{"id":1294,"date":"2014-11-26T09:39:32","date_gmt":"2014-11-26T07:39:32","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1294"},"modified":"2015-01-05T13:51:55","modified_gmt":"2015-01-05T11:51:55","slug":"wut-zur-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1294","title":{"rendered":"Wut zur Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/11\/wut-zur-wahrheit\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (26.11.2014)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201e\u00c4ngstliche wei\u00dfe M\u00e4nner\u201c schie\u00dfen gegen Islam, Schwule und Genderstudien. Chronische Wut allerdings ist ein schlechter Ratgeber. Wo sind blo\u00df die gelassenen, weisen \u00e4lteren M\u00e4nner?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Kennen Sie <em>angry white men<\/em>, w\u00fctende wei\u00dfe M\u00e4nner? Ich muss gestehen, irgendwie geh\u00f6re ich ja auch dazu, also zu den wei\u00dfen M\u00e4nnern. Gerade in diesen ersten kalten Tagen, an denen die Sonne sich nur m\u00fchsam f\u00fcr ein paar wenige Stunden aus dem Winterschlaf nach drau\u00dfen sch\u00e4lt, bin ich ziemlich wei\u00df. Minimal pigmentiert, um maximal Sonne rauszuholen. Ein genialer Trick der Evolution.<\/p>\n<p><em>Angry<\/em> aber, also w\u00fctend, bin ich \u00fcberhaupt nicht. Zumindest nicht dauerhaft als Gem\u00fctszustand, der einem die Sinne so weit vernebelt, dass es kaum noch gelingt, die Dinge halbwegs objektiv und gelassen zu betrachten. Wut kann zwar im Moment Energie und Engagement erzeugen, chronische Wut jedoch f\u00fchrt unweigerlich in einen Dauerzustand pathologischer Erregung, der einen Relationen und wichtige Fakten nicht mehr erkennen lassen. Einsch\u00e4tzungen geraten zu blo\u00dfen Versch\u00e4tzungen.<\/p>\n<p>Zu beobachten ist dieses St\u00f6rungsbild bei den Motzern und P\u00f6blern in den Kommentarspalten im Internet, die \u2013 gesch\u00fctzt in der Anonymit\u00e4t \u2013 ihrer Wut freien Lauf lassen und dabei die Mindeststandards an Bewertungskraft und H\u00f6flichkeit missen lassen. Moderater und im Ton b\u00fcrgerlicher zeigen sich die konservativen Kolumnisten und Journalisten, die unter echten Namen ihren Wuttexten ein anderes Gewand geben. In der Sache aber \u00e4hneln sich die beiden Typen w\u00fctender wei\u00dfer M\u00e4nner (und weniger Frauen) doch augenf\u00e4llig.<\/p>\n<p><strong>Putin, Einwanderung, Islam<\/strong><br \/>\nSobald im Internet ein Artikel mit den Reizworten Putin, Einwanderung, Islam, Homosexuelle oder Gender auftaucht, ist der Grundstein f\u00fcr den Shitstorm gelegt. Interessant ist immer \u2013 so meine Erfahrung -, dass Kommentarschreiber die abenteuerlichsten Querverbindungen hinkriegen, um diese Reizworte am besten noch in einem Abwasch mit ihrem Hass abzuarbeiten: Schreibt wer einen sachlichen Artikel zum Outing eines ber\u00fchmten Fu\u00dfballers, kann man sicher sein, dass irgendjemand im Kommentarbereich die Br\u00fccke zum Islam schl\u00e4gt. Weil der Islam doch so schwulenfeindlich sei und das eigentliche Problem. Oder so.<\/p>\n<p>Nun ist der Islam als Thema ja noch so allgegenw\u00e4rtig in den Medien und relevant, dass ein gro\u00dfes Interesse daran durchaus verst\u00e4ndlich ist. Spannend ist aber die Frage, warum das totale Nischenthema Gender sowohl bei p\u00f6belnden Kommentarschreibern als auch moderateren Kolumnisten derart popul\u00e4r ist. Wer so k\u00fchn ist, \u00fcber Feminismus und Genderstudien zu schreiben oder zu sprechen, darf sich getrost auf einen ganz besonderen Shitstorm freuen. Ein Dauerthema \u00fcbrigens auch auf den Meinungsseiten der konservativen Zeitungen wie FAZ und \u201cWelt\u201d; und es hat es sogar recht prominent ins Wahlprogramm der AfD geschafft, der derzeit angesagtesten Interessenvertretung der <em>angry white men<\/em> (and women) in Deutschland.<\/p>\n<p>Man fragt sich, woran r\u00fchrt dieses Reizwort in diesen Menschen, dass sie es mit Schm\u00e4hungen und pathetischen Meinungsartikeln von sich weisen m\u00fcssen, als handele es sich um den Untergang des Abendlandes. Eigentlich sind Genderstudien doch ein Nischenfach an den Universit\u00e4ten, ein Orchideenfach, eine Orchidee mit Stachel. Im Grunde doch nur interessant f\u00fcr einige Fachleute und Aktivisten, aber doch kein Anlass f\u00fcr Montagsdemonstrationen! Die Antwort ist: Genderstudien stellen die Macht und Deutungshoheit der m\u00e4nnlichen Bev\u00f6lkerung in Frage, so wie der Feminismus insgesamt und auch einzelne andere Themen wie der Gr\u00fcnen-Vorschlag eines Veggiedays beispielsweise im vergangenen Bundestagswahlkampfes. Auch so ein eigentlich unwichtiges Randthema, das f\u00fcr wahnsinnige Furore sorgte.<\/p>\n<p>Genderstudien stellen nicht das Fleischessen in Frage, sondern die Vorstellung von zwei biologisch fest geformten Geschlechtern. Eine solche Einteilung der Welt in m\u00e4nnlich und weiblich \u2013 und damit all die Rollenzuschreibungen, wie sich M\u00e4nner und Frauen zu verhalten haben -, sei ideologisch und kulturell konstruiert, und zwar von denen, die die Macht bislang innehatten und haben: den wei\u00dfen M\u00e4nnern, die Politik und Regierungen machen und in den Konzernvorstandsetagen hocken. Diese wei\u00dfen M\u00e4nner, so die feministische Annahme, h\u00e4tten die Welt nach ihren Vorstellungen geformt, eine Welt mit lauter heterosexuellen Kleinfamilien, in denen Mutter die Hausarbeit erledigt und Papa das Geld nach Hause bringt.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist im Westen dieses Monopol weitgehend gebrochen, auch wenn diese Lebensform als eine unter vielen selbstverst\u00e4ndlich weiter existiert. Aber zun\u00e4chst war es doch wichtig, dass Feministinnen schon vor Jahrzehnten bestimmte D\u00e4mme der ungleichen Machtverteilung eingerissen haben, und ein wichtiges Werkzeug war die Sprache: Wer mal auf einem Friedhof spazieren geht, kann sich davon \u00fcberzeugen, dass vor wenigen Jahrzehnten die Frauen allenfalls unter Nennung ihres Vornamens auf dem Grabstein erw\u00e4hnt wurden \u2013 unter dem Patriarch und m\u00e4nnlichen Familienoberhaupt. Zu meiner Kinderzeit war es auch noch \u00fcblich, die Post an meine Eltern ausschlie\u00dflich an meinen Vater zu adressieren, was mich als Jugendlicher allerdings einigerma\u00dfen aufgeregt hat.<\/p>\n<p><strong>\u00dcbertreibungen geh\u00f6ren dazu<\/strong><br \/>\nDamals wie heute ist Sprache das Werkzeug der Feministinnen. Und ich muss gestehen, dass ich einiges, was Gender-Forscherinnen heute vorschlagen, albern und \u00fcberzogen finde (ich nenne jetzt keine Beispiele, denn dieses Zitate-Rausrei\u00dfen ohne Kontext finde ich schon beim Thema Islam kontraproduktiv). Solche \u00dcbertreibungen lassen mich andererseits ziemlich kalt; leisten wir uns doch einmal kurz den Luxus, wie ein Historiker auf unsere Zeit zu schauen: Ja, nat\u00fcrlich hat es diese und jene \u00dcbertreibung gegeben, aber der gesellschaftliche Fortschritt und die Liberalisierung \u2013 insofern, als dass es mehr als den einen allgemein anerkannten Lebensentwurf gibt \u2013 ist unter dem Strich eine gute Sache.<\/p>\n<p>Und da k\u00f6nnte sich doch jeder wei\u00dfe Mann wenigstens ab und ab mal an die eigene Nase fassen und sich selbst hinterfragen: Muss jede liebgewordene Tradierung f\u00fcr alle Ewigkeit in meinem Hirn Bestand haben, nur weil ich das so in meiner Kindheit gelernt habe? Der selbstbewusste Mann, der sich seiner Identit\u00e4t sicher ist, hat es gar nicht n\u00f6tig, mit dem Finger auf Muslime, Schwule (die angeblich zu viel Aufmerksamkeit in der \u00d6ffentlichkeit bek\u00e4men), insgesamt Minderheiten und ein paar versprengte Genderforscherinnen zu zeigen. Dann \u00fcberzeugt die Kritik an \u00dcbertreibungen der Genderforschung auch st\u00e4rker, weil sie nicht mehr aus der Wut geboren ist, sondern aus der Kraft der Einsicht und des Arguments.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c hofft, dass sich die w\u00fctenden P\u00f6bler mal fragen, ob sie vielleicht selbst ein Problem haben. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (26.11.2014) Von Martin Benninghoff \u201e\u00c4ngstliche wei\u00dfe M\u00e4nner\u201c schie\u00dfen gegen Islam, Schwule und Genderstudien. Chronische Wut allerdings ist ein schlechter Ratgeber. Wo sind blo\u00df die gelassenen, weisen \u00e4lteren M\u00e4nner? 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