{"id":1403,"date":"2015-05-13T19:30:33","date_gmt":"2015-05-13T17:30:33","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1403"},"modified":"2015-05-13T19:30:33","modified_gmt":"2015-05-13T17:30:33","slug":"tocotronic-der-gipfel-der-spiessigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1403","title":{"rendered":"Tocotronic &#8211; der Gipfel der Spie\u00dfigkeit"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/05\/tocotronic-der-gipfel-der-spiessigkeit\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (13.05.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Die Hamburger Band hat ein neues Album herausgebracht. Und das Pop-Feuilleton reagiert erneut mit hemmungslosem Speichelfluss wie bei Pawlows Hund. Ein echtes Trauerspiel.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das Experiment des Iwan Pawlow war so einfach wie eindrucksvoll: Er zeigte seinem Hund den Futternapf (unbedingter Reiz), woraufhin diesem das Wasser im Maul zusammenfloss (unbedingte Reaktion). Sodann lie\u00df der Forscher einen Glockenton erklingen (neutraler Reiz), und es passierte, oh Wunder: nichts; dem Hund war das schlicht schnuppe. Als Pawlow jedoch das Gl\u00f6ckchen erneut bimmeln lie\u00df, und zwar in unmittelbarer zeitlicher Folge mit dem angebotenen Napf \u2013 und dies wiederholte und wiederholte-, bekam das H\u00fcndchen irgendwann schon beim H\u00f6ren des lieblichen Glockenklanges Hei\u00dfhunger. So geht Konditionierung.<\/p>\n<p>Was das Gl\u00f6ckchen f\u00fcr den hungrigen Hund bedeutete, das bedeutet hierzulande ein neues Album der Band Tocotronic f\u00fcr Teile des Pop-Feuilletons. Geben die Mannen um S\u00e4nger Dirk von Lowtzow ein Lebenszeichen von sich, dann l\u00e4uft dem durchschnittlichen Feuilleton-Redakteur das Wasser im trockenen Munde zusammen. Und dies, obwohl das ausl\u00f6sende Ereignis, die neue CD, gar nicht so recht als Appetitanreger taugen mag. Tocotronic, das ist das Gl\u00f6ckchen, aber ganz sicherlich nicht das Futter, f\u00fcr das die Band von manchen gehalten wird.<\/p>\n<p>Gut, das ist vielleicht gemein und furchtbar pauschal. Aber leider ist es ja auch so furchtbar d\u00e4mlich, was h\u00e4ufig \u00fcber diese hochgradig \u00fcbersch\u00e4tzte Musikvereinigung verzapft wird. Vieles l\u00e4sst tief blicken, was gelegentlich in Deutschland als gut gemacht durchgeht, und es sagt viel aus \u00fcber den Horizont mancher Musikkritiker, die es offenbar nicht schaffen, \u00fcber die Grenzen hinaus wirklich gut Gemachtes zu sehen.<\/p>\n<p>Aber der Reihe nach: Tocotronic gilt als intellektuell, als kopflastig, als kl\u00fcgste Band, als Diskursrock. Tja, das soll wohl hei\u00dfen, dass die Gruppe rund um dem stets intellektuell, kopflastig, klug dreinschauenden von Lowtzow irgendwie tiefere und doppel- sowie dreibodige, gleichsam diskursanschiebende Gedanken poetisch und pathetisch in Musik verpackt. So ein Schmarrn. Derartige Inhalte sind n\u00e4mlich nicht \u00fcberliefert. Was bleibt ist die blo\u00dfe Attit\u00fcde.<\/p>\n<p>Das neue Album, ganz in Rot, ihr elftes in 20 Jahren, erschien am 1. Mai, dem roten Tag der Arbeit. Es ist weniger schrammelig, weniger rockig als seine Vorg\u00e4nger; es ist ziemlich poppig, es ist okay. Musikalisch nichts Neues, eben einfacher Pop mit wenigen Gitarren, die etwas schief, aber durchaus ansprechend, weit in den Hintergrund gemischt, jaulen. Es ist gut produziert, so wie viele Popalben gut produziert sind.<\/p>\n<p>Das Album ist also nichts Besonderes, aber das muss Pop nicht immer sein. Etlichen Leuten scheint die Musik zu gefallen, alleine das gen\u00fcgt zur Daseinsberechtigung. Positiv interpretiert: Das neue Album ist das erste der Band, bei dem nicht mehr so stark auff\u00e4llt, dass die Musiker ihre Instrumente nur unzureichend beherrschen. Dank des Produzenten Moses Schneider eine gute Leistung, man kann ja auch viel tricksen im Studio. Das Album alleine w\u00e4re ein Grund zum Schulterzucken, nicht zu bissiger Kritik.<\/p>\n<p><strong>Schleim- und Speichelspur<\/strong><br \/>\n\u00c4rgerlich ist vielmehr die Schleim- und Speichelspur einiger Medien, die sich disproportional zur G\u00fcte von Tocotronic verh\u00e4lt. Noch \u00e4rgerlicher ist allerdings: Von Lowtzow und seine bierernsten Mitstreiter Jan M\u00fcller, Arne Zank und der schrecklich attit\u00fcdenhafte Trainingsjackentr\u00e4ger Rick Mc Phail spielen das Spiel v\u00f6llig frei von selbstironischen Anfl\u00fcgen mit, ja, befeuern es geradewegs. W\u00e4re die Musikszene der Hamburger Schule (neben Tocotronic noch u.a. Blumfeld und Die Sterne) bereits in Madame Tussauds ausgestellt, m\u00fcsste sie genauso aussehen wie Mc Phail mit seiner Hornbrille und seiner wie aufgesetzten Achtung-ich-bin-so-urban-Britpop-Frisur.<\/p>\n<p>Eine kleine Kostprobe, wie hierzulande auf Tocotronic reagiert wird, bot k\u00fcrzlich \u201cZeit Online\u201d in einem Interview mit von Lowtzow. Gro\u00dfartige Satire, nur leider ist das Interview ernst gemeint (mit Interpretationshilfe in Klammern):<\/p>\n<p>Von Lowtzow (nachdem er bedeutungsschwer verk\u00fcndet hat, dass das neue Album von Liebe handelt. Uiuiui\u2026noch nie geh\u00f6rt): \u201eLiebe dient oft nur als Platzhalter, um ein Lied thematisch zu f\u00fcllen. So ein seichtes I-love-you-Blabla hat aber auch keine gef\u00e4hrliche Seite mehr.\u201c (Abwertung s\u00e4mtlicher anderer Bands, die \u00fcber Liebe singen, und Hinf\u00fchrung zur eigenen, nat\u00fcrlich komplett revolution\u00e4ren Interpretation von Liebe) \u201eDaher ist es total wichtig, dass man diese Aspekte mitbehandelt.\u201c (Vom Duktus her schon nah am Literarischen Quartett, aber das kommt jetzt erst) \u201eIn Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit\u2026\u201c (namedropping aus dem bildungsb\u00fcrgerlichen B\u00fccherregal, zeigen, was man gelesen hat, das kommt immer gut!).<\/p>\n<p>Und weiter: Von Lowtzow (das Feld ist bereitet, der Redakteur bereit, den originellen, noch nie dagewesenen Gedanken des Diskurs-Meisters aufzusaugen): \u201eWenn man von der Liebe getroffen wird, ist das fast eine psychotische Erfahrung, die einen die Welt ganz anders wahrnehmen l\u00e4sst. Viele Leute haben sich schon im Namen der Liebe ruiniert \u2013 k\u00f6rperlich, finanziell, emotional.\u201c (Wow!)<\/p>\n<p>Aufh\u00f6ren, aufh\u00f6ren, das ist ja nicht auszuhalten. \u00c4hnliche Banalit\u00e4ten aus der Schublade der Binsenweisheiten sondert der Meister auch an anderen Stellen ab, zum Beispiel neulich in der ZDF-Sendung \u201eAspekte\u201c, die eigentlich zu mehr in der Lage ist, als solchem banalen Ges\u00fclze den Anstrich von geistiger Tiefe zu verpassen. S\u00fclze bleibt ja S\u00fclze, selbst wenn sie aus den Buchdeckeln eines literarisch-k\u00fcnstlerischen Bildungskanons quillt.<\/p>\n<p><strong>Selbstzufriedenes Dilettantentum<\/strong><br \/>\nTocotronic ficht das selbstredend nicht an. Proust und Wittgenstein als Bezugspunkte verleihen jedem \u00dcberzeitlichkeit. Und die Band hat sich ja durchaus, wie eingangs erw\u00e4hnt, entwickelt: Am Anfang war ihr Sound kaum ertr\u00e4glich, was man damals als Punk verkl\u00e4rt hat. Aber auch Punk trifft eher den Punkt, wenn der Beat stimmt, weil Drummer und Bassist wissen, was sie tun. Bei Tocotronic herrschte stets selbstzufriedenes Dilettantentum, was nat\u00fcrlich zu Beschr\u00e4nkungen beim Songwriting f\u00fchrt. Wer sich kompositorisch nicht entwickeln kann, der muss am Sound drehen, um anders zu klingen.<\/p>\n<p>Aber wer redet bei Tocotronic schon von Musik? Die Musikkritiker jedenfalls kaum. Aber was bietet die Band dann? Nicht vielmehr als eine pseudo-intellektualistische Attit\u00fcde \u2013 das genaue Gegenteil von Punk. \u00c4rgerlich ist zudem ihr Verharren in der immer gleichen Schublade, statt Grenzen einzurei\u00dfen, wie es K\u00fcnstler eigentlich doch anstreben. Der Gipfel der Spie\u00dfigkeit, dabei wollen sie doch so anders sein.<\/p>\n<p>Mancher Mitstreiter aus Hamburger Trainingsjacken-Zeiten hat sich da wesentlich weiter aus der Deckung gejagt. Jochen Distelmeyer, der S\u00e4nger von Blumfeld beispielsweise, hat sich locker gemacht und Genregrenzen eingerissen. Als er sich auch noch als George-Michael-Fan outete, zog er sich nat\u00fcrlich den Unmut der Hamburger Spie\u00dfer zu; auch das Pop-Feuilleton pr\u00fcgelte auf ihn ein. Tocotronic hat man lieber \u2013 da wei\u00df man, was man hat. Und muss im Elfenbeinturm nicht neu nachdenken. Das k\u00f6nnte der einzige Diskurs sein, den Tocotronic jemals angesto\u00dfen hat, wenn auch unfreiwillig.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, Journalist in Berlin, mag normalerweise keine \u00e4tzenden Musikkritiken. Tocotronic aber schreien f\u00f6rmlich nach einer Ausnahme. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (13.05.2015) Von Martin Benninghoff Die Hamburger Band hat ein neues Album herausgebracht. 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