{"id":1275,"date":"2014-10-02T18:19:40","date_gmt":"2014-10-02T16:19:40","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1275"},"modified":"2014-10-02T18:19:40","modified_gmt":"2014-10-02T16:19:40","slug":"weisse-hoelle-am-pc","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1275","title":{"rendered":"Wei\u00dfe H\u00f6lle am PC"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/10\/tod-in-der-weissen-hoelle-live-am-pc\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (01.102014)<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><strong>Zwei Extrembergsteiger sind im Himalaya unter tragischen Umst\u00e4nden ums Leben gekommen. Die Vermarktung ihrer Tour bei Spiegel Online wirft Fragen auf<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Als der deutsche Extrembergsteiger Sebastian Haag vergangene Woche auf tragische Weise ums Leben kam, war Spiegel-Online-Land Deutschland fast live dabei. In einer bis dato kaum dagewesenen Vorabberichterstattung der Kollegen aus Hamburg sollte die \u201evielleicht wahnsinnige Aufgabe\u201c journalistisch begleitet werden. Und nat\u00fcrlich mit spektakul\u00e4ren Bildern und vollmundigen Ank\u00fcndigungen vergoldet werden. Alles ein Vorschuss f\u00fcr eine noch zu erbringende Leistung. Dass die Besteigung nun derart tragisch enden musste, hat keiner gewollt. Aber sie sollte endlich ein Signal sein, die Vermarktung des Spitzenbergsports wieder auf ein Normalma\u00df zur\u00fcckzuschrauben.<\/p>\n<p>Was war passiert: Seit Ende August befanden sich die beiden deutschen Bergsteiger Benedikt B\u00f6hm und Sebastian Haag, beides Mittdrei\u00dfiger, mit ihren Freunden, dem Italiener Andrea Zambadi und einem weiteren Deutschen, Martin Maier, im Himalaya, um sich f\u00fcr ihren gro\u00dfen Coup vorzubereiten und zu akklimatisieren: Sie wollten innerhalb von sieben Tagen zwei Achttausender besteigen \u2013 erst den Shisha Pangma (8027 m) in Tibet und im Anschluss den Cho Oyu (8188 m) in Nepal.<\/p>\n<p>Als w\u00e4re das noch nicht genug gewesen, planten sie, die 170 Kilometer lange Strecke zwischen den Bergriesen auf dem Mountainbike zur\u00fcckzulegen. 170 Kilometer im Himalaya bedeutet: \u00fcber Stock und Stein, Ger\u00f6llpisten und mit enormen Steigungen in endlosen Kehren. Eine Tortur selbst f\u00fcr die trainierten Bergsteiger und Skifahrer.<\/p>\n<p>Spiegel Online war quasi live dabei, mit Berichten, Filmaufnahmen, O-T\u00f6nen direkt aus den Bergen und einer interaktiven Karte. Leser und Redaktion konnten darauf die GPS-Positionen der Extremsportler verfolgen. Doch gleich zu Beginn scheiterte der erste Besteigungsversuch auf den Shisha Pangma an den enormen Schneemassen. Das Team musste umkehren. Viel zu viel Schnee. Wer selbst am Berg unterwegs ist, wei\u00df, wie schwer es f\u00e4llt, von einem gesteckten Ziel abzulassen. Wie schwer muss es erst sein, wenn Spiegel Online quasi live dabei ist.<\/p>\n<p>War das Projekt, das sehr vollmundig beworben wurde (\u201esie wollen die Achttausender wieder zu der Herausforderung machen, die sie vor einem halben Jahrhundert waren\u201c), nun gescheitert? \u201eNein\u201c, sagte B\u00f6hm den Journalisten am Telefon. Obwohl die Bergsteiger nach eigenen Angaben schon recht entkr\u00e4ftet waren, brachen sie zu einem erneuten Versuch auf. Am vergangenen Mittwoch wurden Haag und Zambaldi durch eine Lawine get\u00f6tet, lediglich Martin Maier konnte sich gl\u00fccklicherweise retten. B\u00f6hm und der zwischenzeitlich dazu gesto\u00dfene Schweizer Bergsteiger Ueli Steck waren zum Ungl\u00fcckszeitpunkt gl\u00fccklicherweise an anderer Stelle und wurden verschont.<\/p>\n<p>Die Anteilnahme der Spiegel-Online-Redaktion ist nat\u00fcrlich das eine: \u201eDie Nachricht vom Ungl\u00fcck\u2026macht uns betroffen und traurig.\u201c Die Redaktion zeigt sich zu Recht selbstkritisch: \u201eWelche Verantwortung bringt eine so intensive Berichterstattung mit sich? Befeuern wir gar durch die Aufmerksamkeit einen Trend \u2013 h\u00f6her, schneller, weiter, riskanter? Was treibt uns? Und haben wir die Idee mit vorangetrieben?\u201c<\/p>\n<p>Die letzte Frage ist richtig, eine Antwort bleibt aber spekulativ. H\u00e4tten die Bergsteiger keinen zweiten Versuch mehr unternommen, wenn sie \u201eihre Geschichte\u201c nicht schon in vorauseilender Erfolgsmeldung an das Medium verkauft gehabt h\u00e4tten? Das l\u00e4sst sich nicht mehr beantworten. Fakt ist aber: Extremsportler stehen heutzutage unter extremen Vermarktungsdruck, weil nur noch die \u201ealten\u201c Stars der Szene \u2013 allen voran Reinhold Messner, Hans Kammerlander oder die \u201eHuber Buam\u201c \u2013 einer breiten \u00d6ffentlichkeit bekannt sind und dementsprechend gut gef\u00fcllte Vortragss\u00e4le und gute Verkaufszahlen ihrer B\u00fccher vorweisen k\u00f6nnen. Alle anderen sind nur noch f\u00fcr die Nische der Bergfans interessant.<\/p>\n<p>Das schafft Druck, erh\u00f6ht die Konkurrenzsituation unter Bergsteigern. Selbstmarketing ist da mittlerweile alles geworden. Es ist also durchaus verst\u00e4ndlich, dass j\u00fcngere Bergsteiger andere Marketingwege gehen m\u00fcssen, die Messner und Kammerlander ehedem noch nicht n\u00f6tig hatten. Ihnen das zum Vorwurf zu machen, w\u00e4re vielleicht eine Stilkritik, was den Ton und die Vollmundigkeit ihrer Ank\u00fcndigungen angeht. Im Angesicht des Todes und der Tragik f\u00e4nde ich es unangemessen, eine solche Debatte zu f\u00fchren. Nicht jetzt.<\/p>\n<p>Trotz der Selbstkritik der Redakteure liegt meines Erachtens nach eher das Problem in einer journalistischen Aufbereitung, die sicherlich gut gedacht war, aber auch von ziemlicher Unkenntnis der Materie zeugt: \u201eEs gibt einfache Antworten auf diese Fragen, aber das sind selten die besten. Verzicht w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit: einfach nicht mehr berichten. Doch die Grenze zur Ignoranz w\u00e4re flie\u00dfend. Und w\u00fcrden wir der journalistischen Verantwortung gerecht, indem wir Themen einfach ausblendeten?\u201c So das Statement von Spiegel Online weiter.<\/p>\n<p>\u201eJournalistische Verantwortung\u201c \u2013 ein hehres Wort. Geht es nicht vielmehr um eine packende Story mit krassen Bildern aus der \u201eTodeszone\u201c der Achttausender? Au\u00dferdem: Wer spricht denn von Ignoranz, wer spricht davon, Bergthemen einfach auszublenden? Aber muss eine vorauseilende und begleitende Berichterstattung sein, die den Druck auf die Bergsteiger noch erh\u00f6ht, um jeden Preis die Geschichte zu einem guten \u2013 zum versprochenen \u2013 Abschluss zu bringen? Der Gipfel ist da ein Muss, alles andere Versagen, das weitere Auftr\u00e4ge unwahrscheinlich macht.<\/p>\n<p>Redakteure, die in Hamburg sitzen, k\u00f6nnen die Geschichte nicht einsch\u00e4tzen oder gar kontrollieren. Dass man die ganze Zeit in Kontakt mit den Bergsteigern stand und Fragen wie \u201eGeht\u2019s Euch gut? Wie ist das Wetter? K\u00f6nnt Ihr schlafen\u201c gestellt haben will, sind ja kaum mehr als ein Versuch, an einer Sache irgendwie dranzubleiben, die sich jeglicher Erkenntnis auf Distanz entzieht. Hier wird suggeriert, ein solcher Grenzgang, eine solche Extremtour sei irgendwie kontrollierbar. Zumal in dem Bericht auf Spiegel Online auch noch so getan wurde, als sei der Himalaya quasi ein Gebiet f\u00fcr Halbschuhtouristen: \u201eder Himalaya fast ein Jedermannterrain\u201c.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnen nur Leute schreiben, die von den objektiven Gefahren \u2013 Lawinen, K\u00e4lte, Ersch\u00f6pfung \u2013 nichts wissen. GPS-Ger\u00e4te und andere neuere technische Entwicklungen \u00e4ndern ja nichts an diesen objektiven Gefahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bergsteiger bei diesem Vorhaben sterben, war ziemlich hoch. Auch wenn sie erfahrene Alpinisten waren \u2013 objektive Gefahr bedeutet ja: Man kann sich kaum gegen sie wehren. Ob Gelegenheitswanderer oder Supercrack am Berg, gegen Lawinen sind alle machtlos. Und im Himalaya haben die Gletscher noch eine Dicke, die Alpenurlauber in Staunen versetzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Vielleicht entspricht dieses tragische Vorhaben einem allgemeinen Trend: erst den Mund vollnehmen, und danach die Leistung bringen. Erst die Homepage, dann das Produkt. Erst das Marketing, die Erz\u00e4hlung, die Geschichte, der vorweggenommene Erfolg, danach die Einl\u00f6sung. Wenn es gut geht. Oder die Anbieter \u00fcberhaupt in der Lage sind, das Produkt sicher zu liefern. In diesem Fall sicherlich eine fatale Kombination.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re gut, wenn andere Extrembergsteiger \u2013 und \u00fcberhaupt alle Grenzg\u00e4nger -, beim n\u00e4chsten Mal erst ihre Leistung bringen, und danach dar\u00fcber berichtet wird. Spiegel Online sollte gar nichts ignorieren, aber vielleicht eine nat\u00fcrliche Reihenfolge einhalten: erst das Produkt, dann die Berichterstattung. Das w\u00e4re \u201ejournalistische Verantwortung\u201c. Klingt altbacken? Muss aber im Alpinismus sein \u2013 zu unsicher sind die Erfolgsaussichten bei extremen Touren.<\/p>\n<p>Erst recht geh\u00f6ren Scheitern und Umkehr zum Bergsteigen dazu \u2013 wegen der F\u00e4higkeit, im rechten Moment noch umzukehren, lebt Reinhold Messner noch. Doch wer scheitert schon gerne, wenn halb Deutschland zuschaut?<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, ist begeisterter Bergsteiger. Berlin ist da nat\u00fcrlich nur suboptimal. Aber wann immer es die Zeit zul\u00e4sst, d\u00fcst er gen Alpen. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (01.102014) Von Martin Benninghoff Zwei Extrembergsteiger sind im Himalaya unter tragischen Umst\u00e4nden ums Leben gekommen. 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