{"id":1434,"date":"2015-07-08T11:24:55","date_gmt":"2015-07-08T09:24:55","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1434"},"modified":"2015-07-08T11:30:35","modified_gmt":"2015-07-08T09:30:35","slug":"religionskritiker-kommt-aus-euren-loechern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1434","title":{"rendered":"Religionskritiker, kommt aus Euren L\u00f6chern!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/07\/religionskritiker-kommt-aus-euren-loechern\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (08.07.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Weltweit hauen sich die Religi\u00f6sen und solche, die es vorgeben zu sein, die K\u00f6pfe ein. Trotzdem ist es um die Religionskritik merkw\u00fcrdig ruhig geworden. Zeit, aus der Defensive zu kommen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es ist ja immer schwer vorauszusehen, wie die Historiker eines Tages auf unsere Epoche blicken werden. Wahrscheinlich werden sie sich verwundert die Augen reiben und fragen: Warum eigentlich waren die Religionskritiker so leise in einer Zeit, in der im Namen der Religion so viele Menschen umgebracht wurden? Ehrlich gesagt, das ist ja auch aus heutiger Sicht kaum zu verstehen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich herrscht kurzzeitig Betroffenheit, wenn eine franz\u00f6sische Satiremagazinredaktion zusammengeschossen wird. W\u00fctet ein wildgewordener Attent\u00e4ter an einem Urlauberstrand, dann hat das Nachrichtenwert, und vor allem die Reisekonzerne bangen um ihre Vorausbuchungen. Wenn \u201eBoko Haram\u201c in Nigeria Hunderte Menschen niedermetzelt, ist das medial kaum noch der Rede wert, geschweige denn von lokalen Folterungen und Anschl\u00e4gen von Fanatikern. Hier und da eine Meldung, eine Bilderstrecke. Danach kehrt wieder Ruhe ein.<\/p>\n<p>Offenbar sind wir gel\u00e4hmt und eingeschl\u00e4fert, wenn es um Religion geht. F\u00fcr die meisten Europ\u00e4er spielt Religion keine nennenswerte Rolle mehr. Wir sind ohnehin so konsensorientiert und in Watte gepackt wie kaum eine andere Generation. Das ist ein positives Zeichen, weil es die nat\u00fcrliche Folge unseres ungemeinen Wohlstandes beschreibt. Aber die Lethargie, der Eskapismus ins Privatleben und Konsum, ist zugleich der falsche Gem\u00fctszustand, wenn es darum geht, Fanatismus zu bek\u00e4mpfen. Fanatismus kann nur mit Entschlossenheit bek\u00e4mpft werden!<\/p>\n<p>Der Fanatismus ist keine ethnische Sache. Fanatismus entsteht durch Ideologie, und Religion, sollte sie nicht blo\u00dfe private Begl\u00fcckung sein, pervertiert h\u00e4ufig zu Ideologie. Das Christentum geriet \u00fcber Jahrhunderte zu einer Ideologie der Unterdr\u00fcckung, Kolonialisierung und Gewalt. In Afrika ist der christliche Fundamentalismus mit seiner Homophobie und seiner Menschenfeindlichkeit zurzeit ein wachsendes Problem. Er steht dort in blutiger Konkurrenz zu einem pervertierten Islam, der in Form der selbsternannten Gotteskrieger des \u201eIslamischen Staates\u201c Angst und Schrecken verbreitet (das tut er vor allem im Nahen Osten).<\/p>\n<p><strong>S\u00e4kularisierte Lethargie<\/strong><br \/>\nWir in den s\u00e4kularisierten, lethargischen und religionsm\u00fcden europ\u00e4ischen Staaten reagieren auf diese Bedrohung mit zwei untauglichen Mitteln: Abschottung und Abwehr k\u00f6nnen in einer globalisierten und migrierenden Welt nicht funktionieren, sind nicht w\u00fcnschenswert. Nat\u00fcrlich bringen manche Fl\u00fcchtlinge Wertvorstellungen eines radikalisierten Islam mit nach Mitteleuropa. Aber deshalb Fl\u00fcchtlinge insgesamt abzulehnen, w\u00fcrde bedeuten, auf die vielen Vorz\u00fcge der jungen, kreativen und ehrgeizigen Migranten zu verzichten, um die anderen gar nicht erst ins Land zu lassen. Als Einwanderungsl\u00e4nder sind wir st\u00e4rker und (kulturell und finanziell) wohlhabender geworden \u2013 Deutschland ist hierf\u00fcr das beste Beispiel. Das d\u00fcmmliche Muslime-Bashing trifft alle Muslime, am wenigsten aber Salafisten.<\/p>\n<p>Das zweite untaugliche Mittel ist der Versuch, die Religionen der Einwanderer ins deutsche Modell zu pressen und gleichsam zu domestizieren. Der islamische Bekenntnisunterricht in Schulen ist ein konkretes Beispiel daf\u00fcr, ein anderes Beispiel ist der Versuch, der Vielfalt an islamischen Str\u00f6mungen einen m\u00f6glichst einheitlichen Ansprechpartner zu verpassen, damit der Staat wei\u00df, mit wem er redet, und die Muslime die gleichen Pflichten und Rechte wie die Kirchen bekommen \u2013 zum Beispiel zum Kirchensteuereinzug.<\/p>\n<p>Der religionsfreundliche, vor allem auf die beiden gro\u00dfen christlichen Kirchen zugeschnittene deutsche Staat st\u00f6\u00dft damit jetzt schon erkennbar an die Grenzen. Der Islam kann von seiner Verfasstheit nicht wirksam in die Kirchenform gepresst werden. F\u00fcr andere Religionen gilt das ebenso. Und der Versuch, Jugendliche mit theologischem Wissen vollzupumpen, um sie gegen die Perversionen der Radikalen zu impr\u00e4gnieren, ist honorig, wird aber auch nicht das Problem der weltweit zunehmenden Fanatisierung l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Religi\u00f6se glauben h\u00e4ufig, sie k\u00f6nnten dem religi\u00f6sen Fanatismus mit noch mehr Religiosit\u00e4t wirksam begegnen. Zur\u00fcck zu den Wurzeln und Traditionen. Das ist ein Irrglaube, wenn man bedenkt, dass Religion sehr leicht zu Ideologie mit einzigem Wahrheitsanspruch mutiert. Am selbst ernannten \u201eIslamischen Staat\u201c sehen wir exemplarisch, dass eine angeblich religi\u00f6se Gruppe weitgehend inhaltsleer agieren kann \u2013 bei der M\u00f6rdergruppe der \u201eBoko Haram\u201c ist das noch deutlicher zu beobachten. Es w\u00e4re ein nicht annehmbares Risiko, gegen irrationale Ideologie einzig mit der Kraft der theologischen \u00dcberzeugung vorzugehen. Ideologie ist Emotion, und die l\u00e4sst sich nicht nur mit Verstand und Wissenschaft konterkarieren.<\/p>\n<p>Blanke Gewalt und Menschenverachtung maskieren sich als Frommheit, und es lassen sich im Koran Zitate finden, die Gewalt legitimieren k\u00f6nnen. Genauso finden sich allerdings auch Zitate, die Frieden und Gewaltlosigkeit predigen. Die Formel \u201eDas hat nichts mit dem Islam\u201c zu tun ist insofern halb richtig und halb falsch: Die Ideologie der Gewalt kann sich aus dem Koran speisen, sie kann sich auch aus der Bibel speisen. Ebenso kann der Exeget jedoch auch Frieden aus beiden Schriften herauslesen. Insgesamt ist es ein intellektuell anspruchsvolles Unterfangen, Religion friedlich zu interpretieren. W\u00fcrden wir Menschen dazu immer in der Lage sein, dann w\u00e4re Religion eine tolle Sache. Die Geschichte lehrt aber leider das Gegenteil.<\/p>\n<p>Der Punkt ist, dass ein bisschen Religionsunterricht ein zu schwaches Mittel ist, um der vollen Wucht von Ideologie zu begegnen. Der \u201eIslamische Staat\u201c ist viel eher mit einer globalen Rote-Armee-Fraktion, einer weltweiten maoistischen Rote-Khmer-Fraktion oder einer transnationalen SS zu vergleichen als mit einer frommen Gruppe. Heilsversprechen und eine Rhetorik des Klassenkampfes gehen zusammen mit einer f\u00fcr manche offenbar attraktiv erscheinenden Befreiungsideologie.<\/p>\n<p><strong>Pizzakurier oder Abenteurer?<\/strong><br \/>\nDie Mischung verf\u00e4ngt auch bei manchem Jugendlichen in Deutschland: Mit schwarzer Fahne auf einem Panzer sitzen, jawohl, sich einmal im Leben wie ein \u201erichtiger Mann\u201c f\u00fchlen \u2013 der \u201eIS\u201c wei\u00df, welche Propagandavideos bei jungen M\u00e4nnern wirken, die, sagen wir, in Dinslaken hocken und die Wahl haben zwischen einem langweiligen Leben als Pizzaausfahrer oder einem vermeintlichen Abenteuer als Kriegsheld im \u201eBefreiungskampf\u201c. Bei jungen Frauen verf\u00e4ngt diese Art der Propaganda ebenso. Die Entt\u00e4uschung folgt nat\u00fcrlich sp\u00e4testens im Kriegsgebiet.<\/p>\n<p>Es reicht nicht, eine Trennung von Staat und Religion in Europa zu fordern \u2013 das ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Wir m\u00fcssen darauf achten, dass unsere wohlgen\u00e4hrten Friedensgesellschaften gerade f\u00fcr junge Leute gen\u00fcgend Sinn produzieren. Zweifellos ist das ein Vorzug und vielleicht sogar ein Verdienst von Religion: Sinnproduktion. Wenn Religion unwichtiger wird, dann muss das Sinn-Vakuum gef\u00fcllt werden. Mit Perspektiven und viel Futter f\u00fcr die Seelen. Der gr\u00f6\u00dfte Fehler des laizistischen Frankreich ist deshalb, die \u00e4rmeren Jugendlichen in den Ghettos der Vorst\u00e4dte versauern zu lassen, wo es keinerlei Perspektive gibt, keinerlei Sinn-Angebot.<\/p>\n<p>An etwas zu glauben ist eine wichtige Grundkonstante im Leben. In der Vergangenheit r\u00fcckten an die Stelle des Gottesglaubens h\u00e4ufig weltliche G\u00f6tter, die sich erst recht als Barbaren entpuppt haben: Stalin, Mao, Pol Pot, Hitler. Religi\u00f6se Ideologie ersetzt man nicht durch weltliche Ideologie. An die Stelle sollten besser Humanismus, Demokratie und Menschenrechte treten. Wenn ein Historiker wie Heinrich-August Winkler von einem \u201eProjekt des Westens\u201c spricht, wird ihm h\u00e4ufig Eurozentrismus vorgeworfen. Andererseits ist es genau das, was wir brauchen: eine normative Haltung zur Verteidigung und, mehr offensiv als defensiv, zur Bewerbung der in Europa entstandenen Werte von Demokratie und solidarischem Individualismus.<\/p>\n<p>Das Problem ist nur, dass diese Werte in der Abstraktion nat\u00fcrlich nicht bei den Jugendlichen in Dinslaken verfangen. Sie m\u00fcssen st\u00e4rker runtergebrochen werden auf den Alltag der Menschen, sie m\u00fcssen cool sein, sie sollten das Selbstbild aufbauen und st\u00e4rken. Wenn junge Menschen etwas tun, mit dem sie die Welt verbessern k\u00f6nnen \u2013 sei es, sie k\u00fcmmern sich um Fl\u00fcchtlinge, bek\u00e4mpfen Rassismus oder entwickeln ein Produkt, mit dem sich Umweltsch\u00e4den beseitigen lassen -, dann werden die religi\u00f6sen Fanatiker bei ihnen keine Chance mehr haben. Leichter gesagt als getan. Aber wenn\u2019s der Schl\u00fcssel zum Erfolg ist, dann fangen wir lieber heute als morgen an.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong> <em>ist Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c. Seine OC-Kolumne \u201cGrenzg\u00e4nger\u201d erscheint normalerweise jeden zweiten Mittwoch. Ausnahmsweise erscheint die n\u00e4chste Kolumne erst wieder Mitte August. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (08.07.2015) Von Martin Benninghoff Weltweit hauen sich die Religi\u00f6sen und solche, die es vorgeben zu sein, die K\u00f6pfe ein. Trotzdem ist es um die Religionskritik merkw\u00fcrdig ruhig geworden. Zeit, aus der Defensive zu kommen. Es&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1434\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Religionskritiker, kommt aus Euren L\u00f6chern!<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,11,134,1],"tags":[290,204,203,289],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1434"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1434"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1434\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1439,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1434\/revisions\/1439"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1434"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1434"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1434"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}