{"id":1496,"date":"2015-10-07T07:54:05","date_gmt":"2015-10-07T05:54:05","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1496"},"modified":"2015-10-07T07:54:05","modified_gmt":"2015-10-07T05:54:05","slug":"kim-jong-un-laden-sie-mich-ein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1496","title":{"rendered":"Kim Jong-un, laden Sie mich ein!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/10\/kim-jong-un-laden-sie-mich-ein\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (07.10.2015)<\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Wir sind viel zu zaghaft, wenn es um Kontakte zu Autokraten und Despoten geht. Wer die Krisen der Welt l\u00f6sen will, muss mit den schlimmsten Machthabern im Austausch bleiben.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Seit zwei Jahren versuche ich, ein Interview mit Kim Jong-un zu bekommen.<\/p>\n<p>Klingt komisch? Ist aber so!<\/p>\n<p>Jeden zweiten verdammten Monat schicke ich zwei Briefe an zwei offizielle Adressen Nordkoreas, und noch nie habe ich Antwort erhalten. Noch nicht einmal eine Absage kassiert. J\u00e4mmerlich.<\/p>\n<p>Eine Vermutung, woran das liegen k\u00f6nnte, habe ich nat\u00fcrlich: Kim Jong-un hat keinen PR-Berater, der ihm steckt, dass sein Image in Deutschland und Europa, nun ja, Luft nach oben hat. Potenzial sozusagen. Die offiziellen Pressemitteilungen aus Pj\u00f6ngjang (Atomtests und so weiter) sind da eher kontraproduktiv. Warum sagt ihm das keiner?<\/p>\n<p>Hiermit biete ich mich offiziell an, den selbsternannten F\u00fchrer in dritter Generation zu interviewen. Daf\u00fcr w\u00fcrde ich mal wieder gen Pj\u00f6ngjang reisen.<\/p>\n<p>Jetzt warte ich auf Ihre Einladung, Kim Jong-un, Briefkasten und Mailbox haben gen\u00fcgend Speicherplatz. Meine Adresse kennen Sie ja.<\/p>\n<p>Bevor Sie nun sagen: Was f\u00fcr ein Wichtigtuer \u2013 so meine ich es nicht, ehrlich! Mir geht es nur darum, nichts aber auch rein gar nichts auszuschlie\u00dfen, selbst kein Gespr\u00e4ch mit den \u00fcbelsten Burschen, die die Welt zu bieten hat. Wenn man keine andere Wahl hat, muss man mit dem Personal klarkommen, das am Ruder ist. Bitter, aber wahr!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist mir bewusst, dass ich mich so zum n\u00fctzlichen Idioten des Regimes in Pj\u00f6ngjang machen w\u00fcrde. Aber ich w\u00fcrde das sehr gerne tun, weil ich lieber ein n\u00fctzlicher Idiot bin als ein Idiot, der zuhause hockt und nur Ferndiagnosen zu politischen Ereignissen erteilt.<\/p>\n<p>Ich glaube n\u00e4mlich zusehends, dass ein Teil unserer politischen Krisen auf Ignoranz und abrei\u00dfende Gespr\u00e4chsf\u00e4den zur\u00fcckgeht. Ja, selbst mit Kim Jong-un w\u00e4re es gut, ins Gespr\u00e4ch zu kommen; zumindest besser als Jahrelang nur Witze \u00fcber seine Frisur zu rei\u00dfen statt die Gefangenen in den Arbeitslagern Nordkoreas zu thematisieren. Es ist ein Trauerspiel, wie hierzulande \u00fcber den Mann berichtet wird.<\/p>\n<p><strong>Gescheiterte Schweigespirale<\/strong><br \/>\nErst recht aber w\u00fcrde sich ein Gespr\u00e4ch mit Syriens Diktator Baschar al-Assad lohnen, der ein Lump und M\u00f6rder ist, aber dummerweise eben noch an zentraler Stelle sitzt, jetzt Arm in Arm mit Russlands Wladimir Putin. Erst m\u00fcsse Assad weg, dr\u00f6hnten die Amerikaner viel zu lange und wir auch, dann k\u00f6nne man miteinander sprechen. Pustekuchen.<\/p>\n<p>Was, bitte sch\u00f6n, hat diese Schweigespirale gebracht, au\u00dfer dass diese die syrische Regierung weiter in die Arme Putins und dessen Politik um Macht und Einfluss in Syrien und der Region getrieben hat?<\/p>\n<p>Ja, sorry, war eine rhetorische Frage.<\/p>\n<p>Verharmlosen w\u00e4re dabei genauso falsch wie D\u00e4monisieren. Zwischen diesen beiden Polen liegt allerdings das kritisch-konstruktive Gespr\u00e4ch, das die Interessen des jeweiligen Gespr\u00e4chspartners beziehungsweise Gespr\u00e4chsgegners aufzuzeigen versucht. Motive eben.<\/p>\n<p>Journalisten, Politiker und Unternehmer, die Putin nahe kommen und ihn als Machtpolitiker zu erkl\u00e4ren versuchen, werden in Deutschland gerne als \u201ePutin-Versteher\u201c diskreditiert. Dabei sagen deren pers\u00f6nliche Eindr\u00fccke sowie Umst\u00e4nde ihrer Beziehungen zu Russlands Pr\u00e4sidenten mehr aus als tausend Leitartikel mit Ferndiagnosen oder vagen Psychogrammen nach Betrachten von Fernsehbildern. Auch wenn man ihnen nat\u00fcrlich schon kritisch auf die Finger klopfen sollte, ob sie sich nicht auch ein wenig naiv einspannen lassen in die \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Moskauer Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck nach Pj\u00f6ngjang: Man kann nat\u00fcrlich fragen, welcher Erkenntnisgewinn in einem Interview mit Kim Jong-un l\u00e4ge. Vermutlich m\u00fcsste ich jede einzelne Frage vorher einreichen, und wahrscheinlich w\u00fcrde mir die H\u00e4lfte der Fragen gestrichen werden. Dennoch, das Wichtige steckt nicht im Gesagten, sondern im Erlebten. Anreise, Schwierigkeiten, Atmosph\u00e4re \u2013 was f\u00fcr ein Mensch, welche Motive? Diese Ingredienzien k\u00f6nnten eines Tages zum Rezept reifen und zum Verstehen dieses mysteri\u00f6sen Landes beitragen.<\/p>\n<p><strong>Auferstehung der Ignorierten<\/strong><br \/>\nSo sicher wie das Amen in der Kirche wenden jetzt Kritiker ein, man w\u00fcrde diesem Autokraten oder jenem Despoten eine \u00f6ffentliche Plattform bieten, die sie nicht verdienten. Das ist von einem moralischen Standpunkt aus gesehen zwar richtig, nicht aber von einem realpolitischen. Wer etwas erreichen will, muss sich am Erreichten messen lassen \u2013 nicht ausschlie\u00dflich an der Heiligkeit der Mittel. Massenm\u00f6rder zu hofieren geht nicht; Massenm\u00f6rder zu befragen schon.<\/p>\n<p>In diesen Tagen bekommt dieser Ansatz \u2013 wie ich finde \u2013 einen frischen Richtigkeitsanstrich. Nicht nur Assad ist wieder aus der kommunikativen Versenkung auferstanden, nicht nur der sanktionierte Putin hat das Heft des Handels erneut an sich gerissen, auch der von EU-Seite seit Jahren hingehaltene t\u00fcrkische Staatspr\u00e4sident Recep Tayyip Erdogan wird pl\u00f6tzlich wieder zum umschmeichelten Partner f\u00fcr Br\u00fcssel \u2013 weil sich die EU einen wichtigen Part der T\u00fcrkei bei der Bew\u00e4ltigung der Fl\u00fcchtlingskrise erhofft (wobei ich hier Erdogan nicht in eine Reihe mit Gewaltt\u00e4tern wie Assad oder Kim stellen will).<\/p>\n<p>Sch\u00f6n und gut, k\u00f6nnte man sagen, h\u00e4tte man den T\u00fcrken nicht jahrelang die europ\u00e4ische T\u00fcr vorm Gesicht zugeschlagen. Deutschland \u2013 allen voran CDU\/CSU \u2013 hat gebetsm\u00fchlenartig von \u201eprivilegierter Partnerschaft\u201c gefaselt statt der T\u00fcrkei eine echte Beitrittsperspektive zu geben oder ihr eine ehrliche Absage zu erteilen. Mit dem Ergebnis, dass sich viele T\u00fcrken mittlerweile von Europa gar nichts mehr versprechen und Erdogan seine reaktion\u00e4re konservativ-islamische Politik auf der Frustration seiner B\u00fcrger gedeihen lassen kann. Gespr\u00e4che f\u00fchren hei\u00dft auch: klare Ansagen machen, mit denen der Partner dann umgehen kann.<\/p>\n<p>In der derzeitigen hochbrisanten internationalen Krisenlage \u2013 von Afghanistan \u00fcber Irak bis Syrien \u2013 k\u00f6nnen wir es uns nicht mehr leisten, irgendwen zu meiden. Das gilt auch f\u00fcr Akteure abseits der Pr\u00e4sidentenpal\u00e4ste: Mit den Taliban in Afghanistan und Pakistan muss ebenso verhandelt werden wie mit dem \u201eIslamischen Staat\u201c, so schwer und unmoralisch das erscheinen mag. Diese Halsabschneider geh\u00f6ren mit an den Tisch, solange sie eine machtvolle Rolle im Syrien- und Irak-Chaos spielen.<\/p>\n<p>Wer immer auch in Damaskus am Tisch einer Regierung der \u201enationalen Einheit\u201c sitzen k\u00f6nnte in der Zukunft \u2013 das wird bestimmt keine Veranstaltung der guten Regierungsf\u00fchrung. Wer aber den B\u00fcrgerkrieg beenden will, muss mit allen Beteiligten sprechen. US-Pr\u00e4sident Obama hat einen Anfang gemacht und mit Putin zumindest mal wieder pers\u00f6nlich unter vier Augen gesprochen \u2013 aller Antipathie zum Trotz.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, schreibt die OC-Kolumne \u201eGrenzg\u00e4nger\u201c jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (07.10.2015) Von Martin Benninghoff Wir sind viel zu zaghaft, wenn es um Kontakte zu Autokraten und Despoten geht. 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