{"id":1552,"date":"2015-12-02T12:48:08","date_gmt":"2015-12-02T10:48:08","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1552"},"modified":"2015-12-02T12:48:08","modified_gmt":"2015-12-02T10:48:08","slug":"wer-ist-assad-und-wenn-ja-wie-viele","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1552","title":{"rendered":"Wer ist Assad und wenn ja wie viele?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/12\/wer-ist-assad-und-wenn-ja-wie-viele\/\"><strong>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (02.12.2015)<\/strong> <\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Die \u00dcberlegungen, auch mit syrischen Regierungstruppen gegen den \u201eIslamischen Staat\u201c\u00a0 vorzugehen, sind ja nicht falsch. Die Forderung nach einem vorherigen Abtritt Assads allerdings ist reichlich unkonkret.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Als Journalist kann man den Hang zur Personalisierung ja nachvollziehen. Geht es um Steuerhinterziehung, muss ein Uli-Hoene\u00df-Foto her. Geht es um russische Politik oder Wirtschaft, dann wird Wladimir Putin \u2013 sozusagen automatisch \u2013 zum personifizierten Machtzentrum in der Darstellung. Egal, welche Eliten noch die F\u00e4den ziehen.<\/p>\n<p>So \u00e4hnlich sieht das auch beim Thema Syrien aus. In diesen Tagen r\u00fcckt Machthaber Baschar al-Assad erneut in den Mittelpunkt: Sollen wir mit ihm oder ohne ihn die Terrormiliz IS bek\u00e4mpfen? Muss er vorher abtreten? Kann man mit Teilen seiner Truppe zusammenarbeiten? Oder muss man das konsequent ablehnen?<\/p>\n<p>Frankreich diskutiert, auch die deutsche Verteidigungsministerin kann sich eine Kooperation durchaus vorstellen, aber nicht sofort und vor allem nicht mit Assad. Schon wieder also eine Engf\u00fchrung auf einen einzigen Mann. Mag er auch Pr\u00e4sident von Rest-Syrien sein: Wer die Frage nach der Zukunft Syriens auf den Verbleib eines einzigen Mannes an der Staatsspitze (und meinetwegen seiner engsten F\u00fchrung) beschr\u00e4nkt, setzt sich Scheuklappen auf und galoppiert geradewegs in ein Schlachtfeld, das dem des Irak nach dem Sturz Saddam Husseins \u00e4hnelt.<\/p>\n<p>Baschar al-Assad ist die Galionsfigur eines stramm militaristisch organisierten Regimes, das sein Vater Hafiz al-Assad aufbaute. Der im Jahr 2000 verstorbene Diktator errichtete eine beispiellose \u2013 in seinem Sinne \u2013 \u201eSicherheitsarchitektur\u201c mit Querverstrebungen durch s\u00e4mtliche Gesellschaftsgruppierungen. Die Partei der Baathisten sch\u00fctzt dabei die Interessen der Minderheit der Alawiten im Land.<\/p>\n<p>Dessen Sohn Baschar stolperte in die Verantwortung. Als sein Bruder Basil 1994 bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, holte ihn sein Vater aus dem Hintergrund, verpasste ihm einen Schnellkurs beim Milit\u00e4r und baute ihn zum Nachfolger auf. Der sch\u00fcchterne Baschar war nur seines Vaters zweite Wahl \u2013 offenbar aus gutem Grund: Bis heute geht ihm weitgehend das Charisma einer F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit ab.<\/p>\n<p><strong>Kleptokraten an der Spitze<\/strong><br \/>\nAber vor allem glauben Experten, dass Baschar al-Assad wesentlich st\u00e4rker auf seine milit\u00e4rischen und politischen Berater angewiesen ist als der Vater. Das nachzupr\u00fcfen ist schwer und bleibt eine Spekulation, allerdings eine plausible. Wie m\u00e4chtig Syriens Machthaber wirklich ist, das wissen wir nicht. Augenscheinlich sitzt er jedoch so fest im Sattel, dass es bislang keinen erfolgreichen Putsch gegen ihn gegeben hat. Das System Assad steht vorerst.<\/p>\n<p>Zumal seit Jahrzehnten bekannt ist, wie sehr der Assad-Clan und die alawitische Elite die Geschicke des Landes beziehungsweise nun der Restgebiete bestimmen. Bis 2011 regelte ein Cousin die Finanzen und managte das nepotistische System der Selbstbereicherung durch Familienbeteiligungen und Industrie- und Handels-Lizenzen. Ein Bruder kommandiert wichtige Eliteeinheiten der Armee, weitere Verwandte bestimmen die Geheimdienste. Insgesamt gehen Experten davon aus, dass der Assad-Clan inklusive aller angeheirateten Akteure und deren Sippschaften mehrere hundert, wahrscheinlich sogar tausende Mitglieder hat.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich gab es Aufl\u00f6sungserscheinungen, zum Beispiel, als der Cousin nach Beginn des B\u00fcrgerkrieges 2011 innerhalb der Oppositionsbewegungen immer st\u00e4rker zur b\u00f6sen Fratze des Regimes wurde \u2013 er zieht heute die relative Sicherheit in Dubai vor. Mit dem Eingreifen Russlands in den Krieg und der Hilfe libanesischer Hisbollah-Truppen sowie irakischer und iranischer Schiiten-Milizen stabilisiert sich das Regime wieder ein wenig. Es steht derzeit besser da als noch vor einigen Monaten.<\/p>\n<p>Die Frage also, ob es ausreicht, der Schlange den Kopf abzuschneiden, d\u00fcrfte sich damit beantwortet haben. Gerade weil Baschar al-Assad ein uncharismatischer Machthaber ist, h\u00e4ngt die Frage nach der Zukunft des Landes, nach Intervention, Krieg und Frieden bestimmt nicht nur an einer Person. Wir m\u00fcssen uns auch in der \u00d6ffentlichkeit, in der h\u00e4ufig mit Phrasen und extremen Vereinfachungen gearbeitet wird, klarmachen, dass \u201eAssad muss weg\u201c nicht so einfach umzusetzen ist. Zumindest wenn wir \u00fcber die Person und seinen engsten Beraterkreis hinaus denken.<\/p>\n<p><strong>Risiken und Nebenwirkungen<\/strong><br \/>\nSollte es eines Tages eine Regierung der Einheit und des \u00dcbergangs mit allen syrischen Kriegsbeteiligten geben \u2013 vermutlich ohne IS- und Al-Nusra-Terroristen -, dann wird der schwierigste Job sein, die Zusammensetzung am Tisch auszutarieren und zu bestimmen, welche Vertreter der alten Assad-Elite am Tisch sitzen werden.<\/p>\n<p>Wenn der Westen nur auf den Abtritt Assads pocht, wird er sich in den Reihen der Oppositionsgruppen tausende neue Feinde machen, die seit Jahren gegen die verhasste, weitverzweigte und \u00fcber Assad hinausgehende Elite k\u00e4mpfen. Sollte jedoch der Kreis der Ausgeschlossen so gro\u00df sein, dass sich die Baathisten analog zum Irak nach dem Sturz Saddams komplett marginalisiert f\u00fchlen, dann werden Unterst\u00fctzer der n\u00e4chsten Terrororganisation herangez\u00fcchtet.<\/p>\n<p>Vielleicht ein frommer Wunsch: Aber dieses Mal m\u00fcssen wir es einfach schaffen, m\u00f6glichst alle Nebenwirkungen einer westlichen Intervention mit einheimischen Kr\u00e4ften zu antizipieren. So dass Syrien eine Zukunft hat und kein zweiter Irak oder ein zweites Afghanistan wird.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>Journalist in Berlin und Redakteur bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c, schreibt die OC-Kolumne \u201eGrenzg\u00e4nger\u201c jeden zweiten Mittwoch.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (02.12.2015) Von Martin Benninghoff Die \u00dcberlegungen, auch mit syrischen Regierungstruppen gegen den \u201eIslamischen Staat\u201c\u00a0 vorzugehen, sind ja nicht falsch. Die Forderung nach einem vorherigen Abtritt Assads allerdings ist reichlich unkonkret. 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