{"id":1349,"date":"2015-01-07T11:25:00","date_gmt":"2015-01-07T09:25:00","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1349"},"modified":"2015-01-07T11:25:10","modified_gmt":"2015-01-07T09:25:10","slug":"altkanzler-auf-duennem-eis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1349","title":{"rendered":"Altkanzler auf d\u00fcnnem Eis"},"content":{"rendered":"<p>FROHES NEUES NACHTR\u00c4GLICH!<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/01\/altkanzler-auf-duennem-eis\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (07.01.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Helmut Schmidt hat die Fremdenfeindlichkeit der Pegida-Demonstranten verurteilt. Das ist gut und richtig. Allerdings hat der Altkanzler auch seinen Anteil an Klischees \u00fcber Muslime<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wenn zwei Altkanzler sich in eine aktuelle Debatte einmischen, dann muss Gefahr im Verzug sein. Nun haben sich nach der amtierenden Kanzlerin auch ihre beiden Vorg\u00e4nger Gerhard Schr\u00f6der und Helmut Schmidt (beide SPD) zu Wort gemeldet und die Pegida-Demonstrationen harsch verurteilt: Schr\u00f6der forderte einmal mehr seinen \u201eAufstand der Anst\u00e4ndigen\u201c, Schmidt bescheinigte den Demonstranten und ihren Sympathisanten \u201edumpfe Vorurteile, Fremdenhass und Intoleranz\u201c. Deutschland m\u00fcsse \u201eweltoffen und tolerant\u201c bleiben.<\/p>\n<p>Eine interessante Koalition zweier Alphatiere, die sich in vielen Dingen \u00e4hnlich sind und in ihrer schwierigen Verbindung zur eigenen Partei auch beide als Kanzler letztlich an ihr gescheitert sind. Im Grunde waren sich beide zumindest in den vergangenen Jahren mehr oder minder einig, was zentrale Politikfelder angeht, mit einer Ausnahme: Integration und Islampolitik in Deutschland.<\/p>\n<p>Gerhard Schr\u00f6ders Lieblingsthema war das nie, in seiner Regierungszeit aber wurden wichtige politische Impulse gegeben, die das Land in Sachen Integrationspolitik vorangebracht haben: etwa bei der Neujustierung des Staatsb\u00fcrgerschaftsrechts und der Debatte, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Im Gro\u00dfen und Ganzen hat Schr\u00f6der stets Sympathie f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten eines modernen Einwanderungslandes erkennen lassen, er war da vielen Deutschen um Nasenl\u00e4ngen voraus.<\/p>\n<p>Bei Helmut Schmidt allerdings sah das anders aus, weshalb sein jetziges Urteil \u00fcber die Pegida-Demonstranten zwar ehrlich gemeint zu sein scheint und sicherlich inhaltlich richtig und in seiner Wirkung wichtig ist, aber auch nicht verdecken sollte, dass Schmidt in seiner merkw\u00fcrdigen Schwarz-Wei\u00df-Argumentation der verbreiteten Islam-Stimmung in der Vergangenheit teils Nahrung gegeben hat.<\/p>\n<p><strong>Kampf der Kulturen?<\/strong><br \/>\nAuf einen Nenner heruntergebrochen hat Schmidt mehrmals in Interviews vor einem Zusammenprall der Kulturen gewarnt und sich dabei Samuel Huntingtons zu Recht umstrittene These vom \u201eClash of Civilizations\u201c zu eigen gemacht, die in Deutschland ungeschickt als \u201eKampf der Kulturen\u201c auf den Buchtitel gepackt wurde. Schmidt zeigte sich wiederholt skeptisch, was \u201edie Einwanderung aus islamischen Kulturen\u201c angehe und stellte als Kontrast die angeblichen Integrationsleistungen von Italienern und Spaniern in den Raum.<\/p>\n<p>Davon abgesehen, dass die Schulleistungen italienischer Einwandererkinder aufgrund \u00e4hnlicher Sozial- und Bildungshintergr\u00fcnde auch \u00e4hnlich durchwachsen waren wie die t\u00fcrkischer Kinder (und spanische Einwanderer oftmals Bessergebildete waren, die ihre Kinder in spezielle Nachhilfevereine gaben), steckt in Schmidts Argumentation ein fehlgeleiteter Kulturbegriff, der unsere Integrationsdebatte bis heute negativ beeinflusst: das Argument der angeblich unver\u00e4nderlichen Kultur.<\/p>\n<p>Denkt man dieses Argument weiter, dann kann also ein Migrant aus einem kulturell andersartigen Gebiet \u2013 sagen wir: dem arabischen Raum \u2013 grunds\u00e4tzlich keinen Zugang in die hiesige Kultur erlangen, er bleibt sozusagen f\u00fcr alle Zeit ausgeschlossen, weil Kulturen ja unver\u00e4nderlich seien. Schmidts Logik, der ja von Integrationspolitik wenig Ahnung hat, r\u00fchrt wohl von seinen Beobachtungen im Felde der Au\u00dfenpolitik her, die ja zu Recht Anlass zur Sorge geben: \u201eDie gro\u00dfe Gefahr ist ein gro\u00dfer Zusammensto\u00df der muslimischen Welt mit den Nationen des Westens\u201c, hat er 2004 der \u201cBild\u201d in einem Interview gesagt.<\/p>\n<p>Hier die Muslime, da der Westen \u2013 ich halte dieses Argument in der Au\u00dfenpolitik f\u00fcr mindestens fragw\u00fcrdig, weil die Konfliktlinien oftmals zwischen verschiedenen muslimischen Gruppen verlaufen und weniger zwischen Muslimen und \u201edem Westen\u201c. Auf dem Feld der Innenpolitik allerdings, wo es um l\u00e4ngerfristige Anpassungsprozesse geht, ist es schlichtweg absurd. Nat\u00fcrlich gibt es Reibungen, aber \u00fcber die Jahre hinweg funktionieren selbst schwierige Anpassungsprozesse, wie selbst besonders ignorante Zeitgenossen langsam anerkennen sollten.<\/p>\n<p>Dieses Bild einer unver\u00e4nderlichen Kultur ist falsch, wie wir an Tausenden Beispielen vorgef\u00fchrt bekommen, von denen ich nur einige wenige anf\u00fchren kann: etwa die Anpassung der islamischen Str\u00f6mungen an lokale afrikanische Gepflogenheiten, die etliche Mixturen ergeben hat, die sich deutlich unterscheiden von arabischen Varianten.<\/p>\n<p>Oder in Europa: Trotz aller islamfeindlicher Stimmen hierzulande, die uns weismachen wollen, dass \u201eder Islam\u201c nicht zur Demokratie passe, gibt es gerade auch in Deutschland viele Beispiele absolut gelungener Symbiosen aus \u201edeutscher Kultur\u201c und islamischen Einfl\u00fcssen. Von einer S\u00e4kularisierung hier lebender Muslime einmal ganz zu schweigen. Sowohl die Bildungserfolge als auch die Identifikation islamischer Einwanderer und ihrer Kinder mit Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert \u2013 auch wenn zum Gesamtbild nat\u00fcrlich das Problem wachsender Radikalisierung an den R\u00e4ndern geh\u00f6rt, das sich derzeit am st\u00e4rksten an den Salafisten exemplifiziert.<\/p>\n<p><strong>\u201eWir\u201c und \u201edie Fremden\u201c<\/strong><br \/>\nDie Schwarz-Wei\u00df-Einteilung in \u201eWir\u201c und \u201edie Fremden\u201c, die sich in Helmut Schmidts Statements zur Zuwanderung immer wieder zeigte, war N\u00e4hrboden f\u00fcr diejenigen, die noch immer behaupten, Muslime und Demokratie \u2013 das sei ein gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis. Fairerweise muss ich dazu sagen, dass Schmidt an anderer Stelle auf die Verwandtschaft von Christentum und Islam hingewiesen hat, etwa was die Propheten im Koran und im Alten Testament angeht oder die positive und herausgehobene Rolle Jesus\u2018 im Koran.<\/p>\n<p>Schmidt ist in seiner Inkonsistenz nicht alleine, was nur ein schwacher Trost ist: Mehrmals habe ich erlebt, dass jemand nun gegen Pegida ist und es guthei\u00dft, wenn eine Stadtverwaltung das Licht abschaltet, um die Demonstranten im Dunkeln stehen zu lassen. Andererseits am Kneipentisch aber munter Klischees \u00fcber \u201edie Muslime\u201c verbreitet oder aber die Wohnung lieber nicht an Migranten vermietet, weil man ja nie wisse\u2026und sich in seiner Homogenit\u00e4t nicht vom angeblichen Fremden st\u00f6ren lassen will.<\/p>\n<p>Onlinepetitionen unterschreiben gegen Pegida ist die eine Sache: Die Klischees im Alltag abbauen, das Schwarz-Wei\u00df-Denken und die k\u00fcnstliche Aufteilung in \u201eWir\u201c und \u201eDie\u201c aufzugeben ist eine viel schwierigere Aufgabe. Vielleicht ist es dann doch tr\u00f6stlich, dass selbst der Welterkl\u00e4rer Helmut Schmidt diesen Bewusstseinswandel selbst durchmachen musste. Oder sogar noch mittendrin steckt.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong> ist <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>FROHES NEUES NACHTR\u00c4GLICH! Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (07.01.2015) Von Martin Benninghoff Helmut Schmidt hat die Fremdenfeindlichkeit der Pegida-Demonstranten verurteilt. Das ist gut und richtig. 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