{"id":1360,"date":"2015-01-21T10:09:37","date_gmt":"2015-01-21T08:09:37","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1360"},"modified":"2015-01-21T10:09:37","modified_gmt":"2015-01-21T08:09:37","slug":"warum-mir-bunt-zu-bunt-ist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1360","title":{"rendered":"Warum mir &#8222;bunt&#8220; zu bunt ist"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/01\/warum-deutschland-nicht-bunt-sein-sollte\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (21.01.2015) <\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>\u201eBunt\u201c ist f\u00fcr eine Einwanderungsgesellschaft nicht die richtige Metapher. Denn dadurch werden die Unterschiede betont \u2013 nicht aber die Gemeinsamkeiten<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wenn ich an Buntes denke, dann f\u00e4llt mir unweigerlich Claudia Roth ein. Und Ostereier. Nina Hagen. Und Karneval. Ausgelassene Stimmung, na klar, Konfetti, Partyballons. Jedenfalls irgendwas Besonderes, das den Alltag durchbricht, die tristen Graut\u00f6ne der t\u00e4glichen Routine abl\u00f6st und f\u00fcr einen Moment vergessen l\u00e4sst. Kurzum, Buntes umrahmt die Vielzahl an eher gedeckten Farben und Grauschattierungen und gibt den Counterpart zu den gelegentlichen Schwarz- und Wei\u00dforgien, die wir bin\u00e4ren Wesen doch offensichtlich so gerne haben.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist es das, was jene Demonstranten ausdr\u00fccken wollen, die derzeit mit dem Begriff der Buntheit gegen die sogenannten Pegida und deren Ableger auf die Stra\u00dfen gehen. Am Montagabend waren in M\u00fcnchen beispielsweise rund 8000 Demonstranten unterwegs, um sich den unter der Maskerade angeblicher Islamkritik versteckten Gegnern einer Einwanderungsgesellschaft \u2013 in M\u00fcnchen Bagida genannt \u2013 in den Weg zu stellen. Ihr Slogan: \u201eM\u00fcnchen ist bunt.\u201c<\/p>\n<p>Der Begriff bunt in dem Zusammenhang ist allerdings stark \u00fcberstrapaziert und vor allem: problematisch. Schon Ex-Bundespr\u00e4sident Christian Wulff hatte sich eine \u201ebunte Republik\u201c gew\u00fcnscht, und man ahnt, was er meinte: die Normalit\u00e4t einer Einwanderungsgesellschaft, die nicht nach der Herkunft fragt, sondern nach dem Hier und Jetzt. Das ist sympathisch, und vor allem ist dieser Perspektivwechsel richtig und notwendig. Wer das nicht checkt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, zu den derzeit oft zitierten \u201eModernisierungsverlierern\u201c zu geh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Exotisierung der Anderen<\/strong><br \/>\nBunt jedoch ist ein untauglicher Begriff, das auszudr\u00fccken, was die Anti-Pegida-Demonstranten und ein ehemaliger Bundespr\u00e4sident eigentlich meinen. Buntheit bedeutet n\u00e4mlich nichts anderes als eine Exotisierung des Anderen: Wenn ich gr\u00fcn bin, dann bist Du blau. Bist Du wei\u00df, bin ich schwarz. Und so weiter. Klingt nicht nach einer Gesellschaft, die wei\u00df, was sie im Kern zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Es ist ein R\u00fcckfall in alte Zeiten, als die Gesellschaft gespalten war in Gruppen, die alltagsrassistisch das Fremde per se ablehnten, und in Gruppen, die einen naiven multikulturalistischen Begriff vertraten, der nicht das Gemeinsame von Migranten und Nicht-Migranten betonte, sondern die Unterschiede. Durch die an sich gut gemeinte Herausstellung des Fremden \u2013 des vermeintlich Exotischen \u2013 in Kombination mit ebenfalls gut gemeinter Zuwendung kann sich eine Gesellschaft auseinander entwickeln. Ein solcher pflegender Ansatz ist einem guten Zusammenleben eher abtr\u00e4glich, obwohl er gut gemeint ist.<\/p>\n<p>Was bei Stadtteilfesten oder interkulturellen Festen unproblematisch ist \u2013 wenn etwa ein afrikanischst\u00e4mmiger Deutscher Gerichte seines Herkunftslandes anbietet -, ist als Konzept f\u00fcr eine funktionierende Einwanderungsgesellschaft problematisch. Bunt ist eben kein Gegenentwurf zum homogenen Einerlei, das sich die Kleinb\u00fcrger von Pegida und Co w\u00fcnschen. Echter Pluralismus von verschiedener Herkunft und Hautfarbe kann sich nur auf einem stabilen Fundament von Gemeinsamkeit entwickeln: In den USA ist es das Gef\u00fchl, Amerikaner zu sein, selbst wenn man aus der Karibik stammt.<\/p>\n<p>Was ist es bei uns?<\/p>\n<p><strong>Verfassungspatriotismus? Wenig sexy<\/strong><br \/>\nSchwierige Frage. Eines Tages werden wir hoffentlich genauso ticken wie die US-Amerikaner, deren Staatsb\u00fcrgerschaftsverst\u00e4ndnis selbstbewusst und zugleich zumindest im Prinzip durchl\u00e4ssig f\u00fcr Neuank\u00f6mmlinge ist. Vieles hat sich auch bei uns diesbez\u00fcglich gebessert. Vor allem aber dienen die Werte des Grundgesetzes und der europ\u00e4ischen Vertr\u00e4ge als unsere gemeinsame Basis \u2013 Dolf Sternberger hat das \u201eVerfassungspatriotismus\u201c genannt.<\/p>\n<p>Das Problem dabei ist, dass diese Idee sehr theoretisch und \u201ewenig sexy\u201c ist. Eine Kopfgeburt f\u00fcr Intellektuelle, aber schwierig f\u00fcr die Masse.<\/p>\n<p>Die Identit\u00e4t als Deutscher und Europa m\u00fcsste also auch in einem nicht-intellektuellen Sinne attraktiv sein \u2013 was sie durchaus ja ist, wenn man Einwanderer fragt, warum sie sich f\u00fcr Deutschland oder Europa entschieden haben. Arbeitspl\u00e4tze und Erfolge im Sport verbessern das Image, am wichtigsten ist aber ein gemeinsames Lebensgef\u00fchl, das sich weder aus Herkunft noch aus Religion speist.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6ren: Werte wie Trennung von Privat und \u00d6ffentlich, von Religion und Staat, Akzeptanz der Anderen (nicht nur: Toleranz), selbst wenn diese einen vermeintlich ausl\u00e4ndischen Namen tragen. Eben ein gemeinsames Wertefundament. Und dar\u00fcber legt sich Pluralismus wie die Sahne auf den Kuchen: Wer was isst, trinkt oder singt ist \u00fcber das Wertefundament hinaus schlichtweg Privatsache \u2013 und das Bild dementsprechend: bunt.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff,<\/strong> <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (21.01.2015) Von Martin Benninghoff \u201eBunt\u201c ist f\u00fcr eine Einwanderungsgesellschaft nicht die richtige Metapher. 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