{"id":1476,"date":"2015-09-09T09:06:20","date_gmt":"2015-09-09T07:06:20","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1476"},"modified":"2015-09-09T09:06:20","modified_gmt":"2015-09-09T07:06:20","slug":"fluechtlinge-auch-aufs-land","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1476","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlinge auch aufs Land!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/09\/schickt-die-fluechtlinge-aufs-land\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (09.09.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Es ist richtig: F\u00fcr die Erstunterbringung von Fl\u00fcchtlingen sind Gro\u00dfst\u00e4dte geeigneter. Kleinst\u00e4dte und D\u00f6rfer aber k\u00f6nnen langfristig von denen profitieren, die jetzt zu uns kommen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>800.000 Fl\u00fcchtlinge k\u00f6nnten bis Ende 2015 in Deutschland ankommen, sch\u00e4tzt die Bundesregierung. Schaut man sich die Fluchtgr\u00fcnde genauer an \u2013 Krieg in Syrien, Staatszerfall h\u00fcben wie dr\u00fcben in Nordafrika und dem Jemen -, dann muss man kein hauptberuflicher Augur sein, um festzustellen: Die Zahl der Fl\u00fcchtlinge, die nach Deutschland wollen, wird in den kommenden zwei bis drei Jahren kaum abflauen. Die Frage ist, wohin mit den vielen Menschen, die Anspr\u00fcche haben, in unserem reichen Land Schutz zu finden? Besser in die Gro\u00dfst\u00e4dte oder aufs Land?<\/p>\n<p>Der Politologe Aladin El-Mafaalani pl\u00e4diert daf\u00fcr, Fl\u00fcchtlinge vor allem in den Gro\u00dfst\u00e4dten unterzubringen. Seine Argumentation in einem Interview mit \u201eSpiegel Online\u201c: \u201eEine R\u00fcckkehr in die Heimat wird immer unrealistischer, je l\u00e4nger die Krisen in den Herkunftsl\u00e4ndern andauern. Also muss man daf\u00fcr sorgen, dass sich die Menschen hier zurechtfinden, integrieren und verwurzeln k\u00f6nnen. Und das klappt nun mal am besten in Regionen, die Erfahrung mit Migration haben. Das sind die Gro\u00dfst\u00e4dte. Dort sind bessere Arbeitsm\u00f6glichkeiten, es gibt viele Schulen, die Infrastruktur stimmt, und die Bev\u00f6lkerung hat eine h\u00f6here Stressbew\u00e4ltigungskultur.\u201c<\/p>\n<p>Diese Analyse ist erst einmal richtig. Gro\u00dfst\u00e4dte bieten vorhandene Netzwerke und Beratungsangebote. Die Bewohner sind in aller Regel mit Fremdheit st\u00e4rker vertraut als Dorfbewohner, sie sch\u00e4tzen den urbanen Pluralismus, und die Infrastruktur ist auf viele Menschen auf engem Raum ausgelegt. Allerdings stimmt auch: Die St\u00e4dte platzen aus allen N\u00e4hten, der Wohnraum in Hamburg, M\u00fcnchen, K\u00f6ln, Stuttgart und Berlin verteuert sich tendenziell. Warum also sollte man s\u00e4mtliche Belastungen den St\u00e4dten zuschustern?<br \/>\n<strong><br \/>\nVer\u00f6dete Landstriche<\/strong><br \/>\nDie Antwort sollte differenziert ausfallen. St\u00e4dte sind in der Tat geeigneter f\u00fcr die Erstunterbringung. Beh\u00f6rdenbesuche, die \u00e4rztliche Erstversorgung und Sprachkurse f\u00fcr Kinder und Jugendliche k\u00f6nnen in St\u00e4dten wesentlich besser organisiert werden. Die Akzeptanz durch die Bev\u00f6lkerung ist ohnehin in Ballungsgebieten st\u00e4rker, was f\u00fcr traumatisierte Kriegsfl\u00fcchtlinge besonders wichtig ist. Wer aus der syrischen H\u00f6lle kommt, sollte erst recht nicht mit Ablehnung, vielleicht sogar mit dem Hass geifernder \u201eNachbarn\u201c in der Provinz konfrontiert werden.<\/p>\n<p>Allerdings sollten l\u00e4ndliche Kommunen im weiteren Prozess nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden. Nach einiger Zeit k\u00f6nnten Fl\u00fcchtlinge dezentral auch in D\u00f6rfern untergebracht werden. Wohnraum ist hier g\u00fcnstig, und nach einigen Monaten d\u00fcrfen Asylbewerber und geduldete Fl\u00fcchtlinge arbeiten \u2013 zun\u00e4chst mit Einschr\u00e4nkungen. An der Schnittstelle von Asylpolitik und dem Werben um ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte r\u00fccken Deutschlands entv\u00f6lkerte D\u00f6rfer und Landstriche ins Sichtfeld.<\/p>\n<p>Unsere St\u00e4dtchen und D\u00f6rfer verlieren nach einer Sch\u00e4tzung des Berlin-Instituts f\u00fcr Demographie bis 2030 mehr als acht Prozent der Bev\u00f6lkerung. Das hat nat\u00fcrlich mit der Alterung der Gesellschaft zu tun, vor allem aber auch mit den neuen Arbeitspl\u00e4tzen, die in den Metropolregionen entstehen \u2013 und den verkehrstechnischen und kulturellen M\u00f6glichkeiten, die gut ausgebildete Menschen eben an den St\u00e4dten sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p><strong>Ver\u00f6dete D\u00f6rfer <\/strong><br \/>\nNicht alle, aber viele D\u00f6rfer und Kleinst\u00e4dte an der Peripherie ver\u00f6den derweil, und der Einnahmeschwund aus Steuern und Abgaben treibt die Kommen dazu, mehr und mehr Einrichtungen zu schlie\u00dfen und mehr und mehr Angebote zusammenzustreichen. In diesen L\u00fccken bieten sich in Zukunft gro\u00dfe Chancen f\u00fcr Einwanderer, die sich heute noch im Asylverfahren befinden und die eine Chance haben, sich langfristig anzusiedeln.<\/p>\n<p>Sicher, das gilt vor allem f\u00fcr hochqualifizierte Fachkr\u00e4fte wie \u00c4rzte zum Beispiel, aber eben nicht nur. Der l\u00e4ndliche Raum ben\u00f6tigt ein flexibleres \u00f6ffentliches Verkehrssystem, kommunale Anbieter k\u00f6nnten Versorgungsl\u00fccken mit privaten Fahrdiensten erg\u00e4nzen. Wo sich gr\u00f6\u00dfere Superm\u00e4rkte nicht mehr lohnen, k\u00f6nnten rollende Superm\u00e4rkte die l\u00e4ndliche Versorgung sichern, was besonders wichtig f\u00fcr immobile \u00e4ltere Leute w\u00e4re. Gleiches gilt f\u00fcr die Gastronomieszene, Kinder- und Altenbetreuung oder die Gesundheitswirtschaft.<\/p>\n<p>Alleine deshalb w\u00e4re es falsch, Fl\u00fcchtlinge per se zur Angelegenheit von St\u00e4dten zu erkl\u00e4ren. Ressentiments gegen\u00fcber \u201eFremden\u201c sind vor allem eine Folge von Unwissenheit. Es ist \u00fcberall zu beobachten, dass derlei Ressentiments durch pers\u00f6nliche Kontakte abgebaut werden k\u00f6nnen. Wir w\u00fcrden den l\u00e4ndlichen Gebieten im Gegenteil keinen Gefallen tun, wenn wir sie vor den Anstrengungen, Zumutungen und eben mittelfristigen (nicht nur \u00f6konomischen) Profiten der Fl\u00fcchtlingspolitik weitgehend ausklammern w\u00fcrden. Im Gegenteil: Eine gesteuerte und ma\u00dfvolle Zuwanderung in die Dorfgebiete verleiht den ver\u00f6deten Landstrichen wieder neuen Schwung. Dann klappt es auch mit der \u201eStressbew\u00e4ltigungskultur\u201c der Dorfbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnter Jauch\u201c (ARD), schreibt die OC-Kolumne \u201eGrenzg\u00e4nger\u201c jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (09.09.2015) Von Martin Benninghoff Es ist richtig: F\u00fcr die Erstunterbringung von Fl\u00fcchtlingen sind Gro\u00dfst\u00e4dte geeigneter. 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