{"id":1279,"date":"2014-10-15T13:10:25","date_gmt":"2014-10-15T11:10:25","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1279"},"modified":"2015-01-05T13:55:09","modified_gmt":"2015-01-05T11:55:09","slug":"kim-wieder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1279","title":{"rendered":"Kim wieder!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/10\/kim-wieder\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei\u00a0OPINION CLUB (15.10.2014)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Kim Jong-un war verschwunden. Vom Milit\u00e4r weggeputscht? Von Dennis Rodman entf\u00fchrt? Nordkorea regt immer zu R\u00e4ubergeschichten an. Doch die Wahrheit ist vermutlich profaner<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Kim Jong-un ist wieder da! Glaubt man zumindest der nordkoreanischen Nachrichtenagentur, die am Dienstag Bilder ihres F\u00fchrers bei einer der typischen Vor-Ort-Inspektionen ver\u00f6ffentlichte. Lachend, putzmunter, mit einem schwarzen Gehstock. Die Message: Unser F\u00fchrer lebt, es gibt keinen Machtkampf in Pj\u00f6ngjang.<\/p>\n<p>Schade eigentlich, dass die Zeit des wilden Herumphantasierens damit zun\u00e4chst vorbei ist. Die vierw\u00f6chige Abstinenz war \u2013 wie so oft beim Thema Nordkorea \u2013 Botenstoff f\u00fcr die Phantasie-Synapsen westlicher Journalisten:<\/p>\n<p>Wo, verdammt nochmal, steckt blo\u00df dieser Kim Jong-un so lange? Spielt er vielleicht irgendwo Basketball mit Dennis Rodman? Bastelt er in einem seiner Pal\u00e4ste an Interkontinentalraketen? Hat er einfach keine Lust auf l\u00e4stige Parteijubil\u00e4en oder sonstige Aufm\u00e4rsche, an denen es, im Gegensatz zu vielen anderen Dingen in Nordkorea, wahrlich nicht mangelt? Tr\u00e4gt er lieber die Sonnenbrillen seines Vaters auf? L\u00e4sst er sich eine neue Frisur schneiden, und das dauert eben? Steckt er vielleicht am neuen Berliner Flughafen, hat da mal einer nachgeschaut?<\/p>\n<p>Bevor Sie jetzt denken, ich sei irregeworden: So oder so \u00e4hnlich muteten bis gestern viele Spekulationen \u00fcber den Verbleib des nordkoreanischen F\u00fchrers Kim Jong-un an, der einige Wochen nicht mehr in der \u00d6ffentlichkeit aufgetreten war. Nat\u00fcrlich nicht ganz so schlimm \u2013 aber ein bisschen schon.<\/p>\n<p><strong>Klatsch f\u00fcr Politik-Interessierte<\/strong><\/p>\n<p>Warum sind wir alle so versessen auf Kim-Jong-un-Geschichten? Auf den letzten Tratsch rund um kuriose Diktatoren-Frisuren? Warum halten wir in Nordkorea alles Verr\u00fcckte f\u00fcr m\u00f6glich? Keine Frage, offenbar h\u00f6ren wir gerne Klatsch und Tratsch, und die etwas bizarre Diktatur auf der koreanischen Halbinsel befl\u00fcgelt unsere Phantasie wie ein hell erleuchtetes Zimmer, das nur durch einen T\u00fcrspalt den Blick ins Innere erlaubt.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich menschlich verst\u00e4ndlich, aber nicht sonderlich hilfreich, sollte ein ernsthaftes Interesse an diesem Land bestehen. In diesem Fall sollte man sich n\u00e4mlich eingestehen, dass zwar vieles kurios anmutet in Nordkorea, die Strukturen und politischen Naturgesetze aber recht \u00e4hnlich funktionieren wie in allen anderen Staaten inklusive der parlamentarischen Demokratien in Europa.<\/p>\n<p>Nehmen wir beispielhaft die Machtfrage: \u00c4hnlich der Kanzlerin in Deutschland braucht auch ein nordkoreanischer Diktator eine Quelle f\u00fcr seine Macht. Freilich, die Quelle in Pj\u00f6ngjang sprudelt ganz woanders als in Berlin: Die nat\u00fcrlich gar nicht freien Wahlen zur Obersten Volksversammlung dienen der Loyalit\u00e4tsbekundung zur politischen F\u00fchrung, nicht jedoch der Wahl eines Regierungschefs wie in Deutschland.<\/p>\n<p>Kim Jong-uns Macht speist sich aus der Quelle seines Gro\u00dfvaters, des ewigen Pr\u00e4sidenten und von vielen Nordkoreanern sicherlich ernsthaft bewunderten Staatsgr\u00fcnders Kim Il-sung. Er starb 1994, nachdem er rund zehn Jahre seinen Sohn Kim Jong-il zum Nachfolger aufgebaut hatte. Als der Sohn 2011 verstarb, r\u00fcckte Kim Jong-un, dessen Sohn, nach. Was allerdings nicht selbstverst\u00e4ndlich war, schlie\u00dflich war dieser erst kurz zuvor in der \u00d6ffentlichkeit als m\u00f6glicher Nachfolger aufgebaut worden. Kurz vor knapp.<\/p>\n<p><strong>Das komplizierte Machtgeflecht Partei-Staat-Milit\u00e4r<\/strong><\/p>\n<p>Die Macht in Nordkorea wird vererbt, damit ist das Land die einzige sozialistische Erbmonarchie der Welt, die schon in dritter Generation recht stabil regiert wird. Diese Vererbungslehre hat einen gravierenden Nachteil: Die nat\u00fcrliche Autorit\u00e4t des Gro\u00dfvaters legt sich nicht automatisch auf die Nachfolger, schon gar nicht, je weiter die Zeit und die Generationen voranschreiten. Kim Jong-un tut also vieles, um so volksnah wie sein Gro\u00dfvater zu sein, er weihte Freizeitparks ein, versprach einen steigenden Lebensstandard und gibt sich jovialer als sein zugekn\u00f6pfter Vater, viel eher dem Gro\u00dfvater \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Das Entscheidende aber ist: Solange die Kim-Dynastie den drei S\u00e4ulen der Macht \u2013 Partei, Staat und Milit\u00e4r \u2013 nutzt, so lange wird sie existieren.<\/p>\n<p>Diese Erkl\u00e4rung ist wichtig, will man verstehen, warum Kim Jong-un aller Wahrscheinlichkeit nach fest im Sattel sitzt. Vermutlich ist er wirklich krank, vermutlich brauchte er eine Auszeit zur Rekonvaleszenz nach einem Eingriff. Zumindest ist so etwas wahrscheinlich.<\/p>\n<p>Unwahrscheinlich ist jedoch ein Putsch von Hwang Pyong So, des Leiters des politischen B\u00fcros der Volksarmee, der k\u00fcrzlich anstelle des Despoten bei den Asien-Festspielen in S\u00fcdkorea auftauchte und ausgerechnet die Entourage Kim Jong-uns bei sich hatte. Woher sollte dieser Milit\u00e4r pl\u00f6tzlich seine Machtlegitimation empfangen haben? Nach der inneren Logik des Systems k\u00f6nnte eine solche Macht\u00fcbertragung nur \u00fcber direkte Bande geradewegs vom Staatsgr\u00fcnder Kim Il-sung erfolgen \u2013 nicht aber durch eine einzelne Entscheidung des Milit\u00e4rs.<\/p>\n<p>Es sei denn, das System in G\u00e4nze w\u00e4re gekippt und weggeputscht worden. Daf\u00fcr aber gibt es keinerlei Anzeichen. Auch f\u00fcr die These, Kim Jong-un sei nur eine Marionette, gibt es nach den parteiinternen \u201eS\u00e4uberungen\u201c, die der F\u00fchrer offenbar zu verantworten hat, nicht wirklich handfeste Indizien. Wahrscheinlicher ist eine breitere Aufgabenverteilung innerhalb des Machtsystems in Pj\u00f6ngjang.<\/p>\n<p>Hwang Pyong So folgt nur einem Trend, der unter Kim Jong-un schon l\u00e4nger zu beobachten ist: Die Aufgaben des Staates werden auf mehrere Schultern verteilt, auch wenn das Machtzentrum unangefochten die Kim-Familie bleibt. Diese Aufgabenverteilung macht Sinn, weil sich auch das relativ isolierte Nordkorea zusehends ausdifferenziert. Eine kompliziertere Gesellschaft erfordert eine breitere Machtbasis, die nicht mehr ausschlie\u00dflich aus einem F\u00fchrer bestehen kann \u2013 erst recht nicht, wenn dieser noch jung ist und \u201enur\u201c der Enkel des gro\u00dfen Staatsgr\u00fcnders.<\/p>\n<p><strong>Nordkoreas Klammer ist immer noch die Kim-Dynastie<\/strong><\/p>\n<p>Salopp gesagt, alles wird ein bisschen komplizierter: Zumindest in den St\u00e4dten ist eine Mittelschicht entstanden, die sogar mit Privatautos unterwegs ist, gerne in Restaurants geht und Handys nicht nur zum Telefonieren, sondern auch als Statussymbol nutzt. Diese vorsichtige Liberalisierung birgt sowohl f\u00fcr das Milit\u00e4r als auch die Partei die Gefahr, dass die Menschen autonomer werden und mehr von der Au\u00dfenwelt mitbekommen, zumal illegale Importe aus China \u00fcberall zu bekommen sind. Es gibt wirtschaftsliberalere und strengstens stalinistische Kr\u00e4fte in der F\u00fchrung, die allesamt Aufgaben \u00fcbernehmen, weil sie eingebunden werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Klammer aber ist die Ideologie des Systems \u2013 personifiziert in der Kim-Dynastie. Sie h\u00e4lt den Laden zusammen. Warum sollte also Kim Jong-un weggeputscht werden? Wer w\u00fcrde davon profitieren?<\/p>\n<p>Erst wenn die Elite des Landes um ihre Pfr\u00fcnde bangt, weil das interne Patronage-System nicht mehr funktioniert und Kim Jong-un zu sehr in ihre Privatgesch\u00e4fte eingreift, k\u00f6nnte er die Loyalit\u00e4t von Milit\u00e4r und Partei arg auf die Probe stellen. Die Wirtschaftsreformen seines Vaters wurden auch deshalb nach einiger Zeit wieder zur\u00fcckgedreht. Kim Jong-un selbst wollte mit der Hinrichtung seines Onkels Yang Song Thaek wohl eine starke Warnung an seine Eliten senden, es mit der Autonomie und den eigenen Gesch\u00e4ften nicht zu weit zu treiben. F\u00fchrer, Milit\u00e4r und Partei \u2013 man ist eben aufeinander angewiesen.<\/p>\n<p>Dass dieses System auf gegenseitige St\u00fctzung grunds\u00e4tzlich ins Wanken geraten sein k\u00f6nnte, dazu gibt es derzeit keinerlei Anzeichen. Es gibt also keinen Grund, das M\u00e4rchenbuch aufzuschlagen und sich in Verschw\u00f6rungstheorien oder phantastischen Geschichten \u00fcber den Verbleib Kim Jong-uns zu ergehen.<\/p>\n<p>Wer sich \u00fcbrigens vern\u00fcnftig informieren m\u00f6chte \u00fcber Nordkorea, dem sei das neue Buch von R\u00fcdiger Frank \u201eNordkorea \u2013 Innenansichten eines totalen Staates\u201c ans Herz gelegt. Frank ist Koreanist und bereist das Land seit den Neunziger-Jahren regelm\u00e4\u00dfig, hat dort auch gelebt. Abraten m\u00f6chte ich von solchen Witzb\u00fcchern wie dem Spiegel-Bestseller \u201eKim &amp; Struppi \u2013 Ferien in Nordkorea\u201c, das allenfalls mit Klischees, Missverst\u00e4ndnissen und grottigen \u00dcbertreibungen auff\u00e4llt. Autor Christian Eisert ist ein Mal ins Land gereist \u2013 und so lesen sich seine Erkenntnisse auch. Wie sagte die Koreanistin Helga Picht zu R\u00fcdiger Frank: Wer ein Buch \u00fcber Nordkorea schreiben will, sollte entweder f\u00fcr zwei Wochen ins Land fahren oder sich zwei Jahrzehnte lang damit besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, ist 2012 und 2013 in Nordkorea gewesen, hat f\u00fcr Spiegel Online und einige Zeitungen \u00fcber die Kim-Dynastie berichtet. Ein Buch ist daraus noch nicht entstanden \u2013 da braucht es noch weitere Reisen.<\/em><br \/>\n<em> Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei\u00a0OPINION CLUB (15.10.2014) Von Martin Benninghoff Kim Jong-un war verschwunden. Vom Milit\u00e4r weggeputscht? Von Dennis Rodman entf\u00fchrt? 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