{"id":1510,"date":"2015-10-21T09:19:55","date_gmt":"2015-10-21T07:19:55","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1510"},"modified":"2015-10-21T09:19:55","modified_gmt":"2015-10-21T07:19:55","slug":"raus-aus-der-grossen-depression","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1510","title":{"rendered":"Raus aus der Gro\u00dfen Depression!"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/10\/raus-aus-der-grossen-depression\/\">Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (21.10.2015)<\/a><\/strong><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Wer sich von der Globalisierung \u00fcberrollt f\u00fchlt, reagiert mit Angst und Abwehr \u2013 die denkbar schlechteste Strategie. Wie es anders geht, zeigte \u2013 ausgerechnet \u2013 ein japanisches Unternehmen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Keine Scherzfrage: Was haben Fujifilm und Deutschland gemeinsam? Antwort: Beide produzieren zeitweise zu viele Auslaufmodelle, die die Bilanz belasten. Mit dem feinen Unterschied, dass das japanische Unternehmen die dadurch ausgel\u00f6ste Krise weitgehend gemeistert hat, derweil Deutschland noch laboriert. Vielleicht k\u00f6nnten wir von Fujifilm lernen.<\/p>\n<p>Fujifilm hat seinen Umsatz jahrzehntelang mit Fotofilmen gemacht. Sie erinnern sich vielleicht, das waren diese kleinen Dinger im Zw\u00f6lfer-, 24er- und 36er-Format. Eines Tages sorgte die gro\u00dfe Digitalisierung daf\u00fcr, dass aus Absatzwundern Ladenh\u00fcter wurden. Fuji blieb auf den Filmen sitzen, das Unternehmen st\u00fcrzte in eine existenzielle Krise.<\/p>\n<p>Mit Deutschland passiert derzeit etwas \u00c4hnliches, und das hat auch mit Digitalisierung, vor allem aber mit Globalisierung zu tun. Die Technologie und damit die Wirtschaft internationalisieren sich zwar seit Jahrzehnten, aber in den vergangenen Jahren durch die neuen Kommunikationsformen in einem atemberaubenden Tempo. Die Folge sind immer k\u00fcrzere Produkt- und Innovationszyklen, immer neue Techniken und damit immer neue Konsumverhaltensweisen.<\/p>\n<p>Derlei Ver\u00e4nderungen ziehen einen kulturellen Wandel nach sich: Die Innenst\u00e4dte verwandeln sich, alte Gesch\u00e4fte sterben weg, neue Innovationen boomen. Was gestern noch hip war, ist heute schon altbacken und wird morgen wahrscheinlich von den M\u00e4rkten verschwunden sein. Am Reichtum und am Boom in Europa wollen zudem Menschen verst\u00e4ndlicherweise Anteil haben, die in armen Staaten leben, im Internet aber t\u00e4glich die materiellen und immateriellen Verhei\u00dfungen in Deutschland und anderswo sehen. Eine Gemengelage, die insgesamt dazu f\u00fchrt, dass sich Deutschland kulturell wandelt.<\/p>\n<p>Wer bei diesem Wettlauf mitrennen kann, das als Bereicherung empfindet, ist fein raus. Andere bleiben auf der Strecke, mutieren zu gesellschaftlichen Auslaufmodellen. Waren Sie eben noch der Star der Produktion, so f\u00fcllen sie nun die Regale: Ladenh\u00fcter.<\/p>\n<p><strong>So wird man zum Ladenh\u00fcter<\/strong><br \/>\nEine paar aktuelle Beispiele, wie schnell man als Mensch zum Auslaufmodell wird. So ungef\u00e4hr lauten popul\u00e4re Erz\u00e4hlungen (die nicht richtig sein m\u00fcssen, die aber im Mainstream der Gesellschaft eine Rolle spielen):<\/p>\n<p>\u2022 Wer heute noch linear Fernsehen schaut, sich also um 20.15 Uhr vors TV-Ger\u00e4t setzt, um irgendwas zu schauen, ist schwer auslaufmodellgef\u00e4hrdet, denn das machen ja nur noch die \u00c4lteren. J\u00fcngere gucken ihre Lieblingsprogramme in Mediatheken und finden die Links dazu auf Facebook oder Google Plus.<\/p>\n<p>\u2022 Wer auf dem Land lebt und nicht in einer boomenden Gro\u00dfstadt, kommt langsam aber sicher auf die rote Liste der aussterbenden Arten. D\u00f6rfer gelten als r\u00fcckst\u00e4ndig und kulturell langweilig. Zudem sind Dorfbewohner unter dem Strich fremdenfeindlicher als St\u00e4dter, weil sie keine Migranten als Nachbarn haben und via Fernsehen nur die Problemf\u00e4lle, nicht aber die gelebte Normalit\u00e4t erleben.<\/p>\n<p>\u2022 Wer kein Englisch spricht und nicht weit gereist ist, vielleicht gar nur in den Bayerischen Wald in Urlaub f\u00e4hrt oder, wenn es hoch kommt, nach Ibiza mit deutscher Reisebegleitung, gilt zunehmend als Hinterw\u00e4ldler. Unsere Gro\u00dfeltern waren so \u2013 die konnten nicht anders. Unsere Eltern haben schon Europa erkundet. Sie aber \u2013 die unter Vierzigj\u00e4hrigen \u2013 w\u00fcrden sich verd\u00e4chtig machen, wenn sie nur an die Ostsee fahren.<\/p>\n<p>\u2022 Verd\u00e4chtig macht sich noch: Wer sich f\u00fcr eine Partei engagiert, kein Smartphone besitzt, Google f\u00fcr einen Kuchen h\u00e4lt, Zeitung auf Papier liest, f\u00fcr die Kindererziehung dauerhaft zu Hause bleibt und so weiter. Die Liste ist lang.<\/p>\n<p>Wer sich heute \u00fcber Ladenh\u00fcter lustig macht, sollte bedenken: Schon morgen kannst Du der n\u00e4chste sein. Das Gef\u00fchl, mit seinen Lebenseinstellungen irgendwie marginalisiert zu sein, mag ein diffuses Gef\u00fchl sein, aber ein wirkm\u00e4chtiges. Es f\u00fchrt dazu, das alles, was man macht, denkt, tut, erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig wird. Wer nicht per Handy und WhatsApp zu erreichen ist, wird sich die Frage gefallen lassen m\u00fcssen, warum man sich verweigert. Bei technischen Ger\u00e4ten mag das harmlos sein, bei zentralen Fragen der Lebenseinstellung allerdings f\u00fchrt das zu Abwehr oder gar zu Hass auf jene, die die Fragen und Forderungen nach Ver\u00e4nderung stellen (so kommt die rhetorische \u201eGutmenschen\u201c-Abwehr zustande).<\/p>\n<p>Abwehr und Hass sind zwei Reaktionen, die dem \u201eUnternehmen Deutschland\u201c \u2013 neben aller Offenheit und Hilfsbereitschaft f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge derzeit \u2013 Sorgen bereiten m\u00fcssen. Die AfD und Pegida bieten Menschen Boden, die sich in ihrer Marginalisierung in die Enge getrieben f\u00fchlen und deshalb beginnen, Demokratie, Politik und Medien zu verachten. Das Internet ist eine weitere Plattform, die die Verbreitung von Unmut oder gar Hetze f\u00f6rdert: Im harmlosen Falle postet jemand bei Facebook ein Bild mit bl\u00fchender Wiese und Kuh und der Aufschrift \u201eLieber Dorf als Stadt\u201c \u2013 darunter ein Moloch mit zugebauten Fl\u00e4chen, kaputten Stra\u00dfen und Luftverschmutzung. Im gef\u00e4hrlicheren Fall wendet sich der Hass gegen Menschen, und das sind meist die Schw\u00e4chsten: Fremde.<\/p>\n<p><strong>Ausl\u00e4nder als S\u00fcndenb\u00f6cke<\/strong><br \/>\nJa, der Ausl\u00e4nder muss bei manchen wieder mal als S\u00fcndenbock herhalten. Es ist ein Irrtum zu glauben, dabei ginge es tats\u00e4chlich um ernste Sorgen und pragmatische Fragen der Fl\u00fcchtlingspolitik oder der Integration von zum Teil anders sozialisierten Menschen. Nein, der Ausl\u00e4nder wird \u2013 ganz diffus und allgemein \u2013 zum S\u00fcndenbock f\u00fcr den gesellschaftlichen Wandel erkl\u00e4rt, ein uralter Topos. Es stimmt ja sogar, dass Migration eine Gesellschaft ver\u00e4ndert, aber nicht so stark und vor allem nicht negativ, wie Fremdenfeinde meinen. Der gr\u00f6\u00dfte Wandler ist die Globalisierung und die Internationalisierung unserer Lebensgewohnheiten, und vielen \u201eModernisierungsverlieren\u201c f\u00e4llt nichts Besseres ein, als mit Fremdenablehnung oder gar Fremdenhass zu antworten.<\/p>\n<p>Einige m\u00f6gen echte Verlierer sein, die f\u00fcr alle Zeiten verloren sind. Andere aber, die sich f\u00fcr ein Auslaufmodell halten und beim Wandel der Gesellschaft nicht mehr mitkommen und sich deshalb Fremdenfeinden in die Arme werfen, haben vielleicht bislang keine bessere Bew\u00e4ltigungsstrategie f\u00fcr sich gefunden. Ihnen m\u00fcsste geholfen werden (wenn es das ist, was manche als \u201eSorgen der B\u00fcrger\u201c bezeichnen, die man ernstnehmen m\u00fcsse, dann finde ich nicht, dass man die Sorgen inhaltlich unbedingt ernstnehmen muss. Man muss aber die Gem\u00fctsverfassung der Menschen ernst nehmen und ihnen gegebenenfalls helfen, da rauszukommen).<\/p>\n<p>Kommen wir nochmal zur\u00fcck zu unserem Beispiel Fujifilm: Angenommen, der Unternehmenschef Shigetaka Komori h\u00e4tte sich damals, als die Digitalisierung das Kerngesch\u00e4ft bedrohte, auf Abwehr und Schimpfen beschr\u00e4nkt \u2013 Fuji w\u00fcrde es heute nicht mehr geben. Stattdessen hat Komori Gesch\u00e4ftsfelder hinzugekauft \u2013 Kosmetik, Medizintechnik, Pharmagesch\u00e4ft sowie Nano- und Biotechnologie \u2013 und sie unter einem Holdingdach vereint. Fujifilm geht es heute wieder wesentlich besser, und die Zukunft sieht wieder rosig aus.<\/p>\n<p>Als Mensch muss man gewisserma\u00dfen auch hinzukaufen. Wer das Gef\u00fchl hat, gesellschaftlich ins Hintertreffen zu geraten, sollte versuchen aufzuholen. Sollte Sprachen lernen. Sich mit fremderen Menschen auseinandersetzen. Dazulernen. Wer das nicht will, kommt aus seiner Depression niemals heraus. Dann bieten Spr\u00fcche auf Pegida-Demos vielleicht kurzfristig psychologische Entlastung (endlich sagt\u2019s mal jemand\u2026), aber mittelfristig w\u00e4chst die Unzufriedenheit, die letztlich eine Unzufriedenheit mit sich selbst ist. Wer will so schon leben?<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong> <em>ist Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c. Seine OC-Kolumne \u201eGrenzg\u00e4nger\u201c erscheint jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (21.10.2015) Von Martin Benninghoff Wer sich von der Globalisierung \u00fcberrollt f\u00fchlt, reagiert mit Angst und Abwehr \u2013 die denkbar schlechteste Strategie. Wie es anders geht, zeigte \u2013 ausgerechnet \u2013 ein japanisches Unternehmen. 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