{"id":1614,"date":"2016-03-09T13:13:53","date_gmt":"2016-03-09T11:13:53","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1614"},"modified":"2016-03-15T00:01:24","modified_gmt":"2016-03-14T22:01:24","slug":"schrecklich-faszinierend","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1614","title":{"rendered":"Schrecklich! Faszinierend!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/nordkorea-schrecklich-faszinierend-14114485.html\">Essay und Storytelling, erschienen bei FAZ.NET (09.03.2016) <\/a><\/p>\n<p><em>Von Martin Benninghoff, Pj\u00f6ngjang\/Chongjin<\/em><\/p>\n<p><strong>Nordkorea: K<\/strong><strong>im Jong-uns Diktatur wirkt noch bizarrer, wenn man im Land unterwegs ist. F\u00fcnf Motive der Faszination f\u00fcr Nordkorea \u2013 und ein Erkl\u00e4rungsversuch.<\/strong><\/p>\n<p>Darf eine schreckliche Diktatur faszinieren?<\/p>\n<p>Auch wenn die Antwort negativ ausf\u00e4llt: Nordkorea fasziniert viele in einer eigent\u00fcmlichen Mischung aus Abscheu und Interesse. Hier das totalit\u00e4re Regime, das zuletzt mit einem Langstreckenraketentest und der Hinrichtung eines hohen Milit\u00e4rs seine kriegsl\u00fcsterne und brutale Seite zeigte, dort ein Land, das sich einigelt, zugleich schrill propagandistisch inszeniert, und so nat\u00fcrlich erst recht die Blicke auf sich zieht.<\/p>\n<p>Zwei Mal habe ich das Land bereist. Ausl\u00e4nder werden kaum von der Kette der staatlichen Aufpasser gelassen, die einen rund um die Uhr bewachen. Nur in der Hauptstadt Pj\u00f6ngjang darf man sich etwas freier bewegen. Ansonsten ist ein organisiertes Besuchsprogramm zu absolvieren, wie fr\u00fcher in China oder der Sowjetunion.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Fl\u00fcchtiger Blick durchs Schl\u00fcsselloch<\/h2>\n<p>Mit Einheimischen ger\u00e4t man dabei fast nur in durchorganisierten Begegnungen in Kontakt (ich hatte allerdings etwas mehr Gl\u00fcck, dazu sp\u00e4ter mehr). Zugegeben, das gleicht eher einem fl\u00fcchtigen Blick durchs Schl\u00fcsselloch, aber immerhin: Es ist wenigstens ein Blick ins Innere, der einem von au\u00dfen verwehrt bleibt, da man sonst vollends auf die Darstellung der staatlichen nordkoreanischen Auslandspropaganda angewiesen ist.<\/p>\n<p>Es sind vor allem die Propagandabilder der Pj\u00f6ngjanger Nachrichtenagentur, die uns das Land als popkulturelles \u201eDisneyland des Totalitarismus\u201c (taz) pr\u00e4sentieren. \u00a0Ein Land in einer surrealen Dauerschleife, mit einem Mann an der Spitze, Kim Jong-un, der seiner eigenen Karikatur gleicht und laufend Grotesken produziert. So wie am 15. August 2015, als er die offizielle Uhrzeit eine halbe Stunde zur\u00fcckdrehen lie\u00df, um mit dem Erzfeind Japan zeitlich zu brechen. Eine Posse wie aus einem Don-Camillo-Film.<\/p>\n<p>Solche Kuriosit\u00e4ten, die uns die staatliche Propaganda regelm\u00e4\u00dfig bietet, in Verbindung mit den Schreckensmeldungen von Menschenrechtsorganisationen und den Vereinten Nationen \u00fcber Konzentrationslager und Hinrichtungen, schaffen in unseren K\u00f6pfen das Bild eines in jeder Beziehung extremen Landes. Extrem in seiner Inszenierung, in der Unterdr\u00fcckung der Bev\u00f6lkerung und der selbstgew\u00e4hlten Isolation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Den Rest erledigt unsere Fantasie<\/h2>\n<p>Was das Regime in Pj\u00f6ngjang nicht schon selbst tut, erledigt unsere Fantasie. Das Schrille wird in unserer Wahrnehmung noch schriller, das Extreme noch extremer. Wir Journalisten nehmen Nordkorea deshalb gerne auf: In vielen Medien reihen sich Extreme an Extreme, und eine Kuriosit\u00e4t jagt die andere; und mittendrin reitet der schrille Diktator Kim Jong-un die Atomrakete.<\/p>\n<p>In dieses \u201eFreakistan\u201c (Stern) zieht es jedes Jahr rund 4500 westliche Besucher (und weitaus mehr Chinesen), sch\u00e4tzt der Marktf\u00fchrer unter den Reiseanbietern, \u201eKoryo Tours\u201c in Peking. Die meisten sind abenteuerlustige M\u00e4nner zwischen 20 und 50, vor allem Amerikaner, Briten, Deutsche und Amerikaner. Sie eint die Faszination an einem Land, das schrecklich und faszinierend zugleich ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Motiv 1: Das Land ist so anders!<\/h2>\n<p>F\u00fcr Nordkoreaner ist der Tumen, der Fluss, der sich unter Sebastians und meinen F\u00fc\u00dfen schl\u00e4ngelte, ein Notausgang aus ihrer Heimat. Wenn er im Winter gefriert, r\u00fcckt das chinesische Ufer in erreichbare N\u00e4he, und wer es dorthin \u00fcbers Eis geschafft hat, hofft nur noch, den chinesischen H\u00e4schern zu entkommen.<\/p>\n<p>Wir gingen in die andere Richtung. Wir wollten in den kargen und besonders armen Nordosten des Landes, eingeklemmt zwischen China und Russland, um das l\u00e4ndliche Nordkorea besser kennenzulernen.<\/p>\n<p>Meinen Mitreisenden Sebastian, einen deutschen Touristen, hatte ich tags zuvor im Zug von Peking an die Grenze kennengelernt. Und nun marschierten wir \u00fcber eine lange steinerne Br\u00fccke in das kalte, als dunkel empfundene Land am anderen Ufer. Ein wenig plauderten wir, und zwischendurch schrieb ich eine letzte SMS an meine Frau, bevor wir vollends in die kommunikative Stille glitten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Sebastian (der in Wirklichkeit anders hei\u00dft, weil er weiterhin ein Visum bekommen m\u00f6chte) war es bereits die zehnte Reise: Seit er das Land 2007 zum ersten Mal betrat, l\u00e4sst es ihn nicht mehr los, obwohl seine Freunde und Familie mit Kopfsch\u00fctteln auf seine Leidenschaft reagieren.<\/p>\n<p>Sebastian ficht das nicht an, f\u00fcr ihn ist Nordkorea weiter voller wei\u00dfer Flecken auf der ansonsten gut erschlossenen touristischen Weltkarte, ein Land, das sich von fast allen anderen Zielen der Welt extrem unterscheidet. Es ist einfach: anders.<\/p>\n<p>Nordkorea ist so anders, weil es sich weitgehend der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung entzieht. Der Korea-Forscher R\u00fcdiger Frank, einer der kundigsten Kenner des Landes im deutschsprachigen Raum, erkennt darin ein wichtiges Motiv: \u201eVielleicht braucht der Mensch einfach das Andere, um sich selbst besser definieren zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Es stimmt, wo immer die Reise in der Welt hingeht, ob in den Busch Tansanias oder in den indischen Himalayastaat Sikkim, Coca-Cola ist an jeder Bretterbude zu kaufen. In Nordkorea ist das Symbol westlichen Lebensstils kaum zu bekommen. Garantiert findet man auch keinen Big <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/cms.faz.net\/polopoly\/CM#\" data-cke-saved-href=\"#\" data-rtr-id=\"12bf56f20541156711b7b567f67d44c201dd291e\">Mac<\/a> im Land (in Vietnam \u00f6ffnete 2014 der erste McDonald\u2019s), die Stra\u00dfen sind fast frei von kommerzieller Werbung, und die Siegesparade der Unterhaltungselektronik findet in S\u00fcdkorea statt, nicht im Norden. Internet ist f\u00fcr Einheimische unerreichbar, an den Universit\u00e4ten gibt es ausschlie\u00dflich Zug\u00e4nge zum landeseigenen Intranet.<\/p>\n<p>Wie also zuhause Bescheid geben, dass es einem gut geht? Als wir in Chongjin ankamen, der gro\u00dfen, v\u00f6llig maroden Industrie- und Stahlstadt im Nordosten, bat ich unseren Reisef\u00fchrer, mir eine Postkarte zu besorgen. Nach einigen Stunden brachte er mir eine Karte (mit Soldaten als Motiv), die ich sofort in seinem Beisein ausf\u00fcllte und mit der Heimatadresse in Deutschland versah.<\/p>\n<p>Dann wurde es kompliziert: Meinem Reisef\u00fchrer war es offenbar unangenehm, zuzugeben, dass Kartenschreiben in Nordkorea keine leichte Sache ist. Auch hatte ich etwas zu schnell geschrieben, so dass er meine Handschrift nicht gut lesen konnte. Also schrieb ich ihm die Adresse in sch\u00f6nster Handschrift auf einen Zettel, woraufhin er sie abschrieb: auf Deutsch, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, dass er alles richtig entziffert hat, und in koreanischen Lettern f\u00fcr die staatliche Post, die \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>Die Karte kam \u00fcbrigens nach rund zehn Tagen zuverl\u00e4ssig in Deutschland an. Sie steckte in einem Kuvert mit koreanischer und deutscher Adresse. Es ist wahrscheinlich, dass der Inhalt in Pj\u00f6ngjang gelesen wurde von den Deutsch-\u00dcbersetzern des Geheimdienstes. Sie werden ihre Freude gehabt haben: Ich lobte das Wetter und das gute Essen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist Kommunikation an jedem Ort zu jeder Zeit das augenf\u00e4lligste Charakteristikum unserer Moderne. Selbst in Nordkorea konnte die \u00e4gyptische Holding Orascom ein Handynetz aufbauen, aber die Menschen d\u00fcrfen nur innerhalb des Landes telefonieren. Einen Nordkoreaner aus Deutschland anzurufen, das ist noch immer so gut wie unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>So zynisch das sein mag (weil sich Nordkoreaner ihr Leben im Tal der Ahnungslosen nicht aussuchen k\u00f6nnen), f\u00fcr Touristen wie Sebastian ist die Abgeschiedenheit ein Reisemotiv, eine Art Entschleunigungstrip in den toten Winkel der Globalisierung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Motiv 2: \u201eHier kann man noch Kolumbus sein!\u201c<\/h2>\n<p>In Nordkorea kann man Pioniermomente erleben. Aber es muss einem klar sein, es sind fast nur Dinge zu sehen, die man staatlicherseits sehen soll. Dabei gibt es Spielr\u00e4ume: Sebastian lie\u00df sich einen exotischen Sonderwunsch erf\u00fcllen, den Besuch am Grab von Mao Anying, einem im Koreakrieg gefallenen Sohn Mao Tse-tungs. Ein Kriegsheld.<\/p>\n<p>Selbst im Vergleich zu den sonstigen l\u00e4ndlichen Buckelpisten sei diese Rumpeltour eine besondere Strapaze gewesen, so Sebastian. Der Friedhofsw\u00e4rter habe ihn angeschaut wie einen Marsmenschen, er hatte zuvor noch nie einen leibhaftigen Europ\u00e4er gesehen. Danach checkte Sebastian in einem Hotel ein, als einziger Gast. Umso aufgeregter seien die Concierges und die Rezeptionisten gewesen. Ein Gast. Und dann noch aus Europa. \u201eHier kann man noch Kolumbus sein\u201c, sagt Sebastian.<\/p>\n<p>Selbst im riesenhaften Hotelklotz \u201eYanggakdo\u201c in Pj\u00f6ngjang \u2013 wo die meisten Westler auf einer Insel im Fluss isoliert werden \u2013, herrscht eine gespenstische Atmosph\u00e4re der Leere, die Abenteuer-Fantasie anregt oder alte \u201eShining\u201c-\u00c4ngste reaktiviert. Im Aufzug fehlt der Knopf f\u00fcr den f\u00fcnften Stock, was im Netz seit Jahren hei\u00df diskutiert wird. Sitzen hier etwa die Geheimdienstler, die die Hotelg\u00e4ste abh\u00f6ren? Mittlerweile aufgetauchte Bilder im Netz zeigen leerstehende Technikr\u00e4ume in f\u00fcnften Stock. Das gibt wieder neue Fragen.<\/p>\n<p>Es sind solche Puzzlest\u00fccke, die zum Weiterforschen animieren, und doch wird das Bild nie fertig, weil entscheidende Teile fehlen oder sich gar das Gesamtmotiv wandelt. Seit vorvergangenem Jahr d\u00fcrfen Ausl\u00e4nder ihre Handys mit ins Land nehmen, zuvor wurden diese am Flughafen oder Bahnhof weggeschlossen. Pj\u00f6ngjangs Skyline pr\u00e4sentiert sich heute bunter. Neue Hochh\u00e4user mit klassisch-koreanischen D\u00e4chern setzen der Sch\u00e4bigkeit der heruntergekommenen Plattenbauten etwas entgegen. Die M\u00e4nner tragen bunte Hemden, und die Kinder laufen in pinken Trainingsanz\u00fcgen herum und d\u00fcsen auf chinesischen Rollschuhen \u00fcber den Asphalt.<\/p>\n<p>Leider gelingt es kaum, tiefere Einblicke in den Alltag der Menschen zu erhaschen. Zwar durfte ich eine Nacht bei einer angeblich authentischen nordkoreanischen Familie schlafen. Aber das war in einem Vorzeigedorf, das &#8211; weithin isoliert &#8211; offenbar nur dem Zweck diente, dem Ausl\u00e4nder Nordkoreas soziale Errungenschaften zu pr\u00e4sentieren. Das Haus im koreanischen Stil war ein Neubau, die Familie hatte einen Fernseher und Fahrr\u00e4der. Der Strom lief den ganzen Abend. Die \u201eechten\u201c D\u00f6rfer sah ich nur im Vorbeifahren, aber es war offensichtlich, dass die Menschen dort in bitterer Armut lebten in ihren maroden H\u00e4usern an den schlammigen Stra\u00dfen. Fotografieren der echten D\u00f6rfer war \u00fcbrigens streng verboten.<\/p>\n<p>Dennoch gelang es &#8211; ungeplant &#8211; Kontakt mit Einheimischen aufzunehmen: Es war Nationalfeiertag, und unser Bus hielt in dem St\u00e4dtchen Kyongsong im Nordosten, nicht weit von der K\u00fcste entfernt, wo es eine Therme gibt. Uns fiel schon bei der Anfahrt auf, dass sich viel mehr als sonst die Menschen auf den Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen aufhielten. Einige hatten einen Ghettoblaster aufgestellt und tanzten zu klassischen koreanischen Volksliedern. Auf der Stra\u00dfe sa\u00dfen, spielten und lachten Dutzende Anwohner, ihre Kinder kurvten auf Rollschuhen herum.<\/p>\n<p>Sie wichen zur\u00fcck, als wir aus dem Bus stiegen. Wir m\u00fcssen ihnen wie Marsmenschen vorgekommen sein, das zumindest lie\u00dfen ihre Gesichtsausdrucke vermuten. Aber wie so h\u00e4ufig siegte bei den Kindern zuerst die Neugier \u00fcber die Scheu. Sie pirschten sich langsam an uns heran, und ich schoss ein paar gemeinsame Selfies mit ihnen, die wir auf dem Monitor der Spiegelreflex betrachteten. Nach ein paar Minuten legten die Kinder ihre Arme auf meine Schultern, die anf\u00e4ngliche Distanz wich einer fr\u00f6hlicheren Atmosph\u00e4re, die auch die Erwachsenen zusehends ansteckte: Ein Mann holte Badmintonschl\u00e4ger aus dem Haus, ein anderer eine Frisbeescheibe. Also spielten wir Frisbee auf der Dorfstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Unseren staatlichen Aufpassern war das zun\u00e4chst gar nicht recht, ihnen stand sichtbar der Schwei\u00df auf der Stirn, weil solche spontanen Momente normalerweise vermieden werden. Nordkoreaner, die ungeplant und unausgew\u00e4hlt mit Ausl\u00e4ndern sprechen, k\u00f6nnen in Schwierigkeiten geraten &#8211; Entwicklungshelfer, die l\u00e4ngere Zeit im Land waren, berichteten von Leuten, die vom Geheimdienst offenbar zu Verh\u00f6ren abgeholt worden seien. Ein perfider Trick auch zur Disziplinierung von Ausl\u00e4ndern: Zwar f\u00fchlte ich mich pers\u00f6nlich nicht bedroht, aber der Stress, der den Nordkoreanern ins Gesicht geschrieben stand, sobald etwas nicht nach Plan lief, veranlasste mich dazu, ihnen m\u00f6glichst solchen Stress zu ersparen. Eine sehr effektive Strategie, um Ausl\u00e4nder an die Kette zu nehmen. Es sind solche Momente der Begegnung, die eine Nordkorea-Reise trotzdem lohnend machen.<\/p>\n<p>Aber es sind auch die Momente der Frustration, etwas nicht zu Gesicht zu bekommen, die einem immer wieder in das Land treiben. Sebastian erz\u00e4hlte, wie sehr ihn die an sich lapidare Frage besch\u00e4ftige, wie die M\u00fcllabfuhr im Land funktioniere. Mir war das gar nicht aufgefallen, aber es stimmte: Nie habe ich M\u00fcllm\u00e4nner gesehen oder einen M\u00fcllwagen &#8211; dennoch funktioniert das System. Nur wie? Sebastian, der sich derzeit auf seiner elften Reise im Land befindet, will dem nachgehen.<\/p>\n<p>Es geht l\u00e4ngst nicht nur um solche an sich belanglosen Fragen: Wir wissen ja nicht nur aus den Augenzeugenberichten entflohener B\u00fcrger, dass Nordkorea entgegen der eigenen Propaganda kein Staat der Gl\u00fcckseligkeit ist, im Gegenteil: Es ist ein Freiluftgef\u00e4ngnis mit Folterkellern. Die Vereinten Nationen werfen dem Regime Mord und Folter an der eigenen Bev\u00f6lkerung vor, einem Bericht von 2014 zufolge existieren mehr als ein Dutzend Straflager mit bis zu 200.000 Gefangenen. Pj\u00f6ngjang verneint zwar die Existenz solcher Lager, lie\u00df die Beobachter jedoch gar nicht erst ins Land. Die UN legte daraufhin zum Beweis Satellitenaufnahmen vor.<\/p>\n<p>Als Sebastian und ich von der Grenze am Tumen in Richtung Chongjin fuhren, passierten wir mutma\u00dflich zwei dieser Konzentrationslager. Recherchen vor Ort waren nicht m\u00f6glich. Wenigstens unsere beiden Aufpasser zu fragen, w\u00e4re \u00fcberall vern\u00fcnftig gewesen; in Nordkorea erf\u00e4hrt man auf diese Weise nichts, zumal die Reise dann wom\u00f6glich beendet gewesen w\u00e4re. Mehr als einmal lie\u00dfen sie uns wissen, dass sie nicht \u00fcber die \u201ePropagandal\u00fcgen\u201c der Amerikaner Auskunft geben w\u00fcrden, die beiden waren, wenig \u00fcberraschend, streng auf Staatslinie. Selbst eine an sich harmlose Debatte, welche Seite im Kalten Krieg eigentlich den Korea-Krieg begonnen hat, ger\u00e4t so zur aussichtslosen und ganz und gar unvers\u00f6hnlichen Angelegenheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Motiv 3: Das Land ist so extrem!<\/h2>\n<p>In Nordkorea ist sp\u00e4testens seit dem Amtsantritt Kim Jong-uns die Rakete mit Atomsprengkopf das propagandistische Highlight schlechthin. In den Schulen und Kinderg\u00e4rten malen die Kleinen Raketen, im Staatsfernsehen starten Raketen zu jedem Anlass, unterbrochen von pathetischen Ansagen und untermalt mit dr\u00f6hnender Marschmusik.<\/p>\n<p>Die Rakete steht f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke des Diktators, der die Erbmonarchie in dritter Generation f\u00fchrt und sich nach und nach zum Fixstern am Propagandahimmel aufschwingt. Immer unter der Sonne seines Gro\u00dfvaters, des Staatsgr\u00fcnders Kim Il-sung, dessen Geburtsjahr 1912 zum Startpunkt f\u00fcr die heute zumindest offiziell geltende Zeitrechnung erkl\u00e4rt wurde. In nahezu jeder Kleinstadt leuchtet ein gro\u00dfes Denkmal des verblichenen F\u00fchrers, selbst wenn ein Stromausfall s\u00e4mtliche Wohnh\u00e4user in Dunkelheit taucht.<\/p>\n<p>Extrem hei\u00dft: Das Regime in Pj\u00f6ngjang zieht den Personenkult bis \u00fcber die Schmerzgrenze hinaus durch. In nahezu jeder Kleinstadt dominieren gro\u00dfe Denkm\u00e4ler und mannshohe Portr\u00e4ts die \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze und Geb\u00e4ude. Im Kumsusan-Palast in der Hauptstadt liegen die beiden verblichenen Staatsf\u00fchrer aufgebahrt, neben Kim Il-sung noch dessen Sohn Kim Jong-il; eine Pilgerst\u00e4tte f\u00fcr Schulklassen und Betriebsgruppen.<\/p>\n<p>Als ich mir den kuriosen Riesenschrein anschaute, wurde ich auf langen Rolltreppen durch marmorne Flure und S\u00e4le transportiert, und zur Kr\u00f6nung dieser absurden Ressourcenverschwendung blies mir ein mannshoher F\u00f6n den letzten Staub vom Anzug, um ja keinen Stra\u00dfendreck in die Halle der Despotenverehrung zu tragen. Dann musste ich um den Sarkophag schreiten und drei Mal dem Leichnam ehrfurchtsvoll zunicken. Die Nordkoreaner um mich herum waren ergriffen, wenn man ihren Gesichtsz\u00fcgen trauen konnte. Nicht zu wissen, was Fassade und was ernste Trauer ist \u2013 das verunsicherte mich als Besucher.<\/p>\n<p>Als Kim Jong-il 2011 starb, wiederholten sich die Fernsehbilder hysterisch weinender Menschen auf den Stra\u00dfen Pj\u00f6ngjangs, die 17 Jahre zuvor beim Tod des Vaters um die Welt gingen. Selbst die Fernsehansagerin brach in Schluchzen aus, als sie die Todesnachricht mit Pathos und Vibrato in der Stimme \u00fcber die Lippen brachte. Wir Zuschauer wissen nicht, wir ahnen nur. Und darin steckt der Antrieb f\u00fcr die Faszination, aber noch mehr der Kern der Verunsicherung. Was k\u00f6nnen wir glauben, was ist nur vorget\u00e4uscht?<\/p>\n<p>Darauf habe ich nur einen Hinweis: Anders als in der DDR zu Zeiten des Mauerfalls hat in Nordkorea heute nur noch die alte Generation Erinnerungen an eine Zeit vor den Kims. Die Begeisterung f\u00fcr ihre F\u00fchrer mag unterschiedlich ausgepr\u00e4gt sein; Fakt ist aber, dass die vergleichsweise j\u00fcngeren Menschen, die seit den f\u00fcnfziger Jahren erzogen wurden, der Staatspropaganda permanent ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>In Chongjin konnte ich eine Schule besuchen, die eigens f\u00fcr \u201eStaatskunde\u201c, also Propagandaunterricht, einen eigenen Raum eingerichtet hatte, mit allerlei Plakaten und Postern \u00fcber die Gro\u00dfartigkeit ihrer F\u00fchrer. Auf einem Bild, das offenbar von einem Kind gemalt war, bohrte sich ein spitzer F\u00fcllfederhalter durch die K\u00f6rper dreier Soldaten &#8211; der erste ein Amerikaner, der zweite ein Japaner und der dritte ein S\u00fcdkoreaner.<\/p>\n<p>Eine f\u00fcr mich ersch\u00fctternde Erfahrung war, dass man bereits nach einigen Tagen propagandistischer Dauerberieselung durch Museumsf\u00fchrer, Reiseleiter und Fernsehprogramme beim Mittagessen langsam beginnt, die angebliche Sorge Kim Jong-uns um sein Volk tats\u00e4chlich f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen. Zwar nicht im rationalen Sinne, aber im emotionalen: Man bekommt ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, wie Gehirnw\u00e4sche funktioniert. Nicht auszudenken, wenn man nicht wieder abreisen kann nach einigen Tagen.<\/p>\n<p>Die Menschen, die dem tagt\u00e4glich ausgesetzt sind, verhalten sich freilich anders. Der extreme Pathos, mit dem Nordkoreaner \u00fcber ihre F\u00fchrer sprechen, ist uns &#8211; heutzutage zumindest &#8211; v\u00f6llig fremd. Ein wenig wirken die auswendig gelernten Propagandaspr\u00fcche roboterhaft, und es erscheint mir zwangsl\u00e4ufig, dass Nordkoreaner bei uns h\u00e4ufig als uniformiert und wenig individuell wahrgenommen werden. Aber auch vor allem deshalb, weil wir nicht hundertprozentig wissen, wie sie denken und f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Der Autor Christian Eisert, der f\u00fcr seinen Bestseller \u201eKim &amp; Struppi\u201c ins Land reiste, beschreibt dieses Bild, das auch ich gut kannte, so: \u201eZum ersten Mal in unserem Leben ber\u00fchrten wir Nordkoreaner. Sie f\u00fchlten sich warm an.\u201c So als ob er vorher dachte, die Menschen dort seien in Wahrheit Maschinen. F\u00fcr ihn dekonstruierte sich das Bild allm\u00e4hlich, und an seine Stelle r\u00fcckten: Menschen, f\u00fcr die, sollten sie einmal nass werden, \u201eauch mal das Wetter schuld\u201c ist und \u201enicht der b\u00f6se Amerikaner\u201c.<\/p>\n<p>Aber solche Normalit\u00e4t w\u00e4re nat\u00fcrlich langweiliger. Ist es nicht die Mischung der Bilder von Massenhysterien, von im Stechschritt marschierenden Soldaten, aufsteigenden Raketen und eines immer dicker werdenden Diktators im Land der schlechten Lebensmittelversorgung, die bei uns rei\u00dfenden Absatz findet? Verwackelte, aus der H\u00fcfte geschossene, angeblich geheim gedrehte Videos, die das \u201eechte\u201c Leben der Nordkoreaner zeigen sollen, generieren \u201ejenen Wiedererkennungseffekt, der ein Land zur Marke macht\u201c, schreibt R\u00fcdiger Frank in seinem Buch \u201eNordkorea \u2013 Innenansichten eines totalen Staates\u201c. Ausgerechnet das offiziell antikapitalistische Nordkorea wird somit zu einer Marke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Motiv 4: Blick in den R\u00fcckspiege<strong>l <\/strong><\/h2>\n<p>Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zieht man als deutscher Besucher Parallelen zur eigenen Geschichte: Denkm\u00e4ler heldenhafter Reiter, Aufmarschpl\u00e4tze und riesenhafte Monumente auf bewaldeten H\u00fcgeln sind der Stein und Asphalt gewordene Ausdruck einer politisch-repr\u00e4sentativen \u00dcbersichtlichkeit, die dem demokratischen Deutschland fremd geworden ist; aber noch Erinnerungen weckt. Erinnerungen an die gigantischen Albert-Speer-Pl\u00e4ne einer Reichshauptstadt namens Germania, an die Inszenierungen der NSDAP auf dem N\u00fcrnberger Reichsparteitagsgel\u00e4nde, an die einf\u00e4ltig-klaren Linien, die Symmetrien und Pomp und Pathos der sozialistischen Prachtstra\u00dfen-Architektur im Osten Berlins.<\/p>\n<p>Christian Eisert f\u00fchlte sich in Nordkorea an die eigene Kindheit in Ost-Berlins Plattenbauten erinnert. 1988 hatte er erste Erfahrungen mit dem Land gesammelt, als er an seiner Schule zu Ehren einer Pj\u00f6ngjanger G\u00e4stedelegation Arbeiterkampflieder singen musste. Der Leipziger R\u00fcdiger Frank kommt in seinen Schilderungen immer wieder auf seine eigene Geschichte in der DDR zur\u00fcck; f\u00fcr ihn ist Nordkorea offenbar auch eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit. Wer heute durch Nordkoreas St\u00e4dte f\u00e4hrt, f\u00fchlt sich unweigerlich an die DDR erinnert: an die fehlende Werbung, die grauen H\u00e4userfassaden, die tristen Betonkl\u00f6tze und die Denkm\u00e4ler der sozialistischen Heldenverehrung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>5. Motiv: Auszeit von der Komplexit\u00e4t<\/h2>\n<p>Europa 2015 ist da ein diametraler Gegenentwurf: Mit dem totalen Sieg \u00fcber Nazi-Deutschland trieben die Alliierten den Deutschen den Hang zum militaristischen Pomp mitsamt der pathetischen und stets nationalistisch aufgeladenen Symbolik aus. Zumindest im Westen konnte sich auf den Tr\u00fcmmern eine politische Kultur aufbauen, die das Regieren eben nicht mehr zum heroischen Akt verkl\u00e4rt, sondern als komplexes demokratisches Verfahren begreift.<\/p>\n<p>Politik in Nordkorea l\u00e4uft ganz anders, wie die Internetseite \u201eKim Jong-un is looking at things\u201c plastisch vorf\u00fchrt (es gibt mehrere Seiten dieser Art): Zu sehen ist Kim Jong-un, wie er bei seinen Vor-Ort-Anleitungen, flankiert durch eine stets mitschreibende und \u00fcber seine Witze lachende Entourage, Fabriken oder Schulen besucht, und wie er scheinbar interessiert auf getrockneten Fisch starrt oder Plastikb\u00e4lle inspiziert. Der Diktator gibt hier und da ein paar Anweisungen, wie die Qualit\u00e4t der Fischtrocknung verbessert werden k\u00f6nne. Die staatliche Nachrichtenagentur verkauft das als wegweisende politische Handlung und berichtet ausf\u00fchrlich.<\/p>\n<p>Politische Repr\u00e4sentation wird hier auf ein ikonografisches Vater-Sohn-Verh\u00e4ltnis reduziert: Hier der Patriarch, dort die unm\u00fcndigen Kinder, die Anweisungen empfangen. Ein Gespr\u00e4ch auf Augenh\u00f6he, gar eine Diskussion findet selbstredend nicht statt. F\u00fcr Europ\u00e4er ist diese Inszenierung kurios, weil sie diametral der fein ver\u00e4stelten Zivilgesellschaft mit ihrem diskursiven Charakter entgegensteht.<\/p>\n<p>Unser Patchworkleben und unsere Wahlm\u00f6glichkeiten bilden die Kontrastfolie zu Nordkoreas patriarchalischer Top-down-Politik. Selbst in einem Land wie Wei\u00dfrussland, das fast wie eine alte Sowjet-Republik regiert wird, ist der B\u00fcrger um ein Vielfaches freier. In Kuba existiert eine bunte Zivilgesellschaft, eine aktive Opposition, und derzeit \u00f6ffnet sich das Land ohnehin.<\/p>\n<p>Wenn bei uns die Familie die kleinste politische Gruppeneinheit ist, so steht in Nordkorea eine Familie ganz oben \u2013 die Familie des Diktators. In der Propaganda wei\u00df sie alles, sie kennt alles, und sie steht wie selbstverst\u00e4ndlich an der Spitze des Staates, selbst wenn die Macht von einer an die andere Generation weitergereicht wird.<\/p>\n<p>Nordkorea ist nicht nur eine Diktatur, es ist die bisher einzige sozialistische Erbmonarchie der Welt. Was f\u00fcr ein Widerspruch: Feudalismus meets Karl Marx. \u00a0Dieses Konzept baut auf Homogenit\u00e4t, selbst an der Staatsspitze. Ausl\u00e4ndische Minderheiten sind nicht vorgesehen, und mit Ausnahme einer kleinen chinesischen Minderheit ist Nordkorea ethnisch homogen. Integration von Ausl\u00e4ndern lehnt das Regime ab, im Gegenteil: W\u00e4hrend in Deutschland gro\u00dfe Anstrengungen unternommen werden, um Einwanderer zu Deutschen zu machen, setzt im Gegenzug Nordkorea alles daran, Ausl\u00e4nder permanent an ihren Duldungsstatus zu erinnern. Multikultureller Austausch bis hin zur binationalen Ehe gilt als Gef\u00e4hrdung der gesellschaftlichen Ordnung.<\/p>\n<p>Ein solcher Gegenentwurf zu allem, was wir kennen, l\u00e4sst einen das Eigene sch\u00e4tzen und das Andere interessant erscheinen. Nordkorea bietet uns ein Spiegelbild. Seitenverkehrt, wie Spiegelbilder nun mal sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essay und Storytelling, erschienen bei FAZ.NET (09.03.2016) Von Martin Benninghoff, Pj\u00f6ngjang\/Chongjin Nordkorea: Kim Jong-uns Diktatur wirkt noch bizarrer, wenn man im Land unterwegs ist. F\u00fcnf Motive der Faszination f\u00fcr Nordkorea \u2013 und ein Erkl\u00e4rungsversuch. Darf eine schreckliche Diktatur faszinieren? Auch&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1614\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Schrecklich! 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