, die H\u00e4nde sch\u00fctzend vors Gesicht schnellen lie\u00df. Er sagte nichts weiter, sein Gesichtsausdruck aber sprach B\u00e4nde: Helene Fischer ins Feuilleton? Was denn noch? Vielleicht die Gei\u00dfens auf die Hochschulseite?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr genau, ob es diesen Artikel dann gegeben hat, und schon gar nicht wei\u00df ich mehr, ob er letztlich im Feuilleton der Hochkultur oder der Panoramaseite mit den Stars und Sternchen landete. Fakt ist aber, dass Helene Fischer an diesem Tag f\u00fcr mich aus der Nische der Volksmusik tr\u00e4llernden Lederhosenfraktion, die seit Jahren Teile des \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammes gekapert hatte, hinaustrat. In den Mainstream, die gro\u00dfe weite Welt der Popkultur, die wenig polarisiert und die jeder irgendwie gut findet \u2013 zumindest im Nachhinein, sp\u00e4testens dann, wenn Songs aus der Jugend wieder gespielt werden.<\/p>\n<p>Der Erfolg Helene Fischers kann also nicht mehr ignoriert werden, im Gegenteil: Ihr Erfolg ist seit 2010 und 2011 derart ungeheuerlich gro\u00df, dass er f\u00fcr mehr steht, als nur den singul\u00e4ren Albumverkauf einer erfolgreichen Schlagerinterpretin. Fischers Erfolg ist das Symptom einer gesellschaftlichen Emigrationsbewegung, die l\u00e4ngst weitere Kreise schl\u00e4gt als nur die alten Tanten und Omas, die fr\u00fcher die Platten von Roland Kaiser gekauft haben. Fischer ist selbst bei den Jungen und Gebildeten anschlussf\u00e4hig geworden. Weil sie von Zweisamkeit und einer \u00fcberschaubaren Welt singt, die frei von Problemen, Konsum und Leistungsgesellschaft ist. Offenbar scheint das vielen Menschen zu fehlen. Ein Befund, der zumindest zu denken geben sollte. Der Fischer-Chor der Deutschen hat seine Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Diese Woche kehrt sie mit ihrem Album \u201eFarbenspiel\u201c bereits zum zw\u00f6lften Mal ganz oben in die deutschen Album-Charts zur\u00fcck \u2013 nachdem sie ein paar Mal f\u00fcr nur wenige Tage durch die Beatsteaks oder den langj\u00e4hrigen deutschen Superstar Marius-M\u00fcller Westernhagen verdr\u00e4ngt worden war. Der wiederum war der Konsens-Rocker der Achtziger- und Neunziger-Jahre, wobei er seinen Erfolg auch der Tatsache verdankte, anzuecken und zu polarisieren. Gegen Dicke. Oder f\u00fcr h\u00e4ufigen Geschlechtsverkehr von Unverheirateten. Fischer ist das Gegenteil: Sie ist das weichgesp\u00fclte, nahezu perfekt anmutende Starlet, das so gar nichts Kontroverses anzubieten hat. Stattdessen handeln ihre Texte von gro\u00dfen Gef\u00fchlen und der Sehnsucht nach Zweisamkeit (\u201eDu l\u00e4sst mich sein. So wie ich bin. Mich zurechtzubiegen h\u00e4tte keinen Sinn.\u201c)<br \/>\n<strong><br \/>\nSchlager als Religionsersatz<\/strong><\/p>\n<p>Sehnsucht nach Harmonie also als Gesch\u00e4ftsgrundlage f\u00fcr ein Business, das derzeit Hochkonjunktur hat. Familienstrukturen brechen auseinander, weil es die Arbeitsbedingungen mit sich bringen, dass N\u00e4he heute mit Ach und Krach nur noch \u00fcber soziale Netzwerke und eben Herzschmerzmusik \u00e0 la Fischer transportiert wird. Religion hat ihre Bindungswirkung fast g\u00e4nzlich eingeb\u00fc\u00dft \u2013 zumindest in Deutschland -, und an ihre Stelle ist nichts Verbindliches getreten, sieht man einmal vom Konsum ab, der jedoch nicht \u00fcber die gleiche Sinnstiftung verf\u00fcgt. Je l\u00e4nger der Arm der Globalisierung w\u00e4chst und in die heimatlichen Wohnzimmer herein reicht, desto st\u00e4rker versp\u00fcren viele Menschen das Bed\u00fcrfnis, ihrer \u00dcberforderung ein Gef\u00fchl der Heimat und der \u00dcberschaubarkeit entgegensetzen zu m\u00fcssen. \u201eGlokalisierung\u201c nennen das manche, wenn Menschen bewusst regionale Produkte nachfragen, statt auf chinesische \u00c4pfel zur\u00fcckzugreifen, oder wenn sie sich bewusst nur noch mit kommunalen Themen auseinandersetzen, weil die Weltpolitik viel zu un\u00fcbersichtlich geworden ist. B\u00fcrgerinitiative gegen die neue Umgehungsstra\u00dfe statt M\u00e4rsche f\u00fcr den Weltfrieden.<\/p>\n<p>Das gab es nat\u00fcrlich immer schon: In der engeren Volksmusikszene wurde immer schon von Heimat und Liebe gesungen, \u00fcber die Sehnsucht nach einem einfachen Leben. Naturmetaphorik \u2013 die gab es schon in den Operetten von Paul Abraham. Oder zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Wurde aber fr\u00fcher oftmals \u00fcber exotische Orte gesungen (\u00fcber \u201ezwei kleine Italiener\u201c oder gar die S\u00fcdsee als nie zu erreichender Sehnsuchtsort), weil man damals nur schleppend, wenn \u00fcberhaupt, mit dem VW K\u00e4fer \u00fcber den Brenner gekommen ist, so wird heute die Heimat (\u201eich geh\u00f6re in die Berge\u201c, Hansi Hinterseer) oder \u2013 ganz ungeografisch \u2013 das \u201eHerz\u201c als innerliche Heimat beschworen. Handelt die erste Variante von der Sehnsucht, nach drau\u00dfen in die Welt fahren zu wollen, so ist die zweite, Fischer\u2019sche Variante, ein moderner Eskapismus, man k\u00f6nnte auch sagen: innere Emigration, der zu denken gibt. Anders ausgedr\u00fcckt: Der Erfolg Helene Fischers ist ein Zeichen daf\u00fcr, dass viele Menschen \u00fcberfordert sind von Karriere und Familie und dem \u00dcberangebot an M\u00f6glichkeiten, die nahezu alles zur Qual der Wahl machen.<\/p>\n<p>Es d\u00fcrfte daher kein Zufall sein, dass Fischers Karriere so richtig in Schwung kam, als 2010 und 2011 die Wirtschafts- und Finanzkrise in allen Ohren war. Fischer wurde in dieser Zeit von ihrem Management geschickt aufgestellt, als Allzweckwaffe, die singen, tanzen und moderieren kann \u2013 und dazu noch gut aussieht. Dass ihre Stimme nicht gerade unverwechselbar ist, zudem ziemlich d\u00fcnn und in geringer Bandbreite daherkommt? Geschenkt. In einer ARD-Dokumentation pr\u00e4sentierte sich Fischer als Multitalent, das alles f\u00fcr die Fans tut. Selbst eine Stimmbandentz\u00fcndung kann sie nur kurz aus der Bahn werfen. Die Selbstdisziplinierte k\u00e4mpft darum, bald wieder f\u00fcr ihre Fans auf der B\u00fchne zu stehen \u2013 und der Fernsehzuschauer begleitet sie dabei. Die Message: Helene Fischer tut alles f\u00fcr Dich und opfert sich f\u00fcr Dich auf \u2013 und ist damit ganz anders als Dein herzloser Chef, die selbstverliebten Politiker und ma\u00dflosen Manager, die sich nur die Taschen voll machen wollen. Ein wenig erinnert das an die Herzschmerzfilme der F\u00fcnfziger-Jahre, als die psychisch kriegsversehrten Deutschen nach Harmonie, Familienidylle und klarer Geschlechterrollenverteilung gierten. Aber dem gingen eben Kriegszeiten voraus, wohingegen heutzutage zumindest in Deutschland die friedlichsten und reichsten Tage der bisherigen Geschichte angebrochen sind.<\/p>\n<p><strong>Angepasstheit als Ma\u00df aller Dinge<\/strong><\/p>\n<p>Offenbar passt Fischer perfekt in diese Zeit, in der Zeitschriften die besten Auflagen machen, wenn sie \u00fcber Marmeladeeinkochen berichten und von der Landluft schw\u00e4rmen. Der Star ist der, der der komplizierten Welt etwas \u00dcberschaubares entgegenzusetzen hat. Etwas aus dem eigenen K\u00fcchengarten. Es ist auch kein Zufall, dass Fischer f\u00fcr Jogi L\u00f6ws Weltmeistermannschaft auf der Berliner Fanmeile singen durfte. Der Weltmeistertitel wurde vom DFB als disziplinierte Mannschaftsleistung verkauft, ganz nach dem Motto, der Star ist die Mannschaft. Kein Star darunter, der aus dem Normenkatalog der Gesellschaft ausbricht. Einer f\u00fcr alle, alle f\u00fcr ein Ziel: den Titel. Kein egozentrischer Maradona. Oder auf Deutsch: kein selbstverliebter Mario Basler, kein aufs\u00e4ssiger Stefan Effenberg, kein individualistischer Bernd Schuster.<\/p>\n<p>Angepasst sein gilt als Tugend, weil die Mannschaftsdisziplin Berechenbarkeit und Planbarkeit bringt. Und damit die Komplexit\u00e4t der Realit\u00e4t reduziert. Unberechenbare K\u00fcnstler \u2013 um wieder zur Musik zur\u00fcckzukommen \u2013 wie David Bowie oder neueren Datums Lady Gaga sind in Deutschland derzeit undenkbar. Der K\u00fcnstler als Grenzg\u00e4nger und Verschieber von Grenzen ist derzeit hierzulande nicht gefragt. Gefragt ist das Vorhersehbare und Unkontroverse, da passt eine gelernte Musicaldarstellerin wie Helene Fischer perfekt ins Bild. Die Frau tut keinem weh und liefert immer die gleiche, perfekte Show ab. Bei Axl Rose oder Harald Juhnke wusste man dagegen nie, ob sie wirklich auf die B\u00fchne steigen oder doch lieber einen Fotografen in der ersten Reihe verpr\u00fcgeln oder gleich besoffen in der Garderobe bleiben.<\/p>\n<p>Helene Fischer als Gegenentwurf zu diesen Originalen muss uns freilich nicht das F\u00fcrchten lehren. Soll sie doch mit den Deutschen auf kollektive Kreuzfahrt gehen, soll doch Hansi Hinterseer seine Fans mit auf Wanderungen nehmen. Soll doch Andreas Gabalier mit Elvis-Tolle den Rabauken in Lederhose geben, obwohl er genauso angepasst und im Grunde stockspie\u00dfig ist wie alle Volksmusikanten. Und von mir aus sollen auch \u201eDie Amigos\u201c weiterhin ein Nummer-eins-Album nach dem anderen produzieren, obwohl selbst \u201eDie Flippers\u201c dagegen textlich und musikalisch nahezu innovativ waren. Wenn aber Helene Fischer aus der Schlagerecke ausbricht und schon den WM-Song singen darf, dann hei\u00dft das, dass dem Volk \u2013 im Krankheitssinne \u2013 etwas fehlt. Ihm ist unwohl in der Magengegend, und das Rezept dagegen ist die Beruhigungspille Helene Fischer.<\/p>\n<p>Die Finanzkrise ist vorerst einged\u00e4mmt, die Verunsicherung aber bleibt. Und sie wird vorerst weiter bleiben, weil sie ein Nebenprodukt der Globalisierung ist. Deutschland ist ein erfolgreiches Land, aber auch eines mit vielen \u00c4ngsten \u2013 die \u201eGerman Angst\u201c ist der Welt ein Begriff.<\/p>\n<p>Helene Fischer ist deshalb derzeit nur in Deutschland m\u00f6glich. Wer glaubt, in ihr sei ein k\u00fcnftiger Weltstar geboren und man m\u00fcsse ihre Texte nur ins Englische \u00fcbersetzen, um sie erfolgreich zu machen, irrt. Ihre Musik ist provinziell und ihre Show nur in Deutschland (und in \u00d6sterreich sowie der Schweiz denkbar). Sie eckt nicht an, neben einer Lady Gaga oder selbst einer Rihanna wirkt sie seltsam langweilig und farblos. Und wenn es deutsche Stars einmal zu \u00fcberregionalen Ruhm bringen, dann meist, weil sie anecken: Rammstein zum Beispiel, eine Band, die fast mehr f\u00fcr die deutsche Sprachwerbung im Ausland tut als das Goethe-Institut. Selbst die unvermeidliche Synthie-Pop-Gruppe Modern Talking, die noch heute in Asien aus jeder zweiten Karaoke-Bar schallt, war auf ihre, manchmal nur schwer zu ertragene Art unverwechselbar. Helene Fischer kann nur zwischen Flensburg und Klagenfurt funktionieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER, erschienen\u00a0bei &#8222;Opinion Club&#8220; (20.08.2014) Von Martin Benninghoff Erstmals bricht eine Schlagers\u00e4ngerin aus der Nische aus und wird zum Mainstream-Star. 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