{"id":1411,"date":"2015-06-10T08:40:03","date_gmt":"2015-06-10T06:40:03","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1411"},"modified":"2015-06-10T08:40:03","modified_gmt":"2015-06-10T06:40:03","slug":"gefaehrliche-alpen-idylle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1411","title":{"rendered":"Gef\u00e4hrliche Alpen-Idylle"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/06\/wenn-das-alpen-idyll-gefaehrlich-wird\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (10.06.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Bayerische Folklore vor Bergspitzen: Beim G7-Gipfel mussten die Berge als Hintergrund f\u00fcr h\u00fcbsche Bilder herhalten. Diese Inszenierung der Idylle hat eine lange, nicht immer erfreuliche Tradition.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Soll mal einer sagen, der G7-Gipfel im bayerischen Elmau h\u00e4tte nicht geliefert: Mindestens die angek\u00fcndigten \u201esch\u00f6nen Bilder\u201c waren dabei, Staatsm\u00e4nner und eine Staatsfrau vor malerischer Alpenkulisse. 2007, als sich die m\u00e4chtigen Herren erstmals um Merkel gruppierten, fand dies im Strandkorb in Heiligendamm an der Ostsee statt. In beiden F\u00e4llen ein erstaunlicher, metropolenferner Kunstgriff: zur\u00fcck in die Natur.<\/p>\n<p>Nur, um \u201esch\u00f6ne Bilder\u201c zu produzieren, wie rund um den Gipfel kritisiert wurde? Oder um in lockerer Atmosph\u00e4re zu plaudern, wie es schon Helmut Kohl mit Michail Gorbatschow gerne in Strickjacke am Rhein machte?<\/p>\n<p>Wohl kaum, hinter der Natur-Szenerie \u2013 und spezieller: hinter der Alpen-Szenerie \u2013 steckt eine geschickte Ikonografie mit jahrhunderte alter Tradition. Auf diese Weise, in zurechtger\u00fcckter Natur, haben sich seit dem Beginn der Industrialisierung St\u00e4dter gerne gezeigt und in Szene gesetzt. Oftmals ist das harmlos, manchmal aber auch ein perfider politischer Trick mit \u00fcblen Folgen.<\/p>\n<p>Seit dem 18. Jahrhundert inszenieren intellektuelle St\u00e4dter der europ\u00e4ischen Metropolen die Alpen als \u201eheile Welt\u201c im Gegensatz zum Moloch Stadt. Der Berner Maler Gabriel Lory (der J\u00fcngere, 1784-1846), ein St\u00e4dter, der f\u00fcr die damalige Zeit weit gereist war, komponierte raffinierte Alpenaquarelle mit bis heute typischen Motiven: gl\u00fcckliche K\u00fche auf saftigen Wiesen vor schroffen Gletscherspitzen \u2013 ein Bild, das sich bis heute auf so manchem Alpenk\u00e4se oder \u2013joghurt findet.<\/p>\n<p>Der Witz dabei ist, dass dieser Blick von au\u00dfen kam, von Menschen, die in engen Gassen und stark bev\u00f6lkerten, von Handel gepr\u00e4gten St\u00e4dten lebten. Die Bergbauern konnten dieser gemalten Alpenidylle nichts abgewinnen, weil diese nicht ihrer Realit\u00e4t entsprach; vermutlich sahen sie in den Bergen vornehmlich den harten \u00dcberlebensraum. Die Realit\u00e4t der Kulturlandschaft Alpen war erst einmal unansehnlich f\u00fcr jene, die den kargen Almen (alemannisch: Alpen) ihr t\u00e4glich Brot abringen mussten.<\/p>\n<p>Die Zweiteilung der Welt in den Augen der st\u00e4dtischen Alpenbetrachter \u2013 hier die dunkle, \u00fcble und verruchte Stadt, dort die heile, intakte und ansehnliche Alpenwelt \u2013 hat schon damals ein Zerrbild der Realit\u00e4t verursacht, das heute aktueller denn je ist: Wir erleben eine Inszenierung der \u201eheilen Welt\u201c Alpen vor dem Hintergrund der \u201est\u00e4dtischen Probleme\u201c wie soziale Ungleichheit und Umweltverschmutzung. Und zwar nicht nur bei G7, sondern im Tourismus- und Lebensmittelmarketing genauso wie im Politikmarketing rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien.<\/p>\n<p><strong>Heidi und Luis Trenker<\/strong><br \/>\nZu beobachten ist dieser Trend zur \u201eheilen Welt\u201c am Boom der neuen Bergmagazine (\u201eBergwelten\u201c) sowohl auf dem Magazinmarkt als auch im Fernsehen (\u201eServus TV\u201c), beides Produkte aus dem Hause Mateschitz (\u201eRed Bull\u201c). Die \u201eLandlust\u201c-Begeisterung an der Idylle wird immer h\u00e4ufiger auf Berge \u00fcbertragen, aber auch auf andere Naturr\u00e4ume (neueste Entdeckung bei Gruner + Jahr: \u201eWalden\u201c). Mit den immer gleichen Vokabeln wird um die Zielgruppe der M\u00e4nner \u00fcber 30 geworben, die nach all dem st\u00e4dtischen Stress mal wieder so richtig \u201eauthentisch\u201c sein wollen. Heidi h\u00fcpft pfeifend dem Peter hinterher, und Tobias Moretti gibt den Luis Trenker.<\/p>\n<p>\u201eAuthentisch\u201c aber wollen sie nur am Wochenende, im Urlaub oder in der Phantasie sein. Denn die Zielgruppe \u2013 das sind in Wahrheit gut ausgebildete und gut verdienende M\u00e4nner, die hochqualifizierte Jobs in St\u00e4dten haben und hier auch das breite kulturelle Angebot sch\u00e4tzen; sie w\u00fcrden es nie aufgeben f\u00fcr einen Umzug in die Berge. Nein, das eine haben wollen und das andere nicht aufgeben: Der Multimensch der Gegenwart will beides, weil er beides haben kann.<\/p>\n<p>Die St\u00e4dte wachsen deshalb eher, derweil viele Alpenregionen schrumpfen und zum reinen Erholungsraum degenerieren. Es kommen die Touristen, und es bleiben diejenigen, die vom Tourismus leben. Alle anderen ziehen weg. Die Zweiteilung von Unruheherd Stadt und Ruhepol Alpen in den Inszenierungen wird somit eher verst\u00e4rkt. Alle modernen Elemente der Alpen \u2013 technische Errungenschaften, kultureller Wandel wie Emanzipation, soziale Probleme und Ungleichheiten \u2013 werden in diesem Denken tunlichst ausgeblendet.<\/p>\n<p>Im politischen Bereich kann dieses unrealistische Bild dramatische Folgen haben, wie man k\u00fcrzlich in den \u00f6sterreichischen Bundesl\u00e4ndern Burgenland und Steiermark einmal mehr erkunden konnte: Die FP\u00d6 unter Heinz-Christian Strache hat dort einen fast schon an die \u201eHochzeiten\u201c J\u00f6rg Haiders erinnernden H\u00f6hlenflug hingelegt. Dass sie auf einen Anti-Wahlkampf gegen die ausgelaugten Regierungsparteien setzen konnte, geh\u00f6rt sicherlich zur Wahrheit dazu.<\/p>\n<p>Entscheidend ist jedoch, dass die klare Rechtsau\u00dfenpartei FP\u00d6 auf einer jahrelangen inszenierten Alpenidylle vor dem Hintergrund einer angeblichen Gef\u00e4hrdung durch \u201edas Fremde\u201c aufbauen konnte. \u201eDas Fremde\u201c, das die Idylle st\u00f6rt und bedroht, muss dieser kruden Logik nach ausgesperrt und ausgewiesen werden.<\/p>\n<p><strong>Rechtsdrall macht die Berge unattraktiv<\/strong><br \/>\nIm Grunde hat die Partei wie schon in der Vergangenheit vornehmlich Parolen gegen Ausl\u00e4nder plakatiert, vor allem gegen Muslime (\u201eHeimatliebe statt Marokkaner-Diebe\u201c). Auch hier das Pegida-Dresden-Ph\u00e4nomen: Weniger als zwei Prozent der Steiermarker sind Muslime. Mit harten Bandagen werden von der FP\u00d6 Fl\u00fcchtlingsdebatten gef\u00fchrt, und welcher K\u00e4rntner erinnert sich nicht an den kleingeistigen Streit um deutsch-slowenische Ortsschilder in den Grenzorten, der die \u00f6sterreichische Politik ann\u00e4hernd 30 Jahre in Atem hielt.<\/p>\n<p>Die Alpen sind stets in der Gefahr, eine Hochburg der Rechtsradikalen zu werden, wenn sie es noch nicht sind, oder zu bleiben. Es ist ein S\u00fcndenfall, wenn die demokratischen Parteien der Mitte aus Machtkalk\u00fcl dennoch Koalitionen mit der FP\u00d6 planen, so wie derzeit die \u00f6sterreichischen Sozialdemokraten. Schlimmer ist allerdings, dass man jahrelang der Alpen-Propaganda vom guten Idyll, das von b\u00f6sen Fremden bedroht ist, so viel Raum einger\u00e4umt hat \u2013 das Ergebnis sieht man jetzt.<\/p>\n<p>Dagegen hilft nur ein klarer Blick auf die Realit\u00e4ten. Weder sind St\u00e4dte per se b\u00f6se, noch sind die Alpen per se heil. Die Alpen sind unharmonisch, eine Kulturlandschaft, von Menschen und ihrer Landwirtschaft und Umweltverschmutzung gepr\u00e4gt und gestaltet, teils gepflegt, teils verlassen. Kulturell sind die an der Peripherie liegenden, oftmals schwer erreichbaren Alpend\u00f6rfer dem Untergang geweiht, sollten die Jungen und Kreativen alle in die St\u00e4dte abwandern und zugleich sich kein Zugezogener, ob aus dem Nachbarbundesland oder dem Ausland, mehr dorthin traut, weil die dumpfen Rechtsw\u00e4hler die Kommunal- und Landespolitik bestimmen.<\/p>\n<p>Der Rechtsdrall der Alpenregionen macht diese Gebiete unattraktiv \u2013 die inszenierte Idylle wird also letztlich erst recht zerst\u00f6rt. Diesen Zusammenhang sollten sich die Tourismusmanager und B\u00fcrgermeister dringend als Merksatz \u00fcber die B\u00fcrot\u00fcr h\u00e4ngen. F\u00fcr eine G7-Veranstaltung zwei Tage lang kann eine inszenierte Idylle befreiend sein. Als Konzept f\u00fcr die Zukunft ist sie jedoch nicht zu gebrauchen.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, empfiehlt zur Vertiefung Werner B\u00e4tzings Standardwerk \u201eDie Alpen\u201c. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (10.06.2015) Von Martin Benninghoff Bayerische Folklore vor Bergspitzen: Beim G7-Gipfel mussten die Berge als Hintergrund f\u00fcr h\u00fcbsche Bilder herhalten. Diese Inszenierung der Idylle hat eine lange, nicht immer erfreuliche Tradition. 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