{"id":1395,"date":"2015-04-15T08:15:29","date_gmt":"2015-04-15T06:15:29","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1395"},"modified":"2015-04-15T08:18:44","modified_gmt":"2015-04-15T06:18:44","slug":"verbannt-das-auto","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1395","title":{"rendered":"Verbannt das Auto!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/04\/verbannt-das-auto\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (15.04.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Deutschlands Autofahrer-Mentalit\u00e4t macht unsere St\u00e4dte kaputt. Es ist Zeit f\u00fcr das gro\u00dfe Umparken im Kopf: Lasst uns dar\u00fcber nachdenken, Autos aus den St\u00e4dten zu verbannen<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Gleich vorneweg: Ich mag Autos. Ich fahre sehr gerne Auto. Ein Auto ist f\u00fcr mich nicht nur ein n\u00fctzliches Vehikel, um von A nach B zu kommen, ein Auto ist einer meiner Schl\u00fcssel zum Gef\u00fchl, frei zu sein und tun und lassen zu k\u00f6nnen, was ich will. Ein Auto in erreichbarer N\u00e4he stehen zu haben, ist kein Luxus, es ist ein w\u00e4rmendes Gef\u00fchl des M\u00f6glichseins: Ich kann los, und zwar jetzt, wenn ich will, aber nat\u00fcrlich muss ich nicht. Ein autofreies Leben kann ich mir, der auf dem Land gro\u00df wurde, nicht vorstellen, ganz anders als so mancher Zeitgenosse, der zeitlebens in Gro\u00dfst\u00e4dten lebt.<\/p>\n<p>Trotzdem habe ich ein gespaltenes Verh\u00e4ltnis zum Auto. Bisher lebte ich in drei der vier gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte Deutschlands; und die meisten mittleren und gro\u00dfen St\u00e4dte, die ich kenne, ersticken am Autoverkehr. Nicht nur im w\u00f6rtlichen Sinne am rollenden Verkehr, der die Luft verpestet und dessen L\u00e4rm krank macht, sondern auch an den parkenden Autos, die zwar f\u00fcr den Moment keine Schadstoffe ausspucken, daf\u00fcr aber kostbaren Platz inmitten des eng begrenzten Gro\u00dfstadtraumes blockieren. Das Auto zerst\u00f6rt die Lebensqualit\u00e4t der St\u00e4dter, und die positiven Aspekte eines ungez\u00fcgelten Stadtverkehrs schrumpfen angesichts der Staus und der vielen Nachteile auf Mini-Format.<\/p>\n<p>Warum denken wir deshalb nicht ernsthaft \u00fcber autobefreite St\u00e4dte nach? Warum r\u00e4umen wir dem Autoverkehr in unseren St\u00e4dten \u2013 und damit in unserer Lebensmitte \u2013 einen derart gro\u00dfen Platz ein und machen uns das Leben selbst schwer? Einer aktuellen Studie zufolge, die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in Auftrag gegeben hatte, fordern ja angeblich 82 Prozent der befragten Deutschen die Verkehrsplaner auf, St\u00e4dte st\u00e4rker an den Bed\u00fcrfnissen von Fu\u00dfg\u00e4ngern, Radfahrern und \u00d6PNV-Nutzern auszurichten. Warum passiert dann so wenig?<\/p>\n<p><strong>Radfahrer haben das Nachsehen<\/strong><br \/>\nEine Antwort k\u00f6nnte sein: In unseren K\u00f6pfen, aufgewachsen in einem Land, das Mercedes, BMW, Audi und Porsche hervorgebracht hat, ist es schlichtweg einge\u00fcbt, starke, verbrennungsmotorgetriebene Autos mit all ihrem Dreck und L\u00e4rm gut zu finden.<\/p>\n<p>Ein Gedankenexperiment: Stellen Sie Ihr Fahrrad oder Ihren Kinderwagen (bitte ohne Kind) einmal auf dem rechten Streifen einer zweispurigen Stra\u00dfe ab. Mit Sicherheit ernten Sie erboste und aggressive Rufe von Autofahrern, die tats\u00e4chlich gezwungen werden, einen Bogen um Sie zu machen. Wenn Sie es auf die Spitze treiben, wird es wahrscheinlich nach wenigen Minuten handgreiflich. Autos auf Radstreifen parken \u2013 das ist in Autofahrer-Deutschland so was in Ordnung, dass es weh tut. Radfahrer m\u00fcssen in St\u00e4dten st\u00e4ndig ausweichen, sei es vor Vorfahrt nehmenden Autos oder sich \u00f6ffnenden Autot\u00fcren.<\/p>\n<p>Ich wohne nicht weit vom Kurf\u00fcrstendamm in Berlin, zugegebenerma\u00dfen eine der autoreichsten Ecken in Deutschland. Der Ku\u2019Damm ist ein Autofahrerboulevard, auf dem die Fahrer dicker Mercedes-, BMW-, Porsche- und SUV-Karossen gerne hoch und wieder herunterfahren. 50 Kilometer pro Stunde sind hier erlaubt, streckenweise nur 30 km\/h, eine Busspur ist nur \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrradfahrern erlaubt. Viele der Gro\u00dfkarossenlenker halten sich nicht daran, sie scheren aus, wann immer sie wollen, und sie fahren nat\u00fcrlich schneller als erlaubt. Es ist ja auch nicht einfach, das Gaspedal mit dem n\u00f6tigen Zehenspitzengef\u00fchl zu bearbeiten, wenn 400 PS unter der Motorhaube wummern. F\u00fcr Radfahrer sind solche Stra\u00dfen ein gef\u00e4hrliches Pflaster. Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberwege finden sich meist nur an den weit auseinanderliegenden Kreuzungen.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr den Ku\u2019Damm in besonderem Ma\u00dfe gilt, gilt f\u00fcr die meisten Gro\u00dfstadtstra\u00dfen in Deutschland: Der St\u00e4rkere bestimmt die Regeln, und das sind im Normalfall die Autofahrer.<\/p>\n<p>Deshalb brauchen wir als erstes einen Bewusstseinswandel weg vom Auto-B\u00fcrger hin zum Fu\u00dfg\u00e4nger-B\u00fcrger, den Radfahrern und dem \u00d6PNV. Stellen wir uns den Ku\u2019Damm einmal als Flaniermeile vor, auf dem sich Fu\u00dfg\u00e4nger und Radfahrer tummeln, auf dem auf einer gesonderten Spur Elektro- bzw. Hybrid-Taxis und Busse den \u00f6ffentlichen Personennahverkehr besorgen und ansonsten nur Autos mit einer Sondergenehmigung fahren d\u00fcrfen. Die Lebensqualit\u00e4t \u2013 auch die Anmutung dieser wichtigen Tangente durch Berlin \u2013 w\u00fcrde sich um ein Vielfaches verbessern.<\/p>\n<p>Lebensqualit\u00e4t entsteht durch freie R\u00e4ume, aber freie R\u00e4ume sind in Auto-Deutschland leider rar. Parkpl\u00e4tze, Parkbuchten, \u201emal eben so abgestellte\u201c Autos auf den Gehwegen sorgen f\u00fcr einen enormen Fl\u00e4chenverbrauch. Tiefgaragen und Stellpl\u00e4tze verteuern den Wohnungsbau. Das Umweltbundesamt hat einen Zusammenhang zwischen Stra\u00dfenl\u00e4rm und Herz-Kreislauf-Erkrankungen der Anwohner nachgewiesen, dazu kommen die Schadstoffemissionen von Benzinern und vor allem Diesel-Fahrzeugen, von Unf\u00e4llen mit Verletzten oder gar Toten gar nicht erst gesprochen. Autos und Stra\u00dfen durchschneiden zudem die Kontaktr\u00e4ume der Menschen: Ein schlimmes Beispiel daf\u00fcr ist die sogenannte Nord-S\u00fcd-Fahrt in K\u00f6ln, die die Stadt wie eine Autobahn durchzieht und im Grunde in zwei Teil-K\u00f6lns splittet. Autofreie Stra\u00dfen k\u00f6nnten dagegen die Beweglichkeit der Menschen f\u00f6rdern und ein engeres Netz an Sozialkontakten beg\u00fcnstigen. Kinder k\u00f6nnten wieder alle Wege \u2013 inklusive der Schulwege \u2013 alleine bew\u00e4ltigen.<\/p>\n<p><strong>Urgem\u00fctliche Zentren statt Stadtautobahnen<\/strong><br \/>\nSt\u00e4dteplaner wissen das ja, zu wenig wird aber getan. Bislang reagieren die Kommunen mit verbreiterten Stra\u00dfen, wenn es f\u00fcr den Verkehr eng wird, statt die Gretchenfrage zu stellen: Wenn Europas St\u00e4dte vor Jahrhunderten f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger und Reiter bzw. Kutschen gebaut wurden, was soll daran schlecht f\u00fcr die Gegenwart sein? Schauen wir uns nicht nach wie vor gerne Altstadtgassen an? Gehen wir nicht lieber in sch\u00f6n gelegene Lokale an netten Pl\u00e4tzen, die durch gem\u00fctliche Gassen zu erreichen sind? Gehen wir nicht gerne in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen einkaufen und flanieren? Bevorzugen wir bei St\u00e4dtereisen nicht vor allem jene italienischen, spanischen oder griechischen Ziele, die mit enggassigen, aber urgem\u00fctlichen Zentren aufwarten, wo das Leben auf der Stra\u00dfe stattfindet? Enge Gassen, die in autofreie Pl\u00e4tze m\u00fcnden, dann wieder breite Boulevards, die die Aussicht nach au\u00dfen \u00f6ffnen \u2013 es sind die autofreien Ecken und R\u00e4ume, die eine Stadt lebenswert machen.<\/p>\n<p>Konkrete Vorbilder gibt es ja: Venedig zum Beispiel, Europas gr\u00f6\u00dfte, g\u00e4nzlich autofreie Stadt. Kleinere St\u00e4dte in der Schweiz sind \u00e4hnlich radikal, Zermatt im Wallis beispielsweise. Dort d\u00fcrfen nur Elektroautos fahren. Wer nach Zermatt will, muss seinen Wagen in dem davor liegenden Ort T\u00e4sch abstellen und mit Bus oder Bahn in die Stadt fahren. Dieses Modell bew\u00e4hrt sich seit Jahrzehnten, \u00fcbrigens auch wirtschaftlich.<\/p>\n<p>Wenn ich bedenke, dass ich in einer nordrhein-westf\u00e4lischen Kleinstadt zur Schule ging, in der sich die Gesch\u00e4ftsleute seit Jahrzehnten gegen eine autofreie Einkaufsstra\u00dfe wehren, kann ich nur konstatieren: Die haben das Umparken im Kopf noch nicht ansatzweise geschafft. Die Gesch\u00e4ftsleute und Inhaber w\u00fcrden von attraktiveren R\u00e4umen, in denen sich die potentiellen Kunden wohlf\u00fchlen, stark profitieren. Und f\u00fcr die Anlieferung per Auto oder LKW g\u00e4be es nat\u00fcrlich Ausnahmegenehmigungen.<\/p>\n<p>Klar, es g\u00e4be es auch Reform-Verlierer: Tankstellen im Innenstadtbereich zum Beispiel. Aber radikale L\u00f6sungen sind mittelfristig gedacht, \u00dcbergangszeiten w\u00fcrden Anpassungen erm\u00f6glichen, etwa die Umstellung auf \u201eBetankung\u201c und Reparatur von Elektromobilen. Das Gewerbe w\u00fcrde eher in die stra\u00dfennahen Vororte ziehen, aber das tut es ja bereits lange.<\/p>\n<p>Radikale L\u00f6sungen wie in Zermatt eignen sich besonders gut f\u00fcr Kleinst\u00e4dte, aber auch Gro\u00dfst\u00e4dte sollten ihre Innenstadtbereiche zu autofreien Zonen erkl\u00e4ren. Ank\u00f6mmlinge k\u00f6nnten ihre Autos auf gro\u00dfen, bewachten Parkpl\u00e4tzen an den Stadtr\u00e4ndern abstellen und dort direkt in (m\u00f6glichst kosteng\u00fcnstige) Bahnen umsteigen. Innerst\u00e4dtisch w\u00e4ren nur Elektrofahrzeuge zugelassen, die man entweder selbst besitzt oder \u2013 besser \u2013 in Form von Carsharing-Angeboten direkt auf dem Stadtrandparkplatz anmietet und wieder abgibt. Sondergenehmigungen f\u00fcr Alte, Kranke, Behinderte w\u00e4ren nat\u00fcrlich zu diskutieren.<\/p>\n<p>Gro\u00dfst\u00e4dte gew\u00e4nnen an Attraktivit\u00e4t. Fahrradstra\u00dfen w\u00fcrden weitere Radfahrer anziehen; wer unsportlich ist und partout nicht Radfahren oder laufen will, muss das auch in Zukunft nicht tun. Elektro- oder Hybridtaxis und \u2013busse k\u00f6nnten den Individualverkehr weitgehend ersetzen. Und der Spa\u00df am eigenen Autofahren, das Freiheitsgef\u00fchl und die individuelle Mobilit\u00e4t w\u00e4ren von dieser mutigen Verkehrspolitik ohnehin nicht betroffen. Denn seien wir ehrlich: Der Spa\u00df am Autofahren kommt sowieso nur jenseits der Stadtgrenzen auf Autobahnen und Landstra\u00dfen auf.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, f\u00e4hrt \u00fcbrigens ein Auto, das gemeinhin mit Opas und Hut auf der Ablage verbunden wird: Opel. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (15.04.2015) Von Martin Benninghoff Deutschlands Autofahrer-Mentalit\u00e4t macht unsere St\u00e4dte kaputt. Es ist Zeit f\u00fcr das gro\u00dfe Umparken im Kopf: Lasst uns dar\u00fcber nachdenken, Autos aus den St\u00e4dten zu verbannen Gleich vorneweg: Ich mag Autos. 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