{"id":1364,"date":"2015-02-04T09:15:36","date_gmt":"2015-02-04T07:15:36","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1364"},"modified":"2015-02-04T09:17:20","modified_gmt":"2015-02-04T07:17:20","slug":"die-afd-erinnert-an-die-fruehere-npd","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1364","title":{"rendered":"Die AfD erinnert an die fr\u00fchere NPD"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/02\/die-afd-erinnert-an-die-fruehere-npd\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (04.02.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Nein, wir holen nicht \u201eNazi-Keule\u201c raus. Aber: Der nationalkonservative, islamophobe Teil der AfD ist weder honorig noch professoral, sondern hat \u00c4hnlichkeiten mit der NPD der 1960er Jahre<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wehe, wer NPD und AfD in einem Atemzug nennt. Wehe, wer aufzeigt, dass NPD und AfD in Wahlk\u00e4mpfen teils fast identische Slogans plakatierten (NPD: \u201eWir sind nicht das Sozialamt der Welt\u201c; AfD: \u201eWir sind nicht das Weltsozialamt\u201c). Der setzt sich dann dem Vorwurf aus, die AfD in eine rechte Ecke zu dr\u00e4ngen. Doch dr\u00e4ngen muss sie dahin keiner, der rechte Fl\u00fcgel der Partei tut dies selbst, zieht die liberaleren Str\u00f6mungen der AfD mit und erinnert damit an l\u00e4ngst vergessen geglaubte Zeiten, als die NPD einen Lauf hatte und reihenweise in deutsche Landtage einzog.<\/p>\n<p>Vorweg gesagt, hier geht es nicht um einen Vergleich der AfD mit der heutigen NPD: Die AfD ist zweifellos eine rechtsstaatliche Partei, und ihr wirtschaftsliberaler Zweig muss anders bewertet werden als der islamophobe und mehr oder minder verklausuliert rassistische rechte Fl\u00fcgel. Aber: Dieser rechte Fl\u00fcgel um Funktion\u00e4re wie Alexander Gauland, Konrad Adam oder auch Frauke Petry bedient sich Taktiken, die einst der NPD zum Aufstieg verhalfen.<\/p>\n<p>Es ist sinnvoll, die NPD der Sechziger Jahre einmal unter die Lupe zu nehmen: Die zentrale Figur Mitte und Ende der Sechziger-Jahre war der Vorsitzende Adolf von Thadden, der sich und seiner Partei einen betont konservativen, \u201egutb\u00fcrgerlichen\u201c Anstrich gab und stets \u201eVernunft\u201c und \u201eWahrheit\u201c f\u00fcr sich reklamierte. Nein, ein primitiver Rechtsradikalismus der heutigen NPD war das freilich nicht; es war ein geschickter, mit Ressentiments spielender \u201emitf\u00fchlender\u201c Nationalismus, der im Kern auf eine abgrenzende Definition des \u201eguten Deutschen\u201c abzielte, sich aber fernhielt vom Nationalsozialismus, mit dem im kriegsversehrten Deutschland kein Blumentopf mehr zu gewinnen war.<\/p>\n<p><strong>Zulauf von der Mittelschicht<\/strong><br \/>\nVon Thadden f\u00fchrte die NPD bis 1969 in sieben Landtage, ihr Spitzenergebnis holte die Partei in Baden-W\u00fcrttemberg mit 9,8 Prozent. Zum steilen Aufstieg trugen das sich eintr\u00fcbende Wirtschaftswunder und die erste Gro\u00dfe Koalition bei. Wenn man sich die W\u00e4hleranalysen von AfD und damaliger NPD anschaut, f\u00e4llt auf: Regen Zulauf bekommen beide von Mittelschichtsleuten, die bis dato eine der Volksparteien gew\u00e4hlt haben. Abstiegs\u00e4ngste trieben damals Teile der Mittelschicht in die Arme der NPD, Abstiegs\u00e4ngste treiben heute Teile der Mittelschicht zu AfD und\/oder Pegida.<\/p>\n<p>Von Thadden kreierte einen im Grunde damals schon globalisierungskritischen Kurs, den er als \u201ekonservativ\u201c und \u201ebewahrend\u201c verbr\u00e4mte, gerichtet gegen eine angeblich \u201ezersetzende Umwelt\u201c, in der sich Familienverb\u00e4nde ebenso wie Werte und Tugenden aufl\u00f6sten. Beliebt war die Partei vor allem bei \u00e4lteren M\u00e4nnern, die sich mit den gewandelten Rollenbildern so gar nicht identifizieren konnten. Ein Schelm, wer hier Gemeinsamkeiten mit der AfD heraus h\u00f6rt. Fast schon tragisch, dass selbst in den 1960er Jahren schon die gleichen Spr\u00fcche von angeblichem Werteverfall und Aufl\u00f6sung von Familienstrukturen geklopft wurden wie heute. Der Spruch \u201eFr\u00fcher war alles besser\u201c wird vor diesem Hintergrund noch absurder, wenn man bedenkt, dass fr\u00fcher als fr\u00fcher offenbar noch alles viel besser gewesen sein muss.<\/p>\n<p>Die \u201eNazi-Keule\u201c muss man da gar nicht schwingen. Es geht nicht um Leute, die sich Hitler zur\u00fcckw\u00fcnschen oder Antisemiten sind (die m\u00f6gen auch darunter sein, sind aber nicht entscheidend). Diese Leute lassen sich tats\u00e4chlich lieber von der extremen NPD heutiger Tage ansprechen. Es geht um Leute, die einen diffusen Protest w\u00e4hlen, weil sie unzufrieden sind und sich vor Modernisierung und Liberalisierung \u2013 kurzum: vor der Aufl\u00f6sung von Gewissheiten \u2013 f\u00fcrchten. Das ist nichts Neues: Der Soziologe Ralf Dahrendorf identifizierte in den 1960er Jahren unter den NPD-Sympathisanten einen \u201evagen undeutlichen Protest gegen die Politik der etablierten Parteien\u201c \u2013 es klingt wie ein Satz aus einem der Analyseversuche aus der Weihnachtszeit zum Thema Pegida.<\/p>\n<p>Von Thadden hatte das damals erkannt: Er wusste, revanchistische Ostpolitik interessierte vielleicht nur ein paar Vertriebene oder Altnazis, die von einem Gro\u00dfdeutschen Reich tr\u00e4umten. Die Masse allerdings fesselte man so nicht. Also malte er ein Bild angeblich korrumpierter Berufspolitiker (\u201ezu hohe Abgeordnetendi\u00e4ten\u201c) und beklagte die \u201elanghaarigen Chaoten\u201c, also die politisierten Studenten, die manchem \u201ebraven\u201c B\u00fcrger damals Sorgen um Sicherheit und Ordnung bescherten. Ausl\u00e4nder gab es damals noch so wenige, dass sich Agitation gegen sie nur am Rande lohnte (aber auch das setzte gegen \u201edie Gastarbeiter\u201c langsam ein). Von Thadden bot den Menschen und ihren \u201eberechtigten Sorgen und \u00c4ngsten\u201c das Gegenbild eines \u201eKonservativen\u201c, der \u201eerh\u00e4lt und bewahrt\u201c und f\u00fcr die \u201einneren Werte\u201c statt einer \u201ezersetzenden Umwelt\u201c einstehe. Heute w\u00e4re von Thadden sicherlich ein \u00fcberzeugter \u201eIslamkritiker\u201c und w\u00fcrde unentwegt Heinz-Buschkowsky- oder Henryk-M.-Broder-Lekt\u00fcre empfehlen.<\/p>\n<p><strong>Andere Vokabeln, gleicher Inhalt<\/strong><br \/>\nM\u00f6gen sich die Vokabeln teilweise ge\u00e4ndert haben, diese Taktik kommt einem aus der Gegenwart sehr bekannt vor: Wenn ein AfD-Spitzenmann wie Alexander Gauland von \u201eberechtigten \u00c4ngsten und Sorgen\u201c schwadroniert und zugleich den Zuzug von Migranten aus dem Nahen Osten in Frage stellt und ihnen die Einreise verweigern will, gibt er ahnungslosen B\u00fcrgern Futter, die zwar keinen Kontakt zu Migranten haben, aber gerade deshalb anf\u00e4llig f\u00fcr S\u00fcndenbock-Metaphern sind. Der Migrant aus dem Nahen Osten wirkt da wie ein Schreckgespenst, das in den schlimmsten Alptr\u00e4umen herumspukt.<\/p>\n<p>AfD-Chef Bernd Lucke widersprach Gauland zwar und verwies auf die Parteiprogrammatik, wonach Herkunft keine Rolle spiele. Zugleich aber w\u00fcrdigte er Gaulands Einlassung geschickt als Beitrag zur Debattenkultur einer wahrhaft demokratischen Partei, in der jeder seine Meinung sagen d\u00fcrfe, auch wenn er selbst anderer Meinung sei. Ein geschickter Assoziationsrahmen tut sich auf, und doch kann sich keiner beschweren, weil alles legal und verfassungsgem\u00e4\u00df ist. Luckes Noch-Ko-Sprecher Konrad Adam steht dem nicht nach: Mit seiner Forderung nach einem Einwanderungsgesetz kanadischer Pr\u00e4gung eckte er ja nicht wirklich an (das ist ja eine risikolose Forderung, die andere Parteien wie die FDP auch anbieten); allerdings garnierte er den Vorschlag j\u00fcngst, indem er Einwanderungspunkte nach Religionszugeh\u00f6rigkeit forderte. Das ist nat\u00fcrlich pauschal gegen muslimische Einwanderer gerichtet.<\/p>\n<p>Summa summarum, mal eine Bemerkung von Adam, mal eine Tirade von Gauland, mal ein Treffen von Frauke Petry mit Dresdner Pegida-Demonstranten: Die AfD schafft sich so einen Referenzrahmen, der m\u00fchelos sich b\u00fcrgerlich gebende Ausl\u00e4nderfeinde anzieht, denen die NPD zu bl\u00f6de und dumpf ist. Lucke wei\u00df das. Er wei\u00df, dass sein Leib- und Magenthema \u2013 die Euro-Krise \u2013 f\u00fcr viele Menschen zu kompliziert und wenig zug\u00e4nglich ist, auch wenn er es \u2013 und die Steuerpolitik \u2013 auf dem Parteitag wieder st\u00e4rker ins Zentrum r\u00fccken konnte. Er h\u00e4lt sich zwar selbst mit homophoben und fremdenfeindlichen T\u00f6nen zur\u00fcck, l\u00e4sst sie aber, wie sagt man: geschehen. Das Handwerk eines geschickten Populisten, um diesen abgenudelten Begriff inhaltlich zu f\u00fcllen.<br \/>\n<strong><br \/>\nB\u00fcrgerliches Make-up<\/strong><br \/>\nLucke wei\u00df um das Risiko eines Rechtsrucks der AfD, der sich nicht mehr kontrollieren l\u00e4sst. Das b\u00fcrgerliche Make-Up muss da m\u00f6glichst wasserfest sein und darf sich nicht beim ersten Regen abwaschen, wie seinerzeit bei der NPD: Die Partei verlor an Bedeutung, als sie in der \u00c4ra nach von Thadden von Rechtsradikalen \u00fcbernommen wurde, die aus ihrer nationalsozialistischen Gesinnung kein Geheimnis machten: Gerhard Frey, sp\u00e4ter Udo Voigt (der Adolf Hitler f\u00fcr einen gro\u00dfen Staatsmann h\u00e4lt) oder Udo Past\u00f6rs. Sp\u00e4ter sollte von Thadden weinerlich bemerken, dass die NPD nicht mehr dieselbe sei wie zu seiner Zeit. Wohl war. Aber er hatte den Grundstein f\u00fcr diese fatale Entwicklung gelegt.<\/p>\n<p>Das muss der heutigen AfD-F\u00fchrung klar sein! Sie muss sich von den rechtsnationalen Ausl\u00e4nderfeinden trennen. Und das wird sie nur tun, wenn man ihr die b\u00fcrgerliche Maske argumentativ und in der sachlichen Auseinandersetzung vom Gesicht rei\u00dft. Auch hier lohnt der Blick zur\u00fcck zur NPD:<\/p>\n<p>1967 fand in einem H\u00f6rsaal der Universit\u00e4t Hamburg eine bemerkenswerte Begegnung statt: Von Thadden wagte sich in den \u00fcberf\u00fcllten Saal mit lauter linksmotivierten Studenten, um sich mit der Cr\u00e8me de la Cr\u00e8me der deutschen Intellektuellen zu streiten. Unter anderem waren der Verleger Gerd Bucerius dabei und der liberale Soziologe Ralf Dahrendorf. Die Leitung \u00fcbernahm Fritz Bauer, hessischer Generalstaatsanwalt, als Jude von den Nazis verfolgt und als Sozialdemokrat mit Kurt Schumacher aus dem Exil zur\u00fcckgekehrt. Bauer hatte geholfen, Adolf Eichmann zu finden und nach Israel ausliefern zu lassen. Danach hatte er die Auschwitz-Prozesse mitangesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn man sich heute das Video anschaut \u2013 der NDR \u00fcbertrug die Debatte damals -, dann wird man Zeuge einer interessanten, in der Sache klaren und unverschwurbelten Auseinandersetzung mit den kruden Thesen des NPD-Chefs von Thadden. Oftmals wird heute so getan, als seien die \u201eschwarz-wei\u00dfen\u201c Jahre der Bundesrepublik vor allem eine Zeit der Biedermeierei und \u00f6ffentlichen Tabus gewesen. In Sachen Debattenkultur aber stimmt das keineswegs: Von Thadden wird inhaltlich unter die Lupe genommen und mit scharfen Argumenten entwaffnet. Obwohl sogar damals ein Parteienverbot diskutiert wurde, hat die offene Auseinandersetzung mit der NPD dazu gef\u00fchrt, dass die Partei nach und nach an Glanz f\u00fcr W\u00e4hler verlor: Bei der Bundestagswahl 1969 schaffte sie es \u2013 entgegen den Voraussagen \u2013 nicht in den Bundestag.<\/p>\n<p>Vielleicht sollte dieses Video aus den Archiven den Weg in die Parteizentralen von CDU und SPD finden, deren Wortf\u00fchrer sich einer sachlichen Auseinandersetzung mit der AfD oder auch Pegida (oder wie diese Bewegungen in Zukunft hei\u00dfen werden) bislang weitgehend entziehen und die Rechtsnationalen so eher gr\u00f6\u00dfer machen. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZIBVWzoOMKo\">Wie man das machen kann, sieht man hier. <\/a><\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, schreibt seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (04.02.2015) Von Martin Benninghoff Nein, wir holen nicht \u201eNazi-Keule\u201c raus. 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