{"id":1286,"date":"2014-10-29T09:08:45","date_gmt":"2014-10-29T07:08:45","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1286"},"modified":"2015-01-05T13:53:41","modified_gmt":"2015-01-05T11:53:41","slug":"german-reise-angst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1286","title":{"rendered":"German Reise-Angst"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/10\/german-reise-angst\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (29.10.2014)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Die Deutschen m\u00f6gen es gerne sicher. Auch deshalb \u00fcberzieht das Ausw\u00e4rtige Amt die Welt mit Sicherheitshinweisen. Vollkasko-Mentalit\u00e4t und Fernreisen vertragen sich aber nicht<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Den verstorbenen Weltenbummler Peter Scholl-Latour zog zuletzt nichts mehr in sein geliebtes Indochina. Zu viele Touristen, zu viele Backpacker, zu viele sogenannte Individualreisende, die zwar ihr Abenteuer suchen, aber bitte eines mit Rundumsorglospaket. Er fuhr dann lieber nochmal in den Tschad (laut Ausw\u00e4rtigem Amt mit einer \u201eTeilreisewarnung\u201c belegt) \u2013 wenige Monate vor seinem Tod.<\/p>\n<p>Nun muss wahrlich keiner Scholl-Latours Vorliebe f\u00fcr Kriegsgebiete teilen, um eine erf\u00fcllte Reise zu erleben. Und Thailand, Kambodscha, Laos und Vietnam sind tats\u00e4chlich mittlerweile ziemlich sicher zu bereisen. F\u00fcr alle Beteiligten \u2013 vor allem die Bev\u00f6lkerungen \u2013 bedeutet das seit den Indochina-Kriegen eine enorme Verbesserung. Wer will das beklagen? Bestimmt keiner.<\/p>\n<p><strong>Handtaschenraub in Laos<\/strong><br \/>\nDennoch werden selbst diese L\u00e4nder vonseiten des Ausw\u00e4rtigen Amtes mit einer Vielzahl an absurden <a title=\"AA_Sicherheitshinweise\" href=\"http:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/DE\/Laenderinformationen\/SicherheitshinweiseA-Z-Laenderauswahlseite_node.html\" target=\"_blank\">Sicherheitshinweisen<\/a> \u00fcberzogen. Da ist im Falle Laos\u2018 zum Beispiel von der Gefahr von Handtaschendiebstahl die Rede. Ja gut, das stimmt nat\u00fcrlich, so wie das immer stimmt in jeder Gesellschaft der Welt, und erst recht in einem Staat, in dem das Pro-Kopf-Einkommen der Menschen nur einen Bruchteil des Einkommens eines durchschnittlichen Mitteleurop\u00e4ers ausmacht.<\/p>\n<p>Bef\u00fcrworter einer Vollkasko-Mentalit\u00e4t beim Thema Reisen k\u00f6nnten anmerken, dass die Sicherheitshinweise per se ein gutes Angebot des Ausw\u00e4rtigen Amtes seien, weil sie Reisenden das Leben erleichterten. Stimmt. Es stimmt aber auch, dass die Reise- und Sicherheitswarnungen des deutschen Au\u00dfenministeriums die Welt mittlerweile zu einem Hort potentieller Gefahren stempeln, v\u00f6llig \u00fcbertrieben und oft ma\u00dflos. Mit der Folge, dass manche Ziele ins Blickfeld von Reisenden geraten, f\u00fcr die der sichere Pool in einem Hotelkomplex vielleicht doch die bessere L\u00f6sung w\u00e4re. Zudem werden Klischees \u00fcber ferne Ziele ver\u00f6ffentlicht, die zwar stimmen m\u00f6gen, aber eben nur ein Teil der Wahrheit sein k\u00f6nnen. Nur, die anderen Teile der Wahrheit werden \u2013 das liegt in der Natur der Sache \u2013 nicht erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Die erlebt man ausschlie\u00dflich als Reisender, nur zwei Beispiele von vielen: Als ich in Nordindien meine Spiegelreflexkamera in einem Restaurant liegen lie\u00df, lief mir der Wirt einen Kilometer hinterher, um sie mir zu bringen. Als ich in Albanien aus Versehen zu viel Geld zahlen wollte, weil ich mich mit der W\u00e4hrung noch nicht gut auskannte, korrigierte mich der Verk\u00e4ufer sofort und gab mir das \u00fcbersch\u00fcssig gezahlte Geld zur\u00fcck. Einzelf\u00e4lle? Nein, zwei Beispiele f\u00fcr meinen Gesamteindruck nach vielen Fernreisen.<\/p>\n<p>Die \u201cS\u00fcddeutsche Zeitung\u201d hat sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum die Seite des Ausw\u00e4rtigen Amtes angeschaut und festgestellt: \u201eKlickte man einen von rund 40 ausgew\u00e4hlten Staaten in Nahost, Afrika oder Asien an, erhielt man wochenlang die jeweils lautende Information, es best\u00fcnde dort ein erh\u00f6htes Risiko, Opfer von Anschl\u00e4gen und Entf\u00fchrungen zu werden. Das galt nicht nur f\u00fcr L\u00e4nder, in denen es in j\u00fcngster Zeit Entf\u00fchrungen gab und die sowieso von Urlaubern gemieden werden wie etwa Niger, Mali und Mauretanien \u2013 sondern auch f\u00fcr beliebte Reiseziele wie \u00c4gypten, Marokko, Thailand, Indonesien, Jordanien und Kenia.\u201c In den entsprechenden Foren werden Marokko-Reisen zum Beispiel mittlerweile stark diskutiert \u2013 also ob dieses klassische, auch f\u00fcr Individualreisende hervorragend zu erkundende Ziel mit Mali oder Mauretanien zu vergleichen w\u00e4re. Die Angst vor islamistischem Terror f\u00e4hrt nun schon zum Surfen nach Agadir mit.<\/p>\n<p><strong>Pauschale Terrorwarnungen<\/strong><br \/>\nInzwischen sind die regionalen Sicherheitshinweise durch weltweite erg\u00e4nzt worden. Was die Sache noch undifferenzierter macht: Der weltweite Sicherheitshinweis auf die Terrorgefahr durch islamistische Gruppierungen wie den selbsternannten \u201eIslamischen Staat\u201c (IS) wird sogar recht prominent auf der Seite \u00fcber Kambodscha verlinkt: Dabei muss sich kein Kambodscha-Tourist vor Entf\u00fchrungen durch irgendwelche \u201eIS\u201c-Terroristen f\u00fcrchten. Das Bild vom Islam als Sicherheitsrisiko wird so nur unn\u00f6tig versch\u00e4rft, was erst recht unverst\u00e4ndlich ist, wenn man bedenkt, dass die kambodschanischen Muslime lange Zeit verfolgt wurden, also Opfer, nicht T\u00e4ter waren. Legt man derart schwammige Kriterien an, dann sollte Deutschland unbedingt auf der Liste sicherheitsgef\u00e4hrdender Reiseziele stehen: In einem freien Land ist keiner vor Anschl\u00e4gen gefeit. Aber: Sie kommen zum Gl\u00fcck extrem selten vor, in Deutschland \u2013 das muss man bei aller Hysterie um Salafisten ja betonen -, hat es bislang keinen einzigen schwerwiegenden Terroranschlag gegeben.<\/p>\n<p>Blo\u00dfe Sicherheitshinweise sind von den Reisewarnungen zu unterscheiden. Reisewarnungen sind Appelle, unter keinen Umst\u00e4nden in dieses oder jenes Land zu reisen. In den \u00fcberwiegenden F\u00e4llen sind diese Appelle sinnvoll, weil es sich um aktuelle Kriegsgebiete handelt wie Libyen, Syrien oder Irak. In der Vergangenheit z\u00e4hlte auch Nordkorea dazu, was wiederum nicht unbedingt verst\u00e4ndlich war: Denn abgesehen davon, dass man keine Bibel im Hotelzimmer liegen lassen sollte und keinen Fisch ins Zeitungspapier mit dem Konterfei Kim Jong-uns einwickeln sollte, reist es sich fast nirgendwo sicherer als in einer Diktatur, in der Reisenden per se staatliche Aufpasser an die Seite gestellt werden. Dass auch bei Nordkorea der weltweite Terrorhinweis auf \u201eIS\u201c n\u00f6tig ist, erscheint besonders absurd.<\/p>\n<p>Sicherheitshinweise sind sinnvoll, wenn sie ma\u00dfvoll und zielgenau eingesetzt werden. Am Beispiel Israel und Pal\u00e4stina zeigt sich, wie das geht: Vor Reisen in den Gaza-Streifen wird v\u00f6llig zu Recht gewarnt. Sicherheitshinweise regen zu Obacht in Jerusalemer Stra\u00dfenbahnen oder der Altstadt an und warnen vor Krawallen. Im vergangenen Jahr bin ich mit meiner Frau an der Stadtmauer der Jerusalemer Altstadt in einen Krawall geraten, als pal\u00e4stinensische Jugendliche mit Steinen und Feuerwerksk\u00f6rpern auf die Polizei losgingen, die auf berittenen Pferden gegen die meist jungen M\u00e4nner vorging. Das sah martialisch aus, ist aber Teil der Jerusalemer Wirklichkeit.<\/p>\n<p><strong>Leitbild des unm\u00fcndigen Pauschalreisenden<\/strong><br \/>\nJeder vern\u00fcnftige Reisende, der sich mit seinem Ziel im Vorfeld besch\u00e4ftigt, bereitet sich auf derlei Vorf\u00e4lle vor. In der Situation sollte man dann eher weggehen und sich nicht aus lauter Neugier ins Get\u00fcmmel werfen \u2013 ja, bitte, das ist doch klar und sollte Grundlage f\u00fcr jeden vern\u00fcnftigen Reisenden sein. Oder pflegt das Ausw\u00e4rtige Amt lieber ein Menschenbild des unm\u00fcndigen Pauschalreisenden? Im Westjordanland waren wir auch entsprechend vorsichtig, haben andererseits vor Ort erleben k\u00f6nnen, dass vieles von au\u00dfen gef\u00e4hrlicher aussieht als es ist: Das gr\u00f6\u00dfte Problem dort ist die mangelhafte Beschilderung auf den Stra\u00dfen, so dass wir am falschen Ende ausgekommen sind und pl\u00f6tzlich an der jordanischen Grenze standen.<\/p>\n<p>So ist es mir meistens auch in anderen L\u00e4ndern wie Nordkorea oder dem Maghreb ergangen. Und so ergeht es vermutlich den meisten Fernreisenden. Angst haben eher diejenigen, die ausschlie\u00dflich nahe Ziele kennen und bereisen (das ist die ber\u00fchmte Katze, die sich in den Schwanz bei\u00dft: Aus Angst reisen manche nicht zu ferneren Zielen. Aus Unkenntnis vertiefen sich dann allerdings auch die Vorurteile gegen ferne Ziele).<\/p>\n<p>War die Welt vor 50 Jahren sicherer? Nat\u00fcrlich nicht. Kriegs- und Krisenkonflikte haben sich aber verschoben, was eine Binsenweisheit ist: Reisen durch Europa, auf dem Balkan, den meisten ehemaligen Sowjetrepubliken sind viel einfacher geworden. Etliche afrikanische Staaten (nehmen wir die Ebola-Staaten aktuell aus) sind sicherer geworden, ebenso s\u00fcdamerikanische L\u00e4nder, deren staatliche Beh\u00f6rden mittlerweile mehr f\u00fcr Sicherheit sorgen k\u00f6nnen als das noch zu den Hochzeiten der Drogenkartelle m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Andere Weltregionen sind unsicherer geworden: Afghanistan zieht auf unabsehbare Zeit wohl keine Backpacker mehr an. Syrien, vor wenigen Jahren noch von Travellern gelobt ob der wunderbaren St\u00e4dte und der freundlichen Menschen, ist No-Go-Area geworden. Der Iran hingegen gilt mittlerweile als sehr sicheres (lohnendes ohnehin) Reiseland. Das wird sich auch weiterhin verschieben und ver\u00e4ndern, wie zu allen Zeiten.<\/p>\n<p>Es ist gut, dass sich das Ausw\u00e4rtige Amt bem\u00fcht, diese gro\u00dfen Konfliktherde zu benennen, und f\u00fcr Touristen entsprechende Warnungen herausgibt. Bei den Sicherheitshinweisen sollte es allerdings die Kirche im Dorf lassen: Was h\u00e4tte Peter Scholl-Latour \u00fcber die Handtaschenraubgefahr in Laos gesagt? Er h\u00e4tte wohl gelacht und das als sein kleinstes Problem benannt.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, ist dankbar f\u00fcr die Reisehinweise des Ausw\u00e4rtigen Amtes. In den Sicherheitshinweisen entdeckt er so manche Anregung f\u00fcr eine lohnende und spannende Reise. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (29.10.2014) Von Martin Benninghoff Die Deutschen m\u00f6gen es gerne sicher. Auch deshalb \u00fcberzieht das Ausw\u00e4rtige Amt die Welt mit Sicherheitshinweisen. 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