{"id":1581,"date":"2015-12-16T12:57:26","date_gmt":"2015-12-16T10:57:26","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1581"},"modified":"2015-12-16T12:57:26","modified_gmt":"2015-12-16T10:57:26","slug":"talkshows-sehr-nuetzlich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1581","title":{"rendered":"Talkshows? Sehr n\u00fctzlich!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/12\/4565\/\"><strong>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (16.12.2015)<\/strong> <\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><em><strong>An politischen Talkshows im deutschen Fernsehen scheiden sich die Geister. Manche Kritik ist berechtigt, manche Missverst\u00e4ndnisse tr\u00fcben aber auch den Blick auf dieses Fernsehformat.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Braucht es politische Talkshows im Fernsehen? Wenn man den einen oder anderen TV-Kritiker liest, dann wohl eher nicht: Zu oberfl\u00e4chlich, zu einfach gestrickt, zu boulevardesk seien die Formate von Anne Will, G\u00fcnther Jauch, Frank Plasberg und Maybrit Illner, so die Urteile mancher Schreiberlinge. Oft sind das harsche Urteile, die nur Schwarz oder Wei\u00df kennen: Talkshows? Die brauche doch kein Mensch!<\/p>\n<p>Das stimmt zun\u00e4chst: Brauchen, das ist wahrlich ein gro\u00dfes Wort. Wir brauchen Brot, Wasser und Strom. Aber Talkshows? Es geht auch ohne, das ist klar! Allerdings sind sie sehr n\u00fctzlich, wie gerade die Kritiker mit ihren harschen und unerbittlichen Reaktionen zeigen \u2013 eine psychologische Dialektik, die ihnen selbst offenbar nicht bewusst ist. Talks treffen gelegentlich wunde Punkte in der Gesellschaft, und deshalb k\u00f6nnen sie \u2013 neben dem Unterhaltungsfaktor \u2013 eine wichtige Funktion erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Gerade weil die Talksendungen h\u00e4ufig polarisieren, erf\u00fcllen sie einen Zweck: In ihnen und an ihnen werden politische Grenzen verhandelt. Grenzen des Anstandes, politische Grenzziehungen, rhetorische Grenzen. Die Talkshows bieten dabei eine einfache \u00f6ffentliche Arena, die die ver\u00e4stelte und weit verzweigte Medienlandschaft aus Zeitungen, Onlineseiten und TV-Spartensendungen nicht bieten kann.<\/p>\n<p><strong>Arena der Grenzverschiebungen<\/strong><br \/>\nIn Talksendungen werden Grenzen verhandelt. Am vergangenen Wochenende befasste sich die \u201eS\u00fcddeutsche Zeitung\u201c mit der Frage, ob die deutsche Gesellschaft in Zeiten des \u201ePegida\u201c- und AfD-Fremdenhasses ihre ausbalancierte Mitte verloren habe. In dem langen und umfangreichen Artikel wurde mehrmals Bezug genommen auf den umstrittenen Auftritt des AfD-Politikers Bj\u00f6rn H\u00f6cke in der ARD-Talkshow \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c.<\/p>\n<p>Stets schwang die Frage mit, ob man einem solchen Politiker \u00fcberhaupt eine mediale Plattform bieten d\u00fcrfe. Es ist die Mutter aller Fragen, die politischen Talkshows regelm\u00e4\u00dfig gestellt wird, schon als Republikaner-Chef Franz Sch\u00f6nhuber einst bei Thomas Gottschalk im Talk sa\u00df oder \u00d6sterreichs Rechtspopulisten-Vorreiter J\u00f6rg Haider bei Erich B\u00f6hme.<\/p>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeit diskutierte danach stets \u00fcber die Moderatorenleistung, dabei ging es in Wahrheit um eine ganz andere Frage: Wie gehen wir alle mit solchen Figuren der politischen Landschaft um? Er\u00fcbrigt sich der Spuk, wenn wir solche Rechtskrakeeler einfach ignorieren? Oder m\u00fcssen wir uns ihnen inhaltlich stellen? Und wenn ja, wie? Eine Talkshow kann f\u00fcr diese so wichtige Debatte eine knotenl\u00f6sende Funktion haben. Nicht mehr, nicht weniger.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Grund, einen Rechtspopulisten einer unbedeutenden Kleinstpartei in die \u00f6ffentliche Arena einzuladen, und es w\u00e4re falsch, Aktivisten oder Politiker einzuladen, die klar und deutlich verfassungsfeindlich eingestellt sind. NPD-Politiker braucht kein Mensch im Fernsehen (zumindest so lange diese Kleinstpartei nicht durch irgendein Ungl\u00fcck an Relevanz gewinnt).<\/p>\n<p>Im Falle jedoch der Republikaner in den Achtziger-Jahren, der FP\u00d6 in \u00d6sterreich oder hierzulande neuerdings der AfD stellt sich aber schon die Frage, wie es sein kann, dass solche Bewegungen Erfolge bis hinein in die Mitte der Gesellschaft einfahren. Sie agieren im legalen oder legalistischen Graubereich, ihnen beizukommen ist schwer \u2013 aber es ist besser, es zu versuchen, als es zu lassen. Eine gesellschaftlich h\u00f6chstrelevante Frage, die sich an Personen manifestieren kann: Sprechen wir mit den \u201eSchmuddelkindern\u201c oder nicht? Wo verlaufen die Grenzen des Annehmbaren, und wo sagen wir \u201eSchluss! Bis hierher und nicht weiter\u201c?<\/p>\n<p>Das gilt nicht nur f\u00fcr Einladungen an Politiker und Aktivisten des rechts- oder linkspopulistischen Spektrums. Es gilt auch f\u00fcr die Frage, welche Rhetorik in der Fl\u00fcchtlingsfrage zum Beispiel in Ordnung ist. Wenn ein CSU-Politiker von \u201eZustrom\u201c oder \u201eFl\u00fcchtlingswelle\u201c spricht oder Wolfgang Sch\u00e4uble von \u201eLawine\u201c \u2013 muss man dem widersprechen oder nicht, w\u00e4re Widerspruch in der Sache inhaltlich begr\u00fcndet oder blo\u00dfe \u201epolitische Korrektheit\u201c, um einmal diesen Kampfbegriff politischer Rhetorik zu nutzen?<\/p>\n<p><strong>Das Format nicht \u00fcbersch\u00e4tzen<\/strong><br \/>\nDie Talkshow als Fernsehformat kann hierbei allerdings nur ein Debattenbeitrag unter vielen sein, im besten Falle der erste, der Ansto\u00df. Manchmal betrachten Kritiker jedoch eine Talkshow als Hochamt, das sie danach selbstredend in nicht minder pathetischer Weise abkanzeln. Mein Gott, lasst die Kirche mal im Dorf \u2013 es ist nur ein TV-Format!<\/p>\n<p>Hingegen sehr differenziert hat der Kollege Falk Heunemann hier im Opinion Club <a href=\"http:\/\/www.opinion-club.com\/2015\/12\/die-sechs-rhetoriktricks-der-frauke-petry\/\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #006fbb;\">die Rhetoriktricks der AfD-Chefin Frauke Petry<\/span><\/a> in der Sendung \u201eHart aber fair\u201c seziert und zugleich die Fallstricke und Schwierigkeiten im Umgang mit solchen rhetorisch begabten und schwer beizukommenden Talkg\u00e4sten aufgezeigt. Aber auch hier klingt eine grunds\u00e4tzliche Kritik am Talkformat an, die auf einem Missverst\u00e4ndnis beruht: Statt eines \u201eKreuzverh\u00f6rs\u201c habe keiner nachgefragt, man sei \u201eja schon beim n\u00e4chsten Thema\u201c. Im Einzelfall ist eine solche Kritik ja berechtigt. Aber ein Kreuzverh\u00f6r? So dass danach die Kritik hagelt, man habe Frau Petry zu viel Raum gegeben? Richtig nachfragen \u2013 nicht zu viel und nicht zu wenig Redeanteil zu geben \u2013 ist ein Balanceakt.<\/p>\n<p>Immer wieder gibt es Situationen, in denen die Moderatoren nochmal h\u00e4tten nachhaken k\u00f6nnen, vielleicht sogar sollen. Die Kritik aber ist grunds\u00e4tzlicher: Talker fragten nie nach! Kein Erkenntnisgewinn! Bisweilen liegt das Missverst\u00e4ndnis darin, dass eine einst\u00fcndige oder anderthalbst\u00fcndige Sendung nur ein Debattenbeitrag sein kann, dem im besten Falle eine Diskussion im Netz gleich zur Sendezeit und sp\u00e4ter in den langsamerem Medien Tages- und Wochenzeitungen sowie im Fernsehen folgt. \u00dcbrigens taugen dazu Talksendungen ganz gut, weil sie politische Themen mit K\u00f6pfen verbinden. Ein Problem des so wichtigen Themas Klimawandel ist doch, dass kaum prominente Pers\u00f6nlichkeiten mit diesem Thema verbunden werden (in den USA wenigstens ansatzweise Al Gore). Personen, die f\u00fcr ein Thema stehen, ziehen mitten in die Materie rein. An Personalisierung ist nichts Schlechtes!<\/p>\n<p><strong>Ein Format f\u00fcr Otto-Normal-Zuschauer<\/strong><br \/>\nDie Ma\u00dfst\u00e4be verrutschen manchmal auch beim eingeklagten Erkenntnisgewinn. Ein Talk im Mainstream-Fernsehen zur besten oder zweitbesten Sendezeit muss die Dinge auf dem Niveau der durchschnittlichen Zuschauer erkl\u00e4ren und ansiedeln und dies bei der G\u00e4steauswahl ber\u00fccksichtigen (anders sieht es nat\u00fcrlich im Spartenprogramm aus). Ein Problem hat da die Wissenschaft, denn in deutschen Universit\u00e4tsh\u00f6rs\u00e4len wird rhetorische Brillanz leider immer noch als Anschlag auf Seriosit\u00e4t gewertet, w\u00e4hrend im angels\u00e4chsischen Raum Forscher ihre Erkenntnisse einfach und unterhaltend darlegen m\u00fcssen, wenn sie in der \u00d6ffentlichkeit geh\u00f6rt werden wollen. Das geh\u00f6rt dort durchaus zum Jobprofil.<\/p>\n<p>Vielleicht sitzen deshalb h\u00e4ufig \u2013 vielleicht zu h\u00e4ufig \u2013 Journalisten in den deutschen Talkrunden. Manche von ihnen k\u00f6nnen zuspitzen und gut erkl\u00e4ren, und wenn sie auch noch Expertise und viel Herzblut f\u00fcr ein Thema mitbringen, ist dagegen nichts zu sagen. Es sollte nur nicht zu h\u00e4ufig geschehen. Zudem: Nicht jeder Printjournalist ist daf\u00fcr gemacht, schon gar nicht jene, die sich f\u00fcr viel kl\u00fcger als ihre Leser halten.<\/p>\n<p>Klagt also ein Berliner Hauptstadtjournalist, dass er nie Talkshows einschalte, weil dort nichts Neues zu erfahren sei, dann ergeben sich daraus zwei Fragen: Erstens, wie kann man Dinge beurteilen, die man nicht kennt, noch dazu als recherchierender Journalist? Und zweitens, k\u00f6nnte es sein, dass solche Journalisten ihre Adressaten aus dem Blickfeld verlieren? Bei Talks ist der Durchschnitts-Fernsehzuschauer der Adressat, nicht in erster Linie die Politikexperten oder andere Koryph\u00e4en. Es w\u00e4re keinem geholfen, wenn die Fernsehzuschauer abschalten, weil sie nichts mehr verstehen. Gleiches gilt ja auch f\u00fcr Zeitungen: Wer hier an seinen Lesern vorbei leitartikelt, kann die Druckerpressen gleich bei Ebay zum Verkauf anbieten.<\/p>\n<p><strong>G\u00e4stevielfalt statt Talkshow-Touristen<\/strong><br \/>\nEin weiteres Klischee besagt, in den Talkrunden s\u00e4\u00dfen immerzu die gleichen G\u00e4ste. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, ja, es sitzen dort noch viel zu h\u00e4ufig Talkshow-Touristen, die von einem Format ins n\u00e4chste h\u00fcpfen. Das zu kritisieren ist richtig, und jede gute Talkredaktion wird t\u00e4glich versuchen, genau das zu verhindern und eine bessere Runde aufzustellen.<\/p>\n<p>Wahr ist aber auch: Talkshows leben von Kontroversen und klaren Pro- und Contra-Diskussionen. Dazu braucht es zumindest als Ankerg\u00e4ste erfahrene Streiter, die in der Lampenfieber-Situation vor einem Millionenpublikum durchhalten und sich nicht von der Prominenz und der Eloquenz der Debattengegner einsch\u00fcchtern lassen. Klare Kontroversen mit Erkenntnis- und Unterhaltungsfaktor entstehen durch erfahrene Diskutanten, die in der Fernseh-, wom\u00f6glich sogar in der Livesituation \u201efunktionieren\u201c.<\/p>\n<p>Im besten Falle gelingt eine Neuentdeckung. Ein unprominenter Aktivist beispielsweise, der in der Fl\u00fcchtlingsfrage einen klaren Standpunkt vertritt und sich auch nicht von prominenten Kabinettsmitgliedern einsch\u00fcchtern l\u00e4sst. Solche Entdeckungen m\u00fcssen das Ziel sein, keine Frage! Trotzdem kann es selbst dann richtig sein, noch zwei erfahrene Politiker mit in die Runde zu nehmen, die der Diskussion Halt und Ankerpunkte geben.<\/p>\n<p>Das wird als \u201eerwartbar\u201c abgetan, andererseits sieht man h\u00e4ufig bei politischen Podiumsdiskussionen, was passiert, wenn schlecht ausgesuchte Diskussionspartner aufeinandertreffen: Die Zuschauer schlafen ein, oder sie gehen gar nicht erst hin. Manche w\u00fcnschen sich weniger G\u00e4ste in einer Runde; und auch das kann richtig sein, sofern die wenigen G\u00e4ste (im Einzel, Duett oder Trio) in der Lage sind, angeregt, klug und f\u00fcr die Zuschauer nachvollziehbar l\u00e4nger als eine Stunde zu diskutieren. Das wiederum \u2013 die Dinge wiederholen sich \u2013 k\u00f6nnen am besten die Profis, von denen es wiederum hei\u00dft, die wolle man nicht mehr sehen. Ein Dilemma.<\/p>\n<p>Oft liegt die Kritik im Auge des Betrachters. Wenn ein Kritiker schreibt, die Sendung sei zu lax gewesen, kann es passieren, dass aus der Reihe der Zuschauer ganz andere Reaktionen kommen: So hart k\u00f6nne man doch den Gast XY nicht angehen! Auch das zeigt die Funktion von Talkshows: Hier wird verhandelt, was geht und was nicht geht im menschlichen Umgang.<\/p>\n<p><strong>Zu guter Letzt: Fairness<\/strong><br \/>\nDie Ziele sind also gesteckt, aber wie \u00fcberall gelingt es nicht immer, sie in die Wirklichkeit zu \u00fcberf\u00fchren. Wenn es dem Talk gelingt, spannende und neue Akzente in der politischen Diskussion zu setzen, dann ist er n\u00fctzlich. Wenn er zudem unterh\u00e4lt, umso besser. Aber selbst wenn mal nur Durchschnittsware darunter ist, dann ist das auch nicht der Untergang des Abendlandes \u2013 vergessen wir nicht: Es ist nur eine Fernsehsendung!<\/p>\n<p>In der Bewertung von politischen Talks braucht es manchmal etwas mehr Augenma\u00df und vor allem mehr Kompetenz und Hintergrundwissen. Es ist daher sicherlich eine \u00dcberlegung wert, Kritikern und Medienjournalisten mehr Einblicke in die Arbeitsweisen und die Zw\u00e4nge der Talkshowredaktionen zu bieten. Das sollte durchaus schon fr\u00fch starten, etwa in den Journalistenschulen mit Informationsveranstaltungen und vielleicht einem Blockseminar zum Talkformat. Es ist bisweilen erschreckend, wie wenig Journalistenkollegen \u00fcber die Entstehung von Talkshows wissen.<\/p>\n<p><strong>Martin Benninghoff<\/strong>, <em>freier Journalist in Berlin, kennt beide Seiten: Er war Printjournalist beim \u201eK\u00f6lner Stadt-Anzeiger\u201c und der \u201eFinancial Times Deutschland\u201c, und danach ging er als TV-Redakteur zum ARD-Format \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c. Seine OC-Kolumne \u201eGrenzg\u00e4nger\u201c erschien bislang jeden zweiten Mittwoch. Jetzt legt er erst einmal eine Pause ein.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolumne GRENZG\u00c4NGER bei OPINION CLUB (16.12.2015) Von Martin Benninghoff An politischen Talkshows im deutschen Fernsehen scheiden sich die Geister. Manche Kritik ist berechtigt, manche Missverst\u00e4ndnisse tr\u00fcben aber auch den Blick auf dieses Fernsehformat. Braucht es politische Talkshows im Fernsehen? Wenn&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1581\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Talkshows? 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