{"id":1606,"date":"2016-02-17T12:04:15","date_gmt":"2016-02-17T10:04:15","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1606"},"modified":"2018-03-31T18:46:46","modified_gmt":"2018-03-31T16:46:46","slug":"der-abend-war-fuer-uns-wie-eine-intensivtherapie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1606","title":{"rendered":"&#8222;Der Abend war f\u00fcr uns wie eine Intensivtherapie&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/drei-monate-nach-dem-terror-der-abend-war-fuer-uns-wie-zehn-wochen-intensivtherapie-14074799.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">Erschienen bei FAZ.NET am 17.02.2016<\/a>\u00a0und in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG am 18.02.2016<\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff, Paris<\/em><\/p>\n<p><strong>Ein Paar aus K\u00f6ln hat den Terrorangriff auf das Pariser Bataclan \u00fcberlebt. Nun kehren sie zur\u00fcck, um zu beenden, was damals j\u00e4h abgebrochen wurde: ihren Besuch des \u201eEagles of Death Metal\u201c-Konzerts.<\/strong><\/p>\n<p>Zur\u00fcck in der Stadt, in der ihre noch junge Ehe beinahe ein tragisches Ende genommen h\u00e4tte: Julia und Thomas Schmitz aus K\u00f6ln sind in dieser Woche wieder in Paris, zum ersten Mal seit dem <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/kampf-gegen-den-terror\/was-ist-ueber-die-attentaeter-von-paris-bekannt-13931672.html\">13. November 2015<\/a>, als ihr Leben f\u00fcr einen Moment aufs \u00dcberleben schrumpfte und zu implodieren drohte, weil sie mitten hinein geraten waren in den blutigen Wahnsinn einer islamistischen Raserei in der Konzerthalle Bataclan. Aber sie leben noch, jetzt erst recht, sagen sie, und um dieses Gef\u00fchl mit den anderen \u00dcberlebenden zu teilen, ja auch ein St\u00fcck weit der Welt zu zeigen, sind sie wieder nach Paris gekommen, um die \u201eEagles of Death Metal\u201c zu feiern, die Band, die am Abend des Attentats auf der B\u00fchne stand. Ihr erster Auftritt in Paris nach dem Terrorakt.<\/p>\n<p>Es ist der Dienstagabend in dieser Woche, das Bataclan ist noch immer geschlossen, und das Gebiet um die Ausweichhalle Olympia weitr\u00e4umig abgesperrt. Ein gro\u00dfes Presseaufgebot, \u00fcberall Polizei, Security-Leute. Nie haben sich so viele Menschen f\u00fcr die Musik der amerikanischen Garagenrockband interessiert, aber jetzt steht die Gruppe um den Frontmann Jesse Hughes im Fokus der Welt\u00f6ffentlichkeit. \u201eDas ist schon krass hier\u201c, sagt Julia, die gerade den vierten Sicherheitscheck \u00fcber sich ergehen l\u00e4sst, dieses Mal soll in Paris offenbar nichts dem Zufall \u00fcberlassen werden.<\/p>\n<p>Die Band hat die beiden und alle anderen \u00dcberlebenden der Trag\u00f6die im Bataclan eingeladen, das Leben zu feiern und der Toten zu gedenken. Hughes will das abgebrochene Konzert vom Bataclan \u201ezu Ende spielen\u201c, wie er k\u00fcrzlich in einem Interview sagte. Wie viele dem Ruf gefolgt sind, l\u00e4sst sich schwer sch\u00e4tzen, es werden nicht alle sein: \u201eIch verstehe, was die Leute f\u00fchlen, die nicht kommen k\u00f6nnen\u201c, sagte Hughes. \u201eAber ich wei\u00df in meinem Herzen: Das Richtige zu tun, bedeutet, das Schwerste zu tun.\u201c Insgesamt fasst die Halle wohl um die 2500 bis 3000 Menschen.<\/p>\n<p><strong>Bis heute nicht verarbeitet<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die beiden K\u00f6lner ist der Dienstag eine Wiederkehr mit ungewissem Ausgang. Nach dem Attentat im November sprachen sie viel mit Freunden und Verwandten, waren im Fernsehen bei \u201eG\u00fcnther Jauch\u201c und \u201eStern TV\u201c, um \u00fcber ihre Erlebnisse zu berichten und sich auch ein wenig Erleichterung zu verschaffen, und nach dem ganzen Trubel flogen sie nach Australien, eine lange geplante Reise, die nun umso wichtiger zur Auszeit wurde. Abgeschlossen und verarbeitet allerdings waren die Erlebnisse nie.<\/p>\n<p>Am Nachmittag fahren sie zum Bataclan. \u201eDas ist erstaunlich okay\u201c, sagt Julia. Der Ort an sich weckt nur bedingt Erinnerungen. Aber dann gehen die beiden in die Seitenstra\u00dfe und sehen das Fenster, hinter dem sie in einem kleinen stickigen Raum stundenlang um ihr Leben f\u00fcrchten mussten, als sich die Attent\u00e4ter durch die Konzerthalle schossen. \u201eMan sieht die Einschussl\u00f6cher\u201c, sagt Julia. \u201eSchrecklich.\u201c Die Erinnerungen kommen wieder hoch an den 13. November 2015:<\/p>\n<p>\u201eWir hatten wirklich einen perfekten Tag\u201c, sagt Julia. In Paris schien die Sonne, die beiden erklommen den Eiffelturm, a\u00dfen in einem Restaurant, besichtigten danach die Katakomben. Es war Thomas\u2018 Geburtstag, die Reise nach Paris ein Geschenk, nichts sollte diesen Tag tr\u00fcben. Am Abend machten sie sich zum Bataclan auf, einer altehrw\u00fcrdigen, besonders stimmungsvollen Konzerthalle im XI. Arrondissement, die als Theater, zwischenzeitlich als Kino und heute als Rock- und Poplocation einen Namen hat. Die Band spielt am Abend, beide m\u00f6gen ihre Auftritte und ihren puren Rock\u2019n Roll.<\/p>\n<p><strong>Erinnerung an ein Kind im Saal <\/strong><\/p>\n<p>Vor Beginn des Konzerts sprachen sie noch kurz mit einem anderen deutschen P\u00e4rchen, dann trennten sich die Wege im Get\u00fcmmel. Das Paar vom Niederrhein schlug sich in den Innenraum durch, Julia und Thomas indes verlie\u00dfen die Bar im Erdgeschoss entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten und suchten sich ein Pl\u00e4tzchen auf dem Oberrang. Julia schoss noch ein Panoramafoto von oben, darauf zu sehen ist ein kleiner Junge mit seiner Mutter. Sie meint sich zu erinnern, dass der Junge noch vor Konzertbeginn den Saal wieder verlie\u00df. Sie ist sich nicht ganz sicher \u2013\u00a0 hofft es aber inst\u00e4ndig. Das P\u00e4rchen vom Niederrhein konnte sp\u00e4ter ins Freie fl\u00fcchten und \u00fcberlebte.<\/p>\n<p>Irgendwann im ersten Drittel des Konzerts, als der Gitarrist gerade ein Solo ablederte, h\u00f6rte Julia pl\u00f6tzlich Sch\u00fcsse. Ein Geruch von Silvesterb\u00f6llern kam auf,\u00a0zumindest schien ihr das so, und es ging ein Ruck durch die Menge unten im Innenraum, Unruhe entstand. \u201eWir dachten zun\u00e4chst, das sei Teil der Show\u201c, erinnert sich Julia. Allerdings beschlich sie ein ungutes Gef\u00fchl, auch Thomas war sich unsicher. Ein makabrer Scherz mit Sch\u00fcssen und Waffengeruch, und das in der aufgeheizten Stimmung nach dem Charlie-Hebdo-Attentat in Paris wenige Monate zuvor? Selbst als Julia einen Attent\u00e4ter unten in der Menge sah, beschwichtigte sie sich innerlich. Zu unwirklich klangen die Knall-Ger\u00e4usche. \u201eSo h\u00f6rt sich das im Film ja nicht an\u201c, sagt Julia.<\/p>\n<p>Es waren Sekunden, und doch kam es ihnen wie eine Ewigkeit vor, bis sie merkten, was hier \u00fcber sie hereinbrach. Julia packte Thomas am Arm, zog ihn hinaus in einen Gang hinter dem Oberrang. Unten im Saal schrien die Menschen pl\u00f6tzlich in Panik, Julia und Thomas wussten zun\u00e4chst nicht, wohin. Sie gelangten in ein Treppenhaus, rannten um ihr Leben, irgendwohin in dem unbekannten Geb\u00e4ude, nur weg.<\/p>\n<p>Julia sp\u00fcrte den Einschlag einer Kugel in ihrer N\u00e4he, der Putz flog von der Wand. Sie zogen sich beide gegenseitig weiter, trieben sich an, und wenig sp\u00e4ter fanden sie einen Raum. \u201eWir sind in einen Backstage-Raum hinein gerannt und haben einen K\u00fchlschrank, Sofa und alles, was schwer und sperrig war, vor die T\u00fcr gestellt und auf den Boden gelegt\u201c, erinnert sich Thomas. \u201eDann kam das Schlimmste: Die Terroristen haben versucht reinzukommen, und wir haben dagegen gedr\u00fcckt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Zweieinhalb Stunden verbarrikadiert<\/strong><\/p>\n<p>Den Terroristen gelang es nicht, einzudringen. Ungef\u00e4hr zweieinhalb Stunden harrten die beiden mit anderen Konzertbesuchern in dem stickigen Raum aus. \u201eWir haben wirklich gedacht, wir sterben jetzt. Hoffentlich geht es schnell und tut nicht weh\u201c, sagt Thomas. Und Julia erinnert sich: \u201eMan schlie\u00dft ab.\u201c Schon bald wurde die Luft knapp, zum Schneiden dick, aber sie trauten sich nicht, das kleine Fenster zur Stra\u00dfe zu \u00f6ffnen. Drau\u00dfen h\u00f6rten sie Schreie der Attent\u00e4ter und Rufe der Einsatzkr\u00e4fte, die zu dieser Zeit wohl die Halle st\u00fcrmten, aber sie verstanden sie nicht, weil sie kaum Franz\u00f6sisch sprechen. Die Situation schien ausweglos. Julia und Thomas kauerten weiter auf dem Boden.<\/p>\n<p>Als die Einsatzkr\u00e4fte sie endlich erreichten und evakuieren wollten, traute sich keiner im Raum, die verbarrikadierte T\u00fcr zu \u00f6ffnen \u2013 aus Angst, es k\u00f6nnten in Wahrheit die Attent\u00e4ter sein. Schlie\u00dflich erhob sich ein Franzose, um mit der Polizei drau\u00dfen auf der Stra\u00dfe in Kontakt zu treten. \u201eIn dem Moment hat man gesehen, dass \u00fcberall auf seiner Brust rote Punkte leuchteten\u201c, sagt Thomas. Zielpunkte der Scharfsch\u00fctzen.<\/p>\n<p id=\"pageIndex_3\">Dann ging alles rasend schnell: Vermummte Einsatzkr\u00e4fte \u00f6ffneten mit Gewalt die T\u00fcr und f\u00fchrten Julia, Thomas und die anderen in Windeseile heraus, vorbei an Dutzenden Leichen und Blutspuren ins Freie. Ihnen wurde geraten, die K\u00f6pfe gesenkt zu halten, um nicht jedes grausame Detail zu sehen. Drau\u00dfen warteten Anwohner und Psychologen, die sich r\u00fchrend k\u00fcmmerten, aber die Verst\u00e4ndigung fiel ihnen schwer.<\/p>\n<p class=\"WeitereBeitraege\">Ohnehin wollten sie nur noch weg, am liebsten gleich nach K\u00f6ln, aber das ging im Chaos der Ausnahme-Nacht in Paris sowieso nicht. Die restlichen Stunden schlossen sie sich in ihrem Hotelzimmer ein, bis sie am n\u00e4chsten Tag Julias Bruder Stephan mit dem Auto aus Paris abholte. Den gebuchten Fernbus lie\u00dfen sie stehen, Menschenaufl\u00e4ufe auf engem Raum konnten sie da noch nicht vertragen.<\/p>\n<p class=\"WeitereBeitraege\"><strong>Heilsames Treffen<\/strong><\/p>\n<p>Am Dienstag ist das anders: Nach ihrem Besuch am Bataclan treffen sich Julia und Thomas in einer Kneipe mit anderen \u00dcberlebenden. Kurz nach dem Attentat gr\u00fcndeten einige eine Facebook-Gruppe, dar\u00fcber verabredeten sie sich. Die beiden wollen sich gerne alleine mit ihnen treffen, keine Reporter, keine Journalisten sollen dabei sein. Es ist f\u00fcr sie emotional, es wird sich viel umarmt und versichert, wie sch\u00f6n es sei, sich endlich mal pers\u00f6nlich kennenzulernen.<\/p>\n<p>Bislang haben die beiden sich mit den anderen \u00dcberlebenden aus der Pariser Nacht nur geschrieben. Sich aber zu treffen, das hat f\u00fcr die beiden eine \u201eandere Qualit\u00e4t\u201c, irgendwie eine heilsame. Zumal sie zwei Leuten gegen\u00fcberstehen, mit denen sie ihre schlimmsten Stunden in dem kleinen R\u00e4umchen verbracht hatten. Das schwei\u00dft zusammen.<\/p>\n<p>Gemeinsam nehmen sie sp\u00e4ter die U-Bahn zum Konzert. Die Halle ist voll ausgebucht, \u201eeine unglaublich gute Stimmung\u201c, sagt Julia. Viele Fans haben irgendetwas mitgebracht, ein T-Shirt mit Aufschrift, Schals, Blumen, Plektren. Frenetisch feiert das Publikum den Moment, als die Musiker die B\u00fchne betreten. Frontmann Jesse Hughes, ein umstrittener Musiker, der mit seiner Vorliebe f\u00fcr Waffenbesitz gerade in diesen Tagen au\u00dferhalb der Halle abermals f\u00fcr Schlagzeilen sorgt, saugt die Sympathiewelle der Zuschauer sichtlich auf. Er nimmt die Schals und Blumen an, zeigt sie dem Publikum, l\u00e4sst betont Pausen und sogar eine halbe Schweigeminute zu, um dann mit Uptempo-Nummern den Saal zum Kochen zu bringen. It\u2019s only Rock\u2019n Roll. Und den lassen wir uns nicht verbieten. Das funktioniert.<\/p>\n<p><strong>Ein Konzert wie zehn Wochen Therapie<\/strong><\/p>\n<p>\u201eEin tolles Konzert\u201c, res\u00fcmiert Julia an diesem Abend. \u201eDie haben richtig Party gemacht, und das war total ansteckend.\u201c Sie ist gefasst, die emotionale Schwere des Nachmittags ist verflogen. Gemeinsam mit den anderen aus der Facebook-Gruppe ziehen sie nach dem Konzert weiter in die Pariser Kneipenwelt. \u201eIrgendwie war das wichtig\u201c, sagt Julia sp\u00e4tabends. \u201eAls Abschluss oder um dem Ganzen einen Deckel zu geben.\u201c Wenige Tage nach der Trag\u00f6die hatte sie noch im Fernsehen gesagt, dass sie \u201ejetzt erst recht\u201c ihr Leben leben und sich bestimmt nicht einsch\u00fcchtern lassen wolle.<\/p>\n<p>Aber das Leben ging nicht einfach so weiter: Thomas, der beruflich mit Gefahrg\u00fctern hantiert, war l\u00e4ngere Zeit krankgeschrieben. Julia ging bald wieder arbeiten, klagte aber \u00fcber Konzentrationsschwierigkeiten. Vor lauten Knall-Ger\u00e4uschen f\u00fcrchteten sich beide, die Vorfreude auf Silvester war dadurch getr\u00fcbt. Das \u201eJetzt erst recht\u201c der ersten Tage war nicht falsch, aber vielleicht auch nur die halbe Wahrheit. Deshalb ist das Konzert wichtig f\u00fcr die beiden: \u201eDer Abend heute hier bei dem Konzert ist f\u00fcr uns wie zehn Wochen Intensivtherapie\u201c, sagt Julia. Das Leben kann nun weitergehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen bei FAZ.NET am 17.02.2016\u00a0und in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG am 18.02.2016 Von Martin Benninghoff, Paris Ein Paar aus K\u00f6ln hat den Terrorangriff auf das Pariser Bataclan \u00fcberlebt. 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