{"id":1773,"date":"2016-09-18T13:36:08","date_gmt":"2016-09-18T11:36:08","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1773"},"modified":"2016-09-18T14:12:13","modified_gmt":"2016-09-18T12:12:13","slug":"fluechtlinge-und-was-sonst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1773","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlinge&#8230;und was sonst?"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Martin Benninghoff<\/em><\/p>\n<p><strong>Die AfD will den \u201eetablierten\u201c Parteien bei der heutigen Wahl zu Leibe r\u00fccken. Aber reicht es daf\u00fcr aus, auf Merkels Fl\u00fcchtlingspolitik zu schimpfen? Ein Besuch in zwei sehr unterschiedlichen Berliner Bezirken, in denen die AfD erfolgreich sein k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Berlin-Steglitz, Bezirk Steglitz-Zehlendorf, ein Tag vor der Wahl<\/strong><\/p>\n<div>\n<p>Die ersten zaghaften Sonnenstrahlen nach dem heftigen herbstlichen Regenguss l\u00e4sst Cerstin Richter-Kotowski nicht ungenutzt: Die 54 Jahre Bezirksstadtr\u00e4tin im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf blinzelt unter der Plastikplane des kleinen abgedeckten Wahlkampfstandes an der Steglitzer Schlo\u00dfstra\u00dfe gen Himmel, nimmt Blumen und Flyer in die Hand und eilt zur\u00fcck auf den B\u00fcrgersteig zwischen die Menschen, die mit ihren Einkaufstaschen vorbeihuschen. Schnell noch mit ein paar Leuten sprechen, bevor es zum n\u00e4chsten Stand nach Lichterfelde geht.<\/p>\n<p>Es ist Samstag, der letzte Tag vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl. Die meisten Passanten erledigen ihre Eink\u00e4ufe, Richter-Kotowski hat daf\u00fcr im Moment keine Zeit. Sie k\u00e4mpft um jede Stimme im Endspurt, will die <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/cdu\" data-rtr-id=\"30eb8234582224cf91e66839fb0c63a8cca9d541\">CDU<\/a> abermals zur st\u00e4rksten Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung machen und die Menschen auf der Stra\u00dfe \u00fcberzeugen, dass es der Regierende SPD-B\u00fcrgermeister Michael M\u00fcller nicht kann. \u201eWir geben alles\u201c, sagt sie, auch wenn sie wei\u00df, dass es auf Landesebene nach einem klaren Sieg der SPD aussieht. Auf Bezirksebene hier in Steglitz-Zehlendorf ist die CDU Platzhirsch. Aber in Stein gemei\u00dfelt ist selbst hier nichts mehr.<\/p>\n<p><strong>Von den Piraten spricht keiner mehr<\/strong><\/p>\n<p>Die Sozialdemokraten sind ohnehin nicht mehr der alleinige Gegner der CDU-Politikerin. Schon vor f\u00fcnf Jahren, bei der letzten Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus und zur Bezirksverordnetenversammlung, mischte eine damals noch frische politische Partei die Politik in Berlin und am westlichen Rand der Stadt kr\u00e4ftig auf: Die Piraten, Shootingstars der verkrusteten Hauptstadt-Politszene, konnten auf Anhieb Mandate erringen, auf Landesebene, aber auch drei in der Bezirksverordnetenversammlung. Doch von den Piraten spricht heute keiner mehr.<\/p>\n<p class=\"WeitereBeitraege\">An die Stelle der Piraten \u2013 wenn auch von anderer politischer Richtung \u2013 ist die <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/afd\" data-rtr-id=\"87b843b4a748f9fbc00b47fa4b20f8b6c9dfad29\">AfD<\/a> ger\u00fcckt, die nach allen Umfragen ziemlich sicher im n\u00e4chsten Bezirksparlament und im Abgeordnetenhaus sitzen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Steglitz-Zehlendorf ist ihre Hochburg im Westen Berlins, wie gemacht f\u00fcr das Profil der rechten Jungpartei: Die Einkommen sind zwar sehr unterschiedlich verteilt, unter dem Strich geh\u00f6ren die knapp 300.000 Einwohner aber zu den reichsten in Berlin. Sie haben etwas zu verlieren, sind ansprechbar f\u00fcr Themen wie Einbruchskriminalit\u00e4t und innere Sicherheit. Die Bewohner sind das, was man am ehesten als \u201egutb\u00fcrgerlich\u201c bezeichnen k\u00f6nnte, interessiert an Sicherheit, Wohlstand und Ordnung, mehr als die Jungen und Kreativen, die es eher in die mittleren Kieze in Kreuzberg, Neuk\u00f6lln, Friedrichshain oder, wenn sie gen\u00fcgend Geld haben, nach Prenzlauer Berg zieht, wo die Stadt kosmopolitischer und weniger arriviert ist. Nicht das schlechteste Terrain also f\u00fcr die AfD, die sich Hoffnung auf einen Stadtratsposten macht.<\/p>\n<p><strong>Berlin-Lichterfelde, Bezirk Steglitz-Zehlendorf<\/strong><\/p>\n<p>Am Kranoldplatz, nur wenige Fu\u00dfsekunden vom belebten S-Bahnhof Lichterfelde-Ost entfernt, schieben sich wie jeden Samstag die Bewohner \u00fcber den Wochenmarkt. Auf dem engen Fu\u00dfweg zwischen Stra\u00dfe und Gesch\u00e4ften reihen sich die Wahlkampfst\u00e4nde von CDU, <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/spd\" data-rtr-id=\"c2d4fa5cdfe3231ed958e72fcd36d6afd3774812\">SPD<\/a>, Gr\u00fcne aneinander, es werden Rosen verteilt und Aufkleber, Flyer und Infobrosch\u00fcren. Die AfD hingegen muss man suchen: Ihr Stand steht an der gegen\u00fcberliegenden Seite des Platzes, abseits und direkt an einer vielbefahrenen Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>\u201eDas ist genau der richtige Platz\u201c, sagt Hans-Joachim Berg.\u00a0 \u201eJeder Autofahrer sieht unsere Fahne.\u201c Der gro\u00dfgewachsene und braungebrannte Mann, Jahrgang 1948, ist AfD-Bezirksvorsitzender in Steglitz-Zehlendorf, Landeswahlkampfleiter und \u2013 hinter <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/beatrix-von-storch\" data-rtr-id=\"4e300738c53cbafef0f460ee63c9b14ebdd781e1\">Beatrix von Storch<\/a> und dem Spitzenkandidaten Georg Pazderski \u2013 stellvertretender AfD-Vorsitzender in Berlin. Der Platz am Rande f\u00fcr die AfD, Berg h\u00e4lt das f\u00fcr eine gezielte Benachteiligung seiner Partei durch die st\u00e4dtische Verwaltung. Nachpr\u00fcfen l\u00e4sst sich das am Wochenende nicht.<\/p>\n<p><strong>\u201eKiezthemen spielen bei uns nur selten eine Rolle\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Schon im M\u00e4rz hat er den Stra\u00dfenwahlkampf er\u00f6ffnet, noch vor den \u201eKartellparteien\u201c, wie er die Parteien im Abgeordnetenhaus ver\u00e4chtlich nennt. \u201eAm Anfang waren die Menschen auf der Stra\u00dfe zur\u00fcckhaltend skeptisch\u201c, sagt er, \u201eaber das ist anders geworden. Wir bekommen mittlerweile viel Zustimmung, aber auch intensivere Ablehnung zu sp\u00fcren.\u201c \u201eNazi\u201c, \u201eMenschenfeinde\u201c, \u201eHaut ab\u201c \u2013 solche T\u00f6ne bekommen Berg und seine Mitstreiter h\u00e4ufig auf der Stra\u00dfe zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Ton ist deshalb rauher und die Polarisierung st\u00e4rker geworden, weil die AfD gr\u00f6\u00dftenteils auf der Welle des Fl\u00fcchtlingsthemas schwimmt \u2013 das sieht Berg zumindest so. \u201eBei uns spielen nur ganz selten wirkliche Kiezthemen eine Rolle\u201c. Und wenn, so Berg, dann vor allem solche, die mit <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/fluechtlinge\" data-rtr-id=\"4dd49ae10f17468059dd276404b10b6085707732\">Fl\u00fcchtlingen<\/a> zu tun haben, etwa mit deren Unterbringung oder Integration. Berg spricht von \u201eUAs\u201c, von \u201eunerw\u00fcnschten Ausl\u00e4ndern\u201c, und es wird nicht ganz klar, nach welchen Kriterien er Ausl\u00e4nder in erw\u00fcnscht und unerw\u00fcnscht einteilt.<\/p>\n<p>Ein Mitstreiter am Wahlkampfstand, der seinen Namen nicht in der \u00d6ffentlichkeit lesen will, wird deutlicher: \u201eIch habe Angst vor der Islamisierung.\u201c Der Mann ist um die 60 Jahre alt und war nach eigener Aussage niemals Mitglied einer Partei. Ein Nichtw\u00e4hler. \u201eIch h\u00e4tte niemals gedacht, dass mich die Umst\u00e4nde nochmal in die Arme einer Partei dr\u00e4ngen w\u00fcrden\u201c, sagt er. Die Einwanderungspolitik von Bundeskanzlerin <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/angela-merkel\" data-rtr-id=\"075578cc1efb7cc55f229a886d99c0cfd4bb8f88\">Angela Merkel<\/a> sei eine Katastrophe. Er habe sich viel mit dem Islam besch\u00e4ftigt \u2013 eine Gefahr f\u00fcr Deutschland, sagt er.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt Merkel! Ein anderer Mann, im mittleren Alter, der seinen Namen ebenfalls nicht \u00f6ffentlich lesen m\u00f6chte, kommt hinzu. Er sei seit seinem 16. Lebensjahr CDU-Mitglied gewesen, aber vor vier, f\u00fcnf Jahren ausgetreten. \u201eAtom-Ausstieg, Abschaffung der Wehrpflicht, Einwanderungspolitik \u2013 das war nicht mehr meine CDU\u201c, sagt er. Er kenne keinen in der AfD, der was gegen Homosexuelle habe, aber ihm lege die Politik der Kanzlerin zu wenig Wert auf traditionelle Familienwerte.<\/p>\n<p><strong>\u201eSie waren auch in der CDU\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Der Bezirksvorsitzende sitzt schmunzelnd dabei, er bricht in Lachen aus: \u201eIch wusste gar nicht, dass Sie auch in der CDU waren.\u201c Berg hat einen \u00e4hnlichen Weg hinter sich: Er war nicht nur selbst Jahrzehnte CDU-Parteimitglied, er arbeitete knapp 40 Jahre in Bonn und sp\u00e4ter in Berlin f\u00fcr die Bundestagsverwaltung, ein paar Jahre davon nach seiner Aussage auch als pers\u00f6nlicher Referent des langj\u00e4hrigen Vorsitzenden der CDU-\/CSU-Bundestagsfraktion, Alfred Dregger. Dregger ist bis heute \u2013 ohne dass sich der 2002 Verstorbene dagegen wehren k\u00f6nnte \u2013 f\u00fcr die Nationalkonservativen in der AfD so etwas wie Franz-Josef Strau\u00df f\u00fcr die CSU: Vorbild und Nationalheiliger.<\/p>\n<p>F\u00fcr die CDU-Bastion Steglitz-Zehlendorf also wie bestellt: Berg m\u00f6chte der CDU gerne weitere W\u00e4hler abspenstig machen und nicht nur bei den bisherigen Nichtw\u00e4hlern punkten: \u201eDie AfD muss aufpassen, dass wir nicht nur Protestw\u00e4hlern ein Angebot machen.\u201c Ob das gelingt? Er ist skeptisch: \u201eEs ist nicht so, dass hier permanent Unionsleute am Stand stehen. Die Parteibindung hier im Westen Berlins ist nach wie vor hoch.\u201c<\/p>\n<p><strong>Berlin-Steglitz, Bezirk Steglitz-Zehlendorf<\/strong><\/p>\n<p>Cerstin Richter-Kotowski wei\u00df das und gibt sich zumindest \u00e4u\u00dferlich und im Gespr\u00e4ch gelassen. Wir schaffen das, der Spruch gilt auch hier. Doch die erfahrene Kommunalpolitikerin, die 1979 in die CDU eingetreten und schon mit 23 Jahren Bezirksverordnete geworden war, gibt zu: \u201eSo viel Bundespolitik war noch nie im Wahlkampf.\u201c Sie wird von manchen als Vertreterin der \u201eMerkel-Partei\u201c wahrgenommen, muss ihren Kopf hinhalten f\u00fcr eine in den Augen einiger v\u00f6llig verfehlten Fl\u00fcchtlingspolitik. Beschimpfungen am Wahlstand, das komme durchaus vor.<\/p>\n<p><strong>\u201eIn f\u00fcnf Jahren hat sich die AfD entzaubert\u201c<\/strong><\/p>\n<p>\u201eAber insgesamt ist die Stimmung im Wahlkampf gut\u201c, sagt sie. Bezahlbarer Wohnraum, sanierungsbed\u00fcrftige Schulen, kaputtreparierte Stra\u00dfen \u2013 Berlin habe gen\u00fcgend Probleme, \u00fcber die die Menschen mit ihr sprechen wollten, die Fl\u00fcchtlings- und Integrationspolitik sei da nur ein Thema unter vielen. Au\u00dferdem habe sie die Erfahrung gemacht, dass die Menschen h\u00e4ufig verst\u00e4ndnisvoller reagierten, wenn man ihnen Politik konkret erkl\u00e4re.<\/p>\n<p>Dann legt sie los: Wenn beispielsweise wieder jemand komme und sich \u00fcber die langen Wartezeiten bei den B\u00fcrger\u00e4mtern beschwere \u2013 ein gro\u00dfes Aufregerthema im Berliner <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/wahlkampf\" data-rtr-id=\"36ed16a708d1528c89168d4776b288ecc6476a1b\">Wahlkampf<\/a>-, dann \u201eerkl\u00e4re ich, dass wir acht befristete zus\u00e4tzliche Stelle vom Senat bekommen haben, die wir entfristet haben, und zudem haben wir noch vier weitere Stellen eingerichtet\u201c. Die m\u00fcssten eingearbeitet werden, klar, zudem habe die langw\u00e4hrende \u00dcberlastung des Personals einen hohen Krankenstand verursacht. Die Botschaft ist klar: Wir k\u00fcmmern uns, wir tun was.<\/p>\n<p>Mit dem Klein-Klein der konkreten Kommunalpolitik will Richter-Kotowski der Oppositionspartei AfD mit ihrem Bundesgro\u00dfthema Fl\u00fcchtlinge etwas Wirksames entgegensetzen. Und sie glaubt fest an den Erfolg dieser Taktik: \u201eDas dauert f\u00fcnf Jahre\u201c, sagt sie, \u201edann hat sich die AfD entzaubert. So wie die Republikaner, die auch mal in der Bezirksverordnetenversammlung sa\u00dfen.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_1776\" aria-describedby=\"caption-attachment-1776\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/WahlkampfabschlussLinkeMarzahnHellersdorf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1776\" src=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/WahlkampfabschlussLinkeMarzahnHellersdorf-300x199.jpg\" alt=\"Wahlkampfabschluss in Marzahn-Hellersdorf\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/WahlkampfabschlussLinkeMarzahnHellersdorf-300x199.jpg 300w, http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/WahlkampfabschlussLinkeMarzahnHellersdorf-768x509.jpg 768w, http:\/\/martin-benninghoff.de\/WP\/index\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/WahlkampfabschlussLinkeMarzahnHellersdorf-1024x678.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1776\" class=\"wp-caption-text\">Wahlkampfabschluss in Marzahn-Hellersdorf<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p><strong>Berlin-Marzahn, Bezirk Marzahn-Hellersdorf<\/strong><\/p>\n<p>Ans andere Ende der Stadt, zu Berlins \u00f6stlichem Rand, ein andere Welt als Steglitz-Zehlendorf: Hier im Bezirk Marzahn-Hellersdorf leben knapp 260.000 Menschen, es gibt Eigenheimsiedlungen, aber auch viele Gro\u00dfsiedlungen im DDR-Plattenbau-Stil. Der Wohnraum ist vergleichsweise g\u00fcnstig, die sozialen Probleme in einigen Kiezen gro\u00df, auch wenn es andernorts besser geworden ist. Was in Steglitz-Zehlendorf die CDU, ist hier die Linke: Volkspartei. Sie stellt die gr\u00f6\u00dfte Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung, die Bundestagsvizepr\u00e4sidentin <a class=\"rtr-entity\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/petra-pau\" data-rtr-id=\"3014c998863704fcacd80ef4122566ad493a2f64\">Petra Pau<\/a> hat hier ihren Wahlkreis, und sie gewinnt ihn seit Jahren direkt.<\/p>\n<p>Die Linke-Bezirksstadtr\u00e4tin Dagmar Pohle steht am Helene-Weigel-Platz, einem wenig schmucken Platz inmitten der monstr\u00f6sen Wohnquartiere in Marzahn. Es ist der Wahlkampfabschluss der Linkspartei in Marzahn-Hellersdorf, die Band hat gerade aufgeh\u00f6rt zu spielen, und Petra Pau setzt zu ihrer kurzen Rede auf der kleinen B\u00fchne an. Der Platz ist m\u00e4\u00dfig gef\u00fcllt. \u201eGehen wir da vorne hin, wo es ruhiger ist\u201c, sagt Pohle lachen. \u201eIch wei\u00df ja schon ungef\u00e4hr, was sie erz\u00e4hlt\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u00a0\u201eFl\u00fcchtlingsthema ist Merkel-Thema\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Pohle, 63, zu DDR-Zeiten SED-Mitglied, war nach der Wende einige Jahre im Abgeordnetenhaus, und fungiert nun als Linke-Bezirksstadtr\u00e4tin und stellvertretende Bezirksb\u00fcrgermeisterin. \u201eDie Bundespolitik ist hier im Wahlkampf immer pr\u00e4sent\u201c, sagt sie. \u201eVor allem das Fl\u00fcchtlingsthema als Merkel-Thema. Leider. Als k\u00f6nne man das nur auf die Kanzlerin als Person beziehen.\u201c Sie findet, das Thema werde medial zu sehr auf Merkel hingeschrieben, und sie findet es kritisch, dass ihre Bundestagsfraktionschefin Sahra Wagenknecht gerne gegen Merkel schie\u00dfe, aber zu wenig \u00fcber die kommunale Dimension des Themas spreche.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig gibt es acht Unterk\u00fcnfte, davon zwei Gemeinschafts- und sechs Notunterk\u00fcnfte in Marzahn-Hellersdorf. Wohncontainer sollen hinzukommen. Das Thema sorgt f\u00fcr Aufregung in Teilen der Bev\u00f6lkerung, \u00dcberfremdungs\u00e4ngste sind hier keine Seltenheit, obwohl der Ausl\u00e4nderanteil im Bezirk im Vergleich zu anderen Bezirken eher gering ist. Oder entsteht die Angst hier aus Unwissenheit und mangelnder Erfahrung mit Ausl\u00e4ndern?<\/p>\n<p>Im Bezirk leben viele Russlanddeutsche, die die AfD als potentielle W\u00e4hlergruppe erkannt hat: Ihr Wahlprogramm ist hier auf Russisch erh\u00e4ltlich. Aber nicht nur deshalb k\u00f6nnte die Partei hier mit der Linkspartei um den Wahlsieg konkurrieren. Wenn es ihr gelingt, die Unzufriedenen einzusammeln, w\u00e4re ein Stadtratsposten drin. Die Sorgen vor Konkurrenz auf dem Wohn- oder Arbeitsmarkt durch Fl\u00fcchtlinge k\u00f6nnten ehemalige Linke-W\u00e4hler oder Nichtw\u00e4hler in die Arme der AfD treiben. Dann geht es erstmals ums Mitregieren.<\/p>\n<p>Dagmar Pohle rechnet damit: \u201eIch glaube, dass die Taktik der AfD hier im Bezirk durchaus verf\u00e4ngt.\u201c \u00c4hnlich wie Richter-Kotowski am anderen Ende der Stadt versucht sie, der AfD durch Erkl\u00e4ren und Argumente das Wasser abzugraben. Sie erkl\u00e4rt B\u00fcrgern, dass die Fl\u00fcchtlinge zumindest derzeit noch keine Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt sein k\u00f6nnen, weil die Asyl-Verfahren noch laufen. Sie l\u00e4dt zu Informationsveranstaltungen ein, erkl\u00e4rt an diesem Wahlkampfabschlusstag B\u00fcrgern, was der Bezirk mit den Fl\u00fcchtlingen vor hat. \u201eDas Problem ist dieses Angstsch\u00fcren\u201c, sagt sie, und \u201edass sich alles auf Merkel fokussiert, dabei ist die Fl\u00fcchtlingspolitik eben auch eine ganz konkrete vor-Ort-Politik.\u201c<\/p>\n<p><strong>Berlin-Lichterfelde, Bezirk Steglitz-Zehlendorf<\/strong><\/p>\n<p>Bleibt die Frage, ob sich die starken \u201eetablierten\u201c Parteien \u2013 im Westen die CDU und SPD, im Osten die Linke und die SPD \u2013 auf diese Art erfolgreich gegen die Oppositionspartei AfD behaupten k\u00f6nnen am heutigen Wahlsonntag. Die Gr\u00fcnen mit ihrer Bastion in der hippen jungen und internationalen Mitte Berlins d\u00fcrften vergleichsweise unbehelligt davonkommen.<\/p>\n<p>Ob es ausreicht, den B\u00fcrgern Politik zu erkl\u00e4ren, um sie f\u00fcr die eigene Partei zu gewinnen? Kann die Taktik der etablierten und erfahrenen Kommunalpolitiker im Kampf gegen die erstarkende AfD funktionieren? Oder ist das vergebene Liebesm\u00fche, weil eine Protest- und Oppositionspartei wie die AfD davon lebt, die eher diffusen Gef\u00fchle von W\u00e4hlern einzusammeln und ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen? Ist nicht etwas dran an dem Spruch, den der ehemalige bayerische Ministerpr\u00e4sident Edmund Stoiber gesagt haben soll \u2013 in der Politik seien Gef\u00fchle Fakten? Dann d\u00fcrfte es schwer werden, die AfD einzuhegen.<\/p>\n<p>Hans-Joachim Berg, AfD-Politiker aus Steglitz-Zehlendorf, macht keinen Hehl daraus, dass ihm vor allem die gro\u00dfen Bundesthemen Fl\u00fcchtlinge und Islam die W\u00e4hler verschaffen k\u00f6nnten. Und eine diffuse Ver\u00e4nderung der Gesellschaft, hervorgerufen durch einen wie immer gearteten rot-gr\u00fcn gepr\u00e4gten liberalen Mainstream in Politik und Medien. Warum man nicht mehr \u201eNeger\u201c sagen d\u00fcrfe, beschwert er sich zum Beispiel, er habe das doch immer gesagt. Da sei die Folge einer Sprachdiktatur, auch wenn er bei diesem Thema mit seinen beiden Kindern, die internationalistischer aufgewachsen seien, in Streit gerate, wie er sagt. Sie s\u00e4hen solche Themen manchmal nicht.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage, ob solche diffusen Gef\u00fchle der Marginalisierung ein dr\u00e4ngendes politisches Thema f\u00fcr potentielle AfD-W\u00e4hler am heutigen Tage sind. Am Sonntagabend werden wir es wissen. Berg jedenfalls hat sich vorgenommen, sich das Wahlergebnis am Abend nicht schlechtreden zu reden: Alles \u00fcber zehn Prozent aus dem Stand sei doch \u201ehistorisch\u201c.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Martin Benninghoff Die AfD will den \u201eetablierten\u201c Parteien bei der heutigen Wahl zu Leibe r\u00fccken. Aber reicht es daf\u00fcr aus, auf Merkels Fl\u00fcchtlingspolitik zu schimpfen? Ein Besuch in zwei sehr unterschiedlichen Berliner Bezirken, in denen die AfD erfolgreich sein&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/martin-benninghoff.de\/?p=1773\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Fl\u00fcchtlinge&#8230;und was sonst?<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,156,11,1],"tags":[424,149,249,60,423],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1773"}],"collection":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1773"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1773\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1781,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1773\/revisions\/1781"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1773"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1773"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/martin-benninghoff.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1773"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}