{"id":1633,"date":"2016-04-09T16:00:34","date_gmt":"2016-04-09T14:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1633"},"modified":"2016-04-09T18:52:31","modified_gmt":"2016-04-09T16:52:31","slug":"daemonen-der-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1633","title":{"rendered":"D\u00e4monen der Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<div class=\"\">\n<p class=\"First PreviewPagemarker\"><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/pop\/guns-n-roses-comeback-daemonen-der-vergangenheit-14167622.html\">Erschienen bei FAZ.NET (09.04.2016)<\/a><\/p>\n<p class=\"First PreviewPagemarker\"><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p class=\"First PreviewPagemarker\"><strong>Guns N\u2019 Roses kehrt zur\u00fcck: Axl Rose, Slash und Duff McKagan stehen wieder gemeinsam auf der B\u00fchne und feiern alte Zeiten. Bleibt nur die Frage: Haben sie auch etwas f\u00fcr die Zukunft zu bieten?<\/strong><\/p>\n<p id=\"pageIndex_1\" class=\"First PreviewPagemarker\">Wer je ein Konzert der Gitarren-Ikone Slash besucht hat, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren: Die Fans goutierten zwar die neueren Songs seiner Bands wie \u201eSlash&#8217;s Snakepit\u201c, \u201eVelvet Revolver\u201c oder \u201eSlash ft. Myles Kennedy and the Conspirators\u201c und applaudierten freundlich. Feiern aber wollten sie ihren coolen Gitarristen von Guns N&#8216; Roses. Der mit seiner Tingeltangelbob-Frisur, dem Zylinder, der Sonnenbrille selbst bei Dunkelheit und der l\u00e4ssigen <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/technik-motor\/thema\/gibson-les-paul\" data-rtr-id=\"a21aa0638bc1c2d9d34dffccde3b6b70ca6be07d\">Gibson Les Paul<\/a> in der Hand bei jedem Solo-Konzert Band-Evergreens wie \u201eSweet child of mine\u201c zum Besten gab und \u2013 wie fr\u00fcher bei Guns N&#8216; Roses \u2013 als Zugabe nach \u201eParadise City\u201c lud. Inklusive Pyro-Kanonen nat\u00fcrlich und schnellem Solo.<\/p>\n<p>Guns N&#8216; Roses, deshalb waren die Fans gekommen! Um wenigstens ein St\u00fcck der Band zu erhaschen, die nach dem endg\u00fcltigen Split der Originalbesetzung Mitte der neunziger Jahre, dem Austausch unfreundlicher Botschaften \u00fcber die Medien, nach Skandalen und Eskapaden ihres exzentrischen und aggressiven Frontmannes Axl Rose zu einem Mythos im Popgesch\u00e4ft geworden war. Slash war das lebendige Maskottchen, das seit dem Bruch f\u00fcr einige Konstanz am Tourhimmel sorgte, flei\u00dfig Soloalben herausbrachte und als Pappaufsteller in jedem zweiten Gitarrenladen Gew\u00e4hr daf\u00fcr trug, dass Guns N&#8216; Roses nicht in Vergessenheit geriet. Rose war dazu kaum in der Lage, da er jahrelang abtauchte und wie ein Phantom nur ab und an von der Boulevardpresse gesichtet wurde. Auch eine M\u00f6glichkeit, am Mythos zu arbeiten.<\/p>\n<p><strong>Wer glaubte schon an ein Comeback?<\/strong><\/p>\n<p>An ein Comeback der Combo glaubte lange Zeit keiner mehr. \u201eNot in this lifetime\u201c (\u201cnicht in diesem Leben\u201c), hatte Axl Rose in einem Interview gesagt, und auch Slash winkte nur m\u00fcde ab, wenn er auf einen m\u00f6glichen gemeinsamen Auftritt mit der Band angesprochen wurde \u2013 Lieblingsfrage der Journalisten. F\u00fcr seine Verh\u00e4ltnisse geriet er regelrecht unwirsch, wenn er einmal mehr \u00fcber sein zerr\u00fcttetes Verh\u00e4ltnis zu Rose ausgefragt wurde und die verpassten Chancen und das viele Geld, das die Band sich hatte durch die Lappen gehen lassen, weil sie viel zu fr\u00fch und vor allem freiwillig abgetreten war. Obwohl Guns N&#8216; Roses in ver\u00e4nderter Besetzung und nur mit dem Originalmitglied Axl Rose nie aufgeh\u00f6rt hatte zu existieren, war die Band \u2013 oder das, was die Fans von ihr erwarteten \u2013 praktisch tot.<\/p>\n<p>Bis zum Freitag: Rose, Slash und Bassist Duff McKagan haben es trotzdem getan, das Comeback \u2013 23 Jahre nach dem letzten gemeinsamen Konzert, und das mit aller Ironie, die gealterten Superstars der MTV- und Stadionrock-\u00c4ra zur Verf\u00fcgung steht. \u201eNot in this lifetime\u201c hei\u00dft die Tour, die Guns N&#8216; Roses zumindest in anteiliger Originalbesetzung in Las Vegas startete und die die Band in Nordamerika fortf\u00fchren wird. \u201eNot in this lifetime\u201c: Da zitieren sich die Altmeister selbst, und auch wenn nicht wirklich neues Songmaterial zu erwarten war, so ist wenigstens die Ironie neu.<\/p>\n<p><strong>Rose auf dem Thron der Versehrten<\/strong><\/p>\n<p>Nicht die Tatsache, dass die Band wie \u00fcblich mehr als zwei Stunden auf sich warten lie\u00df, \u00fcberraschte die Fans: S\u00e4nger Axl Rose, der fr\u00fcher zumindest ein Dauerl\u00e4ufer auf der B\u00fchne war, thronte w\u00e4hrend des Konzerts auf einem Stuhl, weil er sich k\u00fcrzlich einen Fu\u00df gebrochen hatte (angeblich stammt der Thron von \u201eFoo Fighter\u201c Dave Grohl, der im vergangenen Jahr ebenfalls verletzt auftreten musste).<\/p>\n<p>Eine Woche zuvor hatten die drei Originalmitglieder zusammen mit Dizzy Reed, der schon zu Zeiten der \u201eUse your Illusion\u201c-Tour am Keyboard sa\u00df, Gitarrist Richard Fortus, Drummer Frank Ferrer und Neumitglied Melissa Reese am zweiten Keyboard einen ersten Testballon im \u201eTroubadour\u201c gestartet, jenem legend\u00e4ren Club in Los Angeles, wo die Karriere der Band in den Achtzigern Fahrt aufnahm.<\/p>\n<p>Dabei kam es zur Verletzung. Rose twitterte: \u201eDas hier kann passieren, wenn man etwas tut, was man fast 23 Jahre lang nicht gemacht hat.\u201c Seine Orthop\u00e4din k\u00fcndigte im Netz an, dass Rose den Fu\u00df weitere vier Wochen nicht belasten d\u00fcrfe \u2013 die n\u00e4chsten Konzerte finden also auch im Sitzen statt.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00df kaputt, Stimme umso besser<\/strong><\/p>\n<p>Der Fu\u00df kaputt, die Stimme daf\u00fcr umso besser und so gut wie lange nicht mehr. Das Programm selbst wartete nicht mit gro\u00dfen \u00dcberraschungen auf. Selbst das \u201eGodfather\u201c-Theme, das zu Beginn der neunziger Jahre zum Standardrepertoire geh\u00f6rte, durfte nicht fehlen, nat\u00fcrlich mit direkter \u00dcberleitung zu\u00a0\u201cSweet child of mine\u201c. Ansonsten eine wenig \u00fcberraschende Mischung aus Guns N&#8216; Roses-Klassikern wie \u201eWelcome to the jungle\u201c und \u201eNovember Rain\u201c, l\u00e4ngst eingeb\u00fcrgerten Coversongs wie \u201eKnockin&#8216; on heavens door\u201c und auch Material aus der Nach-Slash-\u00c4ra der Band, als die Stimme zwar die gleiche war, aber der Sound der Band insgesamt den Wiedererkennungswert eingeb\u00fc\u00dft hatte.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hgPddX5bgtE\">Hier geht&#8217;s zu einem Handymitschnitt (externe Seite)<\/a><\/em><\/p>\n<p>Es ist ja schwer zu begreifen, warum manche Bands einfach nicht in Vergessenheit geraten, obwohl sie schon Jahrzehnte weg von den B\u00fchnen sind. Abba zum Beispiel zehrt noch immer vom einzigartigen Sound und den f\u00fcr Popmusik besonders raffiniert-eing\u00e4ngigen Kompositionen in Verbindung mit einem Look und einer Bildsprache in den Musikvideos, die bis heute einen enormen Wiedererkennungseffekt hat.<\/p>\n<p>In dem riesigen Zirkus l\u00e4ngst untergegangener Rockgr\u00f6\u00dfen der achtziger und neunziger Jahre stachen die Jungs um Rose und Slash eben auch mit hohem Wiedererkennungswert heraus: Der erste Ton \u2013 war es ein Slash-typisches Pentatonik-Riff seiner singenden Gibson \u201ePaula\u201c oder die unvergleichliche Reibeisen-Stimme von Rose \u2013 geh\u00f6rte immer nur dieser Band und keiner anderen. Das schaffen nur wenige: Aerosmith, Radiohead, U2, Coldplay, System of a Down, Rammstein, Muse, um einige im Rockbereich zu nennen. Den erfolgreichen Bands gelingt das, andere sind noch auf der Suche nach ihrem Sound.<\/p>\n<p><strong>Meilensteine der MTV-\u00c4ra<\/strong><\/p>\n<p>Die Musikvideos von Guns N&#8216; Roses waren Meilensteine der MTV-\u00c4ra, trieften zwar oft vor Pathos und Schmalz, hatten aber in der Zeit einerseits zwischen den Hair-Metal-Bands wie Van Halen und etwas sp\u00e4ter M\u00f6tley Cr\u00fce und andererseits den Totalverweigerern der Grunge-\u00c4ra wie Nirvana das Potential zu Klassikern, weil sie Geschichten erz\u00e4hlten und nicht nur Frickel-Soli egozentrischer Gitarristen oder depressive Untergangsstimmungen propagierten. Das galt auch f\u00fcr die Musik: Der Sound von \u201eAppetite for destruction\u201c, dem Deb\u00fctalbum der Band, das sich weltweit rund 35 Millionen Mal verkaufte, ist auch zeitlos, derweil man anderen Produktionen der Achtziger kaum noch zuh\u00f6ren mag.<\/p>\n<p>Die Einzigartigkeit im Sound war ausprobiert, erspielt und eben kein Produkt der Marketing\u00fcberlegungen irgendwelcher Popakademie-Absolventen. Guns N&#8216; Roses war die Band von punkigen und angebluesten Hardrock-Dilettanten, die ihre Instrumente erst lernen mussten, als sie schon erste Konzerte gaben. Dass Slash auch heute noch gerne von manchen Medien als \u201eGitarrengott\u201c bezeichnet wird, ist nat\u00fcrlich einerseits v\u00f6llig \u00fcbertrieben, wenn man Fusionjazzwunder wie Al Di Meola oder Rocktausendsassas wie Steve Vai zum Ma\u00dfstab nimmt. Aber Slash hat daf\u00fcr die bekanntesten Rockriffs aus simplen Pentatonik-Skalen herausgesch\u00e4lt. Das muss man auch erst einmal schaffen.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re es freilich Unsinn, den Erfolg der Band einzig und alleine der Musik zuzuschreiben. Mit ihrem Deal bei der Plattenfirma Geffen Records, der Heavy-Rotation ihres Videos zu \u201eSweet child of mine\u201c bei MTV und den penetrant lancierten Schlagzeilen \u00fcber Sex- und Drogeneskapaden zog eine beispiellose Marketingmaschine los, die die Band in Privatjets brachte und auf die gr\u00f6\u00dften B\u00fchnen der damaligen Rockwelt. 1991 spielte Guns N&#8216; Roses bei \u201eRock in Rio\u201c vor 140.000 Menschen, die Tour zum Doppelalbum \u201eUse your illusion\u201c stellte Anfang der Neunziger alles Gewesene in den Schatten.<\/p>\n<p><strong>Von der Garagenband zum Major-Act<\/strong><\/p>\n<p>Aus der Garagenband wurde damit ein Major-Act, an dem die Musiker pers\u00f6nlich fast zugrunde gingen. Der Original-Drummer Steven Adler, der bei der Produktion des Doppel-Albums wegen seiner Drogen-Probleme geschasst wurde, \u00fcberlebte seine Eskapaden nur m\u00fchsam. Auch Slash w\u00e4re fast gestorben, wenn er Drogen, Alkohol und Zigaretten nicht losgeworden w\u00e4re. Seit er Mitte Drei\u00dfig ist, bringt ihn ein Herzschrittmacher wieder in den richtigen Rhythmus. Axl Roses kongenialer Songwriter Izzy Stradlin war zeitig ausgestiegen, weil er diesem Lebensstil nichts mehr abgewinnen konnte. K\u00fcnstlerisch war das wohl der Anfang vom Ende.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage, ob Guns N&#8216; Roses zu Neuem f\u00e4hig ist: Stradlin jedenfalls verweigert sich dem Comeback, und die Songwriter-F\u00e4higkeiten von Axl Rose und Slash alleine sind nicht belegt. Nach Stradlins Abgang als wichtigem Songwriter machte sich die Band nur noch an das Coveralbum \u201eThe Spaghetti Incident\u201c, ein Rolling-Stones-Cover sowie das Quasi-Axl-Rose-Solo-Album \u201eChinese Democracy\u201c, das zwar nicht so schlecht war, wie es die vornehmlich deutschen Rezensenten im Gegensatz zu den amerikanischen machten, aber eben auch kein Meisterwerk ist. Ger\u00e4t das Comeback nur zur Nostalgie-Schau, d\u00fcrfte das Interesse bald verblassen. Guns N&#8216; Roses w\u00e4re dann Geschichte \u2013 und das Thema Comeback beerdigt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erschienen bei FAZ.NET (09.04.2016) Von Martin Benninghoff Guns N\u2019 Roses kehrt zur\u00fcck: Axl Rose, Slash und Duff McKagan stehen wieder gemeinsam auf der B\u00fchne und feiern alte Zeiten. 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