{"id":1399,"date":"2015-04-29T08:56:26","date_gmt":"2015-04-29T06:56:26","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1399"},"modified":"2015-04-29T08:56:26","modified_gmt":"2015-04-29T06:56:26","slug":"am-anfang-war-der-polacke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1399","title":{"rendered":"Am Anfang war &#8222;Der Polacke&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/04\/am-anfang-war-der-polacke\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (29.04.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Der Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gr\u00f6ning dient nicht nur der Vers\u00f6hnung mit der Vergangenheit. Er ist eine praktische Lehrstunde mit Anschauungsmaterial f\u00fcr die Gegenwart<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wer die Frage aufwirft, ob wir den Prozess um den ehemaligen SS-Mann Oskar Gr\u00f6ning wirklich ben\u00f6tigen und vielleicht sogar weitere Prozesse gegen Ex-SS-Leute, der wird vermutlich mit dem Recht der \u00fcberlebenden Holocaust-Opfer auf Gerechtigkeit antworten. Ja, und das bleibt der wichtigste Grund: Solange die \u00dcberlebenden der Nazi-Tyrannei leben, solange stellt sich die Frage ohnehin nicht, ob man einen 93-J\u00e4hrigen (oder 89-J\u00e4hrigen oder 112-J\u00e4hrigen) vor Gericht bringen muss (strafrechtlich spielt das Alter zun\u00e4chst einmal ohnehin keine Rolle).<\/p>\n<p>Ein zweites Argument aber ist kaum minder wichtig: Nicht nur der Prozess in seiner Form ist entscheidend, sondern vor allem das, was der Angeklagte Oskar Gr\u00f6ning vor Gericht aussagte, und das ist bemerkenswert: Der 93-J\u00e4hrige, dessen Reue nach Einsch\u00e4tzung seiner Anw\u00e4lte echt ist, verfiel in den ersten Verhandlungstagen in den Nazi-Jargon seiner Jugendjahre. \u00dcber den Polenfeldzug zum Beispiel sagte er \u201eIn 18 Tagen haben wir die Polacken verhauen\u201c, um deutlich zu machen, wie begeistert er als junger Spund von den grausigen M\u00f6glichkeiten der Wehrmacht und der Waffen-SS gewesen war.<\/p>\n<p>Ob das der blo\u00dfe verbale R\u00fcckfall eines alten Mannes in seine Jugendjahre war oder doch noch ein Bruchst\u00fcck seiner gegenw\u00e4rtigen Haltung ist, das ist per Ferndiagnose sicherlich nicht zu bestimmen \u2013 ehrlich gesagt, das ist auch gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist die Frage, ob dieser Hang zur \u00e4tzenden Abqualifizierung des Anderen und des vermeintlich Fremden eigentlich nur eine Sache von NS-Deutschland war, oder ob sich Muster davon sogar noch heute zeigen.<\/p>\n<p>Um es gleich klarzumachen: Die Bundesrepublik im Jahr 2015 hat nur wenig mit den d\u00fcsteren Jahren der Nazi-Vergangenheit zu tun. Aber es gibt nach wie vor Tendenzen \u2013 am Wohnzimmertisch, in der \u00d6ffentlichkeit, der Politik und den Medien -, zu \u201egruppenbezogener Menschenfeindlichkeit\u201c, wie der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer etwas umst\u00e4ndlich formulierte. Die Bandbreite des Schreckens reicht von Homophobie bis klassischem Sexismus, von Ausl\u00e4nderfeindlichkeit bis Islamhass, von Abwertung von Hartz-IV-Empf\u00e4ngern oder Asylbewerbern bis hin zu Antisemitismus.<\/p>\n<p><strong>Mechanismus des Unwesens<\/strong><\/p>\n<p>Sprache pr\u00e4gt hierbei das Bewusstsein \u2013 und andersherum: Wer einen einzelnen Menschen auf seine Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gruppe reduziert (\u201eZigeuner\u201c, Muslim, \u201ePolacke\u201c), entmenschlicht und entindividualisiert in der Konsequenz die Person. Pl\u00f6tzlich wird aus einem denkenden, atmenden und empfindsamen Einzelwesen ein blo\u00dfer Funktionstr\u00e4ger \u2013 im schlechtesten Sinne Tr\u00e4ger angeblicher negativer Funktionen (\u201edie Ausl\u00e4nder sind verantwortlich f\u00fcr den Anstieg von Kriminalit\u00e4t\u201c, \u201edie Juden sind schuld\u2026\u201c). Denkt man diese Kette weiter, so erh\u00f6ht sich die Wahrscheinlichkeit, dass aus blo\u00dfer verbaler Abneigung eines Tages Gewalt gegen die Person, die keine Person mehr sein soll, erw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Dieser Mechanismus treibt auch heute sein Unwesen. Wenn populistische Politiker, Stammtischbr\u00fcder oder Mitfahrer in der U-Bahn ALG-II-Empf\u00e4nger als Faulenzer verunglimpfen, Reiche pauschal als Schmarotzer oder Muslime als Hinterw\u00e4ldler diffamieren, sollten wir sofort einschreiten und widersprechen. Was vielleicht nur als Witz oder dummer Spruch gemeint war, ist in Wahrheit schon die erste Stufe in die Richtung, die der heute 93-j\u00e4hrige Oskar Gr\u00f6ning in Jugendzeiten einschlug, vielleicht einschlagen musste, weil die damalige Gesellschaft eben nicht einschritt, sondern, im Gegenteil, derartige Dummheiten noch adelte.<\/p>\n<p>Genau das \u2013 Einschreiten, Widersprechen \u2013 ist im Vorhof der H\u00f6lle, den Jahren der Weimarer Republik vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, zu wenig passiert. Wenn es sich erst eingeb\u00fcrgert hat, \u00fcber bestimmte Gruppen und damit \u00fcber Menschen herzuziehen, so dass die Hasserf\u00fcllten das Gef\u00fchl haben, es ist okay, was sie tun, kann es schon zu sp\u00e4t sein. Das k\u00f6nnte die wichtigste Lehre aus dem Fall des Oskar Gr\u00f6ning sein. Die Formel \u201eWehret den Anf\u00e4ngen\u201c mag abgenudelt sein, stimmt aber umso mehr. Ob der alte Mann noch ins Gef\u00e4ngnis kommt oder nicht, ist dann ziemlich unerheblich.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff, <\/strong><em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c. Seine OC-Kolumne GRENZG\u00c4NGER erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (29.04.2015) Von Martin Benninghoff Der Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gr\u00f6ning dient nicht nur der Vers\u00f6hnung mit der Vergangenheit. 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