{"id":1378,"date":"2015-03-04T10:15:41","date_gmt":"2015-03-04T08:15:41","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1378"},"modified":"2015-03-04T10:15:41","modified_gmt":"2015-03-04T08:15:41","slug":"lasst-edathy-in-ruhe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1378","title":{"rendered":"Lasst Edathy in Ruhe"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/03\/lasst-edathy-in-ruhe\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (04.03.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Im Netz ergie\u00dft sich der Volkszorn \u00fcber den ehemaligen Politiker Sebastian Edathy. Manches ist verst\u00e4ndlich, aber irgendwann ist dann auch mal gut<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eines ist doch klar: Krisen-PR-Manager wird dieser Sebastian Edathy wohl nie werden. Er macht derzeit so ziemlich alles falsch, was man nur falsch machen kann in seiner Situation. Er schl\u00e4gt um sich, reagiert auf jede Provokation und kann einfach die F\u00fc\u00dfe nicht still halten, obwohl er genau das jetzt eigentlich tun sollte: ruhig sein und abwarten, bis sich das \u00f6ffentliche Interesse nach der Einstellung seines Kinderporno-Prozesses gelegt hat.<\/p>\n<p>Ein wenig erinnert er an den Lieutenant Frank Drebin aus der \u201eNackte Kanone\u201c-Trilogie, der vor dem flammenden Inferno eines brennenden Hauses steht, wild herumfuchtelt und den entgeisterten Zaung\u00e4sten entgegen ruft: \u201eEs gibt hier nichts zu sehen, Leute!\u201c<\/p>\n<p>Die gucken nat\u00fcrlich umso mehr hin.<\/p>\n<p>Edathy macht das auf seine eigene Art, indem er sich ins Abseits postet. Das ging schon z\u00fcgig nach der Einstellung des Verfahrens los, als er sinnloserweise bei Facebook darauf hinwies, dass ein \u201eGest\u00e4ndnis ausweislich meiner heutigen Erkl\u00e4rung nicht vorliegt\u201c. Formaljuristisch mag das stimmen. Nur der Eindruck, der entstand, war ein anderer: Der empfindet keine Reue.<\/p>\n<p>Das passt zu seinem Verhalten, das er in den vergangenen Tagen und Wochen mehrfach an den Tag legte. Nur noch ein Beispiel: etwa als er einen h\u00f6flich formulierten Anfrage-Brief von \u201eZeit\u201c-Journalisten an ehemalige Schulfreunde Edathys \u00f6ffentlich postete \u2013 mit dem erbosten Hinweis, das sei \u201eAusforschung\u201c. Nein, das war keine \u201eAusforschung\u201c, das war eine v\u00f6llig legitime Recherchemethode, Leute, die Edathy kennen, h\u00f6flich zu fragen, ob sie \u00fcber ihn reden wollen. Sie k\u00f6nnen ja ablehnen oder sich gar nicht erst melden.<\/p>\n<p>Wenn Edathy nicht mittlerweile alles egal ist \u2013 und darauf lassen seine Bem\u00fchungen und die seines Anwaltes um eine Einstellung des Verfahrens schlie\u00dfen -, dann sollte man Edathy ein St\u00fcck weit vor sich selbst sch\u00fctzen. Vor seinen Postings, unbedachten \u00c4u\u00dferungen und vorschnellen Reaktionen. Was kaum zu bewerkstelligen sein wird, weil Edathy beratungsresistent scheint und nach allen Berichten eher einzelg\u00e4ngerisch agiert. Er wirkt manchmal wie ein angeschossenes Tier, das, in die Ecke gedr\u00e4ngt, in alle Richtungen faucht und kratzt.<\/p>\n<p>Der Volkszorn jedoch, der sich nun im Netz \u00fcber Edathy ergie\u00dft, macht die Sache vor diesem Hintergrund eher schlimmer. Manche vergleichen Edathy mit dem Fu\u00dfballer Marco Reus, der wegen Fahrens ohne F\u00fchrerschein zu einer Geldstrafe von 540.000 Euro verurteilt worden ist. Die 5000 Euro, die Edathy zu zahlen hat (der Betrag ist keine Strafe, da er ja nicht verurteilt wurde), erscheinen da vielen als Farce; allen voran Til Schweiger, der schon vor einigen Jahren bei \u201eMarkus Lanz\u201c einen Internetpranger f\u00fcr Sexualstraft\u00e4ter forderte. Bei Facebook \u00e4tzte er: \u201eEr bezahlt 5000 und Reus 500.000! Irgendwas stimmt hier nicht\u2026! Ich bin w\u00fctend\u2026!!!\u201c Bis Dienstagabend wurde das 15.000 Mal geteilt.<\/p>\n<p>Besonders s\u00fcffisant nimmt sich der SPD-Politiker Ralf Stegner Edathy vor. Nachvollziehbarerweise fordert er Edathys Rausschmiss aus der Partei, um dann gleich hinterher zu schieben: \u201eSozialdemokratische F\u00fchrungskr\u00e4fte m\u00fcssen Vorbildfunktion haben.\u201c Ja, nat\u00fcrlich\u2026aber wer w\u00fcrde denn noch auf die Idee kommen, Edathy ein F\u00fchrungsamt innerhalb der SPD anzubieten? Das ist rhetorischer Popanz, ein Abarbeiten am Parteikollegen, der sowieso schon am Boden liegt. Eine Online-Petition im Netz gegen die Einstellung des Edathy-Verfahrens hat bis Dienstag in k\u00fcrzester Zeit 60.000 Unterschriften gesammelt. K\u00f6nnte es sein, dass sich Stegner opportunistisch auf eine Meinung setzt, die gerade mehrheitsf\u00e4hig ist?<\/p>\n<p>Vielleicht zeigt das Ganze nicht nur den ruin\u00f6sen Absturz eines ehemaligen Politikers. Der Fall Edathy spiegelt auch unser eigenes Verhalten wider, pr\u00fcft uns selbst, wie wir mit Menschen in Grenzbereichen umgehen. Juristisch wird er nicht belangt, er ist nicht vorbestraft, und f\u00fcr ihn gilt weiter die Unschuldsvermutung. Aber moralisch? Der Richter sagte am letzten Prozesstag, jeder Mensch habe eine zweite Chance verdient. Wenn wir das ernst nehmen, dann d\u00fcrfen wir ihn auch moralisch nicht f\u00fcr alle Zeiten verknacken, selbst wenn er es einem durch seine \u00c4u\u00dferungen und seine Probleme, \u00f6ffentlich Reue zu zeigen, sichtlich erschwert.<\/p>\n<p>Edathys gesellschaftliche Resozialisierung beginnt diese Woche, und sie kann lange dauern. Er wird Probleme haben, beruflich wieder Fu\u00df zu fassen, die b\u00fcrgerliche Existenz ist weitgehend zerst\u00f6rt. Juristisch ist er glimpflich davongekommen, und so geht es Tausenden im Jahr, deren Verfahren eingestellt wird. Eine Debatte dar\u00fcber, ob der Rechtsstaat mit diesem Konstrukt der Verfahrenseinstellung gut f\u00e4hrt oder nicht, w\u00e4re da durchaus sinnvoll. Aber: Diese Debatte muss nun nicht auf dem R\u00fccken eines Mannes ausgetragen werden, der ohnehin schon am Boden liegt.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff,<\/strong> <em>Journalist in Berlin, schreibt die OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (04.03.2015) Von Martin Benninghoff Im Netz ergie\u00dft sich der Volkszorn \u00fcber den ehemaligen Politiker Sebastian Edathy. 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