{"id":1369,"date":"2015-02-18T10:19:52","date_gmt":"2015-02-18T08:19:52","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1369"},"modified":"2015-02-28T16:53:29","modified_gmt":"2015-02-28T14:53:29","slug":"versoehnung-mit-den-altrockern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1369","title":{"rendered":"Vers\u00f6hnung mit den Altrockern"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/02\/versoehnung-mit-den-altrockern\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (18.02.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Keiner muss die Band Scorpions lieben. Aber nach 50 Jahren auf der B\u00fchne geb\u00fchrt der notorisch missverstanden Combo zumindest Respekt. Eine W\u00fcrdigung von Meine, Schenker und Co<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es ist noch gar nicht lange her, da ver\u00f6ffentlichte ich an dieser Stelle eine, wie ich fand, <a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2014\/08\/das-phaenomen-helene-fischer\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #006fbb;\">sehr moderate Helene-Fischer-Kritik<\/span><\/a>. Einige erboste Zuschriften sp\u00e4ter war ich der Meinung, dass kritische Helene-Fischer-Artikel schon den Tatbestand von Mohammed-Karikaturen erf\u00fcllen. Zwar nat\u00fcrlich nicht mit derart \u00fcblen Folgen, aber der Erkenntnis: Jede Nation h\u00fctet ihre Heiligen \u2013 sei es, wie im Falle Fischers, auch nur eine Teilnation -, aber wehe dem, der nicht in den Chor der Bewunderer einstimmt.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdigerweise kam dieser Gedanke erneut auf, als ich vor einigen Tagen ein Plakat der Rockband Scorpions sah: Erstaunliche 50 Jahre wird die Combo in diesem Jahr alt, auch wenn mit Gitarrist und Songwriter Rudolf Schenker nur noch ein Gr\u00fcndungsmitglied dabei ist (S\u00e4nger Klaus Meine kam aber bereits Ende der Sechziger hinzu). Sie geht zum Jubil\u00e4um, nat\u00fcrlich, bald in Deutschland wieder auf Tour. Und dem Rest der Welt. Eine Rock-Legende mit mehr als 100 Millionen verkauften Tontr\u00e4gern weltweit \u2013 und gro\u00dfen Fangemeinden auf fast allen Kontinenten.<\/p>\n<p>Und doch: W\u00fcrde ich hier eine Kritik an Klaus Meine, Rudolf Schenker, Matthias Jabs (seit 1979 dabei) und den beiden \u201eNeuzug\u00e4ngen\u201c James Kottak (1996) und Pawel Maciwoda (2003) schreiben, erhielte ich wohl keine Beschwerdebriefe, keine Mails erboster Fans. Die Scorpions l\u00e4cherlich und nicht der Rede wert zu finden, das ist in Deutschland fast Usus, sowohl im musikalischen Feuilleton, unter befreundeten Musikern als auch den normalen Zuh\u00f6rern. Es geh\u00f6rt wahrlich kein Mut dazu, die Scorpions zwischen Flensburg und Passau irgendwie schei\u00dfe zu finden.<\/p>\n<p><strong>Metallica im Vorprogramm<\/strong><br \/>\nWie kommt das? Ich bin kein Fan der Band. Mir ist da vieles zu sehr Klischee. Aber ich habe es immer befremdlich gefunden, warum ausgerechnet Deutschlands erfolgreichster Rockexport im eigenen Land stets weit unter Wert eingeordnet wurde und wird. L\u00e4cherlichkeit, Unbehagen, Herablassung: Keine andere Rockband zog so viel Spott auf sich wie die Band aus Hannover, in deren Vorprogramm Weltstars wie Metallica und Bon Jovi erst gro\u00df wurden. Nur \u00e4u\u00dferst selten habe ich in Deutschland jemanden getroffen, der die Band als musikalisches Vorbild sieht.<\/p>\n<p>Undenkbar w\u00e4re das in den USA, Russland, S\u00fcdamerika und Japan: System of a Down coverten den Scorpions-Klassiker \u201eWhen the smoke is going down\u201c, Billy Corgan von den Smashing Pumpkins bezeichnete die Band als seinen gr\u00f6\u00dften musikalischen Einfluss. In Amerika gelten die Ex-Gitarristen der Band, Uli John Roth und Michael Schenker, als absolute stilistische Koryph\u00e4en auf ihrem Gebiet, Vorbild selbst f\u00fcr solche Egomanen auf dem Griffbrett wie Yngwie Malmsteen oder Steve Vai. In chinesischen Hotelbars sind die Scorpions meistens mit von der Partie: mindestens als Konserve, \u00f6fters in Form einer philippinischen Coverband, die \u201eRock you like a hurricane\u201c schmettert, als sei der Song eine absolute Neuentdeckung.<\/p>\n<p>Und in Deutschland? In der Heimat seien die Scorpions \u201cdank des deutschen Feuilletons\u201c, wie der im Alter selbstironische Klaus Meine k\u00fcrzlich der \u201cS\u00fcddeutschen Zeitung\u201d sagte, von ihren Fans nie belagert worden. Vor Jahrzehnten hatte er das gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnis zwischen seiner Band und den Deutschen so beschrieben: \u201eWenn Udo Lindenberg in Ostberlin einen Furz l\u00e4sst, horcht hier jeder auf. Wenn wir aber zehn Konzerte in Leningrad vor insgesamt 350.000 Zuschauern geben, ist das hier keine Meldung wert.\u201c Das klang beleidigt, wobei das Meine damals eigentlich h\u00e4tte schnuppe sein k\u00f6nnen. Lindenbergs Erfolg ist auf den deutschsprachigen Raum beschr\u00e4nkt, die Scorpions stehen international in einer Reihe mit AC\/DC, Kiss, Aerosmith oder Bon Jovi. Nur will das hierzulande kaum einer wahr haben.<\/p>\n<p><strong>Neidgesellschaft Deutschland?<\/strong><br \/>\nBandgr\u00fcnder Rudolf Schenker erkl\u00e4rte sich die Probleme mit dem heimischen Publikum, mehr noch aber mit der heimischen Musikjournaille, mit dem gro\u00dfen Erfolg der Band. Misserfolg durch Erfolg sozusagen: \u201eDu musst hier einen Spie\u00dfrutenlauf hinter dich bringen, bei dem alle auf dich einkn\u00fcppeln, und wenn du das am Ende unbeschadet \u00fcberstehst, dann sagen sie: Ihr seid aber eine tolle Band.\u201c Bei Meine klingt das ebenfalls an. Er zitierte in der SZ den Jazztrompeter Till Br\u00f6nner: In diesem Land folge auf Erfolg nur noch H\u00e4me. Da ist er also wieder, der Vorwurf der angeblichen Neidgesellschaft Deutschland.<\/p>\n<p>Ein falscher Vorwurf, wie ich finde. Andere Beispiele zeigen doch, dass sich Erfolg und Bewunderung in Deutschland nicht zwangsl\u00e4ufig ausschlie\u00dfen m\u00fcssen. Rammstein gelingt dieser Spagat weitestgehend, indem die Band um den kryptischen Charismatiker Till Lindemann mit Grenzen spielt und Extreme auslotet, ohne sich permanent zu erkl\u00e4ren. Im Gegenteil: Lindemann gibt den scheuen Lyriker, der nur ab und an \u2013 naja, sehr selten \u2013 von seinem Olymp in die Niederungen der deutschen Interviewkultur herabsteigt. Das macht Rammstein teflonartig schl\u00fcpfrig, unnahbar und vor allem unbrauchbar f\u00fcr die stets schon etikettierten Schubladen in Teilen des Musikjournalismus.<\/p>\n<p>Die Scorpions haben ihr Etikett dagegen weg: straighter Classic Rock mit den \u00fcblichen Inszenierungen und Stadionposen. Die Frage ist nur, kann man das einer Band vorwerfen, die das quasi miterfunden hat? Kann man nicht, und das haben eben kluge Musiker wie Billy Corgan erkannt: Wenn Rudolf Schenker die puckartige Sonnenbrille selbst nachts nicht auszieht und beim Spielen mit seiner Flying V rudert wie ein Olympionik, wenn Solist Matthias Jabs seine Poser-Klampfe in den Himmel reckt wie ein phallisches Schwert, dann mag das allenfalls peinlich sein f\u00fcr die vielen Imitatoren, aber nicht f\u00fcr das Original. Seien wir doch froh, dass eines der Originale tats\u00e4chlich aus Deutschland kommt.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt hierhin das Wahrnehmungsproblem viele Zeitgenossen in Bezug auf die Scorpions: Obwohl sie Trendsetter waren, wirkte manches gnadenlos abgekupfert. So als ob ein paar einfache Jungs aus Hannover sich aus Heften zusammenreimen, wie so ein gro\u00dfer Rockstar eigentlich sein muss. Amerikanisch nat\u00fcrlich. Nicht so piefig deutsch. Ein bisschen Madison Square Garden. Ein bisschen Las Vegas. Daraus mag sich die Hybris der Scorpions, dieses riesenhaft plakative Stadiongehabe \u2013 inklusive aufblasbarem Riesenskorpion auf der B\u00fchne \u2013 von Schenker und Co speisen. Aber will man das den Pionieren auf diesem Gebiet wirklich vorwerfen? Zumal f\u00fcr viele von uns in Sachen Rockmusik Amerika mit seiner Livekultur immer noch das Ma\u00df aller Dinge ist und nicht \u2013 Entschuldigung \u2013 Berlin oder Hamburg. Und zwar nicht nur in Sachen Posing, sondern vor allem in Sachen K\u00f6nnen und Professionalit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Provokation durch Gesten<\/strong><br \/>\nDie gro\u00dfen Gesten haben in Deutschland immer schon Skepsis und Verachtung provoziert. Vielleicht steckt dahinter historisch begr\u00fcndeter Zweifel gegen\u00fcber jeglichem Pathos. Und dann noch \u201eWind of change\u201c, das war manchem zu viel! Vielleicht kommt dazu, dass Kunst Nische sein muss in den Augen vieler Betrachter. Dass sie sonst Bef\u00fcrchtungen hegen, Kunst r\u00fccke zu nah an die M\u00e4chtigen heran \u2013 oder anders: die M\u00e4chtigen r\u00fcckten zu nah an die Kunst -, sobald sich Kunst auf die gro\u00dfe B\u00fchne begibt. Da ist ja auch was dran, wie man zu Zeiten Gerhard Schr\u00f6ders sehen konnte: Vor allem Klaus Meine pflegte die Kontakte zur Hannover-Connection. Man war Stadionrocker in fast schon \u00f6ffentlich-rechtlichem Auftrag, gerne auf Empf\u00e4ngen mit dem Kanzler, der die N\u00e4he zu K\u00fcnstlern demonstrativ und \u00f6ffentlichkeitswirksam suchte.<\/p>\n<p>Das m\u00f6gen nat\u00fcrlich die Nischenj\u00fcnger nicht, die viel Selbstbewusstsein aus ihrem Anti-Establishment-Gehabe sch\u00f6pfen. Eine Attit\u00fcde, die mitunter wie eine Monstranz vor sich hergetragen wird. Mainstream- und Kommerzverdacht kann sich da richtig gesch\u00e4ftssch\u00e4digend auswirken: Nicht nur diejenigen, die Genres gr\u00fcnden, leiden darunter, sondern zudem jene, die Genregrenzen einrei\u00dfen: Als sich Jochen Distelmeyer, der S\u00e4nger von Blumfeld, als George-Michael-Fan outete, begannen einige ewige Schubladendenker der Hamburger Schule mit der Demontage des K\u00fcnstlers. Der Schlager-Vorwurf war im Raum, dabei erinnert der gro\u00dfartige Song \u201eTausend Tr\u00e4nen tief\u201c nicht an einen Schlager, sondern an George Michaels \u201eJesus to a child\u201c, was einige notorische Etikettierer noch nie unterscheiden konnten. Und \u00fcberhaupt, wen interessiert\u2019s? Wenn ein Song ber\u00fchrt, dann ber\u00fchrt er eben. Distelmeyer war da auf seine Art ein Grenzg\u00e4nger, der Genregrenzen einrei\u00dfen konnte \u2013 und daf\u00fcr abgewatscht wurde.<\/p>\n<p>Als die Scorpions ihrerseits Genregrenzen einrei\u00dfen wollten \u2013 Ende der Neunziger mit ihrem betont elektronischem Album \u201eEye II Eye\u201c -, verschm\u00e4hten die Fans den stilistischen Wandel. Und der Presse war es auch nicht Recht. Vielleicht war das der einzige Fehler der Scorpions, anders sein zu wollen, als sie sind: In Wahrheit erwartet niemand von den Scorpions, das Rock-Rad neu zu erfinden. Das erwartet man nicht von Pionieren, das ist Aufgabe ihrer Nachkommen, sobald sie sich mit ihren Vorg\u00e4ngern ausges\u00f6hnt haben, so dass aus Vorg\u00e4ngern Vorbilder werden. Deutschlands Musikfans d\u00fcrfen sich deshalb entspannen und mit den Scorpions auss\u00f6hnen. Der 50. Geburtstag der Band w\u00e4re da eine tolle Gelegenheit.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong><em>, Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, h\u00f6rt gerne \u201eBig city nights\u201c bei offenem Autofenster. Und singt nat\u00fcrlich lauthals mit. Mittlerweile steht er auch dazu. Seine OC-Kolumne <em>\u201e<\/em>Grenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (18.02.2015) Von Martin Benninghoff Keiner muss die Band Scorpions lieben. Aber nach 50 Jahren auf der B\u00fchne geb\u00fchrt der notorisch missverstanden Combo zumindest Respekt. 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