{"id":1300,"date":"2014-12-10T09:26:02","date_gmt":"2014-12-10T07:26:02","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1300"},"modified":"2015-01-05T13:54:24","modified_gmt":"2015-01-05T11:54:24","slug":"wir-brauchen-die-frommen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1300","title":{"rendered":"Wir brauchen die Frommen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/12\/wir-brauchen-die-frommen\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (10.12.2014)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Der Westen darf sich im Kampf gegen den IS nicht wegducken \u2013 das ist klar. Aber nur die Muslime selbst k\u00f6nnen den Feind besiegen, nicht zuletzt die konservativen und reaktion\u00e4ren Muslime<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wenn ich mir bildlich vorstelle, wer die M\u00f6rderbanden des selbst ernannten \u201eIslamischen Staats\u201c (IS) am wirkungsvollsten bek\u00e4mpfen kann, dann sehe ich Anwohner eroberter St\u00e4dte im Irak und in Syrien, die faule Eier auf ihre daher stolzierenden Besatzer werfen, ihnen trotz vorgehaltener Waffe einen Unterschlupf und Vorr\u00e4te verweigern, ihnen unter Gel\u00e4chter\u00a0und gro\u00dfer Gefahr den Ausgang ihrer Stadt zeigen: \u201eHaut ab, Ihr habt nichts mit unserem Gott zu tun! Ihr wollt f\u00fcr uns sprechen? Schert Euch zum Teufel, Ihr seid vor allem Sadisten, Vergewaltiger und Psychopathen, aber bestimmt keine gottgef\u00e4lligen, frommen Muslime, als die Ihr Euch ausgebt.\u201c<\/p>\n<p>Was meiner Phantasie entspringt, ist, gelinde gesagt, sicherlich kein Massenph\u00e4nomen in den besetzten Gebieten. Zumal die blo\u00dfe Gewalt und die Einsch\u00fcchterung der IS-Schergen nat\u00fcrlich breiten Widerstand verhindert, ja vermutlich im Keim erstickt. Abseits der umk\u00e4mpften Besatzungsgebiete aber gibt es sehr wohl arabische Stimmen, die sich dem IS-Terror entgegenwerfen, freilich aus einer Sicherheits-Distanz, die man niemandem ver\u00fcbeln m\u00f6chte: Zwei dieser Stimmen m\u00f6chte ich exemplarisch herausstellen, zwei, die unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnten und gerade deshalb \u2013 auf ihre Weise \u2013 sehr wirkungsvoll sind: die Stimme der arabischen Gelehrten, die einen offenen Brief an den IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi geschrieben haben, und die jordanische K\u00f6nigin Rania, die vor einigen Tagen in Abu Dhabi eine fulminante Rede an die Araber gehalten hat.<\/p>\n<p><strong>Mutige Anklage der K\u00f6nigin<\/strong><br \/>\nFangen wir mit der jordanischen K\u00f6nigin an: Rania hat k\u00fcrzlich, im November, eine beachtliche, mutige Rede gehalten, die vielen arabischen M\u00e4nnern zu denken geben sollte. \u201eUnser Schweigen ist das gr\u00f6\u00dfte Geschenk\u201c an den IS, sagte die 44-j\u00e4hrige K\u00f6nigin bei einer Veranstaltung in Abu Dhabi, bei der Teile der arabischen Elite, Scheichs und Medienmogule, im Publikum sa\u00dfen. Das Vorr\u00fccken der Miliz sei eine Gefahr f\u00fcr die Zukunft des gesamten Islam und der Region, so Rania, die ihrer Heimat eine kollektive Apathie ob des Terrors aus den eigenen Reihen ins Stammbuch schrieb.<\/p>\n<p>Klar, Rania ist besorgt \u00fcber die Gefahr f\u00fcr ihr eigenes K\u00f6nigreich, schlie\u00dflich ist das jordanische K\u00f6nigshaus als Freund des Westens den Islamisten ein besonderer Dorn im Auge. Aber was sie zu sagen hatte, \u00fcberzeugt in der Sache: Die Radikalen, so Rania, seien getrieben von einer Ideologie, die sich kaum mit Gewehrkugeln bek\u00e4mpfen lasse, zugleich seien die Dschihadisten ein Produkt der miserablen Bildung, der Armut und des fehlenden sozialen Bewusstseins in der Region. \u201eEine kleine Minderheit areligi\u00f6ser Extremisten nutzt die sozialen Medien, um unsere Geschichte umzuschreiben, unsere Identit\u00e4t zu kidnappen und uns zu diskreditieren\u201c, rief sie ihren arabischen Landsleuten entgegen.<\/p>\n<p>Ranias Rufe blieben nicht ungeh\u00f6rt in der arabischen Welt, obwohl der Eindruck nicht ganz falsch ist, dass ihre Worte vor allem im Westen f\u00fcr zustimmende bis jubilierende Leitartikel sorgten. Das mag damit zu tun haben, dass sich keiner mit deutlicher Kritik exponieren und damit angreifbar machen m\u00f6chte \u2013 aber genau diese Apathie spielt dem IS in die blutigen H\u00e4nde. Darauf hob sie ab. Vergessen wir nicht: Vor allem Muslime leiden unter dem Terrorregime der selbstgef\u00e4lligen \u201eGotteskrieger\u201c, und es sterben wesentlich mehr Muslime als westliche Journalisten durch die Hand der Halsabschneider. Dass ausgerechnet eine Frau den arabischen Patriarchen ins Gewissen redete, macht die Botschaft umso st\u00e4rker.<\/p>\n<p>Ranias Worte bleiben nicht unwirksam: Sie r\u00fcttelte auf in einer Zeit, in der die arabischen Nationen selbst darum ringen, wie sie auf die Bedrohung des IS reagieren sollten. Die Vereinigten Arabischen Emirate, der Jemen, Saudi-Arabien und Katar haben gro\u00dfe Probleme mit kleinen, aber lautstarken IS-affinen Gruppen innerhalb ihrer Landesgrenzen. Selbst wenn sich ein saudischer Patriarch von einer Frau wie Rania nichts sagen l\u00e4sst, so gab es doch f\u00fcr sie geh\u00f6rig Zuspruch in den sozialen Netzwerken. Nicht zuletzt von j\u00fcngeren Frauen, f\u00fcr die Rania ein Vorbild ist. Ein wichtiges Vorbild.<\/p>\n<p>S\u00e4kulare, irgendwie westliche und nach unseren Ma\u00dfst\u00e4ben moderne Menschen wie Rania aber werden das Ruder im Nahen Osten und in Afrika nicht herumrei\u00dfen k\u00f6nnen. Dazu braucht es die Frommen, die Geistlichen, die Muslime, die nach unseren Kriterien keine lupenreinen Demokraten sind, die sich aber umso wirkungsvoller gegen den IS stellen k\u00f6nnen, weil sie von der einfacheren Bev\u00f6lkerung geh\u00f6rt werden \u2013 und vor allem von den Imamen geh\u00f6rt werden, die in syrischen Kleinst\u00e4dten oder libanesischen D\u00f6rfern von der Kanzel predigen und dort Einfluss auf ihre Sch\u00e4fchen haben. Menschen wie Rania brauchen die einfachen, frommen Geistlichen als Multiplikatoren ihrer Anti-IS-Botschaft. Das aber funktioniert nicht \u00fcber Leitartikel in westlichen Medien, sondern \u00fcber religi\u00f6se Wege, \u00fcber die K\u00f6pfe der Frommen.<\/p>\n<p><strong>Die Kraft der Gelehrten<\/strong><br \/>\nEin beeindruckendes Beispiel f\u00fcr eine solche Initiative ist der Offene Brief an IS-Chef al-Bagdadi, den 126 muslimische Gelehrte aus etlichen L\u00e4ndern unterzeichnet haben, und der in mehreren Sprachen weltweit, nat\u00fcrlich auch im arabischen Raum, verbreitet wurde. Darin unterziehen die Geistlichen den IS-Terror einer theologischen \u00dcberpr\u00fcfung, und sie kommen zum Ergebnis, dass es im Islam keine Rechtfertigung f\u00fcr die Gr\u00e4ueltaten und die Anma\u00dfungen der \u201eGotteskrieger\u201c gibt. Das deklinieren sie durch und kommen zu einer Reihe von (theologischen) Schl\u00fcssen, wie \u201eEs ist im Islam verboten, Unschuldige zu t\u00f6ten\u201c oder auch \u201eEs ist im Islam verboten, Christen und allen \u201aSchriftbesitzern\u2018 zu schaden\u201c.<\/p>\n<p>Das klingt f\u00fcr europ\u00e4ische Ohren fremd und halbgar. Es entspricht nicht (mehr) dem europ\u00e4ischen Ansatz, Taten oder Ansichten auf religi\u00f6se Legitimation abzutasten, was z\u00e4hlt sind die weltlichen Gesetze, die Verfassungen und die moralischen Regeln einer s\u00e4kularen und demokratischen Gesellschaft. Wir sprechen \u00fcber Menschenrechte und nicht \u00fcber religi\u00f6se Interpretationen von jahrhundertealten Schriften. Diesen europ\u00e4ischen Geist atmet der Offene Brief freilich nicht. Und nach Gleichberechtigung von Frau und Mann klingen solche S\u00e4tze auch nicht: \u201eEs ist im Islam verboten, Frauen ihre Rechte zu verwehren\u201c (Nicht verwunderlich, dem Gelehrtenkreis geh\u00f6ren keine Frauen an).<\/p>\n<p>Dennoch: Wenn die Botschaft im arabischen Raum geh\u00f6rt werden soll, dann nutzen Aufrufe von Amnesty International nur wenig. Wichtiger ist, dass die Botschaft die religi\u00f6sen W\u00fcrdentr\u00e4ger erreicht und \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Der Brief ist deshalb so wichtig, weil er mit der geballten Autorit\u00e4t seiner frommen Verfasser klarstellt, dass der IS zwar eine Ideologie hat, die aber nicht fu\u00dfen kann in einem umfassenden Religionsverst\u00e4ndnis des Islam. Zumal die Gelehrten Ans\u00e4tze einer Zeitbezogenheit erkennen lassen, die frommen Muslimen vom Westen oftmals pauschal abgesprochen wird: \u201eEs ist im Islam verboten, bei der Rechtsprechung die Wirklichkeit der Gegenwart zu missachten\u201c, schreiben sie. Auch erteilen sie der kontextlosen Zitiererei von Koransuren \u2013 eine Angelegenheit, die Islamisten und sogenannte Islamkritiker in Deutschland gleicherma\u00dfen \u201egut\u201c und verheerend beherrschen \u2013 eine klare Absage: \u201eBei der Sprechung einer Fatwa, \u2026 k\u00f6nnen nicht die \u201aRosinen unter den Versen herausgepickt\u2018 werden, ohne Ber\u00fccksichtigung des gesamten Korans und der Hadithe.\u201c<\/p>\n<p>Beide Botschaften \u2013 sowohl Ranias als auch die der frommen Gelehrten \u2013 sind zudem an uns im Westen gerichtet, die wir \u201eden Islam\u201c oftmals nur monolithisch sehen. \u00dcber den Brief der Gelehrten wurde hierzulande wenig berichtet, zumindest weniger als \u00fcber so manche \u00c4u\u00dferung eines heimischen Politikers, der mit Islam-Bashing auf tumben Stimmenfang geht. Auch das ist eine Unwucht, weil sie dazu beitr\u00e4gt, dass die hiesige Bev\u00f6lkerung die arabischen Stimmen und innerislamischen Kontroversen kaum mitbekommt. Es herrscht stattdessen ein pauschales Bild vom Islam, das der Bandbreite dieser gro\u00dfen Weltreligion \u00fcberhaupt nicht beikommt.<\/p>\n<p><strong>Die Kl\u00f6ckner, notre dame?<\/strong><br \/>\nEin schlimmes Beispiel dieser indiskutablen Einseitigkeit war vergangene Woche die Forderung der rheinland-pf\u00e4lzischen Politikerin und Bundes-CDU-Vize Julia Kl\u00f6ckner nach einem Burkaverbot. Eine \u00c4u\u00dferung ohne Anlass, denn Rheinland-Pfalz, \u00fcberhaupt Deutschland hat kein massenhaftes Problem mit Vollverschleierung. Frau Kl\u00f6ckner wird so an die wenigen Frauen, die Burka tragen (m\u00fcssen), nicht herankommen, aber darum geht es ihr ja nicht: Mit Stimmungsmache versucht sie jene zu \u00fcberzeugen, die die CDU f\u00fcr zu liberal halten und deshalb lieber bei der AfD oder einer anderen Rechts-Partei ihr Kreuz machen.<\/p>\n<p>Mir pers\u00f6nlich ist Frau Kl\u00f6ckner schnuppe. Aber Verhalten wie dieses hat die allgemeine Islamfeindlichkeit in Deutschland in den vergangenen Jahren gesch\u00fcrt. Eine neue Studie des Berliner Instituts f\u00fcr empirische Integrations- und Migrationsforschung hat ja erst k\u00fcrzlich gezeigt, dass in der nicht-muslimischen Bev\u00f6lkerung die Auffassung, Muslime seien anders und geh\u00f6rten irgendwie nicht dazu, weit verbreitet ist. In diese Reihe der billigen Stimmungsmache geh\u00f6rt auch der CSU-Vorsto\u00df vom vergangenen Wochenende, wonach Migranten zuhause Deutsch sprechen sollten. Blanke Stimmungsmache, die in diesem Fall nicht nur, aber auch auf Muslime gem\u00fcnzt ist.<\/p>\n<p>Dieser ganze Komplex wiederum f\u00fchrt zu Abwehr bei Muslimen selbst, die sich falsch verstanden und nicht akzeptiert f\u00fchlen. Blankes Islam-Bashing trifft sogar vornehmlich die Intellektuellen, die Zeitung lesen und im Netz entsprechende Angebote verfolgen, nicht die Reinigungsfrau oder den Kassierer. Und die orthodoxen Islamverb\u00e4nde bekommen einen Vorwand, sich als Opfer und Diskriminierte zu gerieren. Sie ziehen sich zur\u00fcck in ihr Schneckenhaus der gef\u00fchlten Islamophobie. Dabei brauchen wir sie alle, auch hierzulande. Nicht wenige der Islamfunktion\u00e4re in Deutschland verf\u00fcgen \u00fcber beste Kontakte in den Nahen Osten, weil sie sich ihre Moscheen durch Spenden aus islamischen L\u00e4ndern finanzieren lassen aus Mangel an heimischen Geldquellen.<\/p>\n<p>Wir brauchen die Frommen und die Konservativen im Kampf gegen den Extremismus. Wir sollten nicht davon ausgehen, dass eine Reihe von Ranias in K\u00fcrze die arabischen Regierungspal\u00e4ste oder Throne erobert, wir sollten davon ausgehen, dass der Konservatismus der frommen Gelehrten noch eine Zeitlang den Ton angibt. Wir sollten das Gespr\u00e4ch mit ihnen suchen und gemeinsam gegen den IS-Terror vorgehen. Dazu w\u00e4re es hilfreich, wenn wir in Europa ein differenziertes Islambild entwickelten und uns von den Kl\u00f6ckners dieser Welt nicht l\u00e4nger die mit langem Atem aufgebaute Differenzierung mit einem Streich zerst\u00f6ren lie\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, ist beeindruckt von Rania und den Geistlichen, die etwas riskieren. Frau Kl\u00f6ckner riskiert nur eine dicke Lippe. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (10.12.2014) Von Martin Benninghoff Der Westen darf sich im Kampf gegen den IS nicht wegducken \u2013 das ist klar. 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