{"id":1479,"date":"2015-09-23T09:13:19","date_gmt":"2015-09-23T07:13:19","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1479"},"modified":"2015-09-23T09:13:19","modified_gmt":"2015-09-23T07:13:19","slug":"hoert-mir-auf-mit-krisen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1479","title":{"rendered":"H\u00f6rt mir auf mit Krisen!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/09\/hoert-mir-auf-mit-krisen\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (23.09.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Nicht \u00fcberall, wo Krise draufsteht, ist auch Krise drin. Im Gegenteil: Die derzeitige Fl\u00fcchtlingssituation zeigt, wie sehr Europa schon zusammengewachsen ist. Das taugt zum Vorbild f\u00fcr die Welt<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Krise, Krise, Krise. Wenn ich das schon lese, kommt mir, pardon, das kalte Kotzen. Fl\u00fcchtlingskrise, Griechenlandkrise. Krisekrise. Wenn es stimmt, was Ludwig Wittgenstein formuliert hat \u2013 \u201edie Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt\u201c -, dann sagt die Art und Weise, wie \u00fcber Fl\u00fcchtlinge oder Griechenland gesprochen und geschrieben wird, mehr \u00fcber den Zustand der Sprechenden und Schreibenden aus als \u00fcber die Realit\u00e4t in der Welt.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Es ist nachvollziehbar, dass die Zahl der Fl\u00fcchtlinge, die nach Europa und hierbei vor allem \u00d6sterreich und Deutschland dr\u00e4ngt, manchen Menschen Angst macht. Aber eine Krise ist das nur bedingt \u2013 nur was die Bew\u00e4ltigung angeht -, ansonsten ist es eher ein Symptom f\u00fcr die Attraktivit\u00e4t Europas in den Augen der Menschen, die hoffen, hierzulande ein besseres Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Trauen wir uns doch, halten wir einen Moment inne und freuen uns dar\u00fcber, dass es uns gelingt, Europa ein St\u00fcck weit zum Beispiel f\u00fcr (vergleichsweise) gutes Regieren und (vergleichsweise) guten sozialen Ausgleich zu bauen. Man kann hier gut leben! Sagen wir es mal laut!<\/p>\n<p>Jetzt werden die Kritiker von links sagen: Aber was ist mit Ungarn? Was ist mit Viktor Orb\u00e1n, dem ungarischen Ministerpr\u00e4sidenten, und den Rechtspopulisten von Fidesz? Ist das etwa Europa, wenn die ungarischen Beh\u00f6rden mit Wasserwerfern auf Fl\u00fcchtlinge schie\u00dfen lassen? Nein, nat\u00fcrlich nicht. Aber Ungarn verh\u00e4lt sich eben derzeit nicht so, wie sich ein europ\u00e4ischer Staat verhalten sollte. Ungarn tanzt aus der Reihe, verharrt im alten nationalen Denken. Die Idee Europas ist deshalb aber nicht tot, nur weil das noch nicht in Fleisch und Blut jeden B\u00fcrgers und jeder Regierung \u00fcbergegangen ist. Im Gegenteil: An Ungarn wird deutlich, dass Europa noch im Aufbau begriffen ist, an allerlei Widerspr\u00fcchen krankt, die aber \u2013 das ist die positive Nachricht \u2013 abzustellen sind. Aber: Das dauert, wie alle langfristigen Projekte. Und es kann immer sein, dass sich Mitglieder zumindest zeitweise aus dem Projekt verabschieden.<\/p>\n<p>Durch die Fl\u00fcchtlingssituation wird uns allen bewusst, dass es nicht gen\u00fcgen kann, die Grenzen Europas im Inneren abzubauen, und dass man es andererseits den Nationalstaaten \u00fcberl\u00e4sst, die gemeinsame Au\u00dfengrenze der EU zu sichern. Hier braucht es mehr Europa, mehr Vergemeinschaftung an diesem Punkt, mehr Solidarit\u00e4t und Hilfe von Europa, aber die Hilfe muss eben auch angenommen werden. Wir m\u00fcssen es endlich anpacken, neu zu definieren, welche Politikfelder europ\u00e4ische Gemeinschaftsaufgaben sein sollen und welche lokal bleiben oder werden. Dass Schengen ausgesetzt wurde, ist \u00fcbrigens auch kein Zeichen f\u00fcr den Niedergang der Reisefreiheit in Europa; es ist ein Notmechanismus, der f\u00fcr solche F\u00e4lle wie jetzt vorgesehen ist. Dass er funktioniert, spricht eher f\u00fcr die Funktionsf\u00e4higkeit von Schengen als dagegen.<\/p>\n<p><strong>Erste europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit <\/strong><\/p>\n<p>Es ist mir schon klar, dass die ewigen N\u00f6rgler von rechts jetzt sagen: Mensch, wie blau\u00e4ugig ist das denn? Europa werde nie zusammenwachsen, der Mensch denke in nationalen Kategorien und so weiter. Das ist Quatsch! Solche N\u00f6rgler h\u00e4tten es auch nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, dass wir derzeit erstmals eine Art europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit sp\u00fcren. Ja, es war immer ein Argument der Gegner eines f\u00f6deralen Bundesstaates namens Europa, dass der Kontinent eben keine gemeinsame Sprache spricht. Das stimmt, und doch sprie\u00dft in diesen Tagen erstmals ein zartes Pfl\u00e4nzchen einer europ\u00e4ischen Diskussionskultur: In deutschen Talkshows sitzen ungarische Minister und Botschafter, die sich mit luxemburgischen Ministern kabbeln, derweil sich ein deutscher Minister dezent zur\u00fcckh\u00e4lt. Wann gab es so etwas schon einmal?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, das ist noch viel zu wenig (wie immer), und das Problem der Sprache bleibt. Aber die Generation unter 40 spricht durch die Bank ein so vern\u00fcnftiges Englisch als \u201elingua franca\u201c, dass sie in der Lage ist, die Medien anderer europ\u00e4ischer L\u00e4nder zu konsumieren. Die Tatsache, dass wir Europ\u00e4er \u00fcbereinander und miteinander schimpfen, kommt daher, dass wir uns n\u00e4her ger\u00fcckt sind, und dass wir die Politik in Ungarn mittlerweile eben locker als Innenpolitik Deutschlands begreifen. Das bereitet nat\u00fcrlich jenen Probleme, die nicht mitreden k\u00f6nnen, weil sie noch immer rein national denken, leben und Medien konsumieren. Verlierer gibt es in diesem Prozess. Die werden maulen, in den Kommentarspalten, bei den Pegida-Demos, am Wahltag ihr Kreuzchen bei der AfD machen. Sei\u2019s drum.<\/p>\n<p>Die vermeintlichen Krisen derzeit sind anstrengend, keine Frage. Wenn Ungarn auch deutsche Innenpolitik ist, dann gibt es mehr Baustellen als fr\u00fcher f\u00fcr den deutschen Nachrichtenzuschauer. Aber sie zeigen andererseits, wie der Kontinent mittlerweile miteinander verwachsen ist, dass es nur so kracht im Geb\u00e4lk. Wer das f\u00fcr naiv h\u00e4lt oder f\u00fcr zu blau\u00e4ugig oder f\u00fcr zu idealistisch, h\u00e4tte nach dem Zweiten Weltkrieg wohl niemals daran geglaubt, dass Deutschland heute dank umsichtiger Politik nur noch von Partnern umgeben ist. H\u00e4tte wohl an der Wiedervereinigung gezweifelt. H\u00e4tte stattdessen immer noch d\u00fcmmliche Polen-Witze gekloppt. H\u00e4tte nie begriffen, wie Integration funktioniert.<\/p>\n<p>Europa ist ein Versuchslabor. Mit Versuch und Irrtum. Noch nie ist es jedoch einer Staatenregion gelungen, sich \u00fcber wirtschaftliche Verkn\u00fcpfungen hinaus eng aneinander zu binden. Afrika bekommt das nicht hin, Asien auch nicht. Aber Europa! \u00d6konomische St\u00e4rke plus gesellschaftlichen Liberalismus plus Rechtssicherheit \u2013 das ist eine Mischung, mit der Europa selbstbewusster auf Werbetour gehen sollte. Trotz oder gerade wegen der \u201eKrisen\u201c des Kontinents. Die Alternative zu den demokratisch-s\u00e4kularen Werten eines vereinigten Europas liegen ja auf der Hand: turbokapitalistischer Autoritarismus wie in China (selbst \u00f6konomisch nicht mehr so erfolgreich), nationalistischer Revanchismus wie in Russland (ungef\u00e4hr so attraktiv wie ein Plattenbau), Aktivierung und Reaktivierung von Konflikten entlang religi\u00f6ser Grenzen wie im Nahen Osten und in Teilen Afrikas (rette sich, wer kann).<\/p>\n<p>Die Attraktivit\u00e4t Europas allerdings ist fest gebunden an die Demografie des Kontinents. Alternde Gesellschaften lassen den frischen Geist vermissen, der Attraktivit\u00e4t ausstrahlt. Gerontokratien haben keine Chance auf den Weltm\u00e4rkten, weil es an Ideen und Beweglichkeit im Denken fehlt. Deshalb sind Fl\u00fcchtlinge eine gro\u00dfe Chance (nicht nur im \u00f6konomischen Sinne), und man muss alles daf\u00fcr tun, dass viele von ihnen bleiben k\u00f6nnen. Allerdings d\u00fcrfen wir nicht aus dem Blick verlieren, dass Engstirnigkeit, religi\u00f6ser Revanchismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und \u00fcbersteigerter Nationalismus keine Krankheiten sind, an denen ausschlie\u00dflich Deutsche oder Europ\u00e4er leiden. Dieselben Ma\u00dfst\u00e4be in Sachen Demokratie, Gleichberechtigung, Umweltschutz und so weiter gelten nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Menschen, die erst in Europa heimisch werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff, <\/strong><em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, schreibt die OC-Kolumne \u201eGrenzg\u00e4nger\u201c jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (23.09.2015) Von Martin Benninghoff Nicht \u00fcberall, wo Krise draufsteht, ist auch Krise drin. Im Gegenteil: Die derzeitige Fl\u00fcchtlingssituation zeigt, wie sehr Europa schon zusammengewachsen ist. Das taugt zum Vorbild f\u00fcr die Welt Krise, Krise, Krise.&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1479\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">H\u00f6rt mir auf mit Krisen!<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,11,1],"tags":[310,81,302,309],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1479"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1479"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1479\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1480,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1479\/revisions\/1480"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1479"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1479"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1479"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}